und
1. April 2021
Entscheider

„Was ist denn die Alternative zu Europa?“

Birgit Honé, Niedersächsische Ministerin für Bundes- und Europaangelegenheiten und Regionale Entwicklung, im Interview

Birgit Honé, Niedersächsische Ministerin für Bundes- und Europaangelegenheiten. Foto: Holger Isermann.

Kennen Sie eigentlich Birgit Honé? Nein? In Brüssel und Berlin ist die 60-Jährige längst keine Unbekannte mehr. Dort wirbt die Niedersächsische Ministerin für Bundes- und Europaangelegenheiten und Regionale Entwicklung unter anderem Fördergelder ein, kämpft für eine Stärkung der niedersächsisch-britischen Beziehung nach dem Brexit und vertritt die wirtschaftlichen Interessen des Flächenlandes im (inter-)nationalen Umfeld. Ministerpräsident Stephan Weil bezeichnete Honé deshalb einst mit einem Augenzwinkern als Niedersachsens Außenministerin.
Dass die Bedeutung ihres Ministeriums trotz der deutschlandweit einmaligen Zusammensetzung nur wenig mit der Bekanntheit in der Öffentlichkeit korrespondiert, räumt auch die Ministerin ein, als wir sie zum Interview im Niedersächsischen Landtag in Hannover treffen. Beäugt von zwölf weiteren (männlichen) Augenpaaren, darunter Theodor Heuss, Roman Herzog, Christian Wulff und Joachim Gauck, sitzen wir dort gemeinsam im Raum der Bundespräsidenten – und sind damit gleich mittendrin in einem Gespräch über ein männerdominiertes Arbeitsumfeld, Fassungslosigkeit in Anbetracht des Brexits und darüber, dass es immer einen Weg gibt, „wenn man das Ziel kennt“ …

Staatstragendes Setting: Birgit Honé beim Standort38-Interview im Raum der Bundespräsidenten des niedersächsischen Landtages. Foto: Holger Isermann.

Frau Honé, warum erhält das Projekt Europa nicht die Wertschätzung in der Öffentlichkeit, die es eigentlich verdient hätte?
Das Bild ist sehr differenziert. In manchen Dingen gibt es ja Wertschätzung, wenn sie bedroht ist – wie bei der Reisefreiheit. Oder wenn Sie das Stichwort Frieden anführen, werden Sie viel Unterstützung für Europa finden. Einfach weil man sagen muss, da ist die Europäische Union unschlagbar …

… und wie sieht es in anderen Bereichen aus?
Die Probleme beginnen eigentlich immer dann, wenn die Zuständigkeit unklar ist: Wo enden die Kompetenzen der Mitgliedstaaten und wo beginnen die der Europäischen Union. Immer wenn etwas nicht optimal läuft, ist es einfach, die Verantwortung dafür Brüssel zuzuschieben. Und wenn sich etwas bewegt, werden die Lorbeeren gern direkt vor Ort verteilt. Bei Projekten, die durch EU-Mittel finanziert sind, bin ich meist die Einzige auf der Rednerliste, die für Europa steht. Wenn ich nicht da wäre, würde der Ermöglicher gar nicht sichtbar werden.

Also ist Europa besser als sein Ruf?
Absolut. Ich stelle in solchen Momenten gern eine Gegenfrage: Was ist denn die Alternative zu Europa?

Was hören Sie als Antwort?
Gar nichts. Weil allein die Vertretung unserer wirtschaftlichen Interessen im internationalen Wettbewerb eine Organisation braucht, die größer ist als einzelne Mitgliedstaaten.

Und wie sieht es bei der Produktion und Verteilung von Impfstoffen aus?
Ich glaube, die Menschen sind insgesamt von der Corona-Pandemie genervt. Das betrifft alle Ebenen. Ansonsten ist hier wieder das eingetreten, was ich gerade beschrieben habe. Die Mitgliedsstaaten haben sich geeinigt, dass man sich breit aufstellt und Impfstoffe gemeinsam bestellt. Und weil es jetzt nicht so schnell geht, wie erhofft, beginnt das Europa-Bashing.

Die Ministerin beim Sommerfest der Landesvertretung Niedersachsen 2019 mit Philipp und Wiebke Rösler, Hubertus Heil und Christian Wulff. Foto: Landesvertretung Niedersachsen.

