22. November 2021
Impulse

Die Landwirtschaftskammer Niedersachsen – wo alle Fäden zusammenlaufen

Letzter Teil unserer Serie „Pferdehöfe der Region“: Expertin Ulrike Struck erklärt die Aufgaben der Landwirtschaftskammer – und wie viele Züchter es in Niedersachsen gibt.

Die Rasse Rheinisch-Deutsches Kalblut, ein kräftiges Zug- und Arbeitspferd, steht auf der Roten Liste der gefährdeten Nutztierrassen. Die zehnjährige Stute Bellamie (in der Mitte) naus der Zucht von Jörg Jäckel gehörte auf der Landesstutenschau im Oktober mit ihren Töchtern Birka und Benita zu den Gewinnerinnen. Foto: Landwirtschaftskammer Niedersachsen

In der Landwirtschaftskammer Niedersachsen ist Ulrike Struck die Ansprechpartnerin für alles, was sich um Pferdezucht und -haltung dreht. Als Fachreferentin organisiert und leitet sie seit 2007 Arbeitskreise für Pensionspferdebetriebe und Fortbildungen, berät Pferdehalter und steht im Austausch mit den Zuchtverbänden. Gleichzeitig ist sie Zuchtleiterin des Stammbuchs für Kaltblutpferde Niedersachsen und des Zuchtverbandes für das Ostfriesische und Alt-Oldenburger Pferd.

Frau Struck, welche Aufgaben hat die Landwirtschaftskammer im Bereich der Pferdehaltung?

Wir haben im Wesentlichen eine beratende Funktion für die Pferdehalter, für alles rund um Haltung und Zucht. Vom Bauen im Außenbereich über die Fütterung bis hin zu rechtlichen Fragen. Gemeinsam mit zwei Kolleginnen habe ich Arbeitskreise für Pensionspferdehalter – auch in Braunschweig und Hannover – in denen wir mit Dozenten zum Beispiel Fragen des Vertragswesens oder Steuern, aber auch neue Entwicklungen im Bereich der Fütterung besprechen. Die zehn Mitgliedsbetriebe, die zum Braunschweiger Kreis gehören, liegen zwischen Gifhorn und dem Harz. Mit denen treffen wir uns ungefähr fünfmal im Jahr, entweder auf ihren Höfen oder in der Bezirksstelle der Kammer in Braunschweig.

Im Bereich der Berufsbildung gehöre ich zur Prüfungskommission für Pferdewirte Schwerpunkt „Haltung und Service“ beziehungsweise „Zucht“. Dazu gehören auch die Meisterkurse mit Unterricht. Der Bereich Pferdesport gehört nicht zu meinen Aufgaben. Alles was mit Turnieren und Abzeichen zu tun hat, wird von den Pferdesportverbänden und Reitvereinen betreut.

Hat die Landwirtschaftskammer auch eine kontrollierende Funktion?

Wir überwachen die Zuchtverbände mit Sitz in Niedersachsen – beispielsweise den Hannoveraner und den Oldenburger Verband – und sind auch für deren Zulassung zuständig. Circa alle zehn Jahre findet eine Überprüfung des jeweiligen Verbandes mit anschließender Neuzulassung durch uns statt. Außerdem gibt es in der Landwirtschaftskammer einen Tierarzt, der die ordnungsgemäße Führung der Besamungsstationen überwacht und diese auch berät.

Ulrike Struck. Foto: Landwirtschaftskammer Niedersachsen

Welche Aufgaben erfüllt die Kammer für die Ausbildung für Pferdewirte und Pferdewirtinnen?

Es gibt die verschiedenen Fachrichtungen “Haltung und Service“, „Zucht“, „Reiten“ und auch „Spezialreitweisen“ oder „Rennen“. In Niedersachsen lassen wir von der Kammer Ausbildungsbetriebe zu und organisieren die Prüfungen für die Bereiche Haltung und Service sowie Zucht. Prüflinge aus dem Zweig Reiten müssen nach Warendorf in Nordrhein-Westfalen. Für die Beschulung pendeln die Pferdewirte jede Woche nach Lüneburg, Vechta oder Hannover – das ist für sie ein ziemlicher Aufwand. Bei anderen Tierhaltungsformen gibt es Wochenlehrgänge, das hat sich bei den Pferden bisher nicht etabliert.

