„Der Harz-Urlauber ist ein Nomade“ - Standort38

Fotogalerie - „Der Harz-Urlauber ist ein Nomade“

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Am Rande der Netzwerkveranstaltung HarzForumZukunft sprach Standort38 mit Eva-Christin Ronkainen-Kolb (Geschäftsführerin HarzVenture) und Maik Berke (Geschäftsführer Harzdrenalin) über zeitgemäßen Tourismus, Ost-West-Unterschiede und die Jungs aus dem Dorf nebenan.

Frau Ronkainen-Kolb, Herr Berke, der Harz wirke relativ altbacken, kritisierte Prof. Stefan Küblböck bei der Auftaktveranstaltung. Haben Sie ihn mit Ihren Angeboten zeitgemäßer gemacht?

Ronkainen-Kolb: Im Harz tut sich gerade etwas, gerade in Sachen Unterkünfte und Gastronomie. Das Torfhaus, der Wurmberg, Braunlage, Bad Harzburg, aber natürlich auch die neuen Angebote ringsherum. Es ist nicht mehr so altbacken wie früher.

Berke: Die Ansichten von Prof. Küblböck sind vielleicht auch nicht mehr ganz zutreffend. In den letzten fünf Jahren hat der Harz auch unabhängig von unseren Attraktionen massiv gewonnen. Im Eventtourismus wurden Meilensteine geschaffen. Im Grunde wird aber seit einigen Jahren ein Geschäft aufgezäumt, das es hier nachweislich schon seit 300 Jahren gibt …

… können Sie das genauer erläutern?

Berke: Nachhaltiger Tourismus. Den gab es hier schon immer. Neu dazugekommen sind Outdoor-Erlebnisse und der Aktivtourismus. Jetzt dürfen wir die Nachhaltigkeit nicht aus den Augen verlieren – und noch wichtiger, auch nicht die Regionalität. Natürlich kann man einen Burger regional interpretieren, aber eigentlich ist Hackus und Knieste der Kaiserschmarrn des Harzes.

Parallel zu den neuen gibt es auch viele traditionelle Angebote …

Berke: Das ist unumstritten. Momentan findet aber auch dort aufgrund des Generationenwechsels ein großer Umschwung statt. Viele Hotel- und Gastrobetreiber öffnen sich und wollen untereinander kooperieren. Wenn man sich Österreich, den Weltmeister des Tourismus, anschaut, ist das alles aber noch ausbaufähig.

Hand aufs Herz – sind Sie Mitbewerber oder ist der Harz groß genug für Sie?

Berke: Anfangs haben wir uns stärker als Konkurrenten gesehen – heute ist das nicht mehr so. Der Harz-Urlauber ist ein Nomade. Früher oder später kommt er auch bei uns vorbei. Und im besten Fall wirbt der Eventtourismus immer für anderen Eventtourismus. Unsere Attraktionen machen ja Lust auf mehr.

Ronkainen-Kolb: Genau. Der Gast macht nicht drei Tage nacheinander das Gleiche. Deshalb schicken wir ihn von A nach B. Und wenn es neue Events gibt, profitieren alle davon. So kommen noch mehr Gäste in den Harz, um etwas zu erleben.

Wie kam es damals jeweils zu Ihren Gründungen?

Ronkainen-Kolb: Der Baumwipfelpfad, den ich zusammen mit meinem Mann betreibe, ist ein Projekt der Kur-, Tourismus- und Wirtschaftsbetriebe. Ich habe vorher beim Harzer Tourismusverband gearbeitet und mein Mann im erlebnispädagogischen Bereich. Die Unternehmensgründung war für uns ein großer Schritt. Wir haben zu Beginn der Eröffnung des Pfades mit rund 100.000 Besuchern gerechnet. Das es dann deutlich mehr geworden sind, hat uns sehr gefreut und gezeigt, dass wir genau den Zahn der Zeit getroffen haben.

Berke: Unser Ansatz war von Anfang an rein privatwirtschaftlich und ging ausschließlich von uns aus.

Sind Sie mit Ihren Projekten auf Gegenwind gestoßen?

