23. August 2017
IT & Medien

Radsportler, Unternehmer, Visionär

Andreas Rudnicki ist Mitbegründer der Alphacool GmbH und Gesellschafter einer der führenden Entwickler für PC-Wasserkühlungen weltweitt, gleichzeitig ist er einer der besten Paracyclisten in Deutschland

Andreas Rudnicki ist Mitbegründer der Alphacool GmbH und Gesellschafter einer der führenden Entwickler für PC-Wasserkühlungen weltweit. Foto: Radsport-Team Rudnicki

Herzfrequenz am Limit. Noch 300 Meter bis zur Ziellinie. Das Rennrad fliegt mit großen Rucklern über das Kopfsteinpflaster. Der Druck, den Lenker zu fixieren, ist kaum auszuhalten. Atemlos und völlig erschöpft ist es geschafft: Das Rennen ist gewonnen. Der Braunschweiger Andreas Rudnicki siegte Mitte Mai beim Weltcup im Paracycling-Straßenrennen im italienischen Maniago. Auf diesen Moment hatte er sich ein halbes Jahr lang vorbereitet: „Als ich mich vom Peleton abgesetzt hatte, bin ich um mein Leben gefahren und habe zehn Kilometer Vollgas gegeben.“ Rudnicki ist seit seiner Geburt schwerbehindert.

Er kam mit zwei unbeweglichen Klumpfüßen zur Welt und kann außerdem die Wadenmuskulatur nicht nutzen. Das hat ihn nicht davon abgehalten aufs Rennrad zu steigen. Seit fünf Jahren fährt er regelmäßig Rennen und ist mittlerweile Vierter der Weltrangliste. Es war ein harter Weg dahin, der ihm viel Blut, Schweiß und vor allem eiserne Disziplin abverlangte

Disziplin hilft Rudnicki auch in seinem Unternehmerleben. Nach dem Abitur machte sich der Braunschweiger, der nahe des Rudolfsplatzes aufwuchs, selbstständig, musste jedoch mehrmals existenzbedrohende Rückschläge überstehen. Wegen seiner Behinderung verbrachte er insgesamt zweieinhalb Jahre im Krankenhaus und musste 27 Operationen durchstehen. Anfang der 2000er schien er seinen Weg gefunden zu haben, als ihm zufällig eine Wasserkühlung für Prozessoren in die Hände fiel „Mir fiel auf, welche rudimentären Fehler die Unternehmen damals gemacht haben. Ein Freund und ich haben dann einen Kühler entwickelt und 2003 die Firma Alphacool gegründet. Zum Ende des Jahres hatten wir einen der weltbesten Kühler auf dem Markt.“ Das Unternehmen spezialisierte sich auf Wasserkühlungen für Grafikkarten (GPUs) und Prozessoren (CPUs). Die Technik ist weit teurer, als die Kühlung der PC-Teile durch Ventilatoren, jedoch deutlich effektiver. Sie findet vor allem bei Hochleistungsrechnern Gebrauch.

Es schien alles perfekt zu laufen, doch drei Jahre nach Gründung von Alphacool dann der Tiefpunkt: Wegen Differenzen mit damaligen Gesellschaftern verließ er die Firma. Damals wog er fast 30 Kilogramm zu viel. Wegen seiner Behinderung und seinem ungesunden Lebensstil prognostizierten ihm Ärzte den Rollstuhl. Wie schaffte er die Kehrtwende, die aus ihm einen erfolgreichen Geschäftsmann und Spitzensportler machte? „Der Schlüsselmoment war eine Radtour mit meinem Vater. Ich kam ihm einfach nicht mehr hinterher. Da habe ich mir vorgenommen, mit ihm mithalten zu können und ihn eines Tages zu überholen.“ Rudnicki fuhr nun regelmäßig Rennrad und wurde bald von der Lotto-Sport-Stiftung gefördert. Durch seine Technikaffinität professionalisierte er das Training: Seine Routine beträgt mittlerweile fünf Einheiten pro Woche, im Sommer draußen auf der Strecke, im Winter zu Hause. In seinem Wohnzimmer ist ein Tor zu seiner Garage eingebaut. Dort trainiert er auf der Rolle.

