11. Mai 2021
Unternehmen

Innovativ lässt es sich leben

Geprägt durch die Nähe zu Wolfsburg und Braunschweig führt die Stadt Gifhorn fast ein Schattendasein. Zu unrecht, kann man sagen. Denn die Stadt am Südrand der Lüneburger Heide hat ihren ganz eigenen Charakter.

Die Gifhorner Fußgänger-Zone. Foto: regios24/Michael Uhmeyer.

Seit etwas mehr als 20 Jahren gehört das Bremsenwerk an der Alfred-Teves-Straße zur Continental AG. Foto: Continental AG.

Kreuzungspunkt von zwei Bundesstraßen – der B 4 und B 188 – sowie der Bahnstrecken Hannover-Wolfsburg und Braunschweig-Wieren, Teil der Metropolregion Hannover-Braunschweig-Göttingen-Wolfsburg. Die Mühlenstadt Gifhorn, so scheint es, ist irgendwie dabei – aber wird nicht wahrgenommen. Dabei hat die Stadt an der Aller mit ihren 42.000 Einwohnern ganz schön etwas zu bieten.
Entstanden ist die Stadt vor etwas mehr als 800 Jahren an der Kreuzung der Salzstraße von Lüneburg nach Braunschweig sowie der Kornstraße von Celle nach Magdeburg, als klassische Handelsstadt. Heute hat sie sich zu einem beliebten Standort für Entwicklungsdienstleister und Zulieferer der Automobilbranche entwickelt. Zu den größten Arbeitgebern der Stadt gehören die Continental Teves AG, IAV und H & D.
Angetrieben von seinen eigenen Erfahrungen als Automobil-Enthusiast gründete der gebürtige Schleswig-Holsteiner und ehemalige Fahrradverkäufer Alfred Teves 1911 eine Maschinen- und Armaturenfabrik in Frankfurt am Main. Und das mit Erfolg: ATE etabliert sich im wachsenden Markt der Automobilbranche und der Zulieferer relativ rasch, Teves damals noch eine junge Firma gilt als erster europäischer Hersteller von hydraulischen Bremssystemen. Doch im Zweiten Weltkrieg wird das Hauptwerk in Frankfurt zerstört, in den Nachkriegsjahren sind Teves und seine Söhne mit dem Wiederaufbau der Firma beschäftigt. Nach und nach gelingt es ihnen, ihr Netz an Produktionsstätten zu erweitern. 1951, zwei Jahre vor dem Tod des Firmengründers, eröffnete das Werk Gifhorn. Nur wenige Kilometer vom Volkswagen-Stammwerk in Wolfsburg entfernt.
Seit 1998 gehört das Unternehmen als Continental Teves AG & Co. oHG zum Continental-Konzern und 1100 der weltweit 235.000 Angestellten arbeiten im Werk an der Gifhorner Alfred-Teves-Straße. Dabei stehen Bremsen weiterhin im Fokus: Neben der Produktion von Bremsschläuchen wird hier an der an der Montage von Luftfedersystemen und der Ventilblock Zerspanung, inklusive der Zerspanung des Bremsmodul MK C1, gearbeitet. Letzteres ist auf die Bedürfnisse von Hybrid- oder Elektrofahrzeuge zugeschnitten, die einen Teil ihrer Energierückgewinnung durch den Bremsvorgang erzielen.

Die IAV begann als Ausgründung der TU Berlin, mittlerweile arbeiten auf dem Entwicklungs-Campus in Gifhorn fast 4.000 Beschäftigte. Foto: IAV.

Gifhorn gilt als Stadt der Ingenieur:innen
Während der durchschnittliche Autofahrer von der Entwicklung der MK-C1-Bremsen kaum etwas gehört haben wird, tickt der Zeitgeist in Gifhorn etwas anders. Die Nähe zu Wolfsburg und Braunschweig sowie die Standorte der Zulieferer- und Entwicklerbetriebe haben Stadt und Landkreis Gifhorn den Ruf eingebracht, Lebensmittelpunkt von überdurchschnittlich vielen Ingenieur:innen zu sein.
In der größten Niederlassung der Ingenieurgesellschaft für Auto und Verkehr (IAV) im Süden der Stadt, direkt in der Nähe des Bahnhofs, sind mehr als 3.800 Beschäftigte aktiv – die Tendenz ist eher steigend. Das Entwicklungszentrum an der Rockwellstraße erhielt vor vier Jahren einen Erweiterungsbau mit Platz für ungefähr 550 Mitarbeitende sowie eigenem Restaurant. Bis Ende 2021 soll die nächste Erweiterung fertiggestellt sein. Neben Büros betreibt IAV, das 1986 als Ausgründung der TU Berlin entstand und seinen Hauptsitz bis heute an der Spree hat, in Gifhorn eine eigene Teststrecke, eine Crash-Anlage sowie Labore.

