14. November 2018
Startups

Von Lämmern und Löwen

„Die Höhle der Löwen“, eines der erfolgreichsten deutschen Fernsehformate, läuft in der fünften Staffel

Das sechsköpfige Löwen-Rudel: (Stehend) Frank Thelen (42) und Dr. Georg Kofler (61). (Sitzend) Carsten Maschmeyer (59), Judith Williams (45), Dagmar Wöhrl (64) und Ralf Dümmel (51). Foto: VOX

Das sechsköpfige Löwen-Rudel: (Stehend) Frank Thelen (42) und Dr. Georg Kofler (61). (Sitzend) Carsten Maschmeyer (59), Judith Williams (45), Dagmar Wöhrl (64) und Ralf Dümmel (51). Foto: VOX

Im August 2014 öffnete sich erstmals die Tür zur „Die Höhle der Löwen“, einer zweistündigen Casting-Show für clevere Gründer und erfolgreiche Unternehmer. Der Fernsehsender Vox brachte Startups – nach dem Grundkonzept des japanischen Originals Manê no Tora (Geld Tiger) und internationalen Ablegern wie „Shark Tank“ in den USA und „Dragons‘ Den“ in Großbritannien – vor die Kamera. Und das für viele Skeptiker, überraschenderweise, in Deutschland mit viel Erfolg.

Die Sendung wurde im Jahr 2015 für den Grimme-Preis in der Kategorie Unterhaltung nominiert, im Jahr 2016 gewann das Unterhaltungsformat in der Kategorie Bestes Factual Entertainment den Deutschen Fernsehpreis. Mit zuletzt über drei Millionen Zuschauern ist „Die Höhle der Löwen“ (DHDL) Marktführer bei den deutschsprachigen Gründershows.

Bissige Investoren und mutige Startups

Erfinder und Unternehmensgründer stellen dort ihre innovativen Erfindungen und Ideen der prominent besetzten Löwen-Jury vor und bieten ihnen Geschäftsanteile in Relation zum ermittelten Unternehmenswert an. Frank Thelen, Carsten Maschmeyer, Judith Williams & Co. investieren seitdem das nötige Startkapital, unterstützen mit ihrem Fachwissen und ihrer Erfahrung bei der Expansion des jeweiligen Unternehmens und stellen ihr Netzwerk zur Verfügung. Wie hoch die Finanzierung insgesamt sein soll, wird dem Vorbild folgend von den Teilnehmern bereits vor Beginn der Show festgelegt. Die fünf bissigen, launigen und millionenschweren Investoren zeigen den mutigen, oft aufgeregten und manchmal naiven Startups mögliche Fehler oder Risiken in deren Geschäftsmodell auf – und versuchen ihrerseits, einen möglichst günstigen Deal abzuschließen. Wer die Summe bis Ende der Show nicht eingeworben hat, hat zumindest vor großem Publikum medial auf sich aufmerksam gemacht und im bestmöglichen Fall etwas an Erfahrung gewonnen. Ein meist ungleicher Kampf zwischen Löwen und Lämmern.

Jurorenselbstvermarktung und gescheiterte Deals

Neben den vielfältigen Produkten steht vor allem die publikumswirksame Selbstvermarktung der kritischen Juroren im Zentrum der Sendung. Die gezeigten Präsentationen sind oft aus verschiedenen Aufzeichnungen zusammengeschnitten und stehen in keinem zeitlichen Zusammenhang. Zudem werden nicht alle aufgezeichneten Pitches  später auch ausgestrahlt. Die vierte Staffel der „Höhle der Löwen“, die 2017 gezeigt wurde, war vor allem durch zahlreiche nicht zustande gekommene Deals geprägt. Frank Thelen, Carsten Maschmeyer (der Anfang 2018 mit seiner eigenen Gründer-Show „Start Up!“ bei Sat.1 wegen schlechter Einschaltquoten von unter zwei Prozent scheiterte), Ralf Dümmel, Judith Williams und Dagmar Wöhrl sagten insgesamt vierzig Startups ihre fachliche und finanzielle Unterstützung zu – im Vergleich zu den drei vorangegangenen Staffeln stieg die Summe der zugesagten Investments stetig an. Noch nie wurde im Vorjahr so viel Geld versprochen, doch am Ende kam nur ein Viertel aller Deals im Nachhinein auch zustande. Bereits in der ersten Staffel scheiterten 26 der 35 avisierten Deals in den Verhandlungen nach der Show, was einer Quote von knapp 75% entspricht. Als Begründung für das nachträgliche Scheitern gibt Vox an, dass sich bei einer sorgfältig durchgeführten Risikoprüfung, im englischen Rechts- und Geschäftsjargon als Due Diligence bezeichnet, teilweise Unwahrheiten in den Aussagen der Gründer herausgestellt hätten oder sich Löwe und Gründer bezüglich bestimmter Vertragspunkte nicht einig wurden.

Die Neuerungen und der Scheinfriede

„Die Höhle der Löwen“, Marktführer bei den deutschsprachigen Gründershows, erfolgreichste VOX-Produktion aller Zeiten und eine der erfolgreichsten Formate im deutschen Fernsehen, ging am September 2018 um 20:15 Uhr, mit zwölf neuen Folgen der fünften Staffel auf Sendung. An diesmal 15 anstatt 12 Tagen wurde in einem neuen, moderneren Studio gedreht. Ur-Löwin und Teleshopping-Moderatorin Judith Williams wird sich ihren Platz zukünftig mit dem ziemlich blaß wirkenden Medienunternehmer Dr. Georg Kofler teilen, der in der vierten Staffel als Ersatz-Löwe für die damals erkrankte Williams eingesprungen war. Sechs Löwen zeigen nun Zähne in der TV-Manege – und investieren in dieser Staffel so viel wie nie zuvor. Insgesamt zehn Millionen Euro hauen sie für die besten Ideen raus. Auch wenn das facettenreiche Ensemble im Studio bislang weitgehend ziemlich stimmig agierte – der Scheinfriede im Juroren-Rudel täuscht, wie Frank Thelen in seinem Buch beispielsweise im Hinblick auf den Extremsport-Pionier Jochen Schweizer, der seit dem Ende der dritten Staffel nicht mehr dabei ist und im Herbst mit der eigenen Fernsehshow „Jochen Schweizer – der Traumjob“ antritt, verrät: „Sein Ego stand ihm manchmal ein Stück weit im Weg“. Oder anders ausgedrückt: Wenn sich die Löwen nach einer einstudierten Choreographie von verschiedenen Seiten an das Startup-Opfer anpirschen und plötzlich angreifen, ist das nicht der Inbegriff von reibungsloser Kooperation, sondern nur der Anschein. Wenn es um Beute geht, sind Löwen eben notorische Einzelgänger.

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