8. September 2021
Impulse

„Auszeichnungen haben auch in 1.000 Jahren noch ihre Berechtigung“

Dr. Helfried Schmidt im Interview

Dr. Helfried Schmidt (l.) und Petra Tröger (r.), beide Vorstand der Oskar-Patzelt-Stiftung, bei einer Auszeichnungsgala „Großer Preis des Mittelstandes“. Foto: Fotos: Boris Löffert/ Oskar-Patzelt-Stiftung.

Dr. Helfried Schmidt ist Stifter und Gründer der Oskar-Patzelt-Stiftung sowie Chefredakteur des PT-Magazins. Im Jahr 1994 rief er den Wettbewerb „Der Große Preis des Mittelstandes“ ins Leben. Wir sprachen mit ihm über seinen Quereinstieg in den Mittelstand, denkwürdige Momente seiner ersten Preisverleihung und die Bedeutung der Mittelstandswürdigung …

Herr Dr. Schmidt, wollen Sie sich einmal kurz vorstellen?
Eigentlich bin ich Mathematik- und Physiklehrer und habe in Mathematischer Psychologie promoviert. 1991 bin ich als Quereinsteiger in die Wirtschaft und den Mittelstand gekommen und habe 1994 angefangen, das selbstgewählte Gegenstandsfeld Mittelstandswürdigung zu beackern. Entstanden sind der Große Preis des Mittelstandes und das PT-Magazin.

Wie ist es zu diesem beruflichen Wechsel gekommen?
Ursprünglich wollte ich an der Universität bleiben, aber ich war noch nicht weit genug, um eine Hochschullehrer-Laufbahn antreten zu können. Deshalb habe ich mit Anfang 30 entschieden: Ich fange nochmal neu an. Nie sind die Chancen besser als jetzt.

Was hat Sie letztlich dazu bewogen einen Wettbewerb für den deutschen Mittelstand ins Leben zu rufen?
Eine einfache, trockene Marktanalyse dazu, welche Bedürfnisse innerhalb der deutschen Wirtschaft existieren und wie ich diese mit meinen eigenen Fähigkeiten und Kenntnissen ein Stück weit decken könnte. Das Resultat meiner Analyse war, dass es ein Defizit bei der öffentlichen Würdigung des unternehmerischen Engagements gab. Das war der Ausgangspunkt für die Erfindung des Wettbewerbs.

Wie sahen die Anfänge aus und wie hat sich der Wettbewerb über die Jahre weiterentwickelt?
Wir haben am Anfang in Leipzig für die Region Leipzig begonnen. Der Wettbewerb hieß im ersten Jahr auch noch „Der goldene Sachse“. Aber wir hatten damals schon einen Untertitel, den wir bei der Expansion in andere Gegenden Deutschlands zum Obertitel machen wollten. Seit 1998 haben wir dann begonnen schrittweise zu expandieren. Seit 2002 gibt es den Wettbewerb in zwölf Wettbewerbsregionen in ganz Deutschland mit drei oder vier Auszeichnungsveranstaltungen im Herbst.

Gibt es besondere Momente der ersten Preisverleihung, an die Sie sich erinnern?
Selbstverständlich. Besonders ist mir der Augenblick vor der ersten Preisverleihung in Erinnerung geblieben. Damals war das noch eine kleinere Veranstaltung mit 300 Gästen, ohne anschließenden Ball. Die Verleihung fand im Leipziger Rathaus statt. Aber als wir mittags alles vorbereiten wollten, wollte uns der Pförtner nicht hineinlassen. Die Veranstaltung sollte um vier beginnen und er wollte uns erst um halb vier hereinlassen.

Und dann?
Ich habe ihm erklärt, dass wir doch nicht erst um halb vier alles vorbereiten können, wenn um vier der Ministerpräsident und 300 Gäste kommen. Es hat sich dann alles geklärt.

Was zeichnet den großen Preis des Mittelstandes heute aus?
Wir sind nach wie vor der einzige Wettbewerb, der bundesweit mit lokaler und regionaler Vernetzung existiert, ohne abhängig zu sein von staatlicher Förderung oder von Geldspritzen eines Großkonzerns. Das macht das ganze einerseits schwieriger in der jährlichen Umsetzung. Andererseits ist es wiederum einfacher, weil die rund 200 Persönlichkeiten in den Gremien ehrenamtlich arbeiten, das Ganze somit nicht für Geld machen, sondern die gemeinsame Überzeugung teilen, dass die Firmen im Mittelstand die öffentliche Aufmerksamkeit verdient haben. Der frühere Wirtschaftsminister von Brandenburg, Albrecht Gerber, hat es einmal so gesagt: Der Große Preis des Mittelstandes ist ein Aushängeschild für die Leistungsfähigkeit des German Mittelstand. Das trifft es meiner Meinung nach genau.