Aktuell arbeitet die IAV an der Wifi-Steuerungen von Bergungsfahrzeugen in Bergwerken. Auftraggeber ist die Bundesgesellschaft für Endlagerung. Foto: BGE.

Hightech für den Untergrund
Als Expert:innen auf dem Bereich der autonomen Mobilität bringen die IAV-Ingenieur:innen ihr Wissen auch für Projekte ein, die sich abseits der Straße abspielen: Im Auftrag der Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) arbeitet IAV an teleoperierenden Fahrzeugen und Maschinen für den Einsatz in Bergwerken. In den kommenden Jahren soll radioaktives Material aus dem ehemaligen Salzbergwerk Asse II im Landkreis Wolfenbüttel geborgen, sowie schwach- und mittelradioaktiver Abfall im früheren Erzbergwerk Konrad bei Salzgitter eingelagert werden. Ebenso steht die Stilllegung des Endlagers für radioaktive Abfälle in Morsleben, Sachsen-Anhalt, an. In allen Fällen könnten Fahrzeuge, die mittels WiFi von über Tage gesteuert oder autonom betrieben werden, zum Einsatz kommen. Aufgabe von IAV ist es zu zeigen, dass der Einsatz teleoperierender Fahrzeuge mittels WiFi 6 technisch möglich ist. Dafür baut das Unternehmen ein Versuchsfahrzeug sowie einen Leitstand zur Steuerung. „Der Aufbau eines Versuchsfahrzeugs und die Einbindung in eine entsprechende Kommunikationsinfrastruktur ist für uns als Automotive-Entwickler von vernetzten Systemen mittlerweile Tagesgeschäft. Der Reiz des Projekts ergibt sich aus dem für uns ungewohnten Terrain und der Möglichkeit, einen Beitrag zum sicheren Betrieb von Untertageanwendungen leisten zu können“, so Mirko Taubenreuther, Fachbereichsleiter für Automated Driving Functions bei IAV. „Nach ersten Versuchen an der Oberfläche werden wir das System auf rund 700 Meter unter Tage bringen und dort in unterschiedlichen Umgebungen testen. Gelingt das Projekt, hätten wir den Beweis erbracht, dass sich per WiFi 6 ferngesteuerte Fahrzeuge unter den geforderten Bedingungen sicher verwenden lassen.“ Nach IAV-Informationen könnten sich die unterschiedlichen Gesteinsschichten auf die Latenz, Abschattungen und den Signalabriss der WLAN-Signale auswirken. Auch die Auslastung des Netzes sowie die Fahrgeschwindigkeiten des Fahrzeuges könnten eine Rolle spielen. Der WLAN-Standard WiFi 6 wird derzeit von der BGE als Kommunikationstechnologie unter Tage favorisiert, da er für Industriezwecke fortentwickelt wurde.

Christoph Fromme, Geschäftsführer der RPT Rapid Prototyping Technologie GmbH. Foto: RTP.

