5. November 2021
Impulse

Der Landkreis Helmstedt auf der Suche nach einem neuen Image

Ein Gespräch mit Thomas Klein, Dr. Alexander Goebel und Gerhard Radeck, Geschäftsführer und Aufsichtsratsvorsitzender der Wirtschaftsregion Helmstedt GmbH.

Aufsichtsratsvorsitzender Gerhard Radeck und die beiden Geschäftsführer Thomas Klein und Dr. Alexander Goebel im Gespräch mit Standort38. Foto: Stephanie Joedicke

Anfang dieses Jahres hat die im Oktober 2020 gegründete Wirtschaftsregion Helmstedt GmbH offiziell ihre Arbeit aufgenommen. An ihrer Spitze stehen zwei Männer, die nicht weniger ambitioniert als ihr gemeinsames Ziel erscheinen: den Strukturwandel eines ganzen Landkreises zu managen. Wir sprachen mit den beiden Geschäftsführern Dr. Alexander Goebel und Thomas Klein sowie dem Aufsichtsratsvorsitzenden Gerhard Radeck über Selbstständigenmentalität, überwundenes Kirchturmdenken und eine ökologisch wie ökonomisch wertvolle Region.

Die Helmstedter Entscheider im Interview

Mit Beginn dieses Jahres konnte die Wirtschaftsregion Helmstedt GmbH ihre Arbeit aufnehmen. Wie sieht Ihre Zwischenbilanz aus?

Goebel: Die Gesellschaft ist erfolgreich ins Laufen gekommen. Im Prinzip mussten wir sämtliche Prozesse durchmachen, wie jeder Unternehmensgründer auch – von der Personalbeschaffung über Haushaltsplanung bis hin zum Einrichten des Online-Bankings.

Klein: Wir mussten uns natürlich auch erst einmal einspielen und die Prozess- und Ablauforganisation innerhalb der GmbH strukturieren und organisieren.

Herr Goebel, in unserem letzten Interview für das Helmstedt Wirtschaftlich Magazin bezeichneten Sie die Gründung als Mammutaufgabe. War sie das rückblickend auch?

Goebel: Definitiv (lacht). Zweieinhalb Jahre haben wir nach der Gründung des Regionalmanagements dafür gestritten, um alle wichtigen Akteure mitzunehmen. Das war ein wichtiger Partizipationsprozess, der nur gelingen konnte, weil alle Bürgermeister und der Landrat stets hinter uns und den gemeinsamen Zielen standen. Denn mit den Herausforderungen, die in dieser Größenordnung vor der Tür stehen, können wir nur gemeinsam fertig werden.

An welchen Stellen verspüren Sie momentan den größten Druck?

Klein: Wir haben noch einige Aufgaben zu bewältigen im Hinblick auf die Revierförderung. Anhand der rechtskräftigen Verwaltungsvereinbarung zwischen Bund und Ländern können wir jetzt zwar Projekte angehen, aber immer in dem Wissen, dass schlussendlich der Bund und die Länder entscheiden. Deshalb brauchen wir gut aufgesetzte Prozesse. Und das macht man nicht einfach nebenbei.

Wie sieht Ihr Arbeitsalltag demnach aktuell aus?

Klein: Kein Tag gleicht dem anderen. Denn wir haben neben den Projekten und Terminen noch das Tagesgeschäft. Wir sind Wirtschaftsförderer, Existenzgründerberater, …

Goebel: … Fördermittelberater und kümmern uns um Ansiedlungsanfragen.

Klein: Aktuell stellen wir zum Beispiel das Leistungsverzeichnis für die Machbarkeitsstudie eines potentiellen interkommunalen Gewerbegebiets A2/A39 zusammen.

Radeck: Dann gibt es noch die Projekte, die wir schon eine ganze Weile begleiten. Die Monoklärschlammverbrennungsanlage wird gerade gebaut und es steht die Überlegung im Raum, ob eine Phosphorrecyclinganlage dahinter gesetzt werden kann. Aktuell beschäftigen wir uns außerdem mit der Frage, wie auf dem ehemaligen Kraftwerkgelände Buschhaus ein Wasserstoffcampus entstehen kann.

Sie haben sich außerdem gemeinsam mit dem Projektbüro Südostniedersachsen erfolgreich für den Wettbewerb HyLand – Wasserstoffregionen in Deutschland des Bundes beworben. Worum geht es dabei?

Goebel: In dem Wettbewerb werden Regionen unterstützt, die sich im Wasserstoffbereich entwickeln. Wir haben uns dort stellvertretend für die Wasserstoffregion Südostniedersachsen beworben. Das ist wichtig, weil wir regional als Teil eines Clusters denken müssen.

Wie soll diese Wasserstoffregion aussehen?

Goebel: Wir haben hier am Standort die Wasserstoffproduktion und sind außerdem mit Start-ups in Gesprächen, die sich hier ansiedeln wollen. Die Salzgitter AG wird zukünftig einer der größten Abnehmer für grünen Wasserstoff. Dort entsteht außerdem der Wasserstoff-Campus. Wir haben Alstom, die mit ihren Zügen im Bereich der Wasserstoffmobilität aktiv sind. All diese einzelnen Aspekte miteinander zu verbinden und die Wertschöpfungskette in der Region zu schließen, von der Produktion über die Distribution bis hin zur Verwendung des Wasserstoffs, ist der Fokus.

Was bedeutet die Förderung nun konkret für Sie?

