und
1. September 2021
Entscheider

„Wir entscheiden, bleiben und stellen uns der Diskussion“

Stefan Studt, Vorsitzender Geschäftsführer der Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE), im Gespräch ...

Stefan Studt, Vorsitzender Geschäftsführer der Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE), in einem Gespräch über Verantwortung, eine kritische Begleitung ohne politische Einflussnahme und den „Wahnsinn eines Weges“, der über hunderte Generationen nachwirkt ... Foto: Holger Isermann.

Am 17. Juni 1961 speiste Deutschlands bis dato einziges kommerzielles Atomkraftwerk (AKW) in Kahl am Main zum ersten Mal Strom in das öffentliche Netz ein. Zwar entsprach die Leistungskraft des Reaktors gerade einmal zwei Windmühlen, dennoch wurde die Technologie in der wirtschaftlich aufstrebenden Bundesrepublik euphorisch als Meilenstein gefeiert – schließlich sollten im Atomzeitalter alle Energieprobleme der Menschheit gelöst sein. Man träumte von Autos mit Nuklearantrieb und kleinen Kernreaktoren im hauseigenen Heizungskeller. Atomkraft, ja danke!

60 Jahre und zwei Monate später sitzen wir Stefan Studt in den Räumlichkeiten der Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) mbH in Peine gegenüber. Seit drei Jahren leitet der gebürtige Schleswig-Holsteiner als Vorsitzender Geschäftsführer das bundeseigene Unternehmen, das sich mit dem Erbe der einst so bejubelten Energiequelle befasst. In Summe sind das rund 600.000 Kubikmeter schwach- und mittelradioaktive Abfälle und weitere 1.900 Castoren hochradioaktiven Mülls. Bis 2031 soll für letztere ein geeigneter Endlagerstandort gefunden werden, der die bestmögliche Sicherheit für eine Million Jahre gewährleistet.

Eine „Herkulesaufgabe“, stellt Studt fest. Doch zurück schreckt er davor nicht. Im Gegenteil: „Dort, wo ich hin gehe, will ich auch die Verantwortung tragen.“ Ein Leitsatz, der sich wie ein roter Faden durch seine Vita zu ziehen scheint. Zwischen 2012 und 2017 war Studt Chef der Staatskanzlei in Kiel, 2014 bis 2017 zudem Innenminister seines Heimatlandes und Vorsitzender des Innenausschusses des Bundesrates. Heute steht Studt „politisch auf der Tribüne, in der BGE mitten auf dem Spielfeld.“ Und wie! Wir sprachen mit dem 60-Jährigen über Verantwortung, eine kritische Begleitung ohne politische Einflussnahme und den „Wahnsinn eines Weges“, der über hunderte Generationen nachwirkt.

Stefan Studt und Pressesprecherin Monika Hotopp in einer der neuen Gesprächsecken auf dem Außengelände. Foto: Holger Isermann.

Herr Studt, ist die Atomenergie eigentlich besser als ihr Ruf?
Ich persönlich bin froh, dass wir den Ausstieg beschlossen haben. Das war 2008 bis 2011 eine schwierige Diskussion. Fukushima war dann nochmal ein deutlicher Indikator für die Bundesregierung ein Enddatum zu definieren.

Ist das Ende der Kernenergie also die richtige Entscheidung?
Ja. Aus meiner persönlichen Sicht ist das für unsere Gesellschaft ein gutes Ergebnis, weil es uns intensiv zwingt, weiter nach alternativen Energiegewinnungs- und Speichermöglichkeiten zu suchen. Drei Kraftwerke gehen dieses Jahr vom Netz, die verbliebenen drei nächstes Jahr – und dann ist die Kernkraft für Deutschland Geschichte.
Schon Rot-Grün suchte den Ausstieg, Schwarz-Gelb vollzog den Ausstieg vom Ausstieg und dann – angestoßen durch Fukushima – wieder den Ausstieg des Ausstiegs vom Ausstieg.

Welche Folgen hat dieses hin und her?
Zum einen finanzielle und wirtschaftliche, zum anderen aber auch umwelt- und gesellschaftspolitische Auswirkungen. Nicht nur für die Energiewirtschaft stellten diese Richtungswechsel eine große Herausforderung dar. Nichtsdestotrotz glaube ich, dass der jetzt hier in Deutschland eingeschlagene Weg auch heute noch weit überwiegend gesellschaftlicher Konsens ist.

