und
6. September 2021
Entscheider

„Wer einmal Genossenschaftsluft geatmet hat, bleibt dabei“

Christian Kurth und Stefan Trapp im Interview

Stefan Trapp und Christian Kurth beim Standort38-Gespräch am Braunschweiger Hafen. Foto: Holger Isermann.

Wer das lauschige Areal nur von den Wochenenden kennt, wird vom geschäftigen Treiben am Braunschweiger Hafen an diesem Donnerstagnachmittag überrascht. LKW um LKW rauscht in der Juli-Hitze auf dem Kopfsteinpflaster vorbei, Portalkräne drehen sich in der Sonne. Es staubt. Rutschender Kies und polternde Baumstämme mischen sich in die Geräuschkulisse.
Ein Gabriel-Zitat vom SPD-Parteitag 2009 schleicht sich da in den Sinn: „Wir dürfen uns nicht zurückziehen in die Vorstandsetagen, in die Sitzungsräume. […] Wir müssen raus ins Leben; da, wo es laut ist; da, wo es brodelt; da wo es manchmal riecht, gelegentlich auch stinkt.“ So weit müssen wir es an der Hafenkante glücklicherweise nicht treiben – im Gegenteil: ein frisches Lüftchen macht den passenden Rahmen für unser Gespräch mit Christian Kurth von der Dachdecker-Einkauf Ost eG und seinem Genossenschaftskollegen von der BÄKO Weser-Ems-Mitte eG, Stefan Trapp sogar noch angenehmer.
Nun sind Dachstühle und Torten mindestens Äpfel und Birnen. Vergleichen sollte man beide besser nicht, aber beim Selbstverständnis, den Werten und der Faszination des Jobs gibt es zwischen dem Vorstand und dem Standortleiter erstaunlich viele Gemeinsamkeiten. Denn die genossenschaftliche Klammer überwindet Branchen und führt zu ganz ähnlichen Antworten auf sehr individuelle Herausforderungen. „Wir sehen uns als handwerkspolitischen Arm, und das ist ein Vorteil, den klassische Baustoffhändler nicht bieten können“, sagt Christian Kurth und Stefan Trapp betont: „Wir verkaufen Verlässlichkeit. […] Darüber hinaus sehen wir uns auch als Teil des Bäcker- und Konditorhandwerks.“
Ein bewegtes Standort38-Gespräch über den verlängerten Arm des Handwerks, eine Nasenspitze Vorsprung und die Entwicklung von der Einkaufs- hin zur Dienstleistungsgenossenschaft …

Herr Kurth, 1964 wurde die damalige Dachdecker-Einkauf Braunschweig eG von 17 selbständigen Dachdeckermeistern gegründet. Was waren die Hintergründe?
Kurth: 1964 war die Versorgungslage für die Dachdecker in Deutschland sehr schlecht und stark beherrscht von einigen wenigen Unternehmen. Deshalb haben die 17 sich überlegt eine Genossenschaft zu gründen, um einen gemeinsamen Einkauf und dadurch Mengen-Preis-Vorteile zu realisieren.

Wie ging es mit der Genossenschaft weiter?
K: In den ersten Jahren hat sie sich gut entwickelt und ist gewachsen. Im weiteren Verlauf gab es in unserer Firmenhistorie Ups and Downs. Ein Highlight war die Fusion mit dem Dachdeckereinkauf Hannover im Jahr 1998. Als die Baubranche Anfang der 2000er unter den konjunkturell schwierigen Zeiten gelitten hat, waren wir fast insolvent, ein schwerer Sanierungsfall. Aber seitdem geht es nur noch bergauf.

Vorsicht – Hafenkante:
Stefan Trapp … Foto: Holger Isermann.

Heute gehören mit der DFH Dach-Fassade-Holz Mittelweser GmbH und der FRIESER Fassadentechnik GmbH zwei Tochterunternehmen zu Ihrer Genossenschaft. Wie kam es dazu und warum passt das in Ihr genossenschaftliches Konzept?
K: Wir können heute nicht mehr nur die reine Genossenschaftskarte ausspielen. Wir sind quasi als Einkaufsabteilung der Dachdecker gegründet worden. Doch dieser Zug ist längst abgefahren. Inzwischen sind wir eine Vertriebsgesellschaft und Dienstleistungsorganisation. Der Einkauf gehört nach wie vor dazu, aber wir bieten auch unendlich viel Service drumherum, immer mit dem Schwerpunk Zimmerer- und Dachdeckerhandwerk. Dazu gehört unter anderem das Thema Fassade. Hier haben wir uns Know-how eingekauft.