Wie viele Firmen bewerben sich denn heute für den Preis?
Seit einigen Jahren sind es um die 5.000 Firmen. Man kann sich allerdings nicht selbst bewerben, sondern muss von einem Dritten nominiert werden, dessen Name auch veröffentlicht wird. In der zweiten Stufe können die Firmen dann Juryunterlagen einreichen. Daraus wählen 13 verschiedene Jurys die Finalisten und Preisträgerinnen aus.

Hat sich die Bedeutung von Auszeichnungen in der Wirtschaft zwischen den 1990er-Jahren, als der Preis ins Leben gerufen wurde, und heute verändert?
Aus meiner Sicht nicht. Das Grundbedürfnis, weswegen wir den Wettbewerb in Leben gerufen haben, ist noch dasselbe wie damals. Die Unternehmen erhalten im Vergleich zu der hohen Belastung zu wenig öffentliche Anerkennung. Es gibt den Preis nach wie vor, weil das Problem nach wie vor besteht.

Das sind mehr die externen Auswirkungen einer Auszeichnung. Welche internen Auswirkungen gibt es bei den Firmen?
Die Erarbeitung der Unterlagen für die Jury und die Erstellung von Präsentationen für den Großen Preis des Mittelstandes sind häufig eine Teamwork-Aufgabe. Dieses gemeinsame Arbeiten auf ein bestimmtes Ziel hin hat positive Effekte. Außerdem gibt es Unternehmen , die mehrere Mitarbeitende mit zu den Auszeichnungsveranstaltungen nehmen – egal, ob sie ausgezeichnet werden oder nicht. Sie zeigen damit: Ihr gehört heute zum Netzwerk der Besten. Nehmt den Spirit auf. Nehmt die Atmosphäre auf. Tragt es weiter.

Sind Auszeichnungen also ein unterschätztes Mittel der extrinsischen Motivation?
Definitiv.

In den letzten Jahren hat die Vielfalt und schiere Masse an Auszeichnungen deutlich zugenommen. Wie bewerten Sie diese Entwicklung?
Das ist ein Irrtum. Dasselbe habe ich schon vor 25 Jahren gehört, als wir angefangen haben. Die meisten Wettbewerbe, die in den letzten ein bis drei Jahren entstanden sind, sind meistens nur regional und nicht überregional. Nach ein bis vier Jahren verschwinden sie wieder, weil die Luft raus ist oder weil die Finanzierungen ausbleiben. Unseren Preis wird es auch nur so lange geben, wie Personen ihn mit ehrenamtlicher Leidenschaft am Leben erhalten wollen. Wenn ich einmal 100 Jahre alte bin und nicht für eine Nachfolge gesorgt habe, gibt es diesen Preis auch nicht mehr. Aber ich bin erst Anfang 60 (lacht).

Was ist Ihrer Meinung nach der renommierteste Wirtschaftspreis weltweit?
Weltweit ist der einzige mir bekannte der Entrepreneur of the Year von Ernst & Young.

Und ein Deutschland ist es der Große Preis des Mittelstandes?
Es gibt eine Spitzengruppe an Wettbewerben, die auch über Jahre Bestand und Qualität bewiesen haben. Da gehört Entrepreneur of the Year zu und da gehören wir zu.

Sie selbst wurde 2008 mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland für die Leistungen, mit der Sie den Wettbewerb für den Deutschen Mittelstand auf die Beine gestellt haben ausgezeichnet. Welche Bedeutung hat so eine Auszeichnung für Sie selbst?
Ja, auch meine Geschäftspartnerin Petra Tröger ist so geehrt worden. Wir haben uns natürlich geehrt gefühlt und darin bestärkt und motiviert diesen Weg weiterzugehen. Wir haben daraufhin viel Resonanz aus unserem Netzwerk erfahren. Wissen Sie, das Zusammenleben von Menschen ist im großen Maße Kommunikation und zu dieser Kommunikation gehört auch immer Bewertung. Negative Bewertung, Kritik, wenn man Dinge anders sieht und positive Bewertung, Lob, wenn man etwas unterstützen möchte. Auszeichnungen haben deshalb auch in 1.000 Jahren noch ihre Berechtigung.

Auch interessant