Sie sagen Atomenergie sei Geschichte. Gibt es Ihrer Meinung nach keinen Weg zurück?
Die gesetzliche und die vertragliche Lage ist klar. Aber natürlich ist es nie ausgeschlossen, dass sich Technologien weiterentwickeln und dass sich die Haltung in unserer Gesellschaft sowie die Meinung in der Politik weiterentwickelt. Andere Länder um uns herum gestalten einen Energiemix inklusive Kernenergie. Und zumindest theoretisch ist denkbar, dass eine der künftigen Bundesregierungen darauf reagiert.

Zwischen Autobahn und Wohngebiet: Die Zentrale der Bundesgesellschaft für Endlagerung in Peine. Foto: BGE.

Anfang März jährte sich das Reaktorunglückin Fukushima zum zehnten Mal. Es finden sich auch Stimmen, die kritisieren, dass die Bundesregierung vom allgemeinen Entwicklungsstand Japans auf die Sicherheit der dortigen Reaktoren geschlossen hat. Würden Sie zustimmen?
Es gibt Analysen dazu, die ich persönlich nur zur Kenntnis nehmen kann. Ich bin kein Atomphysiker und kenne die Sicherheitsstandards der Kernkraftwerke in Japan nicht. Insofern kann ich die Frage nicht seriös beantworten.

Gibt es absolute Sicherheit in der Atomenergie?
Nein, die gab es auch nie. Natürlich möchte man das Höchstmaß an Sicherheit bei solchen technischen Einrichtungen erreichen und ein Langzeitsicherheitsnachweis ist Genehmigungsvoraussetzung, im Übrigen auch bei den Anlagen, die wir errichten.

Reden wir über die Kosten – war die Atomenergie in erster Linie ein guter Deal für den Staat oder die Energiekonzerne?
Es war 1961 beginnend eine klare wirtschaftspolitisch und industriepolitisch gewollte Entscheidung. Gewiss hat diese Entscheidung die wirtschaftliche Entwicklung in den letzten Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts befördert. Energetische Versorgungssicherheit ist die Basis für industrielle Entwicklung. Und natürlich hat auch der Staat von der Leistungsfähigkeit der Energieversorgungsunternehmen stark profitiert. In diese Betrachtung gehörte aber eigentlich von Beginn auch die Frage der langzeitsicheren Endlagerung. Zurecht hat sich aus dieser vernachlässigten Kehrseite dann doch eine zunehmend kritischere Haltung ergeben.

Das ist auch ein Stück Ihrer beruflichen Geschichte …
Eine meiner ersten beruflichen Stationen war Mitte der 1990er-Jahre im politischen Leitungsbereich des Ministeriums für Finanzen und Energie in Kiel. Dort wurde ich als Steuerjurist unerwartet das erste Mal damit konfrontiert, was es heißt, in der Atomaufsicht für drei Kernkraftwerke verantwortlich zu sein.

Bis 1978 wurden in der Schachtanlage Asse II 47.000 Kubikmeter schwach- und mittelradioaktive Abfälle eingelagert. Bei deren Rückholung rechnet die BGE mit insgesamt 300.000 Kubikmetern Abfall. Foto: BGE.

Nämlich?
Es war und ist eine Riesenherausforderung. Ein Kernkraftwerk ist ein besonders sensibler und hochkomplexer Betrieb. Durch den damaligen Minister Claus Möller und seine vorsorglich-kritische Haltung im Umgang mit der Atomenergie bin ich bis heute geprägt. Und tatsächlich war dies der damals überhaupt nicht zu ahnende Brückenschlag zu meiner heutigen Tätigkeit.

Wenn Sie als Privatmenschen auf die Kosten für den Ausstieg schauen – würden Sie sagen, diese sind gerecht verteilt?
Die Verantwortung für den Rückbau der AKWs bis hin zur grünen Wiese liegt bei den Energieversorgungsunternehmen. Die End- und Zwischenlagerung ist Aufgabe des Bundes. Da gibt es keine Diskussion mehr. Der Staat hat eine klare Verantwortungsübernahme deklariert und eine Vereinbarung getroffen. Die Rückstellung der Energieversorgungsunternehmen im Bereich der Endlagerung sind aufgelöst und mit einem Zuschlag versehen worden. Und dem Bund sind die bekannten 24 Milliarden Euro zur Verfügung gestellt worden, die jetzt im Fonds zur Finanzierung der kerntechnischen Entsorgung (Kenfo) verwaltet werden. Aus meiner Sicht ist das ein fairer Lastenausgleich.

