und
8. Juni 2021
Entscheider

„Wir gestalten nicht nur Stein, wir denken Mensch“

Karin Stemmer, Andreas Otto und Torsten Böttcher im Baugenossenschafts-Interview

Zwischen Wohnhäusern, Spielplatz und Skaterbahn haben Karin Stemmer (Braunschweiger Baugenossenschaft eG), Andreas Otto (Gifhorner Wohnungsbau-Genossenschaft eG) und Torsten Böttcher (Baugenossenschaft Wiederaufbau eG) mit uns über bezahlbare Mieten, sozialen Sprengstoff auf dem Wohnungsmarkt und ein Leben zwischen Design und Flodder gesprochen … Foto: Holger Isermann.

Die stolze Zahl von 2,2 Millionen Genossenschaftswohnungen gibt es in Deutschland und damit ein gehöriges sozialverträgliches Gegengewicht zum gerade in den Ballungsräumen zunehmend überhitzten Immobilienmarkt. Denn Wohnungsgenossenschaften bauen, erhalten und vermieten seit ihrer Entstehung Ende des 19. Jahrhunderts bezahlbaren Wohnraum an ihre Mitglieder.
Das ist in unserer Region nicht anders – aber wir wollten es genau wissen und haben im ersten Branchen-Spezial unserer Genossenschaftsserie drei Vorstände zu einem bewegten Gespräch im Braunschweiger Westpark getroffen: Welche Werte treiben Wohnungsgenossenschaften an? Was unterscheidet sie von Konzernen, wie Vonovia und Co.? Und: Welche Bedeutung hat das Dach über dem eigenen Kopf eigentlich mittlerweile?
Zwischen Wohnhäusern, Spielplatz und Skaterbahn haben Karin Stemmer (Braunschweiger Baugenossenschaft eG), Andreas Otto (Gifhorner Wohnungsbau-Genossenschaft eG) und Torsten Böttcher (Baugenossenschaft Wiederaufbau eG) mit uns über bezahlbare Mieten, sozialen Sprengstoff auf dem Wohnungsmarkt und ein Leben zwischen Design und Flodder gesprochen …

Welche Bedeutung hat das Dach über dem eigenen Kopf eigentlich mittlerweile? Und hat diese zugenommen?
Böttcher: Eine enorm hohe. Gerade in der Pandemie ist das Zuhause ein Ort des Daueraufenthalts, der Sicherheit geworden. Hier spielt sich das Leben ab.
Stemmer: Es wird im Grunde spürbar, was schon im Grundgesetz steht: Wohnen ist ein soziales Gut. Die Bedeutung hat die Wohnungspolitik über Jahrzehnte vergessen und vernachlässigt.
Otto: Ja, wohnen ist ein Lebensgefühl. Die Menschen tragen das in sich und man kann ja an sich beobachten, dass man im Laufe eines Tages eine Abgeschlossenheit, ein Dach über dem Kopf braucht.

Torsten Böttcher ist mittlerweile neun Jahre Vorstand der Baugenossenschaft Wiederaufbau eG – mit über 9.100 Wohnungen das größte genossenschaftlich organisierte Wohnungsunternehmen in Niedersachsen. Foto: Holger Isermann.

Welche Aspekte sind den Menschen heutzutage beim Thema Wohnen am wichtigsten?
S: Sicherlich hat die Sicherheit an Bedeutung gewonnen. Das Wissen darum, dass man auch in Pandemie-Zeiten zuhause sicher ist. Hier haben wir eine größere Wertschätzung, aber zugleich auch ein höheres Konfliktpotenzial, weil viel mehr Menschen zuhause sind.
O: Grundsätzlich sehe ich auch die Sicherheit an erster Stelle. Die hat in den letzten Jahren immer mehr an Bedeutung gewonnen. Aber auch das Vertrauen in das Umfeld, in meine Nachbarn. Das ist ein wichtiger Bereich, den man versuchen kann, selbst zu organisieren und zu beeinflussen.
B: Ich möchte das aufnehmen, was Andreas gerade sagt. Wir haben in diesen Pandemie-Zeiten zwar festgestellt, dass es sicherlich Konfliktpotenziale gibt, aber auch die Tendenz der Menschen untereinander, sich zu helfen, achtsam zu sein und Unterstützung anzubieten.