So viele Pferdezüchter gibt es in Niedersachsen

Wie viele Pferdezüchter gibt es eigentlich in Niedersachsen?

Durch die Zusammenarbeit mit den Verbänden wissen wir, dass etwa 7.260 Züchter ungefähr 18.670 Stuten und 1.360 Hengste halten.

Und Pferdehalter?

Das wissen wir nicht. Jeder Pferdehalter, egal ob er ein Pferd oder zwanzig hat, muss sich beim Veterinäramt registrieren lassen, denn Pferde werden in der Tierseuchenkasse erfasst und die Halter sind beitragspflichtig. Dadurch wissen wir, dass es in Niedersachsen gut 225.700 Pferde gibt. Aber auf wie viele Halter die sich verteilen – das kann ich nicht sagen.

Viele der Züchter, die wir in den vergangenen Monaten vorgestellt haben, hatten parallel weitere Betriebszweige: Pferdepension, Reitschule oder Rinderzucht. Gibt es auch Betriebe, die sich komplett durch die Zucht finanzieren?

Dass ein Betrieb nur Pferdezucht betreibt – und dadurch sein komplettes Einkommen bestreitet – gibt es sehr selten. Es gibt immer noch ein zweites, drittes oder viertes Standbein. Es ist einfach schwierig, damit Geld zu verdienen. Die Einkünfte sind schwankend und ich investiere erst einmal tausende Euro, bevor ich das Tier verkaufen kann. Die tatsächlichen Gewinnmargen sind dann minimal. Daher haben viele Züchter nur ein bis zwei Zuchtstuten und daneben eine Reitschule oder eine Pension, mit der sie ihr tägliches Auskommen verdienen.

Welche Kosten muss ein Züchter denn bis zum Verkauf kalkulieren? Und ab wann ist ein Pferd gewinnbringend verkauft?

Das kommt unter anderem auf die Rasse drauf an. Bei Ponys verhält es sich etwas anders, als bei einem Warmblut wie dem Hannoveraner. Aber es sind unglaublich viele Faktoren, die mit reinspielen und sich innerhalb der ersten drei Jahre schnell auf – grob geschätzt – 10.000 bis 15.000 Euro summieren. Das beginnt bei den Tierarztkosten und der Haltung – mit Stall, Einstreu, Futter, Versicherungen, Arbeitszeit – und geht dann über zur Ausbildung. Wenn ich den Beritt selbst übernehme, kann hier Geld gespart werden. Gebe ich das Pferd in einen anderen Stall, kommen pro Monat zusätzlich circa 600 bis 800 Euro zusammen. Nach vier Monaten sind das fast 3.000 Euro, die ich über den Verkaufspreis wieder reinholen muss. Und nicht jedes Tier, das von der Abstammung her ein Spitzensportler ist, gewinnt die Olympiade. Es wird also auch nicht jedes Pferd zu Spitzenpreisen verkauft.

Sind Pferdezucht und -haltung in Deutschland ein eigener Wirtschaftszweige?

Wirtschaftlich ist Zucht selten, die Mehrheit der Züchter macht es als Hobby. Die reine Erzeugung eines rittigen Pferdes ist zu oft eine knappe Kalkulation. Aber wenn wir die Pferdehaltung insgesamt sehen, ist es ein bedeutender Wirtschaftszweig! An jedem dieser 225.000 Pferde in Niedersachsen hängen ja auch Arbeitsplätze. Es gibt eine Studie von der Reiterlichen Vereinigung (FN), dass auf vier Pferde ein Arbeitsplatz kommt. Also 50.000 Arbeitsplätze in Niedersachsen hängen direkt oder indirekt an den Pferden! Und das in unterschiedlichen Branchen. Mit Futtermittelfirmen, dem Handel für die Ausstattung von Pferd und Reiter, Technik, Stallbau, Hufschmieden, Tierärzten und so weiter kommt einiges zusammen. In Niedersachsen gibt es zehn verschiedene Zuchtverbände, die jeweils mehrere Vollzeitkräfte beschäftigen. Vom Drucken der Pferdepässe, die Beratung, die Auktionen, … das kommt alles dazu. Und dann haben wir in Niedersachsen noch den Pferdetourismus!