Werden diese 24 Milliarden Euro plus Renditeentwicklung ausreichen, um alle Kosten für die Endlagerung zu realisieren?
Das werden die nächsten Jahrzehnte zeigen. Aus heutiger Sicht wird es wahrscheinlich aufgehen.

Und falls nicht?
… wird der Bund und damit der Steuerzahler die Verantwortung übernehmen müssen. Das ist natürlich ein kritischer Punkt, der auch uns in der BGE bewusst sein muss. Es liegt in der Verantwortung des Staates, mit den Mitteln verantwortungsvoll umzugehen.

Wie viel Atommüll gibt es eigentlich in Deutschland?
Wir differenzieren zwischen schwach- und mittelradioaktiven sowie den hochradioaktiven Abfällen in den rund 1.900 Castoren Schwach- bis mittelradioaktiv sind beispielsweise Abfälle aus der Forschung, aus Krankenhäusern, die Gebrauchsabfälle aus den Kernkraftwerken, wie Arbeitsanzüge, Verbrauchsmaterialien und perspektivisch die nicht freigemessenen Rückbauabfälle. Die freigemessenen Abfälle aus dem Rückbau können auf den normalen Landesdeponien entsorgt werden.

Einblick in Schacht Konrad: 2027 soll das Endlager in Betrieb gehen und Platz für 300.000 Kubikmeter schwach- und mittelradioaktiven Atommüll bieten. Foto: BGE.

Freigemessen bedeutet strahlungsfrei?
Die Werte liegen unterhalb der entsprechenden Grenze von einer effektiven Dosis von einem Millisievert im Kalenderjahr und sind deshalb nach dem Strahlenschutzgesetz wie Bauschutt zu behandeln. Wir kümmern uns um die schwach- und mittelradioaktiven und um die hochradioaktiven Abfälle.

Können Sie uns die Menge greifbar machen?
Wir gehen heute davon aus, dass wir im Bereich der schwach- und mittelradioaktiven Abfälle noch Endlagerkapazitäten für rund 600.000 Kubikmeter benötigen werden. Im Schacht Konrad, den wir gerade in Salzgitter errichten, haben wir eine genehmigte Aufnahmekapazität von rund 300.000 Kubikmetern für derzeit zwischengelagerte Abfälle und die erwarteten Rückbaumengen. Aus der Rückholung der Asse-Abfälle werden in den kommenden Jahrzehnten weitere rund 200.000 Kubikmeter schwach- und mittelradioaktive Abfälle erwartet. Hierfür ist noch ein weiterer Standort zu finden – gegebenenfalls im Kontext mit dem aktuellen Standortauswahlverfahren für die hochradioaktiven Abfälle, die zwar nur ca. fünf Prozent der Abfallmenge aber 99 Prozent der Radioaktivität ausmachen.

Wie lange wird uns dieses Erbe noch beschäftigen?
Mindestens so lange, wie es die BGE gibt. Unsere Aufgabe ist schließlich die sichere Endlagerung der atomaren Abfälle in Deutschland. Wir hoffen, 2026 die Genehmigung zur Verschließung des bereits verfüllten Endlagers für schwach- und mittelradioaktive Abfälle in Morsleben beantragen zu können. 2027 wollen wir Schacht Konrad in Betrieb nehmen und gehen von mehreren Jahrzehnten Einlagerungszeit aus. 2031 soll die Standortentscheidung für das Endlager der hochradioaktiven Abfälle getroffen sein. Nach der Zeitplanung aus dem Gesetzgebungsverfahren soll dieser Standort 2050 in Betrieb gehen – mit einer 40- bis 50-jährigen Einlagerungsphase.

Und danach?
… muss man weiter damit umgehen. Die Abfälle sind dann zwar endgelagert, aber nicht verschwunden und mit ihren strahlenden Eigenschaften nach wie vor ein Risiko für die Gesellschaft. Im Standortauswahlgesetz reden wir von einer Langzeitsicherheitsbetrachtung von bis zu einer Million Jahre. Auch für mich ist das immer noch ein unvorstellbarer Zeitraum. Man muss sich das vor Augen führen – eine von 1961 bis 2022 genutzte Technologie wird über hunderte von Generationen nachwirken. Das zeigt ein Stück weit den Wahnsinn dieses Weges und die politische Vernunft des letzten Jahrzehnts, diesen Weg nicht fortzusetzen.