Lassen Sie uns doch das faktische Ergebnis betrachten. Wie viele Menschen in Europa sind derzeit geimpft und wie viele in anderen Ländern? Können wir wirklich zufrieden sein?
Es geht immer besser und schneller, gar keine Frage – die Abstimmung hätte besser sein können. Aber wir sollten auch anerkennen, dass noch nie so schnell Impfstoffe entwickelt und auf den Markt gebracht wurden, wie aktuell. Ich verstehe, dass die Menschen ungeduldig sind, sich nach ihrem „normalen“ Leben sehnen. Aber die EU muss auch mit Widersprüchlichkeiten leben: Einerseits gibt es Impfgegner:innen und -skeptiker:innen, die der Meinung sind, dass die Impfstoffe nicht ausreichend getestet wurden, andererseits den Vorwurf, dass alles viel zu lange dauert. Diesen Spagat hätte die Kommission aber offensiver und verständlicher erklären können …

Welche Relevanz hat Europa für die niedersächsische Wirtschaft?
Deutschland und damit auch Niedersachsen profitieren als Exportländer erheblich von der EU – von der Freizügigkeit, den gemeinsamen Standards – eben dem europäischen Binnenmarkt. Dadurch sind wir viel schneller. Und selbst die hohe Verbraucherfreundlichkeit hilft am Ende auch der Wirtschaft. Denn sie erzeugt Vertrauen. Die wirtschaftliche Entwicklung der letzten Jahre in Niedersachsen wäre ohne die Europäische Union nicht denkbar.

Können Sie sich noch an den Moment und Ihre Gefühlslage erinnern, als Sie das Ergebnis des Brexit Referendums erfahren haben?
Ich bin abends ins Bett gegangen und meine Tochter war noch auf einer Veranstaltung zum Brexit. Sie sagte, mach Dir keine Sorgen, die werden dagegen stimmen. Das weiß ich noch. Als ich morgens das Radio angeschaltet habe, war ich fassungslos. Wirklich fassungslos. Und ich habe sehr, sehr lange noch die Hoffnung gehabt, dass man den Brexit wird abwenden können.

Wie haben Sie den Prozess zwischen Referendum und Brexit wahrgenommen?
Als absolut quälend. Für die Europäische Union, auch für mich, aber vor allem für die Brit:innen. Ich war in der Zeit in London und habe auch hier in Niedersachsen mit vielen Brit:innen geredet. Dabei habe ich viel Leid erfahren, das war hochemotional. Auf einmal war für die Menschen vieles in Frage gestellt: das selbstverständliche Leben innerhalb der EU mit seinen gemeinsamen Regeln, der Freizügigkeit und vielem mehr.

Honé bei einer Abstimmung des Bundesrates in Berlin … Foto: Landesvertretung Niedersachsen.

Von außen betrachtet wirkte der Prozess wie ein intensiver Rosenkrieg, der in der Kommunikation Grenzen des Anstands überschritten hat …
Das unterschreibe ich, wenn Sie mit Rosenkrieg die sehr unfairen Mittel und Methoden meinen. Allerdings impliziert der Begriff auch, dass diese Dinge von beiden Seiten ausgingen und das war beim Brexit nicht so. Die Populist:innen in Großbritannien haben von Anfang an mit Argumenten und Zahlen gearbeitet, die nicht belastbar waren. Wer eine politische Debatte auf Fake-News aufbaut, hat es anschließend schwer, mit diesen Positionen in Verhandlungen zu gehen.

War das der Grund für den quälend langen Prozess?
Ja. Im Grunde genommen wussten die Unterhändler:innen aus dem Vereinigten Königreich lange gar nicht, was ihr Ziel ist. Sie haben stereotyp von einer besonderen und exklusiven Partnerschaft geredet, konnten aber nicht definieren, was diese denn eigentlich ausmachen soll.

Wie anstrengend ist der Umgang mit Populist:innen in der Politik?
Als Europa-Ministerin habe ich immer wieder Rechtspopulist:innen in meinen Veranstaltungen und mache die Erfahrung, dass Sachargumente plump in Frage gestellt werden. Also ist oft keine fachliche Diskussion möglich. Und für mich ist der Austausch dann kaum lohnend, weil man beim Gegenüber einfach nichts erreicht.