Und die Wohnung selbst: Haben sich die Ansprüche verändert?
S: In der Pandemie-Situation sind alle diejenigen, die einen Balkon oder ein kleines Gärtchen haben, die Glücklicheren. Grundsätzlich sind die Standards über die Jahre gewachsen. Wir haben als Genossenschaften, ich glaube das gilt nicht nur für die BBG, wirklich zunehmend an der Ausstattung, etwa der Bäder oder der attraktiven Gestaltung des Wohnumfeldes gearbeitet.
B: Ja, das Thema Bad, Elektrik, allgemein die Modernisierung der Wohnung steht im Fokus. Das verlangen die Bewohner auch. Andererseits merkt man schon, wo wir herkommen. Unsere Standardkund:innen achten darauf, dass sie bezahlbaren Wohnraum haben.
O: Ich kann mich dem anschließen. Gerade für Genossenschaften ist bezahlbarer Wohnraum einer der wichtigsten Aspekte, aber es ist am Ende sehr individuell. Es gibt Menschen, die sagen, ich brauche viel Platz, weil sie sich viel in der Wohnung aufhalten, andere sind viel unterwegs und mit wenig Fläche zufrieden.
S: Genau, jeder Mensch ist unterschiedlich und allen wollen wir als Genossenschaft ein Angebot machen können – denen, die mit dem kleinsten Geldbeutel auskommen müssen, und auch denen, die sich bewusst für Miete und eine Genossenschaft entscheiden, aber ein relativ hohes Einkommen haben. Wir haben über 22.000 Mitglieder und da ist das kleine, aber auch das dickere Portemonnaie dabei.
O: Teuer können viele. Was uns Genossenschaften auszeichnet ist, dass wir für relativ wenig Geld relativ viele Bedürfnisse der Menschen erfüllen.

Andreas Otto ist seit 15 Jahren Vorstandsvorsitzender der Gifhorner Wohnungsbau-Genossenschaft eG, die in der Mühlenstadt und ihrem Umkreis knapp 2.360 Wohnungen betreut. Darüberhinaus engagiert er sich als Verbandsratsvorsitzender im vdw (Verband der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft in Niedersachsen und Bremen e.V.) Foto: Holger Isermann.

Sie haben es bereits angesprochen: Was brauchen die Menschen in ihrem Umfeld, damit sie sich wohlfühlen?
B: Das ist die Grünanlage, der Weg zur Wohnung, das sind die Nachbar:innen, Einkaufsmöglichkeiten, Ärzt:innen, alle Dinge des täglichen Bedarfs. Wir [zeigt auf Stemmer] haben hier gemeinsam mit den Nibelungen und der Stadt in der Weststadt einen Stadtteilverein gegründet, mit dem wir seit über zehn Jahren gemeinsam Quartiersarbeit leisten. Früher hatte die Weststadt keinen besonders guten Ruf, aber unter anderem durch dieses Engagement hat sich das schon erheblich gedreht.
S: Ich würde das noch ergänzen wollen, denn die Gründung des Vereins Stadtteilentwicklung Weststadt e.V. ist eine echte Erfolgsgeschichte, die deutlich macht, was Menschen brauchen. Nämlich die Möglichkeit der Beteiligung, um eine gemeinsame Identität mit dem Ort zu entwickeln. Das ist das Thema Selbstwirksamkeit. Ich fühle mich da wohl, wo ich das Gefühl habe, dass ich mit dem, was mich ausmacht, etwas bewegen kann.
O: Die Entwicklung eines Quartiers, eines Stadtteils, eines Wohngebietes ist im Augenblick der Erstellung nur eine Momentaufnahme. Da haben sich vorher ganz viele Menschen Gedanken gemacht, aber es ist auch wichtig, dass Akteure beständig dranbleiben, sich einfach verantwortlich fühlen.

Wie gut funktioniert die Zusammenarbeit mit den Städten und Kommunen?
S: Es braucht immer eine Initialzündung. Wenn wir davon ausgehen, dass das Thema Quartier nicht nur für Genossenschaften eine hohe Bedeutung hat, dann brauchen wir Menschen, die sagen: wir trommeln zusammen und bilden einen runden Tisch. Wichtig ist die Planungsgröße „Quartier“. Wir müssen weg von Bezirken und ganzen Stadtteilen. Das ist im Sinne des integrierten Stadtentwicklungskonzeptes ein Herzstück. Da stehen wir in Braunschweig immer noch am Anfang, auch wenn wir viel weiter sind als andere Kommunen.