Wie wurde Niedersachsen eigentlich zum Hotspot für die Endlagerfrage?
Ich glaube, dass die Entscheidung für den Sitz der BGE in Peine gefallen ist, weil es in Niedersachsen bereits einige betroffene Standorte gibt: Die Asse, der Schacht Konrad, Gorleben und Morsleben in Sachsen-Anhalt ist auch nicht weit entfernt. Es ist ein Vorteil, die Entwicklung dieser Anlagen von hier aus der örtlichen Nähe steuern zu können. Sigmar Gabriel und Hubertus Heil haben sich auch sehr für diesen Standort eingesetzt, sodass andere Bundesländer gar nicht zum Zug kommen konnten. Es ist auch gut, dass wir den Standortauswahlprozess aus der Mitte Deutschlands heraus betreiben und uns von dort gedanklich in alle Richtungen frei bewegen können.

Wie sehr ist es am Ende eine fachliche, wie sehr eine politische Entscheidung, wo der Atommüll gelagert wird?
Der Standortauswahlprozess ist ein politischer gewesen bis zu dem Moment, als im Mai 2017 die endgültige Entscheidung für das Standortauswahlgesetz gefallen ist. Seitdem orientiert sich der Prozess ausschließlich an den inhaltlichen Vorgaben des Gesetzes – in einem partizipativen, wissenschaftsbasierten, transparenten, selbsthinterfragenden und lernenden Verfahren.

Das Standortauswahlgesetz gab es aber doch bereits seit 2013, oder?
Damals gab es einen ersten Entwurf, der in dem Diskurs um Gorleben entstanden ist. Es gab dann aber sehr zügig die Entscheidung von Bund und Ländern, wegen der Größe der Herausforderung den Gesetzesinhalt mit verschiedenen umwelt- und gesellschaftspolitischen Stakeholdern noch einmal intensiv zu beraten. Die daraus entstandene Standortauswahlkommission hat dann den Entwurf eines reformierten Standortauswahlgesetzes vorgelegt, der mit überzeugender Mehrheit im Deutschen Bundestag verabschiedet und mit Zustimmung aller 16 Länder durch den Bundesrat gegangen ist. Für mich war das ein besonderer Moment.

Inwiefern?Insofern als dass es nach der verlorenen Landtagswahl in Schleswig-Holstein das letzte Mal war, dass ich als Stimmführer im Bundesrat für ein Gesetz die Hand heben durfte. Dass mich das 2018 mit der Übernahme des Vorsitzes der Geschäftsführung in der BGE wieder einholt, habe ich damals natürlich nicht ahnen können.

Die Versuche, politisch Einfluss zu nehmen, werden zunehmen, wenn die ersten Standorte auf dem Tisch liegen, oder?
Der Prozess um uns herum ist naturgemäß ein politischer. Aber es gibt keine aktive Einflussnahme. Das ist ein wichtiger Punkt, den mein Kollege Steffen Kanitz, der für die Standortauswahl zuständig ist, und ich immer wieder zum Ausdruck bringen. Wir wünschen uns eine kritische Begleitung, aber wir verweigern die Annahme von politischen Hinweisen, die unsere Arbeit zu beeinflussen versuchen. Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies hat beispielsweise sehr früh gesagt, dass er den Prozess unterstützt, aber ihn natürlich in seinen Zwischenergebnissen fachlich kritisch hinterfragt. Das wünschen wir uns mehr, weil wir über den Dialog in den Austausch kommen wollen.

Gibt es den perfekten Standort, oder gibt es nur den am wenigsten schlechten?
Wir suchen den Standort mit der bestmöglichen Sicherheit. Insofern ist das ein hehres Ziel. Schritt eins der ersten Phase war eine Datenabfrage. Anhand von Ausschlusskriterien, Mindestanforderungen und geowissenschaftlichen Abwägungskriterien können wir im Zwischenergebnis feststellen, dass immerhin 54 Prozent der Bundesfläche grundsätzlich geeignet sind für weitere Untersuchungsschritte. Die ausgewiesenen 90 Teilgebiete stehen jetzt im Fokus.

