10. November 2021
Entscheider

„Elon Musk wäre hier willkommen!”

Das sagt Flavio Benites, seit gut einem Jahr Erster Bevollmächtigter der IG Metall Wolfsburg. Ein Gespräch über Transformation und Zukunft.

Flavio Benites ist seit 2020 Erster Bevollmächtigter der IG Metall Wolfsburg. Foto: Torben Dietrich

Von zwölf Uhr mittags bis um halb vier saß Flavio Benites an dem schlichten Schreibtisch seines Büros bei der IG Metall Wolfsburg. Ganz allein, nur ein paar leere Blätter gelbes Papier vor sich und einen Kugelschreiber in der Hand. Der Espresso, den er sich vorher gemacht hatte, war längst kalt. Benites überlegte, schrieb Formulierungen und Versatzstücke auf, verwarf einige, schrieb erneut. Ihm blieb nicht mehr viel Zeit an diesem Dienstag im September letzten Jahres, um seine vielleicht wichtigste Rede seit langem zu schreiben. Eine Rede, die rund 200 IG Metall-Delegierte dazu bewegen sollte, ihn zum ersten Bevollmächtigten der Geschäftsstelle Wolfsburg zu wählen.

Schließlich war Benites fertig, faltete rasch seine Papiere und eilte zu Fuß, allein und ganz im Reinen mit sich, einmal durch die spätsommerliche Innenstadt zum Wolfsburger Congresspark. Dort warteten bereits einige seiner Kollegen und Kolleginnen vor dem Eingang. Die Zeit drängte und Benites hatte sich erst einen Tag vorher zur Kandidatur gemeldet. Vor ihm sprach seine Konkurrentin um diesen Posten zu den Delegierten, die 34-jährige Ricarda Bier. Sie war vom Vorstand auserkoren, die Geschäftsstelle als Erste Bevollmächtigte zu führen, auch von VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh wurde sie unterstützt. Im Licht der Bühne musste Benites sich konzentrieren, um den Faden seiner Rede nicht zu verlieren. Er sprach von Veränderungen der Arbeitsweisen im Haus, von einer anderen Art Führung, natürlich musste er dabei diplomatisch bleiben.

Der zweite Fixpunkt war die Transformation der Automobilindustrie. Ricarda Bier sagte: Eine Zukunft ohne Automobilindustrie für Wolfsburg ist nicht möglich. Benites hielt dagegen: Leider sei eine solche Zukunft denkbar und möglich. Aber das sei keine gute Aussicht für die IG Metall. Die Transformation müsse also bewältigt werden, damit es eine Zukunft mit der Automobilindustrie in der Region gibt – und mit der Gewerkschaft.

Die anschließende Abstimmung und über siebzig Prozent der Delegierten verhalfen Benites am 8. September 2020 auf den bisherigen Höhepunkt seiner Karriere – die vor Jahrzehnten in Brasilien begann.

Benites: „Lula da Silvas Kampf gegen die Militärjunta faszinierte uns“

„Ich bin in einer liebevollen Mittelschichtfamilie im Süden Brasiliens aufgewachsen“, sagt Flavio Benites. Wieder sitzt er an einem Schreibtisch, diesmal im Besprechungsraum der IG Metall Wolfsburg, neben sich nur zwei Handys und das Aufnahmegerät des Reporters. Öffentliche Schule, öffentliche Uni, Jurastudium, alles stand im Schatten der brasilianischen Militärdiktatur.

Vielleicht trug das dazu bei, dass Benites eine Leidenschaft für das Arbeitsrecht entwickelte. „Damals entstand die neue Arbeiterpartei mit Lula da Silva, das faszinierte uns“, erinnert er sich. „Die machten mit Gewerkschaftern Politik und leisteten Widerstand gegen die Militärdiktatur. Es ging nicht nur ums Arbeitsrecht, sondern auch um Gesellschaft, Demokratie und Gerechtigkeit.“ Und um Mitbestimmung. „Ein Wort, das man erst ins Portugiesische übersetzen und erklären musste“, sagt Benites und lacht.