Herr Otto, wie sieht es in Gifhorn aus?
O: Die ländliche Prägung macht für uns vieles einfacher, weil wir einen sehr engen Kontakt zur Stadtverwaltung haben und in viele Entwicklungen frühzeitig eingebunden werden. Es gibt natürlich weiterhin einen formalen Ablauf innerhalb der Verwaltung, aber das, was früher nie der Fall gewesen ist, dass man die Ergebnisse des Verwaltungsdenkens beispielsweise in Form von B-Plänen vorgelegt bekommt, ist heute anders. Man nimmt uns als Fachleuchte vor Ort wahr, unsere Expertise ist gefragt.
B: Wir sind ja regional aufgestellt, an 20 Standorten in zwei Bundesländern, und ich kann das bestätigen. Die kommunalen Verwaltungen haben überall verstanden, dass wir als Genossenschaften diejenigen sind, die bezahlbares Wohnen ermöglichen, investieren und eben nicht die Rendite aus dem Quartier ziehen.

Hilft es Ihnen, dass Sie vermeintlich die Guten und vor Ort sind – man Ihnen abnimmt, dass Sie sich für das Quartier ernsthaft engagieren wollen?
S: Nicht vermeintlich. Es ist nachweislich so. Wir sind jetzt 134 Jahre in Braunschweig aktiv, mit Mieten beziehungsweise Nutzungsgebühren, wie es in der Genossenschaft heißt, die unter denen für öffentlich geförderten Wohnraum liegen. Wir sind Partner der Stadtentwicklung, nicht übermorgen weg und uns ist nicht egal, wie manch überregionalen Immobilienkonzernen, was in den Nachbarschaften passiert. Wir gestalten nicht nur Stein, wir denken Mensch.
O: Reden hilft immer und wir reden, weil wir vor Ort und ansprechbar sind. Einen Investor, der bundesweit oder sogar international unterwegs ist, muss man auch erstmal ans Telefon bekommen, wenn man ihn braucht.

Für welche Werte stehen Sie?
S: Satzungsgemäß dafür, guten, sicheren und sozialverträglichen Wohnraum zu schaffen. Wir stehen als Genossenschaft für ein solidarisches Miteinander in unseren Nachbarschaften und vor allem auch für die Vielfalt. Nicht nur die der Geldbeutel, sondern der Lebensentwürfe und gerade in heutigen Zeiten der Herkunft …
B: … und für die Mitbestimmung der Mitglieder. Wir veranstalten über die Vertreterversammlung hinaus einmal im Jahr Mitgliederversammlungen im kleineren Rahmen – unsere „Meckerrunden“, wo wir die Befindlichkeiten in kleinerem Rahmen abfragen und in den Dialog gehen. Das ist das wichtigste, den Menschen zuzuhören, und auf das, was Sinn ergibt und leistbar ist zu reagieren.

Die Braunschweiger Baugenossenschaft eG ist mit rund 22.000 Mitglieder eine der mitgliederstärksten ihrer Art in Deutschland. Sie wurde bereits 1887 gegründet und betreibt zudem zwei Seniorenheime. Vorständin Karin Stemmer ist seit sieben Jahren dabei. Foto: Holger Isermann.

Das können Sie wahrscheinlich nur ergänzen, oder?
O: Ja, zumal die Werte der Genossenschaft, über die einzelne Genossenschaft hinaus relativ identisch sind. Wir haben ein Genossenschaftsgesetz, in dem sehr deutlich steht, dass all unser Tun, unsere Gedanken und Initiativen immer in den Förderauftrag der Mitglieder münden müssen. Am Ende sind wir keine Unternehmer, die mit eigenem Risiko und eigenem Geld etwas tun, sondern wir sind treuhänderisch für unsere Mitglieder unterwegs.

Klingt nach viel Konsens. An welchen Stellen unterscheiden Sie drei und Ihre Genossenschaften sich denn voneinander?
O: Das tun wir im Grundsatz eben nicht. Jemand, der in eine Stadt kommt und Wohnungsbaugenossenschaft hört, muss ein Grundverständnis von dem haben, was dort passiert.
B: Genau. Der Unterschied ist am ehesten definiert durch den Geist der Mitglieder und des Aufsichtsrates. Das sind die feinen Nuancen, die sich zum Beispiel aus den Entstehungsgeschichten ergeben. Besonders für uns ist sicherlich die Überregionalität, die nicht so häufig vorkommt.
S: Wir machen als BBG kein Bauträgergeschäft, dafür betreiben wir zwei Pflegeheime. Wir haben uns auf die Agenda geschrieben, dass wir auch in der Phase der Pflegebedürftigkeit unter dem Dach der Genossenschaft ein Angebot machen wollen.
O: Unterschiedlich ist auch das tägliche To-do. Das [zeigt auf Stemmer und Böttcher] sind zwei Unternehmen, die in einer völlig anderen Größenordnung unterwegs sind. Wir haben knapp 2.500 Wohnungen …

… und die anderen?
S: 6.600 …
B: … und wir 9.200 Wohnungen.
O: Daraus ergeben sich auch verschiedene Gestaltungsspielräume, aber das sind unternehmensspezifische Unterschiede – und keine bei den Werten.

