12. Mai 2022
Entscheider

Von Grund auf optimistisch

Der Flächenlandkreis Gifhorn profitiert von der starken Automobilindustrie in der Region - ein Interview mit Gifhorns neuem Landrat

Seit November 2021 ist Tobias Heilmann der Landrat von Gifhorn. Sein Amtssitz: Das Gifhorner Schloss, mitten in der Stadt. Foto: Gesa Lormis

Seit November 2021 ist Tobias Heilmann Gifhorns neuer Landrat. Der 46-Jährige gilt als Gifhorner Urgestein. Seit seiner Kindheit lebt er in dem circa 1.700-Seelen-Dorf Ummern und engagiert sich dort in den örtlichen Vereinen. Das ländliche Umfeld und der beruflicher Werdegang als Vertriebsmitarbeiter bei Volkswagen prägen seine Politik: Mobilität und Arbeitswelten gehören zu seinen Kernthemen. Wir trafen ihn im Gifhorner Schloss zum Interview.

Herr Heilmann, bereits ein knappes halbes Jahr sind Sie nun im Landratsamt tätig. Können Sie sich unseren Leser:innen trotzdem einmal kurz vorstellen?
Ich bin Tobias Heilmann, 46 Jahre alt, verheiratet und habe drei Kinder – 21, 20 und 16 Jahre alt. Mit meiner Familie wohne ich in Ummern, schon mein ganzes Leben, ein kleines Dorf im Norden des Landkreises. Und was macht man auf dem Dorf? Man ist im Sportverein, bei der Feuerwehr, im Schützenverein, Spielmannszug – kurzum, ich bin viel im Ehrenamt unterwegs gewesen.

Das klingt nach Vergangenheit …
Weil die Zeit es nicht mehr zulässt, kontinuierlich dabei zu sein und zu trainieren. Und den Spielmannszug – da war ich Gründungsmitglied – gibt es leider nicht mehr. Im Schützenwesen bin ich noch aktiv. Aber Mitglied bin ich noch in sämtlichen Vereinen.

Wie sind Sie zu Ihrem politischen Engagement gekommen?
Ich habe schon immer schnell Verantwortung übernommen, war Klassen- und Schülersprecher, beim Fußball Jugendbetreuer und Spartenleiter. Es hat mein Leben geprägt, dass ich mich nicht nur um mich gekümmert, sondern gerne darauf geschaut habe, einen gemeinsamen Weg für alle zu organisieren. Seit 1991 bin ich SPD-Mitglied. Irgendwann wurde ich angesprochen, ob ich mir nicht vorstellen könnte, für den Gemeinde- und Samtgemeinderat zu kandidieren. 2006 wurde ich in beide Gremien gewählt. 2011 folgte mit dem Kreistag der nächste politische Schritt. Von 2017 bis 2021 war ich Landtagsabgeordneter für den Gifhorner Nordkreis und Teile von Wolfsburg.

Was haben Sie vorher beruflich gemacht?
Ich habe eine Ausbildung zum Industriekaufmann bei Volkswagen gemacht – damals gehörte dazu, dass man danach einige Zeit in der Produktion mitarbeitete und „Stallluft“ schnuppert – und ab 2000 habe ich im Vertrieb Deutschland Werksangehörige sowie später den Bereich Sonderzielgruppen betreut. Dazu gehören zum Beispiel Feuerwehr- und Notarzteinsatzfahrzeuge, aber auch Umbauten für Menschen mit Behinderungen.

Konnten Sie aus dieser Zeit etwas für Ihr Wirken als Politiker mitnehmen?
Sowohl meine privaten Ehrenämter als auch der Kontakt zu Menschen mit Behinderungen und ihren Familien haben mich sehr geprägt. Seitdem sehe ich vieles leichter und optimistischer. Das können meine Kolleg:innen bestätigen: Jetzt bin ich fast ein halbes Jahr im Amt, aber ich hatte noch keinen Tag schlechte Laune. Wichtig sind der respektvolle Umgang miteinander und Spaß an der Arbeit zu haben, denn dort verbringen wir den Großteil des Tages miteinander.