Herr Trapp, Ihre Historie reicht bis in das Jahr 1908 zurück, in dem sich die Zentrale-Einkaufsgenossenschaft rheinisch-westfälischer Bäckermeister e.GmbH gründete …
Trapp: Eigentlich liegen die Anfänge der BÄKO bereits im Jahr 1899, als sich die ersten Bäckereien zu einem Einkaufsverein zusammengeschlossen haben. Natürlich war das längst nicht so professionell wie heute, aber man hat sich zusammengesetzt und überlegt, dass man Preisvorteile durch den gemeinsamen Einkauf generieren könne.

Gab es dafür einen konkreten Auslöser?
T: Zu dieser Zeit kamen viele Werks- und Konsumbäckereien auf. Im Gegensatz dazu war der klassische Bäcker in der Produktion und der Menge plötzlich viel kleiner. Um das auszugleichen, hat man sich zusammengeschlossen und der Innungsobermeister hat beispielsweise Hefe und Mehl eingekauft. 1908 wurde dann unser Hauptsitz in Oldenburg gegründet. 1917 folgte die BÄKO Braunschweig. Im Prinzip gab es in jeder Stadt eine separate Einkaufsvereinigung. Mit den Jahren sind diese immer weiter miteinander verschmolzen.

Wie groß sind Ihre jeweiligen Genossenschaften heute? Können Sie beide uns einige aktuelle Zahlen nennen?
K: Wir haben etwa 440 Mitarbeiter:innen, 23 Standorte und unser Vertriebsgebiet geht im Prinzip im Westen vom Deister die ganze A2 runter bis zur polnischen Grenze über Sachsen-Anhalt, Sachsen, Brandenburg und Berlin. Wir machen 210 Millionen Euro Umsatz im Jahr und haben rund 1.200 Mitglieder sowie etwa 5.000 Kund:innen.
T: Das Einzugsgebiet der BÄKO Weser-Ems-Mitte umfasst den nordwestdeutschen Raum, den Großraum Braunschweig, Göttingen und Magdeburg. Unser Umsatz beträgt jährlich etwas 190 Millionen Euro und wir haben etwa 290 Mitarbeiter:innen, 480 Mitglieder und 950 Kund:innen.

Sie unterscheiden zwischen Mitgliedern und Kund:innen. Heißt das, man kann bei Ihnen einkaufen, selbst wenn man kein Mitglied ist?
K: Richtig. Aber man profitiert dann nicht immer von den Dienstleistungen, die wir zum Teil exklusiv für unsere Mitglieder haben.
T: Auch bei uns ist es keine Voraussetzung Mitglied zu sein. Allerdings bieten wir unseren Stammkund:innen trotzdem das komplette Leistungspaket an, dazu gehören auch Dienstleistungen über das reine Warengeschäft hinaus.

… und Christian Kurth stellen sich und ihre Genossenschaften im Videointerview vor. Foto: Holger Isermann.

Der Wiener Genossenschaftsforscher Prof. Rößl sagte im Standort38-Interview: „Einkaufsgenossenschaften im engen Wortsinn haben in den meisten Bereichen ihre Bedeutung verloren, weil die Einkaufsmacht in relativ transparenten Märkten nicht mehr so wichtig ist. Die meisten Vertreter dieser Art sind deshalb in der Zwischenzeit mehr als der Name vermuten lässt – nämlich Fullservice-Genossenschaften für ihre Mitglieder.“ Würden Sie zustimmen?
T: Rößl hat sicherlich recht mit seiner Aussage. Die Frage ist allerdings, in welchem Markt man sich bewegt. Wir bewegen uns in einem Markt, der sehr spezielle Produkte verlangt. Dabei geht es nicht allein um den Preis, sondern um die Ware, die wir beschaffen und in diesem Sinne auch um die Dienstleistung. Der Einkauf ist aber immer noch das Hauptgeschäft.

