23. November 2022
Impulse

„Die Vorstellung, dass Steve Jobs ein genetisches Ausnahmemodell war, ist absurd.“

Prof. Dr. Gerald Hüther ist Hirnforscher und spricht im Standort38-Interview darüber, welche Menschen unser gegenwärtiges Schulsystem hervorbringt, warum die Loser der Weltgeschichte am Ende vielleicht zu den Gewinnern zählen und was es wirklich für ein gelungenes Leben braucht …

Prof. Dr. Gerald Hüther. Foto: Michael Liebert

Der Hirnforscher und Autor Prof. Dr. Gerald Hüther sprach auf der Techtide in Hannover zum Thema Entrepreneurship Education und stellte sich unseren Fragen.

Herr Hüther, hatten Sie eigentlich eine glückliche Schulzeit?
Ja, ich war in einer Dorfschule, erste bis vierte Klasse in einem Raum. Die Schule hat für mich keinerlei Rolle gespielt. Sie war eine nette Abwechslung am Vormittag. Zuhause flog der Ranzen in die Ecke und ich bin rausgegangen und habe den Rest des Tages lernend verbracht, in der Natur und mit den Peers, wie es heute heißt. Dabei habe ich die wichtigsten Dinge für das spätere Leben gelernt.

Das Schönste an Ihrer Schulzeit war also, dass sie kurz war?
Sie hatte einfach keine zur heutigen Zeit vergleichbare Bedeutung und auch meine Eltern haben sich nicht ständig mit der Frage beschäftigt, was ihr Sohn in der Schule treibt. Das hat alles irgendwie funktioniert und wir Kinder durften die Welt entdecken.

Gibt es irgendetwas am heutigen deutschen Schulsystem, was Sie richtig gut finden?

Weil wir Deutschen so gründlich sind, haben wir wahrscheinlich die beste Didaktik und Methodik. Nur leider passiert es einem häufig, dass man an den besonders guten technischen Gegebenheiten hängen bleibt und den Wandel nicht schafft. Nokia ist ein Beispiel dafür, vielleicht auch die deutsche Automobilindustrie, weil sie so unglaublich erfolgreich Verbrenner gebaut hat.

Bei einem Ihrer Vorträge haben Sie gesagt, dass fast jeder Mensch eine konkrete Person nennen kann, die ihm die Freude am Lernen verdorben hat …

Das stimmt. Es ist aber auch umgekehrt so – viele können Lehrer:innen benennen, bei denen sie sehr viel gelernt haben. Das Geheimnis dahinter ist banal: Es ist eine entscheidende pädagogische Kompetenz, dass man die Kinder, die man auf ihrem Weg ins Leben begleitet, mag. Begnadete Pädagog:innen mögen alle Kinder und können jedem Kind das Gefühl geben, dass es wichtig ist und man ihm etwas zutraut. Nur – wie man das schafft, wird in den Pädagogikstudiengängen nicht gelehrt.

Ist das System Schule veraltet?

Im Maschinenzeitalter des vorigen Jahrhunderts kam es darauf an, dass die Abläufe getaktet und geordnet waren und jeder gemacht hat, was ihm gesagt wurde. Sonst hätte die industrielle Revolution nicht funktioniert. Nur sind wir mittlerweile in einem anderen Zeitalter angekommen, das Fähigkeiten wie Eigeninitiative, Kreativität und Kooperationsfähigkeit erfordert. Diese Dinge waren früher nicht erwünscht und der Riesentanker Schulsystem hat beträchtliche Schwierigkeiten sich den neuen Gegebenheiten anzupassen.

Woran liegt das?

Wenn wir uns überlegen, wie lange es dauert, bis eine neue wissenschaftliche Erkenntnis in einem Schulbuch auftaucht, dann sind das sicher 30 Jahre …

… brauchen wir also Geduld?

Das allein genügt nicht. Veränderungen in der Gesellschaft vollziehen sich immer dann, wenn Menschen sie auch wollen. Und das ist nicht der Fall. Wir kommen bis heute ja noch ganz gut mit dem aktuellen System zurecht.

Finden Sie?