Seit gut einem Jahr ist Flavio Benites Erster Bevollmächtiger der IG Metall Wolfsburg. Foto: Torben Dietrich

Als junger Anwalt für Tarifrecht bei den brasilianischen Metallgewerkschaften in São Paulo kam er 1985 zum ersten Mal nach Deutschland. Eine internationale Kooperation mit der Friedrich Ebert- und der Hans Böckler-Stiftung sowie mit der IG Metall Wolfsburg machte das möglich. „Betriebsräte, Tarifautonomie, das alles haben wir bis heute nicht in Brasilien. Das war eine neue Welt“, erinnert er sich. Diese Welt wollte er kennlernen, unterstützen, Wissen sammeln.

Als er 1998 nach Deutschland kam, war die IG Bergbau, Chemie, Energie seine erste Station, hier machte er eine Ausbildung zum Gewerkschaftssekretär. Hannover, Hamm und Ludwigshafen hießen die nächsten Stufen auf der Karriereleiter des engagierten Brasilianers. „Und dann kam 2006 die Anfrage von den alten Kumpels aus Wolfsburg.“

Ein schwieriges Jahr. Eine schwierige Zeit. Die Jahre um die Jahrhundertwende waren eine belastende Situation für die ganze Branche, in Wolfsburg erreichte die Arbeitslosigkeit 18 Prozent. „Das hat man heute vergessen“, sagt Benites. Dann kam die Wolfsburg AG und die Auto5000 GmbH, kamen die Autostadt und der Personaldienstleister Autovision als Antwort auf die Krise. Alle packten mit an, investierten, waren zu Zugeständnissen bereit. Und meisterten die Krise.

„Wir dürfen nicht den Weg gehen, den die Photovoltaik ging“

Heute, 15 Jahre nach Benites’ Einstieg in Wolfsburg, sei wieder Kooperation gefragt. „Weil die Position des Standortes Deutschland gefährdet ist. Sie ist wieder gefährdet und wird immer gefährdet sein“, sagt Benites. Die erhöhte Kompetetivität der Chinesen und anderer südostasiatischer Länder sei die große Herausforderung, der man auf mehreren Feldern begegnen müsse.

Eines der wichtigsten Mittel in diesem Wettstreit sei eine vorausschauende Industriepolitik in der und für die Automobilbranche. „Wir dürfen nicht den Weg gehen, den die Photovoltaik ging“, beschwört Benites. Von einst 100.000 Arbeitsplätzen in diesem Bereich in Deutschland sei heute nur noch ein Zehntel übrig. „Die Windkraftindustrie geht in die gleiche Richtung, eine Halbleiterindustrie gibt es schon gar nicht mehr.“ Vor allem die letztere Branche sieht Benites geradezu als Paradebeispiel einer verfehlten staatlichen Industriepolitik, die derzeit eine der Ursachen für Kurzarbeit und geringe Auslastung der Werke ist.

„Wir sind zwar als Autoindustrie sehr mächtig, aber wir stehen weltweit, zusammen mit Toyota und allen anderen Herstellern, nur für zwölf Prozent der Abnehmer der Halbleiterindustrie.“ Die großen Kunden sind Hersteller von PCs, Chips, Smartphones. „Die Halbleiterindustrie sagt uns zwar, okay, ihr seid zwölf Prozent, das ist wichtig, aber die anderen 88 Prozent sind ein bisschen wichtiger. Ich verstehe das. Aber mein Problem ist, dass wir vor 20 Jahren bereits eine Halbleiterindustrie in Deutschland hatten – die wir dann an die USA und Südostasien verloren haben.“

Benites wird lauter, haut mit der flachen Hand auf den Tisch. So etwas, sagt er, dürfe nicht noch einmal passieren.