Wenn Sie sich als Vorstand einer Genossenschaft vorstellen – begegnen Ihnen die Gesprächspartner:innen dann mit einem Lächeln, weil mittlerweile jeder verstanden hat, welche Werte für Sie maßgeblich sind?
S: Ganz ehrlich, nein. Es gibt wieder mehr Menschen, die Genossenschaften als Organisationsform klasse finden, aber bei den meisten stehen wir schlichtweg dafür, dass wir eine gute Wohnung für bezahlbares Geld bieten. Da müssen wir selbstkritisch sein. Wir kommen aus der Gemeinnützigkeit, die im Grunde lange alles bestimmt und Unternehmertum im Sinne von genossenschaftlicher Selbstverantwortung und Solidarität nur bedingt zugelassen hat. Da haben wir uns in den letzten Jahren alle auf einen neuen Weg begeben …
O: Absolut. Genossenschaften sind zu einem großen Anteil zu einem Zeitpunkt entstanden, als die politischen, Wohn- und Lebensbedingungen völlig andere als heute waren. Es ging darum schnell und günstig Wohnraum zu schaffen. Heute zeigen wir tagtäglich, was wir über das Wohnen hinaus leisten. Das sind Beratungsleistungen, Angebote im Quartiersmanagement, wir haben für unsere Seniorenwohnungen in Gifhorn jetzt einen Impftermin organisiert. So machen wir klar, warum Genossenschaft, nämlich einer für alle und alle für einen, gerade heute attraktiv und interessant ist.
B: Ich möchte noch einmal etwas zu dem Lächeln sagen. Aus meiner Erfahrung gibt es viel zu wenig davon. Wir suchen gerade wieder Vertreter:innen für unsere Genossenschaftsversammlung, das ist unser höchstes Organ. Aber es ist schwierig, Menschen zu finden, die sich engagieren.
O: Weil das gerade einfach passt, bringe ich es hier unter. Wir sind natürlich alle nicht alleine unterwegs. Wir drei kennen uns und sind auch beruflich eng miteinander verbunden. Wir sind alle Mitglieder des Verbandes der Wohnungswirtschaft Niedersachsen und Bremen, das sind insgesamt rund 180 Unternehmen mit etwa 400.000 Wohnungen und einer Million Menschen, die dort wohnen.

Auch das Wetter hat mitgespielt und einen entspannten Spaziergang mit mehreren intensiven Gesprächsrunden ermöglicht. Foto: Holger Isermann.

Reden wir noch einmal über die anderen: Das Stichwort Vonovia ist schon gefallen, aber auch die Deutsche Wohnen und andere Immobilienkonzerne werden häufig für das eigene Geschäftsgebaren kritisiert. Zurecht?
B: Die Bundesrepublik hat sich relativ früh vom sozialen Wohnungsbau verabschiedet, Kommunen haben ihre kommunalen Wohnungsunternehmen privatisiert. Die Konzerne sind das Ergebnis dieser Entwicklung. Sie wollen wie alle Kapitalgesellschaften Geld verdienen und das funktioniert gegenwärtig mit Immobilien sehr gut.
S: Dass wir als Immobilienmarkt international in den Fokus gerückt sind, hat etwas mit der verfehlten Wohnungspolitik zu tun. Aus einer genossenschaftlichen und aus einer sozialpolitischen Perspektive darf das Thema Wohnen nicht komplett dem Markt überlassen werden. Es hilft uns aber nicht, Unternehmensbashing zu betreiben, denn diese Geschäftsmodelle wurden im Rahmen der gesetzlichen Rahmenbedingungen entwickelt. Deshalb braucht es ein Regulativ. Es gibt seriöse privatwirtschaftliche Unternehmen. Dort, wo rechtliche Überschreitungen passieren, hört für mich jede Toleranz auf.
O: Darauf eine klare Antwort zu geben, ist schwer, weil man unter Umständen jemanden diffamiert, der es so pauschal gar nicht verdient hat. Der große Unterschied zwischen uns und denen ist ja deutlich geworden. Unser wirtschaftlicher Erfolg kommt unseren Mitgliedern zu Gute, Aktiengesellschaften schütten Gewinne an Aktionäre aus und ziehen sie so aus dem Bestand.
B: Wobei es mittlerweile richtige Anfeindungen gibt. Berlin entwickelt sich dahingehend zu einem Hotspot. Gerade in den Ballungszentren, wo Wohnraum extrem knapp und teuer ist, gibt es zunehmend sozialen Sprengstoff.
O: Es besteht die Gefahr, dass alle, die Immobilien besitzen pauschal verurteilt werden, weil sie mit der Vermietung Geld verdienen. Deshalb ist es an uns klarzustellen, dass man mit dem Thema auch verantwortungsvoll umgehen kann.