 

… und im Gespräch mit Heinz Jörg Fuhrmann, dem Vorstandsvorsitzenden der Salzgitter AG. Foto: Landesvertretung Niedersachsen.

Sehen Sie ein weiteres Erstarken des Populismus in der Politik oder sind wir über den Berg?
Auch wenn in den Vereinigten Staaten mit der Wahl von Joe Biden etwas aufgebrochen ist, können wir nicht ausschließen, dass die Kräfte um Trump wieder erstarken. In Frankreich bläst Marine Le Pen erneut zum Gefecht. Und in Deutschland erleben wir, dass die sogenannten Querdenker sich als breite Sammlungsbewegung für viele unzufriedene Menschen etablieren. Das ist nicht zu unterschätzen. Insofern würde ich überhaupt keine Entwarnung geben.

Hat Europa damit gegenwärtig so viele politische Feinde wie noch nie seit der Gründung?
Mittlerweile ist eine Generation an der Macht, die den Zweiten Weltkrieg nicht mehr erlebt und vielfach auch keine Erfahrungen mit diktatorischen Regimen hat. Ich meine feststellen zu können, dass sich dadurch ein etwas lässigerer Umgang mit den demokratischen Errungenschaften einstellt. Und dazu gehört natürlich unser heutiges Europa mit all seinen Rechtsstaatsprinzipien. Dass dies gegenwärtig in Frage gestellt wird, erleben wir ja zum Beispiel in Polen oder Ungarn.

„Im 21 Jahrhundert sind alle europäischen Länder, kleine Länder“, sagte uns der Europa- Parlamentarier David McAllister vor zwei Jahren im Interview. In wie weit ist die Stärke der EU durch den Austritt Großbritanniens geschrumpft?
Das ist schon ein herber Schlag. Großbritannien war ein großes und wichtiges Mitglied. Auf der anderen Seite finde ich ausgesprochen positiv, dass die übrigen 27 Mitglieder während des Brexits ganz eng bei einander geblieben sind. Das ist übrigens ein positiver Nebeneffekt des quälenden Austrittprozesses. Er hat gezeigt, dass eine Trennung gar nicht so einfach ist und wird politische Kräfte in Europa davon abhalten, diese zum politischen Programmpunkt zu machen.

Wie zufrieden sind Sie mit dem Austrittsabkommen?
Sehr unzufrieden. Viele Bereiche sind offengelassen worden – so beispielsweise die Frage der Anerkennung von Berufsqualifikationen. Es ist ausgesprochen bedauerlich, dass sich die britische Regierung bisher nicht dazu hat durchringen können, weiter am Erasmus-Programm mitzuwirken. Das ist für mich ein Anachronismus in einer Zeit, in der die Welt zusammenwächst und wir jungen Menschen Austausch ermöglichen wollen.

 

Das Ministerium für Bundes- und Europaangelegenheiten und Regionale Entwicklung hat seinen Sitz in der Hannoveraner Osterstraße. Foto: Landesvertretung Niedersachsen. Foto: Landesvertretung Niedersachsen.

Wie wird die wirtschaftliche und politische Beziehung zwischen Großbritannien und Niedersachsen zukünftig aussehen?
Ich bemühe mich darum, dass wir gute Beziehungen haben. Und ich werbe gerade bei den jungen Leuten, die ja mehrheitlich gegen den Brexit waren. Worum geht es denn in der Politik? Es geht um die Zukunft. Darum ist für mich wichtig, dass wir mit dem Vereinigten Königreich, das nach wie vor zu Europa gehört, und zu dem wir Niedersachsen traditionell eine gute Beziehung haben, im engen Austausch bleiben.

Sie sind Ministerin für Bundes- und Europaangelegenheiten sowie regionale Entwicklung – wie passen diese drei Handlungsfelder zusammen?
Wir arbeiten in Brüssel und Berlin dafür, dass die Dinge, die dort auf den Weg gebracht werden, Vorteile für Niedersachsen haben. Umgekehrt nehmen wir das, was regional eine Rolle spielt, auf und spielen es „nach oben“.

