„Ein Einzelarbeitsplatz führt nicht automatisch zu hundertprozentiger Leistung" - Standort38
8. Mai 2020
Impulse

„Ein Einzelarbeitsplatz führt nicht automatisch zu hundertprozentiger Leistung“

Ein Interview mit Alexandra Honcza, Geschäftsführerin der Raumwerkstadt GmbH und der Krumpholz Bürosysteme GmbH

Alexandra Honcza. Foto: Christian Bierwagen.

Frau Honcza, wie sieht Ihr Arbeitsplatz gerade aus?
Ich sitze an einem großen Motortisch mit zwei Bildschirmen darauf – die brauche ich, weil wir viel digital arbeiten. Für meine Papierablage habe ich einen kleinen seitlichen Abstelltisch, da lege ich mir zurecht, was ich für den Tag brauche. In meinem Büro habe ich aber auch noch eine kleine Besprechungsecke, in die man sich diskret zurückziehen kann.

„Der Marktplatz“ eignet sich für den Austausch zwischen kreativen Menschen, die keine Wände um sich haben keine Diskretion wollen. Foto: Claudia Taylor.

Warum ist die Gestaltung des Arbeitsortes so wichtig?
Sie ist unheimlich wichtig, weil sie auf den einzelnen Menschen und die Aufgaben, die er zu erledigen hat, eingehen sollte. Natürlich kann die Geschäftsführung für ihre Mitarbeiter einen gewissen Standard festlegen, der individuelle Arbeitsplatz darf dabei aber nicht außer Acht gelassen werden.

Was gehört zu diesem Standard und darf an keinem Arbeitsplatz fehlen?
Bildschirm und Rechner, das ist klar. Was ich immer schade finde, ist, wenn Leute sich einfach im Internet einen Schreibtisch bestellen, ohne zu hinterfragen, was sie überhaupt brauchen und wie alles angeordnet sein sollte. Es gehört viel mehr dazu und es gibt auch Gesetze dafür. Die Meisten kennen die Arbeitsstättenrichtlinien gar nicht.

Können Sie uns auf die Sprünge helfen?
Dazu gehört zum Beispiel, dass bestimmte Abstände gewahrt sein müssen. Der Klassiker ist, dass hinter dem Bürodrehstuhl Platz sein muss. Was auch gerne falsch gemacht wird, ist, dass Gänge zu eng sind – die Durchgangsbreite für eine Person allein beträgt schon mindestens 60 Zentimeter. Auch das Licht spielt eine wichtige Rolle.

„Der Solist“ als Gegenteil zum Großraumbüro: Hier kann alleine konzentriert gearbeitet oder aber entspannt werden. Foto: Claudia Taylor.

Wie hell muss es am Arbeitsplatz denn sein?
Es gibt eine Norm, die eingehalten werden muss: 500 Lux ist der Wert, der mindestens auf einer Arbeitsfläche gemessen werden sollte. Um das zu überprüfen, gibt es Lichtmesser, die man auf den Schreibtisch legen kann. Dabei gilt aber: Der Arbeitsplatz direkt sollte anders beleuchtet sein, als beispielsweise ein Meeting-Bereich oder Besprechungsraum.

Das müssen Sie genauer erläutern …
Im Besprechungsraum muss es nicht so hell sein. Am Arbeitsplatz wird davon ausgegangen, dass man dort besonders konzentriert arbeiten und Information aufnehmen muss. Bei einer Besprechung hingegen sitzt man meist zusammen und diskutiert, da ist grelles Licht eher störend.

Welche Rolle spielt die Raumakustik?
Eine sehr große! Das Empfinden, dass es nicht zu sehr hallt oder gedämpft ist, hat einen wesentlichen Einfluss auf das Wohlbefinden. Ich habe in meinem Büro zum Beispiel Deckensegel, die den Schall schlucken, und geräuscharme Geräte. Man kann natürlich auch noch weitergehen und Wandelemente mit entsprechender Akustik versehen – das ist eine Wissenschaft für sich, da muss man schon einen Akustiker mit einbeziehen.

Gibt es Formen und Farben, die sich für den Arbeitsplatz besonders anbieten?
Man verbindet verschiedene Farben mit Ruhe oder Konzentration. Grün- und Braun­töne wirken sehr beruhigend und sind angenehm für das Auge. Blau, so sagt man, ist die Farbe der Konzentration. So die Theorie. Man muss vielmehr schauen, wofür das Büro gedacht und ob Ruhe überhaupt gefragt ist. Außerdem sollten die Mitarbeiter unbedingt ein Mitspracherecht haben, ob sie sich mit bestimmtem Farben wohlfühlen.

„Chillout-Areas“ – Pausen sind im Arbeitsalltag von großer Bedeutung, um danach effizient weiterarbeiten zu können. Auch hier hat in Zukunft die klassische Büroküche ausgedient. Foto: Claudia Taylor.

