22. April 2021
Entscheider

Zwischen Lockdown und Gäste-Ansturm

Als Tourismus-Hochburg hat die Kaiserstadt Goslar 2020 ein schwieriges Jahr erlebt. Mit Kreativität und Optimismus haben Unternehmen und städtische Wirtschaftsförderung Lösungen gesucht.

Rosemarie Walter, Fachdienstleiterin für den Bereich Wirtschaftsförderung, und der Leiter des Fachbereichs Finanzen und Wirtschaft, Dirk Becker, unterstützen mit ihrem Team Unternehmen im Stadtgebiet bei Fragen und Problemen. Foto: Nöhr/Stadt Goslar.

Eine städtische Wirtschaftsförderung gibt es für Goslar seit mehr als 40 Jahren. Als Leiter des Fachbereichs Finanzen und Wirtschaft ist Dirk Becker seit 2009 auch erster Wirtschaftsförderer der Stadt. Außerdem ist er der Betriebsleiter der Stadtwerke und des Bauhofes. Ihm zur Seite steht ein sechsköpfiges Team. Um Unternehmen in Krisen zu helfen und Gründer zu beraten, arbeiten und denken sie da, wo sie gebraucht werden.

Herr Becker, wer an Goslar denkt, denkt vermutlich an Bergbau, die Kaiserpfalz und Tourismus. Ist das ein realistisches Bild – oder wird dabei ein wichtiger Aspekt für Goslar als Wirtschaftsstandort übersehen?
Goslar ist definitiv mehr: ein gut funktionierender Wirtschaftsstandort für Gewerbe, Industrie, Dienstleistung und Einzelhandel. Wir verfügen über einen gesunden Branchenmix von klein- und mittelständischen Unternehmen, aber auch Großunternehmen. Die Branchenunabhängigkeit verschafft uns eine gewisse krisensichere Ausgeglichenheit im Wirtschaftssektor. Der Index für die Einzelhandelszentralität von 156,5 für das Jahr 2020 verdeutlicht die Beliebtheit Goslars als Einkaufsstadt auch über die Stadtgrenzen hinaus.

Welche Gewerbe und Branchen prägen die großen Gewerbegebiete wie Baßgeige und Fliegerhorst? Gibt es weitere wichtige Unternehmens- oder Gewerbegebiete, die in der überregionalen Berichterstattung nicht so präsent sind?
Im flächenmäßig größten Gewerbegebiet, der Baßgeige, reicht der Branchenmix von Autohäusern, über produzierendes und verarbeitendes Gewerbe zum Beispiel im Automotivbereich, Pharmalogistik, Stahlbau und Lebensmittelgroßhandel bis hin zu Dienstleistern und Handwerksbetrieben. Im Fliegerhorst hat ebenfalls eine Vielzahl an Unternehmen einen neuen Standort gefunden.
Weitere wesentliche Gewerbegebiete finden sich in Oker, Jerstedt, Grauhof und Vienenburg, teilweise mit Traditionsfirmen, die seit 100 und mehr Jahren an diesen Standorten sitzen. Aktuell gibt es eine spannende Entwicklung des ehemaligen Hüttengeländes in Oker.

Goslar kann nicht nur Harzromantik: In den Stadtteilen Oker, Jerstedt, Grauhof und Vienenburg sitzen zum Teil bekannte und unbekannte Traditionsunternehmen. Foto: Schiefer/Goslar Marketing.

Gibt es noch Potentiale für weitere Gewerbeansiedlungen? Beziehungsweise: Gibt es noch freie Flächen, in denen die Entwicklung von Gewerbegebieten oder Unternehmerparks attraktiv ist?
Aktuell verfügen wir nur noch über ein eingeschränktes städtisches Flächenangebot. Wir unterstützen aber private Investoren bei der Schaffung neuer Gewerbeflächen, wie eben im Fliegerhorst, und sondieren, ob perspektivisch zusätzliche Gewerbegebietsflächen ausgewiesen werden können.

