22. Mai 2017
Handel & Dienstleistung

„Die Region ist baumstark“

Julius von Ingelheim war sieben Jahre lang Vorstandssprecher der Wolfsburg AG. Anfang April ist der Jurist zur Volkswagen AG zurückgekehrt.

Julius von Ingelheim. Foto: Holger Isermann

Julius von Ingelheim war sieben Jahre lang Vorstandssprecher der Wolfsburg AG. Anfang April ist der Jurist zur Volkswagen AG zurückgekehrt, wo er seither die Regionalstrategie und Standortentwicklung verantwortet. Wir unterhielten uns mit dem Geschäftsführer der Allianz für die Region über Engagement, Chancen und Risiken für die Region und Kunst als Nahrung für die Seele…
 


Herr von Ingelheim, lassen Sie uns zunächst zurückblicken: Wenn ein Unternehmen wie Volkswagen in die Standortentwicklung investiert, gab es sicherlich viele noch nicht ausgeschöpfte Potenziale, oder?

Der Ursprung des Engagements geht auf die Mitte der 1990er Jahre zurück. Die Initiative ging damals eher von den Gewerkschaften und einigen Unternehmern aus. Der durch die Wiedervereinigung ausgelöste Boom hatte zunächst Strukturprobleme in der Region verdeckt, die kurze Zeit später offensichtlich wurden. Eine Folge war zum Beispiel die hohe Arbeitslosigkeit – besonders in Wolfsburg, die trotz 4-Tage-Woche bei Volkswagen auf über 17 Prozent angewachsen war.


Ausgangspunkt waren also die Inhalte und nicht das Image?

Ja. Damals ging es nur um Inhalte und Strukturentwicklung. Es ging um die Zukunft der Region.


Hatte man Detroit vor Augen?

Man hatte einen ähnlich harten Strukturwandel insbesondere für Wolfsburg vorausgesehen. Um die Wirtschaftsstruktur und Beschäftigungsentwicklung in der ganzen Region zu fördern, wurde Mitte der 90er Jahre zunächst der Verein reson, die regionale Entwicklungsagentur SüdOstNiedersachsen, gegründet. In der Folge entstanden zwei Public-private-Partnership-Initiativen: Mit der Gründung der Wolfsburg AG verfolgten Volkswagen und die Stadt Wolfsburg das Ziel, die Arbeitslosigkeit zu halbieren und eine dauerhafte soziale und wirtschaftliche Entwicklungsperspektive für Wolfsburg zu schaffen. 2005 entstand die Projekt Region Braunschweig GmbH, zu deren Gesellschaftern Unternehmen, Kommunen und Verbände zählten. Sie firmierte 2013 zur Allianz für die Region GmbH um, als auch die Wolfsburg AG einer der Gesellschafter wurde.


Wie sehr fehlt Ihrer Organisation die politische Legitimation?

Ich empfinde das nicht als Manko. Wir sind eben gerade keine Behörde, sondern ein freiwilliger Zusammenschluss von unterschiedlichsten Institutionen und müssen als gemeinsames Unternehmen überzeugen und zur Kooperation anregen. Diese ganz besondere Plattform macht den eigentlichen Wert der Allianz für die Region aus. Wir bringen alle Akteure an einen Tisch und finden im Konsens gemeinsam Lösungen für Probleme in verschiedenen Bereichen unserer Gesellschaft.


Das Engagement löst sich damit vom Mandat …

Abgesehen davon, dass alle Oberbürgermeister und Landräte der Region und der Regionalverband Großraum Braunschweig dem Aufsichtsrat angehören, finde ich es sehr wichtig, dass gesellschaftliches Engagement nicht nur an ein politisches Mandat gekoppelt ist. Vor zwei, drei Jahren war die regionale Diskussion extrem politisch geprägt und geriet in eine Sackgasse. So etwas führt beim Bürger zu Verdruss. Die Bevölkerung lebt die Region schon längst und will sehen, dass deren Entwicklung engagiert vorangetrieben wird, vielleicht auch mal unkonventionell. Denken Sie an die Wolfsburger TaskForce Verkehr, deren einzige Aufgabe es war und ist, den Verkehrsinfarkt in und um die Pendlerstadt zu verhindern.


Sind Sie der moderne und effiziente Gegenentwurf zur deutschen Bürokratie?

Das würde ich so nicht sagen. Wir kümmern uns vorrangig um Themen, die vor allem durch unsere Gesellschafter und Partner an uns herangetragen werden. Durch die Projektorganisation und unsere Mannschaft sind wir in der Lage, schnell zu agieren.