Übertrieben gesagt: Schule ist darauf ausgerichtet, wie in einem Brutkasten junge Menschen hervorzubringen, die das jeweilige gesellschaftliche System erhalten. Im Kaiserreich sollten Kaisertreue herauskommen, im Nationalsozialismus Nazis und im Sozialismus Sozialisten. Heute haben wir eine Gesellschaft, die auf Wachstum und Konsum angewiesen ist. Was wir also brauchen, sind möglichst willfährige und manipulierbare Konsumenten. Und wenn man Schule unter diesem Gesichtspunkt betrachtet, macht sie einen wirklich guten Job.

Warum lehnt sich niemand dagegen auf?

Weil die Mehrzahl der Leute sich in diesem System eine bestimmte Position erkämpft hat, die sie nicht aufs Spiel setzen will – und sei es auch nur eine Stufe direkt über dem Grund. Aber wir erleben gerade eine Zeitenwende. Es ist wahrscheinlich das erste Mal in der Weltgeschichte, dass Eltern Kinder großziehen und wissen, dass diese es nicht besser haben werden als sie selbst. Die gegenwärtigen Eruptionen und Krisen könnten ein Umdenken auslösen.

Muss man nicht auch der Schule und den Lehrer:innen zugestehen, dass sie sich auf den Weg gemacht haben?

Das ist prinzipiell nicht abzustreiten, aber die Frage bleibt, ob es sich eher um kleine Reförmchen oder einen wirklichen Wandel handelt. Und auf diesen warte ich bis heute vergeblich.

Gibt es irgendwo auf dieser Welt das Schulsystem, das Sie sich wünschen?

Überall dort, wo Wirtschaftswachstum, Konkurrenz und Leistung im Mittelpunkt stehen, also eigentlich in der gesamten westlichen Zivilisation und bei allen, die wir damit angesteckt haben, gibt es ein ähnliches System. Verschont geblieben sind die so genannten Loser der Weltgeschichte – zum Beispiel die indigenen Völker, die völlig anders miteinander leben.

Das müssen Sie erklären!

Als Hirnforscher weiß ich, dass unsere kognitive Leistungsfähigkeit keine menschliche Qualität hat. Man kann den Verstand für alles Mögliche nutzen – auch der Mafiaboss, Bankräuber oder die Investmentbankerin kann sehr kognitiv oder kreativ unterwegs sein. Wir müssen versuchen, die Trennung zwischen Denken, Fühlen und Handeln, die wir in unseren westlichen Gesellschaften implementiert haben, zu überwinden. Denn aktuell haben wir kein Mitgefühl mehr, sondern eine kognitive Erklärung dafür, warum es Hunger auf der Welt gibt. Die Herausforderung wird es sein, unseren Kindern wieder die Chance zu geben, sich mit sich selbst sowie anderen Menschen und Lebewesen, also mit der Welt im tiefsten Inneren zu verbinden.

Prof. Dr. Gerald Hüther ist Neurobiologe und forschte unter anderem für die Universität Göttingen.

In was für einer Gesellschaft würden wir dann leben?
Ich glaube, man muss die Frage umdrehen, damit die Dramatik deutlich wird. Was wird passieren, wenn wir so weitermachen? Es gab übrigens in den 1920er-Jahren speziell hier in Deutschland die Reformpädagogik als extrem guten Ansatz …

… aber?

Er hat sich leider nicht ausgebreitet. Wenn es damals gelungen wäre, das Schulsystem zu reformieren, dann wäre nichts von dem möglich gewesen, was wir in den Folgejahren in Deutschland erlebt haben. Und wenn wir heute Schulen hätten, die auf Schaffenskraft, Kreativität und die Fähigkeit gemeinsam Lösungen herbeizuführen setzen würden, würden wahrscheinlich zwei Drittel unseres Konsums überflüssig werden. Deshalb werden sie für solche Ideen all die Menschen nicht gewinnen, die auf Grundlage unseres aktuellen Systems viel Geld verdienen.

Wir sollten also auf die Jugend bauen?

Ja, die Welt wird nicht von den Herrschenden verändert, die Zustände aufrechterhalten wollen, sondern von den nachwachsenden Generationen. Deshalb bin ich auch sehr zuversichtlich.

Nun gibt es durchaus geniale Erfinder:innen und kreative Köpfe in unserer Gesellschaft. Sind diese dazu in oder trotz der Schule geworden?

Es gibt Kinder, die zu Hause die Möglichkeit haben, sich intensiv mit bestimmten Dingen zu befassen und zu merken, wie unglaublich beglückend das ist. Das kann etwas Handwerkliches, Geistiges, Musik oder Kunst sein. Diese Kinder versinken regelrecht mit Hingabe in ihrem Tun und sie macht niemand mehr kaputt – nicht einmal die Schule.