Haben Sie hierfür ein Beispiel?
Ja, den grünen Wasserstoff. Da haben wir viele Akteure im Land, mit dem Wasserstoffcampus auch in Ihrer Region. Hier organisieren wir Unterstützung in Brüssel, machen Termine mit der Kommission und laden Unternehmen ein. Das Gleiche passiert in Berlin, dort ist zum Beispiel wichtig, was das Bundeswirtschaftsministerium plant. Wesentlich bei der Gestaltung der Themen in meinem Haus ist unser integrativer Ansatz. Wir betrachten nicht einzelne Politikfelder, sondern immer das Zusammenspiel.

Wie viele Tage in der Woche sind Sie in Hannover, Berlin und Brüssel unterwegs?
Außerhalb der Pandemie-Zeiten bin ich im Monat sieben bis acht Tage in Brüssel und normalerweise ein bis zwei Tage in Berlin. Den Rest der Zeit in Hannover und Niedersachsen.

Auf welchem Parkett fühlen Sie sich am wohlsten – im regionalen Klein-klein, in Berlin oder in Brüssel?
Diese „Klein-klein“ ist ja genau das, wofür wir uns in Berlin und Brüssel einsetzen. Ich fühle mich überall dort wohl, wo wir Dinge umsetzen und zu Ergebnissen kommen können. Das hat vielleicht auch mit dem Älterwerden zu tun, aber Ritualen, die uns nicht weiterbringen, kann ich nicht viel abgewinnen (lacht).

Sieben bis acht Tage pro Monat ist die Ministerin aber normalerweise in Brüssel unterwegs. Foto: Christian Lue – Unsplash.

Ihr Ministerium blickt auf eine spannende Vergangenheit zurück. Verantwortlichkeiten haben sich immer wieder geändert, so auch der Name. 1994 wurde das damalige Ministerium für Bundes- und Europaangelegenheiten schließlich aufgelöst und erst 2017 die Eigenständigkeit des Hauses wiederhergestellt. Wie kam es dazu?
Das hängt immer damit zusammen, wo in den einzelnen Bundesländern Europolitik ressortiert. Viele platzieren das Thema in der Staatskanzlei, das war bei uns auch so. Bis 2017 war ich Staatssekretärin bei Stephan Weil. Da ist die Rolle anders …

… welche?
Der integrative Ansatz wird auch in der Staatskanzlei gelebt, aber eine Ministerin wird in Brüssel ganz anders wahrgenommen. Außerdem bin ich als Ministerin freier in dem, was ich sage und tue. Aber unabhängig von der Organisation war Europa in Niedersachsen immer ein ganz zentrales Thema. Die Netzwerke in Brüssel sind gepflegt worden – auch jenseits der politischen Farbenlehre.

Ein vergleichbares Ministerium gibt es aber in keinem anderen Bundesland?
Nein, nicht mit den Zuständigkeiten auch für Regionalentwicklung.

Welche Stimme hat Niedersachsen durch Sie in Europa? Sind wir von der Größe her vergleichbar mit anderen kleinen Mitgliedern der Europäischen Union …
… mit Irland zum Beispiel …

… oder sind Sie in Brüssel nur Vertreterin irgendeines Bundeslandes?
Nein, es wird natürlich genau registriert, welche Wirtschaftskraft mit Niedersachsen verbunden ist. Da spielt ein bedeutender Automobilhersteller natürlich eine große Rolle, aber auch die Salzgitter AG oder Bosch in Salzgitter. Wir haben hier außerdem viele Hidden Champions wie Sartorius. Und nicht zu vergessen, viele bekannte Niedersachsen sind in Brüssel, die Kommissionspräsidentin zum Beispiel.

Großbritanniens Premier Boris Johnson als Joker während einer Anti-Brexit Demonstration in London im Oktober 2019. Foto: Unsplash/ Jannes van den Wouwer.

Korrespondiert die Bedeutung Ihres Ministeriums mit der Bekanntheit in der Öffentlichkeit?
In der breiten Öffentlichkeit sicher nicht. Ich komme aus der Verwaltung, bin eher fachpolitisch aufgestellt und habe keinen Wahlkreis. Aber natürlich bin ich politisch gut vernetzt und sozialisiert. Und das ist auch notwendig, um die Dinge durchzusetzen.

