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9. November 2021
Impulse

Intensive Diskussionen bei Standort38-Veranstaltung „Philanthropie konkret!“

Etwa 40 Teilnehmer:innen aus der Region und ganz Deutschland nahmen am Workshop über Social Investing, CSR und Stiftungsaufgaben teil.

Wiebke Gülcibuk vom gemeinnützigen Analyse- und Beratungshaus Phineo aus Berlin beim Kurzimpuls. Foto: Holger Isermann

Die Schere zwischen Arm und Reich, Bildungs- und Globalisierungsungerechtigkeiten, die Herausforderungen Klima, Integration, Covid-19: Unsere To-do-Liste wird nicht kürzer und für Lösungen braucht es Initiative von Staat, Markt und Zivilgesellschaft gleichermaßen. Die Standort38-Redaktion hatte deshalb vor einigen Tagen zur Veranstaltung „Philanthropie konkret!“ geladen, um das Thema zugänglicher wie konkreter machen: Von Impact oder Social Investing über die Wirkungsmessung und -orientierung im Bereich CSR bis hin zu konkreten Einblicken in die Arbeit und Motivation von Stifter:innen.

Für den intensiven zweistündigen Austausch mit Workshop-Anteilen kamen spannende Impulsgeber:innen ins Medienhaus nach Braunschweig: die Hamburger Philanthropin und Autorin Ise Bosch, der Pandion Innovation for Impact-Geschäftsführer Patrick Knodel aus Stuttgart, Wiebke Gülcibuk vom gemeinnützigen Analyse- & Beratungshaus Phineo aus Berlin sowie die Sonnenhotels-Chefin und Stiftungsgründerin Karina-Anna Dörschel. Rund 40 Teilnehmer:innen aus der Region und ganz Deutschland wollten mit ihnen und untereinander ins Gespräch kommen.

Den Rahmen hierfür bildeten drei jeweils 30-minütige Sessions in unterschiedlichen Räumen, sodass die Gruppen klein waren und einen Dialog ermöglichten.

Zwischen Feudalismus und Zusammenarbeit auf Augenhöhe

Ise Bosch und Patrick Knodel diskutierten, moderiert vom Braunschweiger Philanthropie-Berater Malte Schumacher, über ihren eigenen Antrieb, die Vor- und Nachteile von Stiftungen und gGmbHs sowie die Frage, ob mehr Steuern der richtige Weg sind, oder nicht. Die Enkelin des Industriellen Robert Bosch ist in der Deutschen Stiftungsszene keine Unbekannte. Sie hat filia. die frauenstiftung mit- und außerdem die Dreilinden gGmbH gegründet, die sich in der Menschenrechtsarbeit zum Thema sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität engagiert.

„Ich war erstmal nicht motiviert, mich mit dem Geld zu beschäftigen“, beschreibt sie ihren Weg – „und ich kam über den Feminismus und eine längere Zeit als Lesbe zum Thema Menschenrechte, weil es hier so viele Orte gibt, in denen alles da ist außer Geld: Gute Ideen, gute Leute, gute Planungen.“ Ihr Ziel sei deshalb immer gewesen, möglichst einfach zu fördern.

„Ich habe früh gelernt, dass das größte Problem in der Philanthropie das Ego derjenigen ist, die geben. Weil ihnen so lange gesagt wird, dass es darauf ankommt, was sie wollen, dass sie es irgendwann auch glauben.“ Das sei ihrer Meinung nach nicht zeitgemäß, wie zunehmend auch der philanthropische Ansatz insgesamt. Sie verstehe Marlene Engelhorn mit ihrem Plädoyer Steuern zu zahlen, denn dann wird das Geld demokratisch ausgegeben.

Tax me or not?

An dieser Stelle widerspricht Patrick Knodel. Er sei nicht bei Engelhorns „Tax Me Now-Bewegung“, weil die meisten Staaten nicht einmal halbwegs vernünftig mit Geld umgehen würden. „Und solange das so und der Lobbyismus derart stark ist, bin ich nicht für exorbitant hohe Steuern.“ Er beschreibt, dass er schon als Kind einen Gerechtigkeitsfetisch hatte und macht klar: „Man kann fast jedes Problem der Menschheit auf die Kapitalverteilung in der Welt herunterbrechen. Hier setzt mein Verantwortungsgefühl an.“