Bleiben wir beim Preis: Würden Sie sagen, einen Sack Sonnenblumenkerne bekomme ich nirgendwo günstiger als bei Ihnen?
T: Dass es ihn nirgendwo günstiger gibt, würde ich nicht behaupten. Nichtsdestotrotz haben wir sicherlich das beste Preis-Leistungsverhältnis. Hinter unseren Produkten steht eine Qualitätspolitik mit Laborprüfungen und außerdem eine logistische Dienstleistung. Unsere Mitarbeiter:innen vom Fuhrpark stellen die Palette nicht hinter die erste verschließbare Tür, sondern tragen die Produkte auf den Dachboden oder in den Keller, dort hin, wo der Bäcker sie haben will. Und wenn es ein Problem mit einem Produkt geben sollte, stehen unsere Fachleute mit den Bäcker:innen in der Produktion und schauen sich alles genau an.

Wie oft haben Sie mit Ihren Mitgliedern Preisdiskussionen?
K: Täglich. Bei uns gibt es spezielle Produkte für das Dachdeckergewerk. Aber die Zeiten, in denen unsere Mitglieder auch zu 100 Prozent bei uns einkaufen, sind vorbei.

Warum?
K: Weil sich Genossenschaft noch vor 30 Jahren auf die klassische Einkaufsfunktion beschränkt hat, während andere Unternehmen entdeckt haben, dass der Service drumherum fehlt. So ist ein Wettbewerb entstanden, in dem wir uns behaupten müssen. Heutzutage geht es vor allem um den Service. Und darüber hinaus unterstützen wir das Handwerk über Innungen. Wir sehen uns als handwerkspolitischen Arm, und das ist ein Vorteil, den klassische Baustoffhändler nicht bieten können.

Dennoch sieht man heutzutage Handwerker:innen auch im Baumarkt einkaufen …
K: Das sind nicht unsere Zielkund:innen. Das Handwerksunternehmen fährt aus meiner Sicht nicht zum Baumarkt oder zu irgendeinem Drive in, weil dieser nicht über die Produktbreite und -tiefe verfügt.
T: Ich bin schon seit vielen Jahren bei der BÄKO und habe das genau umgekehrt erlebt. Wir hatten früher mehr untreue Kund:innen, die wirklich auf den Preis geachtet haben. Natürlich gibt es die Preisdiskussion immer noch und wir sind nicht immer die günstigsten, bei einem Sortiment von über 10.000 Artikeln geht das auch gar nicht. Aber unterm Strich wissen unsere Kund:innen, dass das Gesamtpaket passt. Wir verkaufen Verlässlichkeit. Das mag im Non-Food-Bereich noch einmal anders aussehen, aber wenn wir nur eine Stunde zu spät liefern, kann das für den Bäcker oder die Konditorin zum Problem werden.

Wie dürfen wir Sie eigentlich nennen: Einkaufsgenossenschaften, Handelsgenossenschaften, Dienstleistungsgenossenschaft, gewerbliche Genossenschaft?
K: Klassisch kommen wir aus der Einkaufsorganisation. Am Ende sind wir eigentlich eine Dienstleistungsgenossenschaft geworden oder befinden uns auf dem Weg dorthin. Das ist der einzige Weg, der uns in die Zukunft führen wird.
T: Dem kann ich mich nur anschließen. Darüber hinaus sehen wir uns auch als Teil des Bäcker- und Konditorhandwerks.

Gesprächsbedarf gibt es reichlich … Foto: Holger Isermann.

Das ist ein spannender Aspekt. Wenn man mit Zulieferern oder Logistikern der Automobilindustrie spricht, sagen die, dass sie eigentlich eine Fortsetzung des Werkes sind. Sind Sie auch gar nicht so sehr der externe Dienstleister, sondern vielmehr ein Teil des Handwerks?
T: Uneingeschränktes Ja.
K: Ich glaube, das ist auch der Unterschied zu anderen Unternehmensformen. Das „Wir“ steht immer im Mittelpunkt. Wir handeln nicht nur mit Produkten, sondern leisten Hilfestellung in jeder möglichen Form.

Welche Dienstleistungen bieten Sie Ihren Kund:innen an, die man vielleicht gar nicht erwarten würde?
K: Wir planen und organisieren beispielsweise für Zimmereien und Dachdeckereien die Holzkonstruktion für Steildächer, sodass der Handwerker auf der Baustelle nur noch montieren muss. Auch unser Flachdachservice wird sehr gut angenommen, weil die Planungen hier sehr zeitaufwendig sind.
T: Wir bieten unter anderem eine herstellerunabhängige Produkt- und eine betriebswirtschaftliche Beratung an. Und wir haben eigene Backmeister:innen, die Rezepturen entwickeln. Wir bieten außerdem Seminare an und sogenannte Filialchecks. Und unsere hauseigene Stiftung befasst sich mit der Zukunftsförderung des Bäcker- und Konditorhandwerks.