„Gäste schmunzeln gerne darüber, aber für mich ist das praktisch“, erzählt Rudnicki belustigt. Auf dem Rollentrainer macht er intensives Intervalltraining. Auch beruflich schaffte er kurz danach die Kehrtwende und stieg bei der Aquatuning GmbH in Bielefeld ein. Dann – im Jahr 2010 – konnte er seine alte Firma Alphacool aufkaufen und vor der Insolvenz retten. Seitdem geht es bergauf: Aquatuning zog in eine Kleinstadt nahe Bielefeld, und beschäftigt heute 50 Angestellte. Die Produktion liegt bei einem Partner in China, wo mittlerweile 300 Mitarbeiter angestellt sind. International ist auch der Absatzmarkt von Aquatuning. Die insgesamt 6.000 Produkte, 2.200 davon sind Eigenproduktionen, werden vor allem in Deutschland, den USA und in Großbritannien verkauft.

Dieser Erfolg erklärt sich auch durch starke Orientierung an Zukunftstechnologien: Rudnicki investierte bereits 2012 in den Stratasys uPrint, den ersten modernen 3D-Drucker. „Zu dieser Zeit wurden Grafikkartenkühler noch mit Stecksätzen zusammengebaut.“ Mittlerweile setzt Alphacool komplett auf die Technologie: „Wir arbeiten mit einem 3D-Scanner, der eine Art Wolke aus über 20 Millionen Koordinatenpunkten scannt, wodurch ein digitales Modell der Grafikkarte entsteht. Durch die verschiedenen Höhen der Punkte ist der Kühler dann optimal an das Produkt angepasst und wir können schnell auf neue Modelle reagieren.“ Durch diesen Prozess ist Rudnickis Firma der Konkurrenz immer einen Schritt voraus – das Motto: „Stillstand ist Rückstand.“ Doch an Stillstand ist in seiner Branche überhaupt nicht zu denken, das Innovationstempo ist rasend: Wegen der fortschreitenden Digitalisierung ist der Einsatzbereich von Wasserkühlungen für CPU und GPU längst nicht mehr auf Gaming-Computer begrenzt, sie werden in diversen Zukunftsindustrien eingesetzt: Darunter fallen Generatoren von Solar- und Windkraft, Batterien von elektrischen Fahrzeugen, Laser und vieles mehr. All diese Technologien haben eine mitunter starke Erhitzung der Geräte gemeinsam. Je komplexer, je enger der Raum, desto wichtiger wird die Wasserkühlung.

Den größten Zukunftsmarkt vermutet Rudnicki aber in einem anderen Bereich: „Ich glaube, dass die Übertragung unserer Welt in die Virtual Reality, das nächste große Ding wird.“ Durch die fortschreitende Digitalisierung wirken seine Unternehmensziele glaubhaft: „Wir wollen unseren Umsatz in den nächsten Jahren verdreifachen“, sagt er entschlossen. Diesen Ehrgeiz zeigt Rudnicki auch im Sport. 2012 führte er ihn zu seinem ersten Paracycling-Wettbewerb. Bald nahm er an internationalen Wettbewerben teil und suchte nach der optimalen Ernährung: „Ich habe alles ausprobiert, von WeightWatchers über die Atkins-Diät, ich war sogar Veganer.“ Vor zwei Jahren entdeckte er die Steinzeiternährung (Paleo) und isst seitdem viel Obst und Gemüse, ausgewähltes Fleisch, Eier, Kartoffeln und Nüsse. Weizen ist tabu.

Durch die Ernährung und den Sport hat sich sein Körpergefühl verbessert. Ein Unwissender würde ihm seine Behinderung auf den ersten Blick nicht ansehen – im Gegenteil: Er sieht athletischer aus, als viele Männer in seinem Alter. Für Rudnicki ist der Übertrag vom Sportler zum Unternehmer groß: „Jeder gute Sportler ist auch ein guter Unternehmer und umgekehrt. Das konsequente Arbeiten an einem selbst und der Wille, sich stetig zu verbessern, ist eine Kernkompetenz beider Bereiche.“

Auch seine Familie ist froh über den Weg, den Rudnicki eingeschlagen hat. Seine Frau, mit der er seit 16 Jahren verheiratet ist, ernährt sich ebenfalls nach dem Paleo-Prinzip. Sie und seine drei kleinen Töchter begleiten ihn zu den meisten Rennen. Nicht nur wegen seiner Familie, mit der er in Lamme wohnt, will er auf lange Sicht in der Region bleiben: „Auch wenn große Unternehmen viele Talente abwerben – Braunschweig ist die Heimat von mir und meinen Mitarbeitern.“

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