Vier der insgesamt elf Ministerialposten im Niedersächsischen Landtag sind von Frauen besetzt. Das entspricht einem Frauenanteil von rund 36 Prozent. Ist das für Sie zufriedenstellend?
Natürlich nicht. Natürlich brauchen wir die Hälfte – genauso wie in anderen Bereichen auch. Es gibt sogar ein Bundesministerium, in dem es in der Führung nur Männer gibt, das Seehofer-Ministerium. Das ist für die heutige Zeit überhaupt nicht akzeptabel. Und daran müssen wir etwas ändern.

Wie häufig hatten Sie es in Ihrer Karriere besonders schwer, weil Sie eine Frau sind?
Das ist eine gute Frage. Ich glaube, als junge Frau fällt das Geschlecht sehr ins Gewicht. Wenn man Karriere machen möchte, hat man bestimmte Stellschrauben, die man einfach stellen muss. Ich hatte das Glück, dass ich für alle Positionen in meinem Leben gefragt worden bin, aber es gab Situationen, in denen man mich benachteiligen
wollte …

… das müssen Sie erklären!
1994 ist mir das passiert, als ich eine Geschäftsführung übernehmen sollte. Mein Vorgänger war deutlich besser bezahlt und mir wurde gesagt, dass ich ja noch jung sei und wir erstmal zwei Gehaltsgruppen niedriger anfangen.

Wie haben Sie reagiert?
Das war ein Augenblick, in dem ich meinen Mut echt zusammengenommen und widersprochen habe. Damit war das Thema tatsächlich vom Tisch. Aber ich kenne viele Frauen, auch heute noch, die so etwas hinnehmen würden. Also zurück zu Ihrer Frage: Ich kann für mich nicht sagen, dass ich etwas nicht bekommen hätte, weil ich eine Frau bin. Aber ich kenne viele Frauen, bei denen es so ist.

Zwei Niedersächsinnen in Brüssel: Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen im Gespräch mit Birgit Honé. Foto: Privat.

Vor einigen Jahren hat Rainer Brüderles Dirndl-Statement eine größere Debatte um Sexismus in unserem Land ausgelöst. Ist der Politikzirkus mit all seinen Alphatieren besonders sexistisch und antiquiert?
In der Politik ist vieles ritualisiert und dazu gehört auch eine bestimmte Form des Platzhirschgehabes, der persönlichen Darstellung. Ich habe mein Leben in Männerrunden zugebracht. Wo auch immer ich war, war ich fast immer die einzige Frau. Sie merken, dass Sie als Frau bei den Kollegen angekommen sind, wenn sie in Ihrem Beisein einen Witz über Frauen machen.

Wie reagieren Sie in solchen Situationen?
Ich habe mir angewöhnt, einen Männerwitz zu erzählen.

Jetzt sind wir gespannt …
Fliegt ein Mann aus dem Fenster. Was ist das? Schöner wohnen. Das ist zwar etwas platt, aber die Witze der männlichen Kollegen sind oft auch nicht besser (lacht).

Sind Sie heute vor allem die Ministerin?
Natürlich werde ich auch als Frau wahrgenommen. Und ich hoffe, dass ich vor allen Dingen von Frauen wahrgenommen werde in dieser Rolle. Das ist für mich eine Verantwortung, weil ich Frauen damit Mut und deutlich machen möchte, dass es geht und wir alle dafür sorgen müssen, dass es mehr Frauen in der Politik gibt.

Warum reagieren gerade viele Männer so empfindlich, wenn es um Gleichstellung und Fairness geht. Haben sie am meisten zu verlieren?
Ich glaube, dass viele Männer nicht nachvollziehen können, welche Kränkungen Frauen erleben – einfach, weil sie nie in dieser Situation waren. Wenn Männer eine Rede halten und die weibliche Form nicht benutzen, fühle ich mich schlichtweg nicht angesprochen. Vielleicht geht es auch um Machtverlust – das wird aber eher bei der Quote deutlich …

… wie stehen Sie zu dieser?
Ich bin unbedingt dafür. Welchen sachlichen Grund gibt es, gegen die Quote zu sein? Sie gilt für mein Verständnis auch in den Bereichen, in denen Frauen überproportional  vertreten sind. Ich bin seit 1990 in der Politik und es ist wie ein Albtraum, dass wir heute die Flexiquote haben und drei Viertel der Unternehmen als Zielgröße Null angegeben haben.