Wird es am Ende tatsächlich auf einen einzelnen Standort hinauslaufen, oder werden es drei oder vier sein?

Unter höherer Gewalt: 2026 kann die Stilllegung des Endlagers Morsleben unter Verbleib der eingelagerten Abfälle beantragt werden. Foto: BGE.Der Prozess läuft auf einen Standort hinaus. In Schritt zwei wird es jetzt noch einmal eine deutliche Reduzierung geben, sodass wir am Ende eine kleinere Anzahl von sogenannten Standortregionen auf einer überschaubaren Fläche ausweisen können. Der Prozess verdichtet sich in den nächsten Phasen also trichterförmig.

Können Sie diese Phasen einmal konkretisieren?
In Phase eins erheben wir noch keine eigenen Daten. Das ändert sich in Phase zwei, der sogenannten obertägigen Erkundung. Wir werden in einer wohl kleinen zweistelligen Zahl von Standortregionen obertägige Untersuchungen durch die aus der Asse bekannte 3-D-Seismik und Bohrungen durchführen. In Phase drei geht es dann in einer wiederum deutlich verkleinerten Anzahl von Standorten um die untertägige Untersuchung, wo man dann tatsächlich einen Schacht abteuft und schaut, ob das von oben analysierte sich auch im tiefen Untergrund wiederfindet. Das gesamte Standortauswahlverfahren besteht aber nicht nur aus den Untersuchungsschritten der BGE …

Inwiefern?
Weil der Ergebnisbericht der BGE mit dem Vorschlag zum weiteren Vorgehen zum Ende der jeweiligen Phasen vom Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE) daraufhin überprüft wird, ob wir gesetzeskonform gearbeitet haben. Ab Phase zwei gibt es die Möglichkeit, die Feststellung des BASE beim Bundesverwaltungsgericht überprüfen zu lassen.

Das klingt wiederum nach einem politischen Prozess …
An drei Stellen ist er das ganz bewusst auch. Im Wechsel von Phase eins zu Phase zwei gibt es unseren Vorschlag, die beschriebene Überprüfung durch das BASE und dann die anschließende Initiative eines Bundesgesetzes aus dem Bundesumweltministerium. Der Deutsche Bundestag und der Bundesrat entscheiden dann über das weitere Vorgehen in der anschließenden Phase. Dasselbe gilt für den Wechsel von der obertägigen in Phase drei zur untertägigen Untersuchung.

Und am Ende bestimmen Sie den finalen Punkt auf der Landkarte?
Wir schlagen ihn vor, aber die Politik legitimiert ihn. Das ist die dritte Stelle des gewünschten politischen Einflusses und der aktiven politischen und gesellschaftlichen Auseinandersetzung.

Halten Sie diesen Prozess für richtig?
Ja, sonst würde ich ihn heute nicht an einer so exponierten Stelle vertreten und hätte dem politisch als Teil einer Landesregierung damals nicht zugestimmt. Aber wir müssen jetzt auch liefern und nachweisen, dass erstens das Gesetz mit den beschriebenen Schritten und Wechselbeziehungen zwischen Fachlichkeit, Öffentlichkeit und Gesetzgebung sowie zweitens die Entsorgungskette vom Stilllegen bis hin zum Rückbau der AKWs funktioniert. Wir alle gemeinsam können einen wesentlichen Beitrag zur Lösung einer großen umweltpolitischen Herausforderung leisten.

Das hat viel mit Vertrauen in Sie, aber auch den Staat zu tun …
Ganz klar.

Die Asse wurde einst als sicheres Endlager für Jahrtausende präsentiert. Warum sollten die Menschen dem Staat in der Endlagerfrage eigentlich noch vertrauen?
Es gibt viele Anlässe – sicher die Entwicklung in der Asse, die Entscheidung für Gorleben – die für mich verständlich machen, dass uns die Menschen auch mit Misstrauen begegnen. Deshalb ist – quasi als Gegenmittel – jede Art von Öffentlichkeitsarbeit hilfreich für uns. Wir sind ein offenes und kommunikatives Unternehmen. Wir kommen zu jeder Veranstaltung und stellen uns jedem kritischen Austausch. Leider sind es bislang oft dieselben wenigen Menschen, die man dort trifft. Dabei brauchen wir bei dieser Herkulesaufgabe die kritischen vielen anderen, sprich die schweigende Masse, die erst dann in Aktion kommt, wenn es heißt, dein Ort, deine Straße ist betroffen. Ein erster positiver Schritt war aus unser Sicht die gerade zu Ende gegangene Fachkonferenz Teilgebiete, deren Ergebnisse wir im kommenden Schritt zu berücksichtigen haben.

