Herausforderungen und Chancen - Standort38
und
16. Mai 2017
Handel & Dienstleistung

Herausforderungen und Chancen

Helmstedt eine Region im strukturellen Wandel

Helmstedt von oben. Foto: Times/Wikimedia

Helmstedt – eine Region im strukturellen Wandel. Der Status als Zonenrandgebiet ist Geschichte. Braunkohle ist kein wirtschaftlicher Faktor mehr. Der demografische Wandel setzt dem Landkreis zu. Doch es gibt auch zahlreiche Lichtblicke. Das Ende der Braunkohle stelle für die Helmstedter Wirtschaft wohl die größte Herausforderung dar, findet Lorenz Flatt. Der Helmstedter Unternehmer ist Präsidiumsmitglied in der Vollversammlung der Industrie- und Handelskammer (IHK) Braunschweig.

„In der Helmstedter Wirtschaft herrscht derzeit weder Resignation noch Euphorie“, betont der Inhaber des Obi-Marktes in der Werner-von-Siemens-Straße im Gespräch mit Standort38. Einige Themen seien derzeit stark im Fokus. „Die Nachfolge der Braunkohlenutzung wird uns jetzt beschäftigen“, sagt Flatt. Mit dem Ende der Förderung und Nutzung im Revier Buschhaus gibt es in Helmstedt ein großes Flächenangebot. „Das ist auch ein Pfund, mit dem wir wuchern können.“ Es gehe jetzt darum, eine sinnvolle Nachnutzung zu finden. Wandel und Veränderungen – ein Leitbild für Helmstedt und seine Wirtschaft.

Landrat Gerhard Radeck bestätigt das: „Dass der Landkreis Helmstedt nicht zu den stärksten in Niedersachsen zählt, ist allgemein bekannt. Neben dem demografischen Wandel ist es vor allem der Strukturwandel, etwa durch das Ende der Ära Kohleverstromung, der für einen Mangel an qualifizierten Arbeitsplätzen sorgt, der wiederum zu einem Schrumpfen der Bevölkerung beiträgt, gerade im Südkreis.“

Der Landkreis hat aber auch Potenzial. Die Geografie spielt ihm in die Karten – die Lage und der Vorrat an Flächen. „Durch seine gute Lage im Schnittpunkt der Wirtschaftsräume Wolfsburg, Braunschweig und Magdeburg bieten sich gute Möglichkeiten für Unternehmen. Wer investiert, kann auf großzügige Zuschüsse aus der GRW-Förderung hoffen; als so genanntes C-Fördergebiet haben wir die beste Förderkulisse in der Region“, legt Landrat Radeck einige Asse auf den Tisch. Ansiedlungen entlang der Autobahn 2 seien laut Flatt besonders interessant. Ein Gewerbegebiet in Rennau stehe etwa im Fokus der Gespräche. „Das ist ein interessanter Standort für Zulieferer und Logistiker“, so Flatt.

Und Radeck ergänzt: „Günstige Gewerbegebiete gibt es in fast all unseren Kommunen. Hervorzuheben sind dabei die Standorte an der A2 in Helmstedt und Königslutter-Ochsendorf – letzterer befindet sich in direkter Fühlnähe zum Standort Wolfsburg. Insbesondere von der projektierten Ausweisung des neuen Gewerbegebietes Barmke an der A2 mit knapp 50 Hektar erwarten wir einen Schub, umso mehr als hier bereits ein großer Investor im Boot ist, der allein schon mehr als 200 neue Arbeitsplätze bringen könnte.“

Profitieren kann Helmstedt auch von den Nachbarn – insbesondere Wolfsburg. Die gescheiterte Fusion mit Wolfsburg spiele laut Flatt keine negative Rolle für die Helmstedter Wirtschaft. „Sie wurde frühzeitig ausgebremst. Niemand hatte damit geplant.“ Impulse vom großen Nachbarn im Norden kämen dennoch an. „Mittelfristig wird Helmstedt auch ohne Fusion von Wolfsburg profitieren“, meint das IHK-Präsidiumsmitglied. Auch der Landrat glaubt an eine fruchtbare künftige Kooperation. Die Entwicklung von Gewerbegebieten, so Radeck, geschehe

„in enger Abstimmung auch mit den Nachbarn Braunschweig und Wolfsburg. Gerade mit letzterer Stadt gibt es eine gute Zusammenarbeit, die sich auch aus Zeiten der Fusionsbestrebungen speist.“ An vielen Projekten werde gemeinsam gearbeitet, so etwa bei den Gewerbegebieten Barmke und Ochsendorf. „Die Fusion ist nicht mehr Thema, das gute Zusammenspiel im beiderseitigen Interesse dagegen immer“, betont der Landrat.

Von einer rührigen Startup-Szene kann man in Helmstedt wohl eher nicht sprechen. Neugründungen gibt es zwar manche, diese entstehen aber vor allem im Einzelhandel und Dienstleister-Bereich in der Innenstadt. Golden Barber-Hairstyle zählt etwa dazu – ein Friseur, der sich auf den 50erJahre-Rockabilly-Look spezialisiert hat. Oder das Lehnchen – ebenfalls mit einer Vorliebe für den Vintage-Look, allerdings bezogen auf Stoffe und Textilien. Saisonale Zutaten kommen in die Suppen von Muttis Suppenküche – ebenfalls neu in der Helmstedter Innenstadt. Neben den Neugründungen gibt es in Helmstedt aber ein weiteres erfolgreiches Prinzip, um frischen Wind in die Wirtschaft zu lassen: die Unternehmensnachfolge.

Tolles Beispiel ist Lothar Mühl, der seit fast einem Jahr die Geschicke des Heizungs- und Sanitärtechnik-Betriebes Horst Werthmann als Geschäftsführer leitet. Mühl hat vor mehr als 40 Jahren als Lehrling in dem Betrieb seine Karriere begonnen. Er lernte noch beim Namensgeber Horst Werthmann, der 1950 das Unternehmen gegründet hat. Sechs Gesellen, zwei Büroangestellte und zwei Azubis gehören derzeit zum Team.

Zu den großen Unternehmen Helmstedts zählt auf jeden Fall Strube. Die Saatzüchter aus Söllingen gehören zu Helmstedts Global Playern. Diese internationale Ausrichtung brachte dem Unternehmen jüngst aber etwas Ärger ins Haus. Ein ehemaliger Kooperationspartner aus Belgien macht Strube das Leben schwer. Per Schiedsspruch hat er in seinem Heimatland eine hohe Zahlungsverpflichtung erwirkt. Diese ist jedoch rechtlich umstritten. Die Strube-Geschäftsführung hat daher gerichtlich ein Schutzschirmverfahren in Eigenverwaltung eröffnen lassen und kämpft gleichzeitig juristisch gegen das Belgische Urteil an. Das gesamte Verfahren habe aber keine Auswirkungen auf das operative Geschäft des Unternehmens.

 

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Herausforderungen und Chancen – Helmstedt – eine Region im strukturellen Wandel (2/3)

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