Lassen Sie uns noch einmal über Niedersachsen sprechen: In welche Regionen würden Sie das Bundesland unterteilen, wenn Sie frei entscheiden könnten?
Das hängt ja ganz vom Anlass ab. Niedersachsens Regionen sind vielfältig – im Amtsbezirk Braunschweig finden Sie urbane und ländliche Räume, international führende Unternehmen und grenzüberschreitende Schutzgebiete. Wenn ich die Daseinsvorsorge im Harz sicherstellen will, ist die Karte eine ganz andere als beim Zuschnitt eines Forschungsclusters.

In Braunschweig fühlt man sich hin und wieder gegenüber der Landeshauptstadt benachteiligt – zurecht?
Das sind veraltete Debatten. Es geht uns darum, die Metropolregion international sichtbar zu machen. Und wir müssen auch mal ehrlich zueinander sein: Die Menschen, die von außerhalb zu uns kommen, schauen doch nicht auf Braunschweig, Hannover oder Göttingen, sondern auf das Gesamtpaket. Das sind alles keine Entfernungen.

Wo hat die Region Braunschweig-Wolfsburg ihre Stärken?
Wissenschaft und Wirtschaft sind hier selbst im europäischen Vergleich sehr stark. Die Vernetzungsmöglichkeiten, die wir vor Ort haben, sehe ich als absolute Chance, wenn wir uns nicht auf einzelne Standorte verengen: Think big!

„Es gibt immer einen Weg, wenn man das Ziel kennt.“ Foto: Holger Isermann.

Als Vertreter:innen Ihres Ministeriums sind die Landesbeauftragten in den Region besonders sichtbar. Welche Funktion haben sie?
Sie sollen die Themen ihrer Region aufnehmen und gleichzeitig schauen, wie sie die Förderprogramme in die Fläche bringen können. Es geht nie ums Prinzip Gießkanne, sondern darum, Stärken weiter auszubauen. Wir werden für die nächste EU-Förderperiode, das kann ich hier schon einmal ankündigen, aus den EU-Fördermitteln ein 100 Millionen Euro-Programm stricken, das Zukunftsregionen heißt: Kreislaufwirtschaft, Nachhaltigkeit, grüner Wasserstoff, Life Science – das sind die Bereiche, die die Landesbeauftragen mit ihren Landkreisen initiieren und voranbringen sollen.

Wie groß ist der Topf an EU-Fördergeldern, den Sie jährlich ausschütten?
Für die Strukturfonds, das sind klassisch der Sozialfonds, der Fonds für die Entwicklung ländlicher Räume und der Wirtschaftsfonds, insgesamt 2,1 Milliarden Euro in dieser Förderperiode. Aber es geht nicht nur um die Töpfe, die wir zur Verfügung haben, sondern auch um das Heben weiterer Mittel aus Bund und EU.

Sie bemühen und sorgen sich außerdem um die Innenstädte. Wir erleben gerade, dass Covid-19 dort als Katalysator wirkt, …
… Brandbeschleuniger, sage ich immer.

… sodass die klassischen Einzelhandelsstrukturen mindestens zur Disposition stehen.
Der Wandel der Innenstädte ist kein neues Thema und hat viel mit dem Onlinehandel zu tun. Ich glaube übrigens nicht, dass dies rückholbar ist – das Kaufverhalten hat sich einfach verändert. Die Städte werden in zehn Jahren anders aussehen, als wir sie bisher kannten. Deshalb müssen wir über neue Ansätze nachdenken …

Zum Beispiel?
Es geht immer darum, die Innenstädte attraktiv für die sie umgebenden Räume zu machen. Dazu gehört ein veränderter Einzelhandel, der auf Themen und Produkte setzt, die haptisch erlebbar sind. Ein weiteres Ziel ist, die Städte vor dem Hintergrund der Klimadiskussion ökologisch aufzurüsten – also Verkehre anders stattfinden zu lassen und naturnahe Räume zu schaffen, die der Erholung dienen. Und wir müssen die Innenstädte wieder stärker als Wohnquartiere denken. In den Großstädten sind die Mieten sehr hoch, in den Kleinstädten können wir mehr bezahlbaren Wohnraum schaffen. Für diese Themen haben wir seit 2019 das Programm Zukunftsräume.