Derzeit befinden sich viele Arbeitskräfte im Homeoffice, eine besondere Situation und für viele kein Alltag. Haben Sie hierfür konkrete Tipps?
Ich habe zuhause ein voll ausgestattetes Office, für mich macht das keinen Unterschied. Bei meinen Nachbarn habe ich aber beispielsweise mitbekommen, dass viele auf Gartenstühlen sitzen (lacht). Das sollte man nicht machen. Ob Garten- oder Küchenstühle – das ist der größte Fehler, den man machen kann. Meine Mitarbeiter haben sich ihren Stuhl aus der Firma mit nach Hause genommen – das würde ich auf jeden Fall empfehlen.

Also sollte man vor allem beim Stuhl nicht sparen?
Genau. Ein Küchenstuhl mag vielleicht für zwei, drei Tage gut gehen, aber auf Dauer werden gesundheitliche Schäden auftreten.

Apropos gesund Arbeiten – wie kann man am Arbeitsplatz außerdem auf die Gesundheit achten?
Wichtig ist: Stehen, Sitzen und Gehen miteinander kombinieren. Für die Gesundheit sollte die Position häufig gewechselt werden. Wer keinen Motortisch hat, an dem er im Stehen arbeiten kann, der kann einfach einen Schrank in 1,10 Meter Höhe nehmen. Und beim Telefonieren kann man genauso gut auch stehen sowie ein paar Schritte auf- und abgehen.

Wirkt sich ein kreativ gestalteter Arbeitsort auf die eigene Produktivität aus?
Ich kann hier auf Studien verweisen, die vom Fraunhofer und weiteren angesehenen Instituten veröffentlicht wurden. Wenn man auf die Bedürfnisse der Mitarbeiter und den individuellen Arbeitsplatz eingeht, dann löst das große Freude aus. Es geht dabei weniger um die Kreativität, sondern vielmehr um die Wertschätzung, die die Geschäftsleitung gegenüber ihren Mitarbeitern zeigt.

Großraumbüro oder Einzelplatz – was ist besser?
Das kommt drauf an. Für mich steht der Begriff Großraumbüro für einen eingerichteten Bereich mit gezogenen Wänden und gestalteten Bereichen. Das klassische Einzelbüro ohne Meetings-Points und ohne gemeinsame Teeküche hat in der heutigen Arbeitswelt ausgedient. Am Einzelarbeitsplatz kann man auch vereinsamen und von der Kommunikation mit den Kollegen abgeschnitten sein. Außerdem führt ein Einzelarbeitsplatz nicht automatisch zu hundertprozentiger Leistung. Ein Großraumbüro kann hingegen eine ganz tolle Sache sein – aber nur, wenn alle Register gezogen werden.

Wie meinen Sie das?
Schon mit zwei Leuten in einem Büro wird es kritisch, wenn keine vernünftige Planung vorliegt. Ein Großraumbüro richtet man ein, indem man Arbeitsplätze, Teamflächen, Rückzugsorte und Kaffee- Points zusammen in einer Fläche unterbringt – das ist New Work. Wenn man das gut macht, ist die Anzahl an Personen in dem Büro fast egal.
Wie hat sich die Arbeitswelt hinsichtlich der Arbeitsplatzgestaltung in den letzten Jahren gewandelt?
Die Möbelindustrie hat sich mit dem Bewusstsein darüber, wie Menschen krank werden, wenn sie falsch arbeiten, und auch der Digitalisierung weiterentwickelt. Das hat maßgeblich dazu beigetragen, dass wir heute richtig gesunde Arbeitsplätze gestalten können.

Wo arbeiten Sie am liebsten?
Mein Arbeitsalltag umfasst definitiv einen Einzelarbeitsplatz – weil ich viele Sachen bearbeite, die Diskretion bedürfen. Ich liebe es aber auch, mit meinem Team an anderen Orten zu arbeiten, zum Beispiel am XL-Teamworker.

Wie sieht der Arbeitsort der Zukunft aus?
Gerade jetzt, in der für uns alle schwierigen Corona-Krise entwickelt sich unser Arbeitsalltag komplett anders als bisher. Viele von uns arbeiten im Homeoffice – wir sind via Video- und Telefonkonferenzen verbunden. Das New Working entwickelt sich rasant weiter, digital, aber auch zwischenmenschlich. Wir sind gezwungen, jeden Tag neu zu improvisieren, wir haben jeden Tag neue Ideen – wir machen aber alle mit und ich bin davon überzeugt, dass wir es gemeinsam schaffen werden. Der Arbeitsort und der Arbeitsalltag von Morgen werden schon heute bestimmt – und diese werden sicherlich anders sein.

 

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