8. September 2022
Entscheider

„Wir könnten für den Weltmarkt produzieren“

Der Wolfenbütteler Landwirt Gerhard Schwetje, Präsident der Landwirtschaftskammer Niedersachsen, über die Auswirkungen des Ukraine-Kriegs auf die Viehbetriebe, politische Behäbigkeit und das Ansehen eines Berufsstands in der Öffentlichkeit ... Teil 6 unserer Land- und Forstwirtschaftsserie

Landwirtschaftskammer-Präsident Gerhard Schwedtje im Interview auf der Steinberg Alm. Foto: Gesa Lormis

In Cramme bei Wolfenbüttel bewirtschaftet Gerhard Schwetje einen Ackerbau- und Hähnchenmastbetrieb. Doch hier verbringt er vergleichsweise wenig Zeit: Als Präsident der Landwirtschaftskammer Niedersachsen und dem Verband der Landwirtschaftskammern in Deutschland pendelt der 65-Jährige zwischen Osnabrück, Hannover und Berlin. Wir trafen ihn am Rande des Steinberg Dialogs zum Gespräch …

Herr Schwetje, laut Satzung muss der Präsident der Landwirtschaftskammer selbst aktiver Landwirt sein. Wie ist das bei Ihnen?
Zusammen mit meiner Frau und meinem Sohn baue ich Zuckerrüben, Getreide, Raps und Körnermais an. Und wir mästen Hähnchen: Die kommen als Eintagsküken zu uns und verlassen uns nach einigen Wochen mit ungefähr zweieinhalb Kilo.

Getreide und Körnermais – ist das Futter für die Hähnchen?
Genau. Und den Mist aus dem Hähnchenstall setzen wir gleich wieder ein, um zu düngen. So müssen wir nur wenig Mineraldünger dazu kaufen und sind unabhängiger von den Problemen auf den Märkten. Passenderweise haben wir gerade in eine Holzhackschnitzel-Heizung investiert, so dass wir uns auch als Flüssiggas-Kunden verabschieden.

Ist Ihr Hof eigentlich ein traditioneller Familienbetrieb?
Ja, auch wenn noch nicht so alt, wie manch anderer. Den Betrieb gibt es seit den 1930ern, ich bin die dritte, mein Sohn die vierte Generation.

Die nächste Genration steht also in den Startlöchern?
Genau, mein Sohn ist 30 Jahre alt, hat Landwirtschaft studiert und übernimmt in einigen Jahren. Bis dahin kann ich Präsident der Landwirtschaftskammer bleiben. Meine Wahlperiode geht noch 4,5 Jahre.

Welche Aufgaben übernimmt der Kammerpräsident?
Als höchstes Organ in der Kammer bin ich verantwortlich für die Umsetzung der Beschlüsse von Kammerversammlung, Ausschüssen und Vorstand. Personalentscheidungen, in welche Richtung wir unsere Beratung entwickeln, in was wir investieren – das geht alles über meinen Tisch. Obwohl es ein Ehrenamt ist, bin ich vier bis fünf Tage die Woche unterwegs. Mein Dienstort ist in unserer Zentrale in Oldenburg, außerdem bin ich oft in Hannover und als Präsident aller Landwirtschaftskammern in Deutschland hin und wieder in Berlin.

Wir haben im Impulsthema der vorherigen Ausgabe das Thema Arbeitssucht behandelt. Laut einer Studie der TU Braunschweig sind oft Menschen in sogenannten grünen Berufen, beispielsweise Landwirte und Gärtner, betroffen …
Davon habe ich noch nichts gelesen, dafür habe wohl zu viel gearbeitet (lacht). Tatsächlich bin ich nur 10 bis 25 Stunden in der Woche im Betrieb tätig und was man gerne macht, das nimmt man auch nicht als Belastung wahr. Nur meine Hobbys kommen etwas zu kurz, aber das ist ok.

Was machen Sie in Ihrer Freizeit?
Eigentlich lese ich gerne, gehe hin und wieder zur Jagd oder schaue mir ein Fußballspiel an.