Haben Sie es einfacher als andere beratende Unternehmen, weil Sie ohnehin eng mit den Kund:innen in Kontakt stehen?
K: Als Genossenschaft sind wir dem Wettbewerb eigentlich immer eine Nasenspitze voraus. Und die müssen wir durch das Ziel retten. Das ist heutzutage extrem schwer, aber ja, wir haben einen Vorteil.

Weil man mit Ihnen nicht unbedingt den reinen Verkäufer verbindet?
K: Zum einen. Zum anderen ist es so: Wenn es der Dachdeckergenossenschaft gut geht, geht es dem Dachdeckergewerk im Regelfall auch gut. Wir hatten die letzten Jahre relativ kontinuierlich drei Prozent Warenrückvergütung auf jeden Umsatz, den sie mit uns machen. Das ist schon ein Vorteil, den man mitnehmen kann.

Obwohl sich die beiden Entscheider vor dem Gespräch nicht kannten und sie in unterschiedlichen Branchen arbeiten, werden schnell Gemeinsamkeiten deutlich. Foto: Holger Isermann.

Was charakterisiert Ihre Kund:innen?
T: Sie sind in der Regel bodenständige und ehrliche Menschen. Oft sind es Inhaber:innen, die ihren Betrieb von ihrem Vater oder Großvater übernommen haben und genauso lange arbeiten wir meist auch mit diesen Betrieben zusammen. Da besteht ein Vertrauensverhältnis.
K: Das Handwerk an sich ist auf eine Art und Weise ehrlich. Es funktioniert nur im Team und das „Wir“ wird großgeschrieben. Deswegen passt die Genossenschaft auch super ins Handwerk.

Herr Kurth, ist der zunehmende Fachkräftemangel im Dachdeckergewerk eine Entwicklung, die Ihnen Sorge bereitet?
K: Ja, das bereitet uns große Sorgen. Wir haben aktuell 70.000 Dachdecker:innen in Deutschland und viele davon sind bereits über 50 Jahre alt. Wir werden in zehn Jahren also voraussichtlich eine große Delle erleben. Wir wissen, wie viele Materialien pro Dachdecker:in im Jahr verarbeitet werden. Und wenn das weniger wird, trifft das nicht nur uns, sondern den gesamten Bedachungshandel. Deshalb schauen wir bereits jetzt, an welchen Stellen wir möglichst hohe Marktanteile generieren können und bauen neue Dienstleistungen und Services auf.

Haben Sie ein Beispiel für uns?
K: Wir müssen uns überlegen, wie wir uns im Bereich Digitalisierung weiterentwickeln können und investieren. Wahrscheinlich liegen unsere Produkte erstmal drei, vier oder sogar fünf Jahre, bis das Gewerk erkennt, dass genau das jetzt an der Reihe ist. Aber wenn wir dann erst einsteigen, ist es zu spät. Wir wissen, dass wir in einen Invest gehen, der mittelfristig eher negativ sein wird, aber es bleibt uns keine andere Wahl.

Was prognostizieren Sie, wird es in Zukunft eher weniger und dafür größere Dachdeckerbetriebe geben?
K: Vor ein paar Jahren wäre das noch meine Prognose gewesen. Durchgesetzt hat sich dieser Trend nicht. Das Dachdeckerhandwerk ist kleinteilig organisiert. Das Durchschnittsunternehmen besteht aus fünf Mitarbeiter:innen. Das trifft auf fast 70 Prozent der Betriebe zu. Nur weniger als zehn Prozent haben mehr als 20 Mitarbeiter:innen.

Wie steht es um die Themen Fachkräftemangel und Nachfolge in der Bäcker- und Konditorbranche, Herr Trapp?
T: Das hängt von der Betriebsgröße ab. Für sehr kleine Betriebe, in denen der Chef selbst in der Produktion steht, ist es sicherlich schwierig eine Nachfolger:in zu finden. Größere Familienbetriebe, die wirtschaftlich interessanter sind, haben es da einfacher. Nichtsdestotrotz kennen auch wir ein sogenanntes Bäckereisterben. Das ist ein Trend, den es schon seit längerem gibt. Kaum jemand entscheidet sich heutzutage noch dazu eine Bäckerei zu eröffnen.