Innenstadtmarketing und der Erhalt der Innenstädte mit Flanier- und Bummelmeilen war bereits vor der Pandemie in vielen Regionen ein Thema. Wie geht es Goslars Innenstadt?
Außerhalb der Pandemie ist die Goslarer Innenstadt für alle, die in ansprechender Atmosphäre und angebotsreichem Umfeld gerne shoppen gehen, ein bevorzugtes Ziel. Ich sprach bereits zuvor die aktuelle Einzelhandelszentralität an, aber auch die Ergebnisse der Studie „Vitale Innenstädte“ der IFH Köln belegen das.
Corona hat auch in Goslar Spuren hinterlassen, aber bislang noch nicht so gravierend wie in einigen benachbarten Städten. Es gab Geschäftsschließungen aus unterschiedlichsten Gründen, aber erfreulicherweise auch zahlreiche Neueröffnungen, so dass sich die Zahl der Leerstandsimmobilien nur minimal verändert hat.
Wir sind im engen Austausch mit den betroffenen Akteur:innen, um perspektivisch weitere Maßnahmen zu ergreifen, die geeignet sind, dass unsere Innenstadt auch in Zukunft als attraktiv, reizvoll und l(i)ebenswert wahrgenommen wird.

Und wie ist es der Tourismus- und Gastronomiebranche im Jahr 2020 ergangen?
Für sie war 2020 ein ständiges Auf und Ab zwischen Lockdown und „Überranntwerden“. Die Verluste während des Lockdowns gerade bei den Übernachtungsgästen konnten durch die anschließend hohe Nachfrage teilweise kompensiert werden. Aktuell sehen wir für den Tourismusstandort sehr gute Perspektiven.
Die Stadt hat insbesondere unkomplizierte Stundungsregelungen angeboten, auf Sondernutzungsgebühren und den Tourismusbeitrag verzichtet. Zusätzlich wurde in Kooperation mit der Goslarer Marketing GmbH beispielsweise die Marketingaktion „Lokal Kaufen“ entwickelt.

Wenn Sie auf die vergangenen Arbeitswochen und Monate in einer Pandemie für sich und ihr Team blicken, was hat Sie überrascht und an welchen Stellen werden Sie als Wirtschaftsförderer die Folgen noch lange spüren?
Überrascht hat uns die doch sehr stabile Situation in vielen Bereichen und der Mut einzelner Unternehmen. So sind Automobilzulieferer in die Maskenproduktion eingestiegen. Besonders schwierig kann die Situation durch die nachlassende Kaufkraft werden. Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit dürfen dabei nicht unterschätzt werden, wenn die aufgelegten Programme von Bund und Land auslaufen. Es steht zu befürchten, dass uns die Bugwelle der wirtschaftlichen Probleme noch gar nicht erreicht hat.

2020 hat Goslar 5.382.000 Euro Fördermittel aus dem Städtebauförderprogramm erhalten. Warum ist das Programm für Goslar so wichtig? Wofür werden die Gelder verwendet?
Goslar ist in mehreren Programmen vertreten, unter anderem für den östlichen Teil der Altstadt, das Kaiserpfalzquartier, unseren größten Stadtteil Jürgenohl und unseren Tourismusort Hahnenklee-Bockswiese. Neben städtischen werden auch private Investitionen gefördert. Das hat einen erheblichen positiven Einfluss auf Stadtbild- und -entwicklung, gleichzeitig ist es ein massives Konjunkturprogramm.
Das wirkt sich nicht nur auf den Tourismus wie auf die eigenen Einwohner:innen aus, sondern ebenso auf Unternehmen und deren Bereitschaft in den eigenen – für die Mitarbeiterschaft attraktiven – Standort zu investieren.