Sind Sie Eintracht-Anhänger?
Natürlich, mit Eintracht bin ich groß geworden. Mein Vater war Dauerkarteninhaber auf der Vortribüne. Das erste Spiel, das ich als Zuschauer im Stadion gesehen habe, war 1965 gegen 1860 München. Das weiß ich noch bis heute, seit der Zeit bin ich blau-gelb.

Ist die Unterscheidung zwischen ökologischen und konventionellen Betrieben überhaupt noch zeitgemäß?
Nein, die ist veraltet. Mittlerweile arbeitet die zweite oder dritte Generation in den Betrieben. Es gibt nur wenige Unterschiede: Die einen nutzen keine chemischen Pflanzenschutzmittel und keine mineralischen Dünger, aber die eingesetzten Maschinen sind ähnlich. Ökologische Betriebe gibt es in allen Teilen Niedersachsens – allerdings in unserer Region am wenigsten.

Warum das?
Wir haben gute Böden und die haben ein Problem: Extrem wüchsiges Unkraut. Das rein mechanisch in den Griff zu bekommen ist schwierig. Der zweite Grund ist, dass man im Braunschweiger Land bis vor kurzem mit Zuckerrüben, die nur schwer ökologisch angebaut werden können, noch ein gutes Grundeinkommen hatte. Dritter Grund ist, dass man für den ökologischen Landbau Stallmist als Dünger benötigt – und dafür braucht man Tiere. Die haben wir in unserer Region aber kaum.

Gab es nicht Mal Bestrebungen ein Transportnetzwerk für Mist und Gülle aufzubauen?
Die Initiative läuft, auch im Braunschweiger Land erhalten einige Betriebe Dünger aus dem Weser-Ems-Gebiet – beziehungsweise erhielten. Da die Tiere dort im vergangenen Jahr reduziert wurden, gibt es auch weniger Überschüsse an organischen Dünger. Braunschweig ist dann einfach zu weit weg.

Was hat sich beim Rübenanbau verändert, dass er nicht mehr als sichere Einkommensquelle gilt?
Vor ein paar Jahren wurde europaweit die für die Bauern und Zuckerfabriken bewährte Zuckermarktordnung –­­ gesicherte Mengen und Preise – de facto abgeschafft. Dadurch ist die Zuckerrübe für die Bauern eine Marktfrucht wie jede andere und unterliegt den erheblich schwankenden Weltmarktpreisen.

Wenn wir auf die aktuelle Berichterstattung zur Landwirtschaft schauen, geht es immer wieder um die Ukraine und die Auswirkungen des russischen Angriffskriegs. Welchen Einfluss hat dieser auf deutsche Landwirte und welchen Einfluss wiederum können diese auf die Getreidemärkte ausüben?
Wenn wir Einfluss nehmen können, dann durch die Aussaat im Herbst für die Ernte 2023. Da wird im Moment tatsächlich diskutiert, ob wir die Maßnahmen, die wir für den Naturschutz angestoßen haben, in Teilen wieder zurücknehmen …

Selbst bewirtschaftet der Kammerpräsident einen Ackerbau- und Hähnchenmastbetrieb. Foto: littlewolf1989 – stock.adobe.com

Sie klingen skeptisch …
Ich bin da ambivalent. Den Niedersächsischen Weg als Übereinkommen zwischen Naturschutz, Landwirtschaft und Politik habe ich mit ausgehandelt. Ich kann mir vorstellen, dass wir – statt der von Brüssel vorgesehenen Flächenstilllegung von vier Prozent – mit ein oder zwei Prozent starten oder sie sogar vorübergehend aussetzen. Das wären zehntausende Hektar. Aber den gesamten Verlust der Ukraine können wir nicht auffangen.

Wer könnte das entscheiden?
Der Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir.