Inwieweit ist es für Sie eine Herausforderung, dass gerade bei den großen Themen, wie zuletzt der Corona-Pandemie, eine Erosion des Vertrauens der Gesellschaft in den Staat und seine Lösungskompetenz greifbar scheint?
Aus meiner Erfahrung als Innen- und Integrationsminister kann ich sagen, dass mir beispielsweise die Flüchtlingskrise 2015/2016 gezeigt hat, dass Gesellschaft und Politik vertrauensvoll und sehr nah Hand in Hand zusammenarbeiten können, wenn Herausforderungen klar artikuliert werden. Und das funktioniert nur, wenn Politik nah bei den Menschen ist.

Ist sie das derzeit?
Das ist etwas, was mir tatsächlich Sorge bereitet. Ich befürchte, dass Teile der Medienwelt mit ihrer Schnelllebigkeit von Bewertungen und Einordnungen den Keil zwischen denjenigen in der Politik, die rund um die Uhr für uns als Bürgerinnen und Bürger arbeiten, und denen, die sagen, es passiere ja gar nichts, tiefer hineintreiben. Aber ich würde nicht sagen, dass wir uns verlieren. Die Distanz ist mal größer, mal kleiner, aber wenn wir uns wirklich verlieren würden, hätten wir in Deutschland ganz andere Probleme.

Zumindest Teile der Gesellschaft lassen sich in ihren Filterblasen von außerhalb immer schwerer erreichen …
Das ist die große Herausforderung der heutigen Zeit. Deshalb sind auch wir als BGE in vielen sozialen Medien präsent und stellen Informationen bereit, um ins Gespräch zu kommen. Die zeitlichen Dimensionen von teils Jahren oder gar Jahrzehnten, in denen wir arbeiten, sind aber nur schwer vermittelbar. Vieles ist bei uns im Status sichtbar, aber der Fortschritt in den jeweiligen Projekten entwickelt sich langsam.

Eine Landkarte, die für Diskussion und Aufruhr sorgt: Auf der Suche nach einem Endlagerstandort für hochradioaktive Abfälle konnten bislang 90 Teilgebiete ausgewiesen werden. Foto: BGE.

Gibt es überhaupt eine Chance, dass Sie mit Ihrem Prozess so viel Vertrauen und Akzeptanz herstellen, dass auch die Mehrzahl der Leute, die am potenziellen Endlager leben, die Entscheidung akzeptieren?
Das muss das Ziel sein. Aber ob das realistisch ist im Lichte der aktuellen gesellschaftlichen Diskussionen zu jeder Art von Infrastrukturmaßnahmen …

… beispielsweise beim Errichten von Windkraftanlagen …
… oder beim Leitungsbau? In unserer Gesellschaft Scheint immer stärker der Grundsatz „Not in my Backyard“ prägend zu sein. Ob wir den nun gerade mit dem Thema der Standortauswahl werden überwinden können – egal wie überzeugend und transparent wir arbeiten – ist fraglich. Das ist in der Tat eine Frage des Vertrauens, aber eben auch eine andauernde Herausforderung.

Was würden Sie sagen, inwieweit ist die BGE in ihrem Selbstverständnis ein Unternehmen und inwieweit eine Behörde?
Vom Selbstverständnis her sind wir überhaupt keine Behörde – ganz im Gegenteil. Die Idee des Bundes war, dass es neben dem Bundesumweltministerium als das verantwortliche Ministerium in Berlin und dem BASE als rechtsaufsichtliche Institution mit der BGZ Bundesgesellschaft für Zwischenlagerung mbH und uns zwei Unternehmen gibt, die bewusst unabhängig als wirtschaftliche Unternehmen agieren.

Gleichzeitig werden Sie öffentlich finanziert – teils über den Fonds, teils über den Bundeshaushalt …
Das ist das große Aber. Wenn der Gesellschafter, in unserem Fall das Bundesumweltministerium, und der Aufsichtsrat wesentlich ministeriell geprägt sind, ist das Mitdenken von behördlichen Strukturen wichtig. Eine meiner Aufgaben als langjährig im öffentlichen Dienst Tätiger ist die Übersetzung solcher behördlichen Prozesse in unsere unternehmerische Welt hinein.