Ein Thema, in das oft investiert werden soll, ist die Digitalisierung. Wie schätzen Sie den Stand der Goslarer Unternehmen ein? Welche Möglichkeiten hat die städtische Wirtschaftsförderung, um die Betriebe zu unterstützen?
Grundvoraussetzung sind die Breitbandkapazitäten, die sich sehr gut entwickelt haben, wo es aber insbesondere in Gewerbegebieten noch Nachholbedarf gibt. Daneben sehen wir das Gefälle zwischen hochdigitalisierten Bereichen und denen, die noch in den Kinderschuhen stecken. Vor dem Hintergrund der Pandemie und dem veränderten Einkaufsverhalten der Kund:innen stellen wir gerade im Einzelhandel ein massives Beratungsaufkommen fest.

Damit sich Unternehmen ansiedeln, brauchen sie ausreichend Fachkräfte. Ist es für die Unternehmen schwierig, welche zu finden? Welchen Mehrwert bietet Goslar als Wohnort für Arbeiter:innen und ihre Familien?
Wir haben eine hohe Lebensqualität, bezahlbaren Wohnraum, attraktive Wohnlagen, ein gutes Nahersorgungsangebot, eine funktionierende Innenstadt, vielfältige Freizeit-, Sport- und Kulturangebote, nicht zu vergessen das Weltkulturerbe und die direkte Lage am Harz. Ein Vorteil ist die Anbindung an verschiedene Autobahnen. Ansonsten haben wir hier natürlich einen breiten Stamm hervorragend ausgebildeter Fachkräfte im Chemie-Bereich, der Metallverarbeitung, der Recycling-Wirtschaft und anderen produzierenden Bereichen. Sorgen machen muss uns aber auch der Fachkräftemangel bei Hotellerie und Gastronomie.

Die Fachkräfte müssen auch irgendwo wohnen … Die Firma Dr. Meinhof und Felsmannwill das frühere Odeon-Theater in ein Mehrfamilienhaus umbauen. Wie steht es allgemein um den Wohnungsmarkt in der Stadt? Gibt es genügend – bezahlbaren – Wohnraum für alle?
In den vergangenen Jahren hat es eine rasante Entwicklung bei der Schaffung neuen Wohnraums gegeben; hier ist insbesondere der Fliegerhorst zu nennen. Gleichzeitig gibt es mehrere Entwicklungen in Ortsteilen und eben auch in der Innenstadt. Bei uns gibt es genügend Wohnraum in allen Preisklassen.
Goslar bereitet sich auf seinen 1100 Geburtstag vor. Sind Sie zuversichtlich, dass das Ereignis wieder groß gefeiert werden kann? Was ist geplant?
Da wollen wir noch nicht zu viel verraten. 2022 wird es zahlreiche Veranstaltungen und Aktionen geben. Die Goslarer Bürgerschaft ist aufgerufen, sich einzubringen. Deshalb veranstaltet die Goslar Marketing GmbH derzeit einen Mottowettbewerb.

Die Wirtschafts­förderung Goslar
Das Team der Wirtschaftsförderung besteht, neben Dirk Becker, zudem aus Rosemarie Walter als Fachdienstleiterin für den Bereich Wirtschaftsförderung und strategische Entwicklung, Sandra Bogisch, Antonia Fox, Lea Gottschalk sowie Maik Pramann und Michael Stieler.
Sie sind die Ansprechpartner in der Stadt Goslar für alle Unternehmen im Stadtgebiet. Unabhängig von Größe, Branche oder Anliegen. Sie unterstützen bei Standortfragen, Antrags- und Genehmigungsprozessen, beraten in Bezug auf Fördermittel, besuchen Unternehmen, steuern die Einzelhandelsentwicklung und vermitteln Kontakte bei der Suche nach Gewerbeflächen. Projekte der Stadtentwicklung werden gesteuert oder begleitet.
Außerdem organisieren sie Veranstaltungen wie das Goslarsche Pancket oder die Werkstattgespräche mit Oberbürgermeister Dr. Oliver Junk.

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