Wie sehr drängt das Problem?
Wir müssen Saatgut bestellen und haben ebenfalls Lieferkettenprobleme. Wir könnten für den Weltmarkt produzieren, wenn das bis August entschieden ist. Die gute Bördefläche im südlichen Braunschweiger Land machts möglich.
Also keine Sommerferien für die politischen Entscheider:innen …
Wir vertrauen darauf, dass Politiker:innen ganzjährige Verantwortung tragen. Wir Landwirt:innen übernehmen auch das ganze Jahr über Verantwortung, insbesondere diejenigen, die Tiere halten. Ich bin aber grundsätzlich optimistisch gestimmt.

Wenn es in den Medien um Getreidemangel geht, denken Endverbraucher:innen oftmals an Mehl und Brötchen. Was bedeutet der Krieg für die Tierhaltung?
Die Tierhalter, insbesondere die ökologischen, haben ein großes Problem. In einem ausgewogenen Futter muss immer ein gewisser Anteil pflanzliches Eiweiß enthalten sein. Und das wird fast ausschließlich, oder zumindest zu zwei Dritteln, aus der Ukraine importiert. Daher gibt es Sondergenehmigungen, dass die ökologischen Betriebe auch konventionelles Futter verwenden dürfen. Insgesamt sind die Preise für eiweißhaltiges Futter durch die Decke gegangen. Schweinehalter haben es extrem schwer, zehn Prozent haben im vergangenen Jahr aufgegeben. Seit diesem Jahr leben in Niedersachsen wieder mehr Menschen als Schweine. 8,02 Millionen Menschen und 7,2 Millionen Schweine. Es ist oft schlichtweg nicht mehr wirtschaftlich Schweine zu halten.

Hinzu kommen stark gestiegene Energie- und Dieselpreise …
Das ist für uns ein wichtiger Faktor. Sie sehen es ja an den großen Maschinen, die wir bewegen müssen. Die Bewirtschaftung auf der Fläche ist inzwischen doppelt so teuer.

Welche Entlastungen bräuchten die Landwirt:innen? Muss die Politik tätig werden?
Wir Landwirt:innen haben uns über die Jahrzehnte den Ruf erarbeitet, für jede Veränderung, die die Welt uns präsentiert, Entlastung zu fordern. Dabei wollen wir einfach faire Marktbedingungen. Gut verdienen, wenn es möglich ist und den Gürtel enger schnallen, wenn es mal ein Jahr lang nicht läuft. Natürlich ist es bei totalen Verwerfungen wie aktuell richtig, wenn der Staat uns unterstützt. Aber mehr als jede finanzielle Unterstützung helfen uns Rahmenbedingungen, mit denen wir Tierhaltung und Ackerbau vernünftig entwickeln können.

Faire Entlohnung und Sichtbarkeit in der Öffentlichkeit waren auch Anliegen der Demonstrationen in Hannover und Berlin …
Genau! Wir arbeiten gern und lieben den Beruf, aber am Ende möchten wir vom Verkauf unserer Produkte leben können. Wir wollen auch die Natur schützen, aber wir brauchen auch unternehmerische Anreize.

Haben die Demonstrationen ihren Zweck erfüllt?
Ohne die Demonstrationen der Landwirt:innen hätte die Politik möglicherweise keinen Austausch zwischen Naturschutz und Landwirtschaft moderiert. In Niedersachen waren es insbesondere der Wirtschaftsminister Olaf Lies und die Landwirtschaftsministerin Barbara Otte-Kinast, die damals den BUND- und NaBu-Vorstand, den Landvolkpräsidenten und mich zu einem Gespräch eingeladen haben. Danach begann der Niedersächsische Weg. Das hätte es nicht gegeben, wenn die Bauern nicht „Sprecht mit uns!“ gerufen hätten.

Haben Sie damals auch demonstriert?
Ja, mein Sohn ist gefahren und ich habe ihn begleitet. Mit den Protesten hat sich unsere Wahrnehmung und Darstellung in den Medien stark gewandelt. Die Leute sehen, dass wir beim Naturschutz mitmachen, dass wir ihre Nahrungsmittel produzieren. Das Ansehen der Bauernfamilien hat sich in den vergangenen Jahren insgesamt deutlich verbessert …

 

Teil 6 unserer Standort38-Serie Land- und Forstwirtschaft

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