Wir haben viel über bezahlbaren Wohnraum gesprochen. Mal konkret: Was ist die Durchschnitts- und was die günstigste Miete in Ihrer Genossenschaft?
B: Die Durchschnittmiete ist bei uns 6,02 Euro. Im Neubau sind es um die zehn Euro, das günstigste ist 3,98 Euro.
S: 5,99 Euro Durchschnitt. Bei den Neubaumieten liegen wir zwischen 9,50 und zehn Euro. Und die günstigste Miete ist aktuell bei 4,32 Euro.
O: Durchschnittsmiete 5,40 Euro, beim Neubau 9,50 Euro. Die geringste Miete liegt bei fünf Euro.

Trotzdem müssen auch Sie unternehmerisch denken: Wie stehen Sie gegenwärtig wirtschaftlich da?
O: Es ist immer schwieriger und komplexer geworden, keine Frage. Aber wir stehen auch deshalb so gut da, weil wir uns mit neuen Themen auseinandersetzen und uns dann positionieren. Wir bringen unsere Überzeugungen ein und versuchen über die Verbände und Politik Einfluss zu nehmen.
B: Wirtschaftlich grundsolide sind wir alle. Natürlich wird unsere Leistungsfähigkeit eingeschränkt. Je weniger Überschüsse wir erwirtschaften, desto weniger können wir investieren. Aber das nagt nicht an der Existenz. Dafür sind Immobilien auch zu solide und unsere Wirtschaftsprüfer achten sehr darauf, dass wir uns gut aufstellen.
S: Mich freut es besonders, dass wir im Jahr der Pandemie keine Mieten erhöhen mussten. Das konnten wir uns leisten genauso wie – und ich glaube, da spreche ich für uns alle – dass wir niemanden gekündigt haben, aufgrund von Mietrückständen, die durch die Pandemie entstanden sind. Das macht Genossenschaft aus. Überschüsse werden eben nicht beispielsweise von Aktionären abgeschöpft, sondern zum Wohl unserer Mitglieder eingesetzt.

Die Bundestagswahl steht vor der Tür. Was sind die wichtigsten politischen Themen für das Wohnen in Deutschland?
B: Der Klimaschutz. Das ist etwas, was uns noch intensiv beschäftigen wird. Wir sind sicherlich im Kleinen alle an dem Thema dran: Optimierung von Heizanlagen, Hydraulische Abgleiche, da wo es geht eine Photovoltaikanlage, wenn sie ein Dritter für uns betreibt, weil das steuerlich bei Genossenschaften nicht ganz leicht ist. Aber das ist ja nur der Anfang. Wie gehen wir tatsächlich mit den Ressourcen um? Woher können wir grüne Energie beziehen?