„Wer in 15 Jahren die Technologie für Recycling beherrscht, wird damit viel Geld sparen“

Eine wichtige strategische Entscheidung ist für ihn daher die Etablierung der Batteriezellproduktion und des Batterierecyclings in Salzgitter. Denn der Zugriff auf Rohstoffe werde immer härter umkämpft. „Heute ist das noch kein wirtschaftlicher Betrieb“, gibt er zu. „Aber in 15 Jahren haben wir einen Riesenvorteil. Wer dann die Technologie für Recycling hat, wird damit viel Geld einsparen.“ Gleiches Thema bei der Batterie: „Wenn der Konzern diese Technologie nicht beherrscht, muss er sie einkaufen. Und dann wird der Profit sich entlang der Wertschöpfungskette zu den so genannten „kleinen“ Zulieferern verschieben, die überhaupt nicht mehr klein sind. An der Strategie entscheidet sich, ob wir in der Region bleiben können oder nicht.“

Das Batterielabor in Salzgitter wurde Mitte September eröffnet. Foto: Kai-Uwe Knoth / Volkswagen AG

Und an den Menschen. Ähnlich wie Halbleiter oder strategische Rohstoffe – bei der Transformation zur E-Mobilität von entscheidender Bedeutung – sind Software-Ingenieure und andere Fachkräfte mit Spezialkenntnissen rar. Auch um sie wird gerungen, weltweit. Was es noch komplizierter macht: Sie haben – anders als Halbleiter – Emotionen, Bindungen, Gefühle und Bedürfnisse. Und hier kommen Benites und seine Gewerkschaft ins Spiel.

Neben dem Kümmern um die tariflichen und arbeitsrechtlichen Belange der Arbeitnehmer geht es Benites vor allem auch darum, qualifizierte Menschen nach Wolfsburg und in die Region zu holen – und sie hier zu halten. „Die Region muss an Attraktivität gewinnen“, sagt er. Denn am Ende gehe es um diese Fragen: Habe ich ein Interesse, hier zu arbeiten oder nicht? Geht die Region den Bach runter oder geht es nach oben? Muss ich nach Hannover oder Berlin, um ins Krankenhaus oder ins Kino gehen? Kann ich mein Auto laden oder nicht?

„Es gibt keine Klassenidentität unter Software-Ingenieuren“

Ist die Region nicht attraktiv, wird woanders investiert. Mit den Investitionen gehen dann auch die Leute fort und die Region verliert. Deshalb seien Anstrengungen in die Attraktivität des Standortes flankierende industriepolitische Maßnahmen, die dafür sorgten, dass Investitionen getätigt und qualifizierte Industriearbeitsplätze hier angesiedelt würden. Für Benites sind das entscheidende Faktoren: „Wir müssen unsere Mitglieder aufklären, dass auch solche Themen über Lohnbedingungen hinaus wichtig sind. Wir wollen auch solche Felder besetzen und mitgestalten.“

Das werde auch im Hinblick auf den Wandel in der Automobilbranche zunehmend wichtiger. „Softwareingenieur:innen werden nicht unbedingt IG Metall-Mitglieder“, mahnt Benites. „Denn die Klassenidentität aus der Arbeiterbewegung gibt es bei denen nicht. Wir müssen ihnen klarmachen: Die IG Metall bringt euch etwas.“ Deshalb ist „Erneuerung“ weit mehr als nur ein Buzzword für ihn und seine Gewerkschaftskolleg: innen. Vieles wird derzeit diskutiert, es geht um Attraktivität, auch um Strukturen. Benites blickt dafür über den Tellerrand hinaus. Bis nach Grünheide.

Die Tesla-Gigafactory vor den Werkstoren werde mitentscheiden, in welche Richtung sich Wolfsburg bewegt. Foto: Steve Jurvetson

Die Herausforderung durch die Tesla-Gigafactory ist groß, allein der Image-Faktor ist gewaltig: Arbeiten bei Tesla, wohnen in Berlin oder Potsdam. Vor diesem Hintergrund gilt es umso mehr, Fachkräfte zu binden. Nicht nur, aber auch über die Steigerung der Attraktivität der Region. Die Spitzenkonkurrenz mehr oder weniger direkt vor den Wolfsburger Werkstoren könnte allein durch ihre Nähe mitentscheiden, in welche Richtung sich Wolfsburg und die Region bewegen werden. Elon Musk, der Pionier, der Visionär – und der Provokateur.

„Musk gehört zu den innovativsten produzierenden Kräften“

Von ihm wird der Innovationsdruck bei Volkswagen noch einmal verschärft, gleichzeitig passt Musk als Unternehmertyp scheinbar hervorragend in den sich beschleunigenden Innovationsprozess der globalen Automobilbranche. Deshalb muss diese Frage an Flavio Benites gestellt werden: Würde auch jemand wie Elon Musk zu Volkswagen passen?