Ihre Kundschaft schrumpft demnach zunehmend?
T: Das interessante ist, dass die Anzahl unserer Kund:innen schrumpft, aber die Anzahl der Bäckereifilialen nicht zurück geht. Schließt eine Bäckerei eröffnet dafür ein anderer Kunde eine neue Filiale. Durch Gebietserweiterung haben wir also keine großen Umsatzrückgänge zu erwarten.

Haben Sie den Eindruck, dass das Handwerk und auch Genossenschaften in der öffentlichen Diskussion heutzutage unterschätzt werden?
T: Das Problem ist, weder Handwerk noch Genossenschaften haben Sexappeal. Es ist nicht sexy, wenn man sagt, ich arbeite in einer Genossenschaft. Man muss immer erst erklären, was wir eigentlich genau tun und erst dann wird es in der Regel wertgeschätzt.

Für welche Werte stehen Ihre Genossenschaften?
T: Für Gemeinschaft und Zuverlässigkeit.
K: Ich würde noch das Wir hinzufügen. Wir sind im Handwerk tätig und Handwerk funktioniert schlecht allein. Das macht die Genossenschaft auch ein Stück weit zeitlos.

Inwieweit wirken sich die genossenschaftlichen Grundsätze in Ihrem Arbeitsalltag aus?
T: Wir sind kein gewinnorientiertes Unternehmen. Natürlich müssen wir unser Auskommen haben und Reserven bilden, aber letztendlich haben wir einen zweckgebundenen Auftrag. In unserem Fall für Bäckerinnen und Konditoren und in Ihrem Fall für Dachdeckerinnen eine Dienstleistung zu erbringen. Und einmal im Jahr haben wir eine Generalversammlung unserer Mitglieder, das ist das oberste Organ einer Genossenschaft. Dort wird der Aufsichtsrat bestimmt, der wiederum aus seiner Mitte einen Vorstand wählt.
K: Bei uns ist das sehr ähnlich. Der einzige Unterschied ist, dass wir zwei hauptamtliche Vorstände haben. Im Prinzip ist jeder Standort von uns eine kleine Genossenschaft vor Ort. Und durch die Handwerksnähe sind unsere Mitarbeiter:innen auch Mitarbeiter:innen des Handwerks. Das ist in der DNA der Genossenschaft verankert und lässt sich nicht vergleichen mit anderen Unternehmensformen.

Wer sind eigentlich Ihre Mitbewerber?
K: Es gibt Unternehmen, die deutschlandweit agieren, heutzutage oft aufgekauft von private equity Unternehmen hinter denen Konzernstrukturen stehen. Wir sind leider nicht allein am Markt.
T: Unser Wettbewerber könnte im Prinzip jeder Lebensmittelgroßhandel sein. Aber was uns auszeichnet ist das Sortiment, das auf die Kund:innen zugeschnitten ist. Das Komplettpaket ist fast ausschließlich bei der BÄKO zu bekommen und im Wesentlichen sind wir Marktführer in unserem Segment.
K: In unserem Vertriebsgebiet sind wir das auch.

Herr Kurth, wir befinden uns inmitten einer Baustoffkrise. Der Materialmangel verschärft sich und lässt Baupreise in die Höhe schnellen. Ist das auch im Dachdecker-Einkauf zu spüren?
K: Ja, leider. Wir haben mittlerweile für über 37 Millionen Euro Ware an unseren Legern liegen. Das sind zwölf Millionen Euro mehr, als wir das sonst zu dieser Jahreszeit hätten, weil wir vorrätig kaufen. Wie immer geht das einher mit Preissteigerungen. Normalerweise, wenn wir ein oder zwei LKW-Ladungen von einem Artikel einkaufen, sollte der Preis aufgrund des Mengenvorteils sinken.

Das tut er demnach nicht?
K: Momentan heißt es, wenn du noch drei LKW-Ladungen mehr nimmst, musst du auch mehr bezahlen. Solche verrückten Anwandlungen gibt es zurzeit.

Was prognostizieren Sie, wie wird sich dieser Trend in den nächsten Jahren weiterentwickeln?
K: Darüber machen sich viele Expert:innen Gedanken und es gibt keine konkrete Aussage. Das Problem ist wahnsinnig komplex. Das hat mit Corona zu tun, mit unterbrochenen Logistikwegen, im Holzbereich hat das etwas mit abgebrannten Wäldern in Amerika zu tun oder auch mit dem Borkenkäfer. Hinzu kommen Herausforderungen in der Chemiebranche. Wir gehen davon aus, dass es sich mittelfristig auf hohem Niveau etwas entspannt.