In einem Interview mit der IHK sagten Sie: Wir von der BGE sind nicht die Problemverursacher, sondern diejenigen, die eines der größten Probleme unserer Zeit lösen. Wie regieren die Menschen, wenn Sie erzählen, was Sie machen?
Im ersten Moment wird begrüßt, dass wir uns gemeinsam mit 2.200 Kolleginnen und Kollegen der Herausforderung annehmen und Verantwortung übernehmen. Aber es wird natürlich dann kritischer, wenn es beispielsweise im Standortauswahlverfahren um eine konkrete Region geht.

„Dort, wo ich hin
gehe, will ich auch
die Verantwortung
tragen.“ Foto: Holger Isermann.

Was glauben Sie, wie blicken die Menschen hier am Standort Peine auf die BGE?
Hier am Standort arbeiten 650 Menschen und trotzdem nimmt uns manch einer gar nicht wahr, weil wir keinen Krach machen. Wir „leben“ zwischen Autobahn und Wohngebieten. Und, anders als anfangs noch befürchtet, haben die Themen Endlagerung und Atomausstieg bislang in keiner Weise negativ auf Peine abgefärbt.

Aktuell arbeiten Sie eher unter dem Radar, denn viel zu berichten gibt es noch nicht. Sehen Sie das positiv oder wünschen Sie sich eigentlich mehr Sichtbarkeit?
An Sichtbarkeit mangelt es uns zumindest an unseren Projektstandorten ja nicht, aber wir wünschen uns mehr Wahrnehmung für unsere Themen und Arbeitsschritte. Denn das zuvor beschriebene Vertrauen können wir nur durch Transparenz zurückgewinnen.

Sie sind 1961 geboren, in dem Jahr, als in Deutschland das erste Atomkraftwerk in Betrieb ging. Wie sehr ist das Thema zu Ihrem Lebensinhalt geworden?
Natürlich ist das eine Zufälligkeit des Lebens, aber die bringt mich dem Thema nochmal näher. Ich selbst habe vier erwachsene Kinder und zwei Enkelkinder, deshalb ist es mein Ziel, den jüngeren Generationen zumindest einen Lösungsweg aufzeigen. 2026 und 2027, 2031, 2033 sind markante Jahreszahlen für unsere verschiedenen Projekte – an keinem dieser vier Daten werde ich wohl noch aktiv in dieser Rolle sein. Aber wir befinden uns jetzt in einer prägenden Phase von der Theorie zunehmend in die Praxis hinein – etwa bei dem Rückholungsprojekt auf der Asse. Und das noch über einen Zeitraum von drei, vier Jahren intensiv und verantwortlich zu begleiten, treibt mich an.

Entspannt es Sie, dass Sie das Endergebnis nicht verantworten müssen?
Das stört mich tatsächlich. Dort, wo ich hin gehe, will ich auch die Verantwortung tragen. Und zwar nicht nur für den Augenblick, sondern langfristig. Das war immer mein Ansatz. Aber unsere Prozesse sind auf Jahrzehnte ausgelegt – da ist man in seinem beruflichen Leben immer nur ein Stück weit Begleiter. Ich wäre schon gerne derjenige, der das Band im Schacht Konrad durchschneidet (lacht). Und natürlich würde ich gerne gemeinsam mit meinem Kollegen Steffen Kanitz 2031 den ausgewählten Standort verkünden und mich den Protesten und Diskussionen stellen.

Sie sind also keiner, der sich wegduckt?
Nein. Wir entscheiden nicht und sind dann weg – wir entscheiden und bleiben und stellen uns der Diskussion.

Welcher Job ist eigentlich anstrengender, der als Innenminister in Schleswig-Holstein oder der jetzige?
Der als Innenminister in Schleswig-Holstein war physisch wie psychisch spürbar anstrengender und für meine Familie belastender, weil man 24/7 im Fokus steht. Man ist ja in Schleswig-Holstein nicht nur Innenminister, sondern gleichzeitig Integrations-, Bau-, Sport- und Kommunalminister; ich selber war zusätzlich noch Minister für Bundesangelegenheiten. Aber ich bin niemand, der der Geschichte nachhängt. Das ist ein Teil meiner Erfahrung, die mir hilft in dieser aktuellen herausfordernden Situation zurecht zu kommen, Themen einzuordnen und nach draußen zu vertreten.