Schreibt sich das System Schule in der Wirtschaft fort?

Es gibt Jobs, in denen es wirklich darauf ankommt, dass die Mitarbeitenden funktionieren und machen, was im Dienstplan steht. Dort ist man mit den derzeitigen Schulabgänger:innen sicher ganz zufrieden. Aber moderne Unternehmen, die in volatilen Umfeldern unterwegs sind, in denen sich die Anforderungen ständig ändern, können mit dieser Beamtenmentalität nichts anfangen. Sie werden nach Menschen suchen, die nicht zu sehr von unserem Schulsystem geprägt wurden …

… also nach Brüchen in den oder sogar alternativen Lebensläufen?

Es gibt ein wunderbares Beispiel aus einem Konzern, der mit fossilen Brennstoffen handelt. Dort wollte man großflächig umstrukturieren, aber über Headhunter hat man keine Menschen gefunden, die in der Lage waren, so viele Prozesse zu denken und zu steuern. Dann kam es zu einer zufälligen Entdeckung …

Jetzt sind wir gespannt!

Eine Bevölkerungsgruppe, die den Anforderungen mühelos entsprochen hat, waren Frauen, die mindestens fünf Kinder großgezogen haben. Die wussten, wie es geht und vor allem wie man Menschen so führt, dass sie selbst, wenn sie den Job wechseln müssen, am Ende immer noch zufrieden sind. Das haben die Frauen weder in der Schule noch der Universität gelernt, sondern mitten im Leben.

Sie sagen, wirklich gute Ideen entstehen meist in einem Moment der Langeweile …

Es lässt sich wissenschaftlich sehr gut nachweisen, dass Druck Gift für die Kreativität ist. Wir sollten uns dabei vor Augen halten, dass es zwei Formen von Kreativität gibt, die beide häufig miteinander vermischt werden. Die eine Form sind Linear Innovations, eine Weiterentwicklung von etwas schon Bestehendem. Das geht auch unter Druck, das können sogar Taschenrechner. Die so genannten Breakthrough Innovations dagegen führen zu wirklich beeindruckenden Lösungen. Und die finden Sie nur, wenn Sie Ihr Hirn in einen Zustand bringen, in dem sich die Inhalte, die da oben als Sachwissen und Kenntnisse abgespeichert sind, plötzlich beliebig miteinander verbinden können.

Was braucht es demnach, damit aus Kindern Entrepreneure werden?

Es klingt sehr ketzerisch, aber ich bleibe dabei: Wir müssen verhindern, dass Kinder ihre Kreativität, Gestaltungskraft und Freude am Entdecken verlieren – mehr braucht es nicht. Denn das ist alles da. Die Kinder kommen schon mit diesem Schatz zur Welt.

Was können Väter oder Mütter mit dieser Erkenntnis anfangen?

Ich würde zusammen mit meiner Partnerin darüber nachdenken, was wir unserem Kind in seinem Rucksack mitgeben möchten, damit es sich später im Leben zurechtfindet.

Zum Beispiel?

Was Sterbende über ihr misslungenes Leben sagen, verschafft beispielsweise schnell Klarheit darüber, was es für ein gelungenes Leben wirklich braucht. Wenn man sie fragt, ob sie rückblickend etwas anders hätten machen sollen, dann fallen Dinge, wie: Ich habe mich vernachlässigt. Ich habe meine Freunde oder Familie vernachlässigt und meine Talente und Begabungen falsch eingesetzt. Niemand redet über die Schule. Ausbildung, Universität, Erfolg – alles uninteressant.

Warum fällt es Eltern trotzdem so schwer, andere Prioritäten zu setzen?

Weil sie natürlich aus diesem System kommen. Ich frage Eltern dann gern, ob sie irgendjemanden kennen, den sie wirklich für seine Leistungen bewundern. Häufig kommen Antworten, wie Albert Einstein oder Steve Jobs. Meine Aufforderung ist dann ganz einfach: Gehen Sie bitte nach Hause und recherchieren Sie im Internet, was diese Menschen für eine Schule besucht haben und wie sie diese abgeschlossen haben.

Es ließe sich entgegnen, dass die beiden Schulabbrecher womöglich bereits als Genies auf die Welt gekommen sind.