Worum geht es dabei?
Um dreierlei: Erstens stellen wir fest, dass die Vielzahl der Förderprogrammen für viele kaum noch zu überblicken ist. Also bieten wir den Kommunen Beratung an. Zweitens finanzieren wir ein Netzwerk zum Ideenaustausch, denn man muss das Rad nicht immer neu erfinden. Niedersachsenweit stellen Kommunen ihre erfolgreichen Projekte vor. Dort können sich alle informieren und schauen, was man für den eigenen Standort übernehmen kann. Drittens haben wir kein enges, sondern ein weites Programm. Die schematischen Förderungen, die wir jahrzehntelang hatten, funktionieren nicht mehr, dafür ist die Ausgangslage der Kommunen viel zu individuell.

Klingt nach einer Mammutaufgabe. Wie oft haben Sie sich in den letzten Jahren gefragt, warum Sie nicht die Richterlaufbahn eingeschlagen haben?
Gar nicht. Politik – und im Übrigen auch öffentliche Verwaltung – finde ich total spannend. Das ist nichts Langweiliges, Verkrustetes oder Bürokratisches. Das ist ein spannendes Feld und gerade in der Pandemie sieht man, wie wichtig eine gute Verwaltung ist.

Sie werden vielerorts für Ihre Sachkenntnis gelobt – was können Sie noch besonders gut?
Ich kann Dinge ganzheitlich betrachten und ich habe im Kopf schnell ein Umsetzungsschema. Ich kenne das Ziel und lasse Argumente wie „das geht nicht“ nicht gelten. Es gibt immer einen Weg, wenn man das Ziel kennt. Positiv ist auch, dass ich mich beraten lasse – von Wissenschaft und Wirtschaft. Ich bin sehr dialogorientiert und schätze den Rat von Fachleuten.

Und was können Sie weniger gut?
Ich bin nicht gut in ritualisierten Dingen, unheimlich ungeduldig und überfordere manchmal auch. Ich glaube, mein Haus findet mich in Teilen sehr anstrengend (lacht).

Das konnte man über Sartorius-Chef Joachim Kreuzburg, den Sie bereits erwähnten, jüngst in einem Portrait der Wirtschaftswoche auch lesen. Dass er einige seiner Führungskräfte mit seiner Geschwindigkeit überfordere …
Das wusste ich gar nicht (lacht). Das würden Ihnen meine Leute genauso sagen. Was kann ich noch nicht gut (denkt kurz nach) – also, ich kann mit Fug und Recht sagen, ich brauche um mich herum Leute, die mich organisieren. Wenn Sie mich fragen würden, welche Termine ich heute Nachmittag noch habe, müsste ich darüber erst einmal nachdenken. Und ich habe in meinem Umfeld immer mindestens eine Person, die total penibel und pingelig ist. Ich verfolge das 80:20-Prinzip, weil ich vorankommen möchte. Deshalb ist es gut, wenn das Umfeld mich organisiert und die Dinge auch mal im Kleinen genau verfolgt.

Nerven Sie diese Personen oder sehen Sie das positiv?
Natürlich nerven sie manchmal (lacht). Aber ich weiß, dass ich diese Eigenschaft um mich herum brauche.

Fühlen Sie sich beruflich angekommen?
Es ist ein Geschenk, dass ich diesen Job machen und so viel bewegen kann.

Was machen Sie, wenn Sie nicht arbeiten?
Im Sommer bin ich in meinem tollen Garten. Meine Tochter sagt immer, man erkenne anhand meiner Buddelei meinen Frustgrad (lacht). Außerdem koche und backe ich unglaublich gerne. Und ich lese Krimis.

Haben Sie einen Lieblingsautor?
Skandinavische Krimis lese ich besonders gerne. Neulich wollte ich mal etwas ausmisten, aber vom Kommissar Wallander kann ich mich einfach nicht trennen …

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