„Den Sinn seines Lebens finden“

Autor, Ausbildungs- und Seminarleiter Dr. med. Ruediger Dahlke im Interview

Dr. med. Ruediger Dahlke. Foto: Angelika Silber

Dr. med. Ruediger Dahlke. Foto: Angelika Silber

Älter zu werden, ist für viele Menschen eine schwierige Vorstellung, denn alt werden will jeder von uns, aber niemand will wirklich alt sein. Dabei ist es in Wahrheit die Chance unseres Lebens – für Wachstum und Reife. Das propagiert Dr. med. Ruediger Dahlke, erfolgreicher Autor zahlreicher Bücher über u. a. Krankheitsbilder, Ernährung, Fasten, Meditation, aber auch über „Die Psychologie des Geldes“ in seinem neuen Buch „Das Alter als Geschenk“. Er zeigt hier auf, wie man die letzte Lebensphase mit all ihren Licht- und Schattenseiten sinnvoll und ganzheitlich nutzen kann. Standort38 sprach mit ihm.

Herr Dahlke, der demografische Wandel und die gestiegene Lebensqualität im Alter erfordern eine Neubewertung des Alters. Senioren in Deutschland leben heute über 30 Jahre länger als noch vor 100 Jahren. Wie bewerten Sie diese Entwicklung? Wann ist man heute alt?

Tatsächlich wohl auch 30 Jahre später. Persönlich schieben die meisten das Alter vor sich her. Alt ist dann das eigene Alter + 15 Jahre. Mit dieser Methode muss man sich nie alt fühlen. Aber ich halte das für einen schweren Fehler. Mein neues Buch legt eine Neubesinnung und -bestimmung des Alters nahe. 

Wir leben in einer Zeit der permanenten Erneuerung und Wandlung, der Leistungsoptimierung, Ich-Bezogenheit und des Jugendwahns. Wie passt das Thema Alter dazu?

Es passt sehr gut als Gegenpol dazu, zumal es immer noch das Ziel des Lebens ist und immer bleiben wird. All die von ihnen aufgezählten Aspekte können doch mit fortschreitender Lebenszeit nur unglücklich machen. Tatsächlich wollen ja heute aus Angst vor dem Tod alle alt werden, da aber fast niemand alt sein will, werden dadurch (fast) alle unglücklich. Aber das werden die Babyboomer, die größte Generation, die je lebte und zu der ich auch gehöre, ändern und „Das Alter als Geschenk“ kann und soll dabei helfen.  

Die Ergänzung zum Titel Ihres Buchs lautet „Über die Kunst, in einer verrückten Welt nicht den Verstand zu verlieren“. Wie meinen Sie das?

Ich habe da ein „nicht“ eingefügt. Es bezieht sich darauf, dass wir eben nicht alle an Alzheimer-Demenz erkranken müssen, wie es uns die Statistiken der Schulmedizin vorrechnen. Alzheimer ist tatsächlich nicht nur heilbar, wie ich durch Studien belege, sondern wir können ihm mittels anderer Einstellung und Lebensführung auch vorbeugen. In „Das Alter als Geschenk“ beschreibe ich detailliert, wie das zu bewerkstelligen ist.

Heute heißt es oft, wer in Rente gehe, der sei weg vom Fenster und Altern sei eine Krankheit. Sie behaupten, Älterwerden ist die Chance unseres Lebens. Warum?

Weil bei genauerer Betrachtung alles dafür spricht, das Alter als Chance zu begreifen. Altern ist das Ziel unseres Lebens. Nur wir Menschen haben solch eine lange zweite Lebenshälfte. Nach C.G. Jung dient die erste Hälfte der Natur und die zweite der Kultur. Wir können und sollten sie nutzen, Sinn in unserem Leben zu finden und den Lebensabend zum Feierabend unseres Lebens machen. Wir sind dort wieder frei von all den Zwängen der modernen Gesellschaft, bekommen Geld ohne noch dafür arbeiten zu müssen. Im Alter ist tatsächlich das bedingungslose Grundeinkommen schon verwirklicht. Wir bräuchten es nur anzunehmen und zu genießen.

In der heutigen Gesellschaft muss man permanent Stärke beweisen und abliefern. Sie bezeichnen jedoch insbesondere Schwäche als Chance. Warum?

Weil sie nach den Spielregeln des Lebens, den „Schicksalsgesetzen“, der archetypisch weibliche Gegenpol ist, der unser Leben erst vollständig und heil macht. Im Tai-Chi-Symbol gibt und braucht es neben der hellen auch eine dunkle Seite. Und so wie der Tag die Nacht braucht, braucht das Leben ebenfalls den weiblichen Gegenpol und die Jugend das Alter. Ganz konkret, Schwäche ermöglicht z. B. Hingabe und macht sie leichter.

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