Haben Sie Angst vor zu strengen Vorgaben?
O: Ich glaube, man kann nicht sagen, dass Nachhaltigkeit nur allein aus politischem Willen entsteht. Die Herausforderung der Klimaerwärmung ist da. Für diese Gegenwart haben wir in der Vergangenheit viel getan. Das wird uns immer deutlicher. Dem einen mehr und dem anderen weniger. Jetzt geht es darum, die Rahmenbedingungen für sinnvolle Maßnahmen zu schaffen. Für uns als Genossenschaften ist Nachhaltigkeit nichts Neues. Die Frage ist, wer die großen Anstrengungen, die vor uns liegen, bezahlen soll. Das können wir nicht auf dem Rücken der Ärmsten abladen, alle sind in der Pflicht.
S: Ich würde gerne unsere Kanzlerin zitieren: Es ist alternativlos. Wir haben als Genossenschaft einen Generationenvertrag. Den müssen wir auch an dieser Stelle ernst nehmen. Es gibt inzwischen den Begriff der Klima-Segregation und da müssen wir aufpassen. Ich habe große Sorge, dass die Politik zwar die Auflagen formuliert, die notwendig und aus meiner Sicht auch unstrittig sind, aber nicht dafür sorgt, den Wandel wirtschaftlich und sozial abzusichern.
B: Ich persönlich halte es für sinnvoll, beim Energielieferanten anzusetzen. Wir haben in Querum jetzt unseren gesamten Bestand an das Holzschnitzelwerk von BS Energy anschließen lassen. Natürlich verbrauchen die Wohnungen Energie und wir werden nicht komplett auf Nullenergie-Häuser umstellen können. Dafür müssten wir alles abreißen und das wäre nicht nachhaltig.
S: Für mich gibt es noch ein Thema, das mit der Klimadebatte und dem Leben in der Stadt korrespondiert – und zwar die Nachverdichtung. Ich will nicht, dass es keine Einfamilienhäuser mehr gibt, weil dieser Wohn- und Lebensraum aus meiner Sicht eine Berechtigung hat, aber es gibt viel Potenzial für den Neubau in Städten, das bisher nicht genutzt wird …

Wer es noch bewegter mag: Auf www.standort38.de finden Sie den Video-Teaser unseres Genossenschaftsgipfels im Westpark. Foto: Holger Isermann.

Jetzt wird es persönlich: Wie wohnen Sie eigentlich privat?
S: Ich wohne zur Miete in einem Mehrparteienhaus mitten in der Stadt. Ich liebe die nachbarschaftlichen Kontakte und kann auch gut mit Stadtlärm leben. Genossenschaftliches Wohnen ist ja der dritte Weg zwischen Eigentum und Miete. Das ist vielleicht auch etwas, was wir heute noch gar nicht so genau betrachtet haben. Mitbestimmung heißt auch, dass ich viel näher an den Gebäudebelangen dran bin als im klassischen Mietverhältnis und ich habe auch den Service dahinter. Wer schon mal bei einem Privatvermieter gewohnt hat, weiß wie schwer es manchmal ist, eine Lösung zu finden, wenn zum Beispiel der Wasserhahn kaputt ist.
O: Aufgewachsen bin ich in einem großen Hochhaus in Wolfsburg – von da aus sind wir dann in den 70ern ins Einfamilienhaus umgezogen. Während meiner Ausbildung in Gifhorn ging es dann direkt in eine Genossenschaftswohnung, später mit der eigenen Familie wieder ins Einfamilienhaus. Von daher habe ich alles schon mehrfach durchlebt. Und für mich ist eigentlich klar, dass ich perspektivisch wieder in den Mietwohnungsbau zurückkehren möchte, vielleicht sogar in eine Wohnung unserer Genossenschaft.
B: Wohnen hat für mich schon einen großen Stellenwert. Aufgewachsen bin ich in einem Reihenhaus in Salzgitter. Nach dem Auszug hat man natürlich Mietwohnungen gehabt. Erstmal eine Wohngemeinschaft, dann mit der Freundin zusammen und nach dem Studium bin ich wieder zurück nach Salzgitter in ein kleines Dorf. Dort haben wir ein Haus gekauft und ich habe das dann zehn Jahre lang umgebaut und modernisiert. Mir ist der Garten wichtig, die Ruhe und einfach das Abschalten. Und natürlich die Nachbarschaft auf dem Land.

Und was für ein Einrichtungstyp sind Sie?
B: Bei mir ist das schon sehr geprägt von meiner Frau. Wobei ich das auch gut finde. Ich würde sagen, unser Stil ist gemütlich, ländlich geprägt mit viel Holz.
S: Ich bin mit einem Architekten verheiratet. Der Design-Battle läuft schon manchmal (lacht). Im Ergebnis ist das zwischen studentisch und designorientiert. Mit einem großen Tisch und einem offenen Wohn- und Essbereich. Da darf es sich in der Küche auch mal türmen und man sitzt auf dem Sofa. Dann ist das so.
O: Was soll ich sagen? Zwischen Design und Flodder. (lachen) Unsere Wohnsituation ist derzeit schon sehr geprägt von unserem dreizehnjährigen Sohn. Man findet einfach viele Dinge in allen Ecken des Hauses wieder. Bei mir ist auch meine Frau eher diejenige, die sich um die Einrichtung kümmert.

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