Also Urlaub mit dem Pferd?

Genau! Denken Sie mal an die Heide oder an die Nordsee. Es gibt Modelle wie Bett & Box, Reiterhöfe mit Kurzzeitboxen für Urlauber mit eigenem Pferd. Manchmal kann vor Ort ein Pferd gemietet werden.

Die Landwirtschaftskammer berät Pferdebesitzer und Pensionsstallbetreiber bei allen Fragen rund um die Haltung. Dazu gehört auch die Fütterung. Foto: Landwirtschaftskammer Niedersachsen

Gehört das dann alles noch zur Landwirtschaft?

Das lässt sich so klar nicht trennen. Mit den benötigten Flächen und Futtermitteln sind Pferde ein Teil der Landwirtschaft. Aber es gibt kaum noch Landwirte, die sie als Nutztiere halten. Gleichzeitig haben wir in der Beratung immer wieder Landwirte, die aus anderen Bereichen kommen, beispielsweise der Rinderhaltung, und auf Pferdepension umstellen möchten. Das klingt aber leichter als es ist: Sie haben vielleicht die notwendigen Flächen, aber um die baulichen Voraussetzungen mit passenden Ställen und gegebenenfalls noch einer Reithalle oder -plätzen zu schaffen, muss wieder viel Geld in die Hand genommen werden. Eine halbe Million Euro ist da Nichts. Das sollte keiner machen, der nicht schon irgendwie in der Pferdethematik drin ist. Denn sich das alles anzueignen, ist nicht einfach. Es ist aber notwendig, um auch mit den Pferdebesitzern zurecht zu kommen.

Ist der Handel mit Sperma, Eizellen und Embryonen – jeweils – ein eigener Markt?

Der Handel von Samen erfolgt über die Besamungsstationen. Niedersachsen verfügt über 50 Besamungsstationen. Wie die finanzielle Seite aussieht, vermag ich nicht zu sagen. Embryonenhandel ist im Bereich Pferd noch eine Nische.

Worüber finden denn die meisten Verkäufe von Pferden statt: Auktionen, Händler oder direkt vom Züchter zum Reiter?

Der Direktverkauf ist eine verbreitete Form des Pferdehandels. Oft kennt jemand jemanden, der gerade ein Tier verkaufen möchte oder empfiehlt einen Züchter. Auch Kleinanzeigen-Plattformen sind beliebt. Auktionen gibt es im Wesentlichen nur bei den Warmblutverbänden, die einige hundert Pferde darüber vermarkten. Auktionen sind ein kleiner, wenn auch wichtiger, Markt, vor allem für den Sportreiter. Händler haben für Reiter den Vorteil, dass der Preis pro Tier oft nicht so hoch ist. Nachteilig wirkt sich oft aus, dass über die Tiere fast nichts bekannt ist. Die Vorgeschichten fehlen. Immer wieder gibt es dann unangenehme Überraschungen. Sei es beim Charakter oder der Gesundheit.

„Es ist immer Fachwissen notwendig“

Haben Online-Börsen den Pferdehandel verändert?

Ja. Immer mehr Käufer schauen auf Kleinanzeigen-Plattformen wie eBay oder eHorses nach, wer in ihrer Umgebung Pferde verkauft oder ob es überhaupt irgendwo ein Pferd gibt, das zu ihnen passen könnte. Dort sind gleich alle relevanten Daten mit Bildern sowie die Kontaktdaten bequem aufgeführt.

Gibt es Modelle, in denen Pferdelaien erfolgreich in die Pferdezucht oder die Haltung von Sportpferden investieren können?

Nein, aus meiner Sicht nicht. Es ist immer Fachwissen notwendig, um zu beurteilen, welche Folgen eine Entscheidung hat. Wer das vorhat, sollte sich erst sehr intensiv mit der Materie auseinander setzen oder eine kundige Person an seiner Seite haben, die einen berät.

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