Sie sind Mitglied der SPD, dabei waren Ihre Großeltern Erika und Wilhelm Wolf Mitbegründer der CDU Brandenburg …
Wir sind eine kunterbunte Familie. Was uns prägt, ist das Bewusstsein für Politik und Gesellschaft. Ich bin groß geworden in einem umfassenden Engagement für gesellschaftliche Situation vor Ort. Als Kindergartenplätze knapp wurden, habe ich einen Naturkindergarten mit begründet und viele Jahre verantwortlich im Vorstand des Trägervereins gearbeitet; als der Spielplatzbau in unserem Neubaugebiet nicht voran ging, habe ich mir vom Bürgermeister das Mandat für Planung und Bau abgeholt und durchgeführt.
Und irgendwann wurde ich dann für die SPD als bürgerliches Mitglied in den Gemeinderat gewählt. Das ist etwas Evolutionäres, nichts Revolutionäres. Und ich werde als „rotes Schaf“ in der Familie akzeptiert. Der Grundsatz bei uns in der Familie lautet Bereitschaft zur Verantwortungsübernahme. Das ist entscheidend.

Wie schwer fällt es Ihnen gerade SPD-Mitglied zu sein?
Im Moment so gar nicht, weil es doch gerade den Anschein hat, dass die intensive Mitarbeit in der aktuellen Bundesregierung doch Anerkennung zu finden scheint. Und Olaf Scholz ist jetzt im richtigen Moment auch voll im Kanzlerkandidatenmodus – aber eben ruhig, sachlich, überzeugend und auch staatstragend, wenn es angezeigt ist. Aber die letzten Monate und Jahre waren schon hart …

Bekommen Sie in Ihrer CDU-geprägten Familie viel Häme ab – so wie beispielsweise aktuell HSV- oder Schalke-Fans?
Nein, auch die schaut ein Stück weit verstört auf die aktuelle Entwicklung – aus einer stabilen Verhältniswelt zwischen Politik und Gesellschaft ist etwas Fragiles, gar nicht mehr richtig Griffiges geworden. Das erlebe ich auch in der Diskussion mit meinen Kindern, die etwa fragen, wie sie sich politisch verhalten sollen, wohin das alles führt und ob die staatstragenden Parteien aus der Vergangenheit und der Gegenwart noch die Zukunft sind.

Wie fühlt es sich an, dass Sie momentan wie ein Coach am Spielfeldrand stehen und nicht eingreifen können?
Ich gehöre zu den Straßenwahlkämpfern vor Ort. Das werde ich auch dieses Jahr machen und das hat nichts mit meinem Beruf zu tun, sondern mit meinem politischen Engagement als stellvertretender Ortsvereinsvorsitzender. Natürlich juckt es mich manchmal in den Fingern. Aber das sind kurze Momente. In der Politik gibt es eine Phase, in der man gewählt ist und Verantwortung trägt. Und danach wechselt man vom Spielfeld auf die Tribüne. Das ist jetzt mein Platz – politisch auf der Tribüne, in der BGE mit der Kapitänsbinde mitten auf dem Spielfeld.

Werden Sie nach Ihrer Zeit bei der BGE noch einmal den politischen Platz betreten?
Das glaube ich nicht ernsthaft. Ich werde immer politisch engagiert und motiviert bleiben, aber ich muss auch ehrlicherweise sagen, wenn man so einen Weg gemacht hat, Chef der Staatskanzlei, Bevollmächtigter des Landes beim Bund und Minister war, dann gibt es nur weniges, was mich politisch noch reizen könnte. Mein persönlicher Traum nach der Zeit hier ist ein anderer …

Verraten Sie uns mehr?
Ich würde gerne noch etwas von der Welt sehen. Es war uns mit vier Kindern und meinen vielen beruflichen Unstetigkeiten nie möglich weit weg zu kommen.

Haben Sie konkrete Ziele vor Augen?
Wir würden gerne die Ostsee einmal ohne jeglichen Zeitdruck umkreisen und auch mehr von Südeuropa sehen. Nach vielen Jahrzehnten Vollgas und Spitzenjobs in Verwaltung, Politik und Wirtschaft ist es auch gut, das aktive Berufsleben schrittweise runter- und das aktive und hoffentlich gesunde Freizeitleben hochzufahren.

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