Goebel: Wir haben in der Kategorie HyExpert gewonnen. Dort wird die Entwicklung eines Konzepts gefördert, das entlang der Wertschöpfungskette die einzelnen Projekte in der Region vernetzt und in unserem Fall auch eine gemeinsame Dachmarke für die Region aufbauen soll.

Radeck: Der Wasserstoff-Fördertopf in Deutschland liegt bei sieben Milliarden Euro. In der ersten Wettbewerbsrunde des HyLand-Wasserstoffprogramms wurden nun drei Regionen festgelegt, die zu den HyPerformern zählen – das ist nach HyExpert die nächste Stufe und dort wollen wir perspektivisch auch hin.

Goebel: Bringt nichts, der Region Helmstedt etwas Unpassendes überzustülpen

Aus dem ehemaligen Kohlerevier wird eine Wasserstoffregion – ist das die Überschrift?

Klein: Das käme zu kurz. Wir werden eine ökologisch wertvolle Region. Wir müssen in der Strukturentwicklung für den Landkreis ein ökologisches wie ökonomisches Gleichgewicht herstellen.

Wie plant man eigentlich einen Strukturwandel für einen gesamten Landkreis?

Klein: Dafür muss man die Ausgangslage kennen. Wir hatten hier über viele Jahre eine Monostruktur – danach wirtschaftlich nicht besonders stark, auch nicht in der Innovation und ländlich bis in den letzten Zipfel nicht besonders gut in der Mobilität. Und vor dem Hintergrund, was es war, muss man gucken, was es sein kann. Aufbauend auf die vorhandenen Potenziale entwickeln wir Strategien und Projekte.

Goebel: Es bringt nichts, der Region etwas überzustülpen, was nicht passt. Dank der bisherigen Förderung konnten wir Untersuchungen, wie die Mobilitätsstudie, das Gewerbeflächenentwicklungskonzept, oder den Start-up Masterplan, durchführen. Wir kennen jetzt die Potenziale – eines ist beispielsweise das enorme Flächenpotenzial, das wir nutzen können.

Klein: Aber immer im Bewusstsein, um welchen Preis. Wir werden nicht losgehen und unbedacht Flächen versiegeln. Deshalb auch die Machbarkeitsstudie für das interkommunale Gewerbegebiet. Das Zusammenspiel aus Ver- und Entsiegeln von Flächen muss stimmen.

Wie stark sind Sie auf neue Flächen für Ansiedlungen angewiesen?

Klein: Sehr.

Radeck: Wir müssen uns auch nichts vormachen. Wir können keinem Unternehmen vorschreiben, wo es sich ansiedeln soll. Das läuft andersherum: Die Firmen kommen zu uns und sagen, sie brauchen Fläche etwa in Ochsendorf. Wenn wir das nicht bieten können, gehen sie woanders hin.

Gemeinsam mit Wirtschaftsminister Dr. Bernd Althusmann und der Landwirtschaftsministerin Barbara Otte-Kinast haben Sie am 17. Juli das Gründer- und Unternehmenszentrum eröffnet – sicherlich ein erster Meilenstein. Wie sieht die Gründerszene im Landkreis aktuell aus?

Goebel: In einer Region, in der es große Player gibt, ist die Selbstständigenmentalität nur gering ausgeprägt. Da ist ja schließlich jemand, der sich kümmert und gut bezahlt, warum sollte ich dann das Risiko eingehen und unternehmerisch tätig werden? Das zieht sich von Generationen zu Generation durch. Wir wollen diesen Prozess durchbrechen und sind bereit, Geld in die Hand zu nehmen, um eine Gründerkultur aufzubauen.

Klein: Wir unterstützen unternehmerischen Mut. Aber wir haben auch noch eine andere Herausforderung vor der Brust.

Nämlich?

Klein: Wir müssen das Thema Tourismus und Marketing landkreisweit vorausdenken. Denn im Gegensatz zu den Ballungszentren haben wir ehrlicherweise eine überschaubare Anzahl an Attraktionen im Landkreis.

Radeck: Es gibt zwar viele einzelne Perlen, aber es fehlt die verbindende Kette und wir haben keinen Anker, sprich keine Hauptattraktion. Aber wir werden den Lappwaldsee bekommen. Das wird unser Steinhuder Meer. Der Landkreis braucht ein Image – nicht weniger.

Herr Klein, Herr Goebel, gibt es persönliche Ziele, die Sie sich mit Beginn Ihrer Amtszeit gesetzt haben?

Goebel: Mir ist der Aufbau einer unternehmerischen Kultur im Landkreis wichtig. Das muss nicht in den nächsten zwei Jahren passieren, aber es wäre schön, wenn wir dort in fünf, zehn oder 20 Jahren gemeinsam einen Fußabdruck hinterlassen.

Klein: Ich war in meinem vorherigen Berufsleben Leiter Regionalmarketing in der Allianz für die Region GmbH und parallel Leiter Standortentwicklung bei der Wolfsburg AG. Beide Themen kann ich hier an diesem Ort, an dem ich wohne und lebe, miteinander verknüpfen und entschieden mit einbringen.

Was ist Ihre Vision für die Wirtschaftsregion Helmstedt?

Klein: Wir werden eine prosperierende Wirtschafts- und Tourismusregion. Und der Landkreis wird eine Wirtschaftskraft erreichen, die es uns ermöglicht auch aus eigenem Antrieb heraus bestimmte Dinge umzusetzen, die über die Standarddaseinsversorgung hinausgehen.

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