Sie haben bereits im Wahlkampf und in Ihrer Antrittsrede angekündigt, dass das Thema Mobilität Ihre Amtszeit prägen wird. Nutzen Sie den Öffentlichen Personennahverkehr eigentlich selbst?
Nun bin ich als Landrat mit Dienstwagen und Fahrer privilegiert. Aber ich weiß, wie es auf Dörfern wie Ummern, aussieht: Der ÖPNV ist nicht besonders ausgeprägt. Wer zum Beispiel einen Arzttermin im Nachbarort Wesendorf hat und nicht selbst mit dem Auto fahren kann oder möchte, muss mindestens einen halben Tag dafür einplanen. Dabei sehen wir doch in den Städten, dass eine engere Taktung von verschiedenen Verkehrsmitteln dafür sorgen kann, dass viele auf ihr Auto verzichten. Ich bin fest davon überzeugt, dass das im ländlichen Raum ebenfalls möglich ist. Wir beobachten beispielsweise On-Demand-Angebote, wie Moia, und haben in Verbindung mit dem Regionalverband Großraum Braunschweig das Pilotprojekt Flexo-Bus in der Samtgemeinde Wesendorf gestartet.

Worum geht es dabei konkret?
Um flexibel buchbare Direktverbindungen zwischen den Ortschaften, ohne Linienzwang. Noch läuft vieles analog, wie etwa die Buchung per Anruf. Trotzdem hat die Verkehrsgesellschaft Landkreis Gifhorn VLG bereits jetzt viele Fahrgäste in dem System registriert. Das zeigt, dass der ÖPNV flexibler werden muss.

Für welche Personengruppen ist der Ausbau des ÖPNV besonders wichtig?
Die Menschen bleiben im Alter in den Dörfern, in denen sie ihr ganzes Leben verbracht haben. Sie würden den ÖPNV gerne in Anspruch nehmen, genauso Menschen mit körperlichen Einschränkungen – wenn er flexibel genug ist und sie mit Hilfsmitteln wie einem Rollator einsteigen können. Wenn wir die Mobilitätswende wollen, müssen wir aktiv sein! Unsere Busse werden sukzessive angepasst, genauso die Bushaltestellen. Das ist übrigens auch gut für den Fahrradtourismus.

Ein spannender Punkt: Welche Rolle spielt dieser im Landkreis Gifhorn?
Ende 2019 wurde ein touristisches Radwegenetz beschlossen, für das 80 Kilometer Radweg zusätzlich ausgebaut werden. Wege, die nicht an Straßen entlang, sondern auch mal durch den Wald führen. Sassenburg hat bereits einen guten Aufschlag gemacht und diese Wege gut beschildert. Es gibt viele Wochenendgäste mit Fahrrad im Landkreis, die davon profitieren, auch von der Radwegekarte der Südheide. Bis 2023 soll das Projekt abgeschlossen werden.

Bis 2023 will der Landkreis sein touristisches Radwegenetz erweitern. Dazu gehört die umfangreiche Beschilderung vorhandener Wege zu und entlang
besonderer Punkte. Foto: Landkreis Gifhorn

Sind Sie selbst gerne mit dem Fahrrad unterwegs?
Termine in der Stadt mache ich gerne mit dem Fahrrad und da wir zuhause einen Hund haben, fahre ich mit ihm ab und an eine Runde. Allerdings mit einem richtigen Rad, nicht mit dem E-Bike. So bekommen wir beide Bewegung (lacht).

Welche Rolle spielt die Lenkung von Pendlerströmen in der Mobilitätsplanung des Landkreises?
Wir versuchen gerade Richtung Wolfsburg oder Braunschweig zu steuern. Die K114, die sogenannte Osttangente an Gifhorn, Isenbüttel und Calberlah vorbei, wird ertüchtigt, um den Verkehrsfluss Richtung Wolfsburg sicher zu stellen. Themen wie die B4 und die A39 sind ebenfalls immer aktuell. Aber durch das dezentrale Arbeiten in Zukunft wird es so lange Staus, wie zu meinen Pendlerzeiten, hoffentlich nicht mehr geben.

Apropos A39: Wie ist der aktuelle Stand?
Die Abschnitte sieben und sechs fallen in unser Kreisgebiet: Von Wittingen bis Ehra und von Ehra bis Tappenbeck. Letzterer ist im Planfeststellungsverfahren und wird im Idealfall noch dieses Jahr abgesegnet, dann könnten wir anfangen zu bauen und den Abschnitt Sechs ins Planfeststellungsverfahren bringen. Einen Lückenschluss bis 2026 haben wir nicht. Aber den Spatenstich für Abschnitt Sieben werde ich als Landrat miterleben, da bin ich optimistisch.

