• Home
  • > >
  • „Ein Digitalisat kann das Buch nie ersetzen“

„Ein Digitalisat kann das Buch nie ersetzen“

Prof. Dr. Peter Burschel, Direktor der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel, im Interview

Prof. Dr. Peter Burschel, Direktor der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel. Foto: Stephanie Link

Prof. Dr. Peter Burschel, Direktor der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel. Foto: Stephanie Link

Herr Burschel, als Direktor der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel treten Sie in die Fußstapfen von Leibniz und Lessing. Wie fühlt sich das an?

Große Fußstapfen haben den Vorteil, dass sie viel Raum lassen, in dem man sich bewegen kann. Größere täglich spürbare Relevanz haben meine näheren Vorgänger Erhart Kästner, Paul Raabe und Helwig Schmidt-Glintzer. Sie haben die HAB baulich geprägt, wichtige Sammlungsentscheidungen getroffen und diese zu einer global orientierten Forschungseinrichtung werden lassen, die zudem schon vor mehr als 20 Jahren die digitale Wende vollzogen hat.

Wie groß sind die Fußstapfen, die Sie Ihrem Nachfolger einmal hinterlassen werden?

Die werden vergleichsweise klein sein: ein neues Gebäude und eine Sanierung – zuzüglich einiger Weichenstellungen in der Forschung.

Sie sprechen von dem Neubau, der zwischen Altbau und Magazingebäude entstehen soll?

Genau. Die Augusta muss aus Brandschutzgründen und aufgrund veralteter Klimatisierung saniert werden. Dafür muss aber zuerst einmal ein neues Gebäude entstehen. Das geplante Servicegebäude soll das Magazin mit dem Altbau verbinden.

Im 17. Jahrhundert wurde die Bibliotheca Augusta als achtes Weltwunder bezeichnet. Ist sie das heute noch?

Für bestimmte Epochen ist sie das sicherlich. Aufgrund ihres Altbestands ist die Bibliothek eine der bedeutendsten der Welt. Es ist kein Zufall, dass wir eng mit den Bodleian Libraries in Oxford kooperieren – oder dass wir die einzige nicht nordamerikanische Bibliothek in der International Research Libraries Association sind.

Welches ist das älteste Werk des Bibliothekbestands?

Ich vermute das Corpus Agrimensorum Romanorum aus dem 5./6. Jahrhundert: ein spätantikes Handbuch für den römischen Landvermesser. Wir haben übrigens mehr als 10.000 alte Handschriften in unserem Bestand. Eine davon ist das Evangeliar Heinrichs des Löwen. Ja, das Evangeliar Heinrichs des Löwen und Mathildes von England aus dem späten 12. Jahrhundert. Es wurde 1983 für 32 Millionen D-Mark ersteigert und galt eine Zeit lang als das teuerste Buch der Welt.

Ist es das heute nicht mehr?

Im Grunde lassen sich Werke wie das Evangeliar finanziell gar nicht beziffern. Ganz davon abgesehen, dass sie dem Markt aufgrund einschlägiger gesetzlicher Bestimmungen weitgehend entzogen sind. Übrigens liegen die wertvollen Handschriften und Bücher in unserem Safe. Das Evangeliar zum Beispiel habe ich seit meinem Amtsantritt noch nicht gesehen.

^