Inwieweit können Sie Preisschwankungen als genossenschaftliche Verbünde auffangen?
T: Unsere Aufgabe ist es, Bäckerinnen und Konditoren zu unterstützen und nicht, den optimalen Preis zu verhandeln. Deshalb versuchen wir die Preise möglichst zu glätten.

Wie können wir uns das konkret vorstellen?
T: Das heißt, wenn sich am Beschaffungsmarkt ein Preis erhöht, werden wir den Abgabepreis nicht automatisch mit erhöhen, sondern schauen auf Lagerbestände und weitere Faktoren. Wir gestalten realistische Preise.
K: Wir sind in unserem Vertriebsgebiet die größten Bedachungshändler, aber die Preise sind sehr ausgewogen und das wird von der Industrie bewusst gesteuert, denn sie haben auch ein Interesse daran, eine gewisse Vielfalt zu erhalten und in keine zu große Abhängigkeit vom Handel zu gelangen.

„Wir sind im Handwerk tätig und Handwerk
funktioniert schlecht allein.“ Foto: Holger Isermann.

Wie sah eigentlich Ihr persönlicher Weg in eine Genossenschaft aus? War das ein bewusster Schritt?
K: Ich bin mit 16 Jahren zufällig in diese Genossenschaft gerutscht, das kann ich ganz offen sagen. Ich habe beim Dachdecker-Einkauf meine Lehre angefangen. Später bin ich noch mal zur Schule gegangen und habe studiert und durch Zufall bin ich wieder zum Dachdecker-Einkauf zurückgekommen. Ich habe dann schnell erkannt, dass es unheimlich viel Dynamik in dem Unternehmen gibt und hoffe, dass sich das auch in der Zukunft fortführt.

Sie hatten also mehr Interesse an dem Unternehmen als an dem Genossenschaftsprinzip?
K: Ich glaube, wenn man so jung in ein Unternehmen kommt, wächst man in diese Genossenschaft rein, nimmt den dahinterstehenden Gedanken aber nicht bewusst wahr. Der ist sozusagen in einen reindiffundiert und man hat es erst später konkret verstanden.
T: Mein Werdegang sieht ähnlich aus. Ich habe bei der BÄKO Kaufmann im Groß- und Außenhandel gelernt und bin dann auch weggegangen. Irgendwann habe ich meine ehemaligen Kollegen besucht und traf auf unseren damaligen Vorstand, der mich fragte, ob ich nicht wieder zurückkommen wolle. So nahm das Schicksal seinen Lauf. Wir haben in unserer Firma tatsächlich auch kaum Fluktuation. Wer einmal in dieser BÄKO-Welt ist, bleibt dort oft auch.

Was denken Sie, woran das liegt?
T: Das hat sicherlich etwas mit Arbeitsbedingungen und Gemeinschaft zu tun, aber auch mit einer Sinnhaftigkeit der Aufgaben. Wir befassen uns mit schönen Produkten in einer Umgebung, die durch Bodenständigkeit geprägt ist. Und in der Regel, zumindest kann ich das für unsere Genossenschaft sagen, stimmt auch einfach das Betriebsklima. Das ist positiv und sehr menschlich. Wer einmal Genossenschaftsluft geatmet hat, bleibt dabei.

Haben Sie eigentlich auch privat eine Leidenschaft fürs Backen oder Handwerken?
T: Deshalb bin ich vielleicht auch mal zur BÄKO gekommen. In meiner Bewerbung stand damals, dass ich mich sehr für Backwaren interessiere (lacht). Mit Lebensmitteln gibt es immer Berührungspunkte. Und der Arbeitsalltag lässt einen dann natürlich auch nicht im Urlaub los. Man sieht ja überall Bäckereien und Backwaren.

Backen Sie auch selbst?
T: Das darf ich gar nicht, sonst würde ich Ärger mit unseren Kund:innen bekommen (lacht).

Und wie sieht es bei Ihnen aus, Herr Kurth?
K: Dazu gibt es unterschiedliche Meinungen (lacht). Ich bin handwerklich engagiert und probiere gerne aus. Zuletzt wollte ich bei unserem Carport eine Bitumenbahn aufschweißen. Das war ok, bis die Stelle undicht wurde. Ich werde also kein Dachdecker-Konkurrent.

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