Wie setzt sich Ihr Etat zusammen? Wir finanzieren uns über Gesellschafterbeiträge und -sponsorings. Dazu kommen immer mehr eingeworbene Fördermittel.


Wie viel Volkswagen steckt in der Allianz für die Region?

Die Region steht und fällt mit Volkswagen. Mindestens jeder vierte Arbeitsplatz steht in direkter oder indirekter Beziehung zu Volkswagen. Allerdings ist die Region heute sehr viel breiter in Wissenschaft und Wirtschaft aufgestellt. Trotzdem engagiert sich Volkswagen weiterhin in Stadt- und Regionalentwicklung, weil sich der Wettbewerb der Regionen und Cluster fortsetzt. Wir sitzen in einem Boot und der globale Seegang wird stärker. Dass sich dabei ein Akteur seit über 20 Jahren engagiert, ist ein Prädikat für diese Region und absolut außergewöhnlich.


Ist es so, dass sich die große Dominanz von Volkswagen auch im Regionalmarketing fortschreibt?

Im Gegenteil: Es ist beeindruckend, dass ein Unternehmen mit so starken eigenen Marken auch ein solches Vorhaben positiv begleitet.


Hat die Region heute eher ein strukturelles oder ein Image-Problem?

Die Region ist baumstark und bietet hohe Lebensqualität. Nur das weiß außerhalb der Region kaum jemand und deshalb brauchen wir gerade jetzt ein regionales Marketing…


…um im Ringen der Regionen Menschen von außen anzuziehen?

Genau. Lange Zeit war es populär, in die großen Metropolen zu gehen. Ich kann das an meinen Kindern sehen, die in München, Berlin und Zürich leben und arbeiten. Da die Metropolen immer teurer werden, kommen viele wieder zurück. Sie suchen ein Zuhause für die Familie, das vor allem bezahlbar ist. Die Region bietet das passende Umfeld dafür. Wir wollen gemeinsam für unsere Region Investoren, Arbeitskräfte und Touristen gewinnen. Und für die Menschen, die hier leben, einen attraktiven Lebensraum gestalten und regionale Identität stiften.


Wie sehr schaden die Querelen bei Volkswagen dem regionalen Image? Wir sind eine Forschungs- und Wissenschaftsregion und ein dynamischer Wirtschaftsstandort, in dem ein Autobauer einer der großen Player ist. Die Diesel-Problematik wird aus meiner Sicht weniger das Image der Region in Mitleidenschaft ziehen, sondern andere Auswirkungen haben wie beispielsweise sinkende Gewerbesteuereinnahmen oder Arbeitsplatzsorgen.


Wann hat man in der Region die Bedeutung der weichen Standortfaktoren erkannt?

Als ich 2010 zurück in die Region kam, sagte ich in einer der ersten größeren Sitzungen: „Wenn man hier herkommt, merkt man schnell, dass die Region sehr schön ist. Um mehr Leute für uns zu begeistern, brauchen wir dringend eine regionale Vermarktung.“ Damals wurde noch abgewunken, mittlerweile ist das anders.


Immer wieder hören wir von Unternehmern, dass potenzielle Führungskräfte zwar den angebotenen Job attraktiv finden, aber aufgrund des Standortes absagen …

Das schmerzt, gerade weil die Region über eine hohe Lebensqualität verfügt. Es blieben in der Vergangenheit viele Chancen ungenutzt. Man hat beispielsweise in Helmstedt sehr stark auf den Tagebergbau und in Wolfsburg auf Volkswagen gesetzt. Dass eine Konzentration auf nur wenige Wirtschaftszweige zum Problem werden kann, ist mittlerweile allen Verantwortlichen klarer, als vor einigen Jahren …


Welche Vision hätten Sie für Helmstedt?

Man hat dort gerade Fördermittel in Höhe von einer Million Euro für das Regionalmanagement im ehemaligen Helmstedter Braunkohlerevier erhalten. Neben der Ansiedlung neuer Wirtschaftszweige und dem Ausbau des Tourismus wäre es mein Traum, das Juleum wiederzubeleben. Das Gebäude ist wunderschön, wie eine alte englische Hochschule. Im nahen Umfeld von Hochschulen gibt es automatisch studentisches Leben und ein Reservoir an qualifizierten Arbeitskräften mit Startups und Jungunternehmertum.

 

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