„Ich glaube schon, sofern er mit seinen Investitionen und seiner Zielsetzung konkret dafür sorgt, dass Spitzentechnologie weiterentwickelt wird und aus dieser Spitzentechnologie zukunftsfähige Arbeitsplätze entstehen. In diesem Sinne glaube ich, dass er hier willkommen wäre.“ Sagt Flavio Benites, der sein ganzes Leben nur für Gewerkschaften gearbeitet hat. Natürlich habe er als Unternehmer und Kapitalist andere Interessen. „Aber ich würde ihn nicht von vorneherein ablehnen. Denn man muss anerkennen, dass er zu den innovativsten produzierenden Kräften gehört.“

Benites ist überzeugt, dass innovative Gestaltungskräfte und Investitionen auch bei Volkswagen der entscheidende Teil der Zukunftslösung sind. Natürlich, räumt er ein, gebe es da Konfliktpotenzial. „Aber ich scheue den Konflikt nicht. Als Gewerkschafter müssen wir Konflikte annehmen und sie eben ausfechten.“ Und die Arbeitnehmerrechte? Würde nicht bisher Erreichtes von jemandem wie Musk überrollt werden? „Nein“, sagt Benites klar. „Denn wir als IG Metall haben bereits mit Unternehmen zu tun, die genauso ticken. Die historische Entwicklung der IG Metall ist sehr an soziale und Arbeitskonflikte gekoppelt. Und wir müssen mit unserer Organisation, den Ressourcen und Strukturen in der Lage sein, Konflikte zu bewältigen und im Sinne von Arbeitnehmern und Gesellschaft zu gestalten.“ Die Mittel der Wahl sind bekannt: Streik und Protestmaßnahmen, aber auch Dialog und Mitbestimmung im Betrieb. Hinter diesen Formen des Arbeitskampfes standen auch die Delegierten der IG Metall am 8. September 2020 im Wolfsburger Congresspark.

Sein Redemanuskript hat Benites dann nicht gebraucht, die gelben Blätter lagen auf dem Pult vor ihm. Stichworte allenfalls, die er ab und zu davon aufnahm. „Ich habe schon viele Reden gehalten“, sagt er bedächtig. „Aber noch nie eine vorher geschriebene. Ich halte nichts davon.“

Eine Zukunft ohne Volkswagen sei für Wolfsburg leider möglich, gab Benites bei seiner Rede vor den IG-Metall-Delegierten zu bedenken und hinterließ damit Eindruck. Die Transformation des Konzerns sei deshalb unumgänglich. Foto: Photomat / Pixabay

Benites’ Ziel in Vorträgen sei es, zwei, drei Botschaften mit seinen Zuhörern auf Augenhöhe zu teilen, „damit wir gemeinsame Ziele identifizieren können, hinter denen wir alle stehen. Daraus entstehen dann Kompromisse, Allianzen und Bereitschaft, sich zu engagieren – oder sogar Freundschaften.“

„Seit’ an Seit’, sozusagen“

Einige Kollegen sahen vor seiner Wahl zum Ersten Bevollmächtigten bereits Intrigen, Machtspiele und Schwierigkeiten heraufziehen. Davon habe sich bisher aber nichts bewahrheitet, sagt er. Denn Benites hat auch bei der IG Metall eine neue Hierarchie eingeführt: Zusammen soll es gehen, nicht allein. Christian Matzedda als Zweiter Bevollmächtigter und Matthias Disterheft als Kassierer agieren mit ihm auf Augenhöhe, in der Entscheidungsfindung stimmt man sich ab. Darauf legt Benites viel Wert.

Zusammenarbeit müsse es auch mit der Wirtschaft geben. Um die wichtigsten Ziele zu erreichen, um die Zukunft zu gewinnen. „Wir müssen gemeinsam mit den Unternehmen ein zentraler Akteur sein“, fordert er.

Flavio Benites kämpfte schon an vielen Fronten. Früher mit gewerkschaftlichen Mitteln gegen die brasilianische Militärjunta, heute mit den Arbeitgebern an der Front der Transformation. Seit’ an Seit’,
sozusagen.

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