Eine weitere Herausforderung im Landkreis ist die Anbindung ans Internet. Der Breitband-Ausbau in Gifhorn ist zum Teil kommunal organisiert, allerdings funktioniert das nicht ganz reibungslos. Warum stockt es?
Stocken … Ich weiß gar nicht, ob ich das so bezeichnen kann. Wir haben uns 2016 im Kreistag darauf geeinigt, dass wir ein Glasfasernetzwerk im Landkreis wollen. Seitens der privaten Telekommunikationsunternehmen gab es keine Bestrebungen in diese Richtung. Das sei nicht wirtschaftlich, so die damalige Aussage. Also haben wir uns dazu entschlossen, einen Backbone-Ring im Landkreis zu verlegen, von dem aus Abzweigungen in die Dörfern verlaufen werden. Bei einem Projekt dieser Art und dieser Größenordnung läuft immer mal etwas anders als ursprünglich geplant und die Vorbereitungen, haben ihre Zeit benötigt. Mittlerweile geht es voran und die weißen Flecken, in denen die Leistung unter 30 Mbit pro Sekunde liegt, werden weniger. Wir wollen Breitband bis in die letzte Milchkanne.

Wie viele weiße Flecken gibt es derzeit noch?
Wir sind aktuell im Cluster eins von sieben. Und werden immer schneller, da uns Anfängerfehler der ersten Ausbauschritte nicht mehr unterlaufen. Was wir merken: Seit wir aktiv sind, werden die Privaten munter und widmen sich den Regionen, die nicht als weiße Flecken gelten. Sie haben tatsächlich nur Konkurrenz gebraucht.

Was schätzen Sie, wird der Breitbandausbau die Zahl der Pendler:innen beeinflussen?
Das glaube ich schon, aber da spielen mehrere Komponenten zusammen. Wir als Landkreis arbeiten an einem Konzept für dezentrale CoWorking-Spaces.

Gifhorn als Startup-City? Landrat Heilmann will jungen Gründer:innen Raum geben. Foto: Frank – stock.adobe.com

Also Büros, in denen mehrere Firmen Räume und Plätze für ihre Mitarbeitenden mieten können …
Genau. Ob wir als Landkreis oder jemand anderes diese organisieren wird, steht noch nicht fest. Aber ich bin ein starker Befürworter dieses Projekts. Das sind spannende Prozesse, wenn sich verschiedene Unternehmen im Büro treffen, sich austauschen und so Synergien nutzen können.

Laut Angaben des Landesamtes für Statistik sind gerade einmal 1,5 Prozent der Erwerbstätigen in Gifhorn in der Landwirtschaft beschäftigt – dabei hat kein anderer Landkreis in unserer Region so große land- und forstwirtschaftliche Flächen. Welche Bedeutung hat Landwirtschaft für Sie?
Für mein Empfinden haben wir sehr viele familiengeführte erzeugende Betriebe – man kennt den Bauern von nebenan. Und den Einwohnern ist die Bedeutung von regionalen Lebensmitteln bewusst, da hat die Pandemie nochmal einen Schub gegeben. Als Schirmherr der Initiative „Südheide genießen“ begrüße ich es, dass es immer mehr B2B-Zusammenschlüsse gibt: Erzeuger, die Gastronomen direkt beliefern und Schul-Mensen, die ihre Lebensmittel aus der Region beziehen. Das ist eine Chance für die Landwirtschaft, sich unabhängig von großen Handelsketten oder Zwischenhändlern aufzustellen.

Die Regionalinitiative „Südheide genießen!“ – Vertreten durch Olaf Müller und Imke Wolter (aus dem Vorstand Regionalinitiative) und Geschäftsführerin Rebekka Schütte (von links) – haben Tobias Heilmann im März als neuen Schirmherrn begrüßt. Das Netzwerk aus Landwirten, Lebensmittelhandwerk, Gastronomie, Tourismus und Politik stellt regional erzeugte Lebensmittel und transparente Wertschöpfungsketten in den Mittelpunkt. Foto: Landkreis Gifhorn

Welche anderen Branchen sind wichtig für die Wirtschaft in Gifhorn?
Was den Landkreis ausmacht, ist sein guter Mittelstand. Es gibt viele Betriebe mit bis zu 50 Mitarbeitenden, das ist ein gutes Standbein. Aber wir brauchen uns nichts vormachen: Wenn der Arbeitgeber Volkswagen nicht in der Nähe wäre, müssten wir schon sehr stark nach neuem Gewerbe und neuer Industrie Ausschau halten. Das bezeichne ich als Klumpenrisiko, das wir im Blick behalten und reduzieren sollten.