Knodel ist zweigeteilt unterwegs – mit der knodel foundation, die aus dem Unternehmen seines Vaters finanziert wird und im Globalen Norden Aufklärung betreibt und Bewusstsein verändern will und im Globalen Süden innovative Bildungskonzepte und Social Business ermöglichen möchte, „also Empowerment von Menschen on the Ground. Neben diesem Nonprofit-Engagement arbeiten wir auch For-Profit und betreiben Impact Investing. Hier möchten wir zeigen, dass wir eine andere Wirtschaft auch innerhalb des Kapitalismus schaffen können.“

Ise Bosch ist der demokratische Grundsatz wichtig. „Wir leben in einem System, was das Geld nach oben schmeißt und in dem die Menschen mit großem Vermögen zurückgeben sollten. Nicht nur, weil das eine schöne Sache ist, sondern weil die Demokratie das erfordert. Sie erträgt nicht viel Ungleichheit.“ Entscheidend ist für Bosch, mit wirkungsvollen Organisationen bedarfsorientiert und eng zusammenzuarbeiten. Gerade im Globalen Süden kooperiert sie mit Akteur:innen, die sich vor Ort auskennen und ganz genau wissen, welche Menschen, Themen und Organisationen gestärkt werden müssen.

Auf die Wirkung kommt es an!

Wiebke Gülcibuk hielt einen Kurzimpuls zur Wirkung von Engagement, dem bestimmenden Thema der Phineo gAG. „Wirkungen sind Veränderungen bei Zielgruppen, die in Folge einer gezielten Intervention auftreten“, definierte sie eingangs und erklärte, dass wirkungsorientiertes Handeln immer voraussetzt, dass die Projektverantwortlichen ihre Ziele kennen und im Blick behalten. Dass dies in der Wirklichkeit selten ein linearer Prozess ist, verdeutlichte Gülcibuk anhand des Wirkungszyklus. Dann folgte eine Übung.

Anhand eines fiktiven Projektes sollten die Veranstaltungsteilnehmer:innen verschiedene Aktivitäten einer sogenannten Wirkungstreppe zuordnen – ein Modell, das helfen kann, Output, Outcome und Impact voneinander zu unterscheiden und zu identifizieren. In allen drei Gruppen gelang dies erstaunlich gut, was auch daran gelegen haben mag, dass einige Profis aus dem Stiftungswesen anwesend waren. Die anschließenden Diskussionen drehten sich um die Frage, wie sich Wirkung messen lässt und auch, ob es überhaupt legitim ist, dafür Ressourcen auszugeben. „Ich kenne die Diskussionen um Stiftungen, die angeblich ohne Verwaltungskosten auskommen – aber wie bitteschön soll man dann sinnvolle Stiftungsarbeit machen und analysieren“, entgegnete Gülcibuk.

Lebensaufgabe: Gutes tun

Als selbsternanntes „Stiftungs-Start-up“ stellte sich Sonnenhotels Karina-Anna Dörschel vor. In ihrem Impulsvortrag ging sie verstärkt auf die Hintergründe der Tue Gutes Stiftung ein, die sie vor rund drei Jahren gemeinsam mit ihrem Ehemann ins Leben gerufen hat. Nachdem ihre Mutter damals unerwartet verstarb, stand für die Dörschels die Frage im Raum, was bleibt, wenn wir einmal nicht mehr sind? Sie erklärte, dass daraus schließlich ein „Was können wir jetzt schon tun“ wurde. „Der Gedanke ‚Tue Gutes‘ nahm schnell Form an.“ Orientiert an ihrem persönlichen Glauben entwickelte sie daraufhin christlich-humanistische Wertemaxime für ihr Unternehmen, „die wir zuvor bereits gelebt, aber nie schriftlich fixiert hatten.“

Dörschel erklärte, dass es ihre Lebensaufgabe sei, diese Werte vorzuleben und ihre Mitarbeiter:innen zu motivieren, sich zu engagieren und den Blick für ihre Umgebung zu schärfen. Die Tue Gutes Stiftung sei dafür ein Vehikel. „Lieber wäre mir noch, wenn sie zu einem Perpetuum mobile würde“, so Dörschel. Die Stiftung ist heute als Erbe für Dörschel und ihren Ehemann eingesetzt. Dass es grundsätzlich jedoch keiner Stiftung bedarf, um Gutes zu tun, betonte Dörschel in der anschließenden Diskussion. Ihr Fazit: „Die kleinen Dinge erscheinen oft selbstverständlich, aber das sind sie eben nicht. Gutes zu tun kann so einfach sein und muss nicht mal etwas kosten.“

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