Berke: Nein. Es spielt aber eine große Rolle, ob man aus der Region kommt oder ein externer Investor ist. Die Jungs aus dem Dorf nebenan werden einfach anders angenommen. Im Übrigen hat uns das altbackene Image des Harzes auch sehr geholfen. Je leuchtender und abwegiger das Produkt im Gegensatz zu dem, was bis dato kursierte, desto erfolgreicher konnte es nur sein. So haben wir mehr Gehör bekommen und konnten uns entfalten.

Auf welches Feedback sind Sie denn gestoßen, als Sie erzählten, dass Sie an einem Drahtseil über einen Stausee fliegen wollen?

Berke: „Was soll das sein?“, war die Standardfrage. Wohlwollend ja, helfend immer, aber natürlich mit einem leichten Augenrollen. Es gab für unsere Anträge keine Formulare. Wir mussten Pionierarbeit leisten. Heute hat man es vielleicht etwas einfacher.

Ronkainen-Kolb: Bei uns gab es vorher Gesprächsrunden, damit alle Parteien Gehör bekommen. So konnten auch Gegenstimmen im Rahmen gehalten und das Projekt trotzdem weiterentwickelt werden.

Berke: Das ist am Ende im Interesse aller. Auch der Naturschutzbund weiß, dass sich der Harz entwickeln und am Puls der Zeit bleiben muss.

Spielen die Ländergrenzen heute noch eine Rolle?

Berke: Für Touristiker gibt es die Ländergrenze schon lange nicht mehr. Aber ein Flächenland wie Niedersachsen, das viel auf Industrie baut, strukturiert seine Förderpolitik dementsprechend. Für Sachsen-Anhalt war schon immer klar, dass der Tourismus ein großes Zahnrad ist.

Ronkainen-Kolb: Das stimmt. Heute gibt es aber auch hier in Niedersachsen mehr Fördermittel.

Aus den Jungs von nebenan sind mittlerweile Unternehmer geworden. Wie sind Ihre Unternehmen gewachsen?

Berke: Wir sprechen nicht über Zahlen, aber wir sind von zwei auf 32 Mitarbeiter in Vollzeit gewachsen und unser Wachstum liegt immer etwa bei fünf bis zehn Prozent pro Jahr.

Ronkainen-Kolb: Wir haben 2014 mit zwei Personen und als der Pfad 2015 eröffnet wurde mit sechs Angestellten angefangen. Mittlerweile sind wir bei 24 Beschäftigten. Durch die gastronomischen Betriebe können wir eine ganzjährige Beschäftigung gewährleisten.

Kann man mit Tourismus im Harz Geld verdienen?

Berke: Wenn man es richtig angeht, ja, dann übrigens auch mit klassischen Angeboten. Die Touristen sind hier und man muss nur den Puls treffen und Qualität beweisen. Die Menschen erwarten naturnahe und ein wenig verwegene Adventures – aber es muss auch „glossy“ sein.

Ronkainen-Kolb: Da stimme ich zu. Es ist wichtig, den Standort immer weiterzuentwickeln, damit er auch zeitgemäß bleibt.

Was haben Sie in Zukunft noch vor? Planen Sie weitere Attraktionen und Events?

Ronkainen-Kolb: Im Oktober ist Baustart für die Baumschwebebahn. Die Bergbahn wird so mit dem Baumwipfelpfad verknüpft. Man schwebt mit der Seilbahn hoch, mit der Baumschwebebahn gemütlich den Berg durch verschiedenste Baumarten und Umbaumaßnahmen des Waldes wieder hinunter zum hinteren Ende des Baumwipfelpfades. Eröffnung soll im Mai 2020 sein.

Berke: Wir bleiben in unserem Vierjahresturnus, verraten aber noch nichts Konkretes. 2017 ist die Brücke eröffnet worden und wir gehen davon aus, dass wir 2021 das nächste Event präsentieren können.

… das nächste große Ding?

Berke: Auf jeden Fall.

Ronkainen-Kolb: Bei Berke ist es doch immer ein großes Ding (lacht).

Berke: Das, was wir vorhaben, gibt es jedenfalls weltweit noch nicht. Sie dürfen gespannt sein.

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