„Der Harz ist auffallend fragmentiert“

Prof. Dr. Stefan Küblböck vom Institut für Tourismus- und Regionalforschung der Ostfalia war der Referent beim ersten HarzForumZukunft auf dem Wurmberg. Wir haben ihn in der Seilbahn auf dem Weg zum Gipfel interviewt.

Der verschneite Wurmberg freut auch den Referenten, Prof. Dr. Stefan Küblböck. Foto: Holger Isermann

Der verschneite Wurmberg freut auch den Referenten, Prof. Dr. Stefan Küblböck. Foto: Holger Isermann

Herr Küblböck, ist der Harz mehr als ein deutsches Mittelgebirge, das touristisch etwas aus der Zeit gefallen scheint?

Er hat sehr viele Gesichter, der Harz ist auffallend fragmentiert. Einerseits gibt es mittlerweile viele Attraktionen, Hotels und Orte, die sich absolut zeitgemäß entwickelt haben –andererseits aber auch Gegenden, in denen zu lange zu wenig passiert ist und die Gefahr laufen, den Anschluss zu verpassen.

Woran liegt das?

Das kann viele Gründe haben. Oft fehlen einfach das Kapital und die Ideen, um sich weiterzuentwickeln …

… und gerade die Orte, an denen etwas passiert, ziehen meist weitere Innovationen an, oder?

Natürlich, Investoren schauen sich ganz genau das Umfeld an, und es ist viel leichter, eine positive Entwicklung fortzuführen als neu zu starten.

In der Folge zeigt der Harz neue Konzepte in Schierke oder Torfhaus, viel alte Bausubstanz und Leerstand, zum Beispiel im Westharz. Welche Unterschiede hält eine Destination eigentlich aus?

Es hängt sehr vom Touristen ab, was er erwartet, und wie lange er bleibt. Wenn beispielsweise jemand mit dem gewählten Hotel, der Pension oder der Ferienwohnung zufrieden ist und von dort zum Wandern geht, fährt er vielleicht mit einem sehr positiven Eindruck wieder nach Hause. Je länger der Urlaub aber dauert, desto größer ist im Harz gegenwärtig die Wahrscheinlichkeit, an Orte zu gelangen, die das Bild und Gesamterlebnis nachhaltig trüben.

Taugt der Harz vor allem als Ziel für Tages- bzw. Kurzurlaube?

Das hat sich deutschlandweit geändert. Die Aufenthaltsdauer ist in den vergangenen 20 Jahren insgesamt kürzer geworden, gleichzeitig wird aber deutlich mehr Wert auf Qualität gelegt. Wer heute in einem Mittelgebirge Urlaub macht, wünscht sich intensive und kondensierte Erlebnisse Das muss nicht unbedingt ‚Action‘ bedeuten, intensive Erlebnisse können auch Ruhe und Stille sein.

Braucht es mehr Highlights als früher?

Eines pro Tag kann völlig reichen, einen besonders schönen Wanderweg oder ein wirklich tolles gastronomisches Angebot zum Beispiel.

Fallen Ihnen auf Anhieb einige besonders positive und negative Ecken oder Angebote hier im Harz ein?

Leider kenne ich zu wenig Beherbergungsbetriebe von Innen. Es gibt durchaus einige Hotels, die mich rein äußerlich eher abschrecken würden. Hier scheint der Zug abgefahren zu sein. Namen möchte ich aber keine nennen. Ein anderes Beispiel ist für mich das Eislaufstadion in Braunlage, das fast schon als Zeitikone erscheint. Der Bau war damals mutig, und heute müsste man eigentlich etwas tun, auch wenn das natürlich schwer ist. Toll, hochwertig und überraschend vielfältig entwickelt haben sich zum Beispiel Torfhaus, Thale und Schierke. Mit einer gewissen Ambivalenz nehme ich dagegen die Action-Angebote wahr, die in den vergangenen Jahren entstanden sind …

Megazipline, Monsterroller und Co …?

Genau. Das sind kreative Ideen und Leute mit viel Schwung …
… aber? Mir fehlt ein wenig das Bekenntnis zum Harz und seiner Geschichte. Man inszeniert sich eher als Kontrastprogramm. In anderen Regionen, wie beispielsweise Südtirol, gelingt die Innovation ohne diese Brüche. Dort passt das Alte zum Neuen und wird zu einer Einheit.

Wie sehr leidet der Harz darunter, dass ihn gleich drei Bundesländer unter sich aufteilen?

Daraus entsteht ein erheblicher Abstimmungsbedarf. Zumindest beim Marketing sind die Kräfte seit vielen Jahren durch den Harzer Tourismusverband vereint. Das war ein sehr wichtiger Schritt.

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