Neue Ideen aus dem 3D-Drucker
Neben den großen Betrieben sind es die Hidden Champions, die Gifhorn seinen besonderen Charme verleihen. Vor 25 Jahren gründete Wolfgang Fromme mit ausgewählten Mitstreitern RPT als eines der ersten Unternehmen der Region, das Prototypenbau per additiver Verfahren anbot. Innerhalb weniger Jahre entwickelte sich das Familienunternehmen zu einem Full-Service-Dienstleister mit 50 Mitarbeitenden. „Unser Anspruch an uns selbst ist es, alle erforderlichen Dienstleistung für die Prototypentwicklung, aber auch für die Herstellung von Kleinserien, aus einer Hand anzubieten“, erzählt Christoph Fromme, Sohn des Gründers, der sich die Geschäftsführung mit Carsten Müller teilt. RPT unterstützt bei der Digitalisierung, der Konstruktion von Prototypen sowie deren Herstellung in, wie Fromme betont, so realitätsnaher Qualität wie möglich. „Additive Verfahren, also der 3D-Druck, sind unschlagbar, um schnell Prototypen oder Modelle zu fertigen. Aber die verwendeten Materialien sind nicht immer geeignet, um jeden praktischen Einsatz eines Bauteils zum Beispiel in einem Auto oder Flugzeug zu erproben. Daher haben wir zum Beispiel auch eine eigene Metallbau-Abteilung.“
Als sein Vater das Unternehmen gründete, war der 3D-Druck noch ein brandneues Verfahren. Aber die Vorteile für die Entwicklung von neuen Bauteilen sind rasch erfasst: Während für die Herstellung eines Prototypen im Spritzgussverfahren erst ein aufwendiges Werkzeug hergestellt werden muss, was unter Umständen mehrere Wochen in Anspruch nimmt, liefert der 3D-Drucker das gewünschte Teil innerhalb einiger Stunden. Durch die günstige Lage Gifhorns mitten in Europa kann RPT seine Kunden binnen 48 Stunden beliefern. „Bei den Automotive-Entwicklern und -Herstellern geht das natürlich noch schneller. Aber wir arbeiten mit Kunden unterschiedlichster Branchen weltweit zusammen“, so Fromme. Neben der Automobil- und Zulieferindustrie bedient RPT Kunden aus den Bereichen Luftfahrt, Maschinenbau, Medizintechnik sowie aus der Elektro- und Schienenfahrzeugindustrie. Mal geht es um ein Werkstück, das nur wenige Zentimeter klein ist und kurz darauf um eine Arbeitsbühne für einen Airbus 380 – die ebenso lang sein muss. Den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen verlange das einiges an Flexibilität ab. Kein Projekt, kaum ein Arbeitstag sei wie der vorhergehende. „Wir sind daher immer wieder auf der Suche nach neuen Leuten für unser Team und sind selbst als

Als Wolfgang Fromme in die additive Fertigung von Prototypen einstieg, war der 3D-Druck noch relativ unbekannt. Mittlerweile beschäftigt RPT 50 Mitarbeitende. Foto: RTP.

Ausbildungsbetrieb aktiv. Aktuell haben wir acht Auszubildende: Zum Technischen Produktdesigner, Modellbaumechaniker, Werkzeugmechaniker und Zerspanungsmechaniker.“ Das wichtigste bei der Auswahl neuer Mitarbeiter:innen sei, neben den handwerklichen Fähigkeiten, dass sie ins Team passen und Spaß am Meistern von Herausforderungen haben. Ein gewisses Maß an Frustrationstoleranz und Gewissenhaftigkeit gehört ebenfalls dazu – am Ende gehe es bei Prototypentwicklung und -herstellung immer noch darum, neue Dinge auszuprobieren und immer wieder zu verbessern. Bis sie reif für die Serienfertigung sind.

Spinophorosaurus im Obergeschoss des
Naturhistorischen Museums in Braunschweig. Foto: Daderot/Wikimedia.

Dinoknochen statt Blinker
So wie sich die IAV mit der Erprobung von autonomen Fahrzeugen unter Tage einer neuen Herausforderung gestellt hat, gibt es auch bei RPT Projekte, die sich von allen anderen abheben. Sind es sonst eher Fans von Oldtimern, die Reproduktionen seltener Bauteile benötigen, kam es vor einigen Jahren zur Zusammenarbeit mit dem Staatlichen Naturhistorischen Museum Braunschweig. Eine Expedition mit Braunschweiger Beteiligung entdeckte im Niger Knochen eines bis dahin unbekannten Dinosauriers, der vor rund 165 Millionen Jahren lebte – der Spinophorosaurus nigerensis. Da der Fund Eigentum des Staates Niger ist, konnten die Knochen nur als vorübergehende Leihgabe in Deutschland untersucht und ausgestellt werden. Im Auftrag des Museums fertigte RPT Kopien der Knochen, die seitdem Teil der Dauerausstellung sind.

Auch interessant