Das ist eine glatte Lüge, die uns über Jahrzehnte eingetrichtert worden ist. Wir kommen aus einem Zeitalter, in dem der Determinismus als Ideologie beherrschend war – und zwar um Menschen davon abzuhalten, an Veränderung zu glauben. Fakt ist: Die Vorstellung, dass Steve Jobs ein genetisches Ausnahmemodell war, ist absurd. Ein ähnliches Missverständnis ist übrigens der Darwinismus.

Inwiefern?

Er ist keine Evolutionstheorie, sondern eine, mit der man erklären kann, wie Spezialisierungen entstehen. Auf die Frage, woher die fünfstrahlige Vorderextremität der Säugetiere kommt, hat der Darwinismus keine Antwort – nur darauf, wie daraus ein Fledermaus-Flügel, eine Delfin-Flosse oder eine Hand geworden ist. Und das passt wieder gut in unser Wirtschaftssystem. Denn der Darwinismus erklärt die Fachidioten, aber nicht, wie man auf diesem Planeten gemeinsam überlebt.

Lernen wir das noch, bevor es zu spät ist?

Das ist eine gute Frage.

Was stimmt Sie optimistisch?

Ich bin Biologe und es müsste schon sehr verrückt zugehen, wenn die Natur eine Lebensform hervorbringt, die ihre Aufgabe darin sieht, sich und das Leben auf der Erde zu vernichten. Und selbst dann würden wohl irgendwelche Würmer in den Meeren überleben und wir könnten berechnen, wie lange es dauert, bis sich daraus erneut intelligente Wesen wie wir entwickeln werden. Dann stellt man schnell fest: Wir haben sicher noch 20 Anläufe, bis die Sonne verglüht.

Was können Leser:innen tun, die jetzt nachdenklich geworden sind?

Damit wäre bereits der Keim der Veränderung gelegt. Wofür will ich das mir geschenkte Dasein auf diesem Planeten einsetzen? Das ist eine Frage, die fast wie ein Tabu in unserer Gesellschaft behandelt wird, aber es kann nicht schaden, wenn sich gerade Unternehmer:innen damit auseinandersetzen. Denn die eigentliche Triebfeder von gesellschaftlichen Wandlungsprozessen ist letztlich immer die Wirtschaft.

Beobachten Sie solche Veränderungen?

Ja, ich sehe in vielen Firmen sehr interessante Ansätze. Diese Unternehmer:innen können wir einladen, ermutigen, inspirieren, sich mit elementaren Fragen zu befassen. Das ist genug, mehr geht nicht.

Haben Sie ein konkretes Beispiel im Kopf?

Im Film „Die stille Revolution“ von Kristian Gründling hält ein Reporter einer Reinigungskraft der Hotelkette Upstalsboom ein Mikrofon unter die Nase und fragt: Warum arbeiten Sie hier? Und sie antwortet, dass sie früher wegen des Geldes da war, aber heute aus einem anderen Grund. Und zwar, weil sie alle gemeinsam beschlossen haben, aus den Überschüssen des Unternehmens Schulen in Ruanda zu bauen. Es seien schon fünf Schulen entstanden. Und deshalb mache sie das Bett hier so schön. Damit möglichst viele Menschen kommen und sich wohlfühlen und weitere Schulen gebaut werden. Die Frau ist Mitgestalterin einer Zukunft, die über das eigene Ego hinausreicht.

Sie beschreiben ein gemeinwohlorientiertes Unternehmen …

Unternehmer:innen, die noch mit dem Leben verbunden sind, brauchen keine Gemeinwohlorientierung – sondern tun alles, damit dieses Leben in seiner ganzen Vielfalt erhalten bleibt. Das ist eine Frage der inneren Einstellung.

Würden Sie die Philanthropie als Versuch einordnen, diese verloren gegangene Beziehung zum Leben zu überdecken?

Der Ansatz ist eben sehr stark kognitiv unterlegt. Und als Hirnforscher wird mir immer klarer, dass die tiefreichenden Veränderungsprozesse nicht ganz oben in der Hirnrinde stattfinden. Man kann den eigenen Kortex sogar so weit bringen, dass er einen auf das Dach einen Hochhauses führt und herunterspringen lässt, obwohl das gesamte restliche Hirn ruft: „Mach das nicht!“ Deshalb ist diese Fokussierung auf die kognitiven Fähigkeiten, die wir schon seit der Aufklärung betreiben, möglicherweise eine Fehlentwicklung.

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