Zuletzt haben Sie sicherlich auf das Trinity-Werk in von Volkswagen gehofft, oder?
Direkt nach der Ankündigung von VW habe ich als Landrat meinen Hut in den Ring geworfen – bevor der Konzern sagen konnte, es gäbe keine passende Fläche, daher gehe man nach Tschechien oder so.

Jetzt ist es Wolfsburg geworden …
Darüber bin ich gar nicht traurig, ganz ehrlich. Dieser Prozess, den wir mit Volkswagen zur Prüfung der Parameter durchgemacht haben, war für uns als Verwaltung eine lehrreiche Zeit. Das hat uns selbstbewusster und internationale Konzerne auf uns aufmerksam gemacht. Wir waren bis zum letzten Aufsichtsrat im Rennen – das hat Gewicht. Es gab tatsächlich Anfragen von Unternehmen, die gesagt haben: Wenn ihr das für Volkswagen erfüllt, dann erfüllt ihr das für uns bestimmt auch.

In Ihrer Antrittsrede sprachen Sie davon, Gifhorn als Standort für Start-ups attraktiver zu machen …
Start-ups brauchen Platz zum Arbeiten und um sich zu entwickeln. Und den haben wir hier. Diese Gründer:innen hatte ich im Kopf, als ich damals sagte, dass wir uns unabhängiger von VW machen müssen. Wir sollten jungen Menschen mit Gründungsideen Möglichkeiten geben, daraus ein Gewerbe zu entwickeln und im Landkreis zu bleiben.

Wen meinen Sie mit „Wir“?
Wir als Verwaltung. Natürlich muss es Gespräche mit hiesigen Stakeholdern wieWirtschaft und Unternehmen geben, um über die Ansiedlung junger Unternehmen und deren Bedürfnisse zu reden. Das ist aus meiner Sicht einer der wichtigsten Aspekte in meiner Arbeit als Landrat: Netzwerken, alle an einen Tisch holen. Mein wichtigstes Arbeitsinstrument ist das Telefon.

Mittlerweile gehört das Internationale Mühlenmuseum der Stadt Gifhorn, der Landkreis hat sich finanziell am Kauf beteiligt. Auf dem Freigelände vor dem Museum stehen der Glockenpalast und die Europäische Freiheitsglocke. Foto: Iurii – stock.adobe.com

Zu einem attraktiven Lebensumfeld gehören verschiedene Faktoren. Warum leben Menschen aus ihrer Sicht gerne in Gifhorn?
Wir sind ein großer Flächenlandkreis, das macht uns aus. Unsere kleinstrukturierten Dörfer und Gemeinden. Auch Tradition und Werte. Wenn es dann noch einen vernünftigen Internetanschluss gibt, kann man sagen: Ich arbeite da, wo andere Urlaub machen.

Wie ist es für Familien oder Uniabsolventen – finden sie passende Wohnungen?
Im Wohnungsbau müssen wir aktiver werden, das zeigt der Wohnungsmarktbericht der N-Bank. Vor allem bei den Wohnungsgrößen zwischen 40 und 60 Quadratmetern. Was wir wissen: Die demographischen Vorhersagen zu unseren Einwohnerzahlen waren bisher sehr konservativ und sind nicht eingetroffen. In den vergangenen zehn Jahren ist die Einwohnerzahl um 10.000 Menschen gestiegen. Das sind nicht nur junge Arbeitskräfte, sondern auch Eltern, die ihren erwachsenen Kindern hinterherziehen. Daher glaube ich nicht an die Prognose von fallenden Einwohnerzahlen.

Kinder brauchen Bildung und Betreuung. Wie ist das in Gifhorn, sind Sie zufrieden?
Bei den weiterführenden Schulen haben wir ein gutes Angebot mit Haupt-, Real- und Oberschulen und Gymnasien. Es gibt Gesamtschulen und die beiden Berufsbildenden Schulen. Aber bei der Kleinstkinderbetreuung und den Ganztagsschulen im Primarbereich, also erste bis vierte Klasse, haben wir Nachholbedarf. In den Kindergärten und -krippen fehlt es zum Teil an Personal, aber es hat noch niemand an mich herangetragen, dass wir zu wenige Plätze haben.

In Ihrer Aufzählung der Schulen fehlte eine Fachhochschule oder Universität.
Ja, da sind wir aber im Gespräch. In der Region ansässige Hochschulen beziehungsweise Universitäten können sich Satelliten im Landkreis Gifhorn vorstellen.

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