21. Oktober 2022
Impulse

Ein Studium wie ein Computerspiel

Dr. Max Senges leitet die Schulen 42Wolfsburg und 42Berlin - im Gespräch erzählt er uns von dem unterrichtsfreien Ausbildungssystem.

Wirtschaftsinformatiker und Philosoph Dr. Max Senges. Foto: 42Wolfsburg/Max Senges

Die Softwareentwicklungsschule 42Wolfsburg bietet ein praxisorientiertes Studienkonzept für angehende Softwareingenieur:innen. Sie entspricht dem Modell der 2013 in Paris gegründeten Ecole 42 und setzt auf das Peer-to-Peer-Lernen. Dabei erarbeiten sich die Studierenden ihr Wissen und Können ohne Professoren, ohne Kurse und ohne Klassen in völliger Eigenregie und Selbständigkeit.
Schulleiter und Geschäftsführer ist der Wirtschaftsinformatiker und Philosoph Dr. Max Senges. Bevor es ihn zu 42Wolfsburg geführt hat, war er rund elf Jahre lang im Bereich der Forschungs- und Bildungspartnerschaften für Google tätig. Wir sprechen mit dem gebürtigen Heidelberger darüber, wie er in die Region gekommen ist, dem Ziel von 42Wolfsburg und was es braucht, damit das progressive Ausbildungsmodell tatsächlich funktioniert.

Herr Senges, was hat Sie in die Region38 verschlagen?
Natürlich das wirklich tolle Angebot, das 42Wolfsburg ermöglicht. Ich sehe ein riesiges Potenzial darin, den Mobilitätsbereich zu digitalisieren und diesen Umbruch mit technischem Knowhow zu begleiten. Im Zentrum steht aber auch Charakterbildung, da es darum geht, nachhaltige Jobs zu schaffen, bei denen die Entwickler glücklich sind und sich entsprechend einbringen können. Ich glaube, da bietet die 42 wirklich ein sehr effektives Modell.

Die Softwareentwicklungsschule 42Wolfsburg in der Porschestraße. Foto: 42Wolfsburg/Lisa Calitri

Wie genau kamen Sie zu 42Wolfsburg?
Ich habe meine Doktorarbeit zu der Frage geschrieben, wie man Bildung so gestalten kann, dass Unternehmergeist gefördert wird, sodass Lernende sich Inhalte und Kompetenzen selbst erschließen. Die 42 ist dafür heutzutage eines der Paradebeispiele und ich glaube, das ist das richtige Rüstzeug für die Zeiten, die vor uns liegen.

Was hat Sie besonders an der Idee hinter 42 gereizt?
Die Tatsache, dass die intrinsische Motivation unserer Studierenden die zentrale Rolle bei der Auswahl spielt. Das bedeutet, dass sie, wie man im Englischen sagt, im „Fahrersitz“ sitzen und selbst entscheiden, wie schnell es voran geht, in welche Richtung sie sich entwickeln und wo sie ihr Praktikum machen. Das begeistert mich.

Das Konzept besagt „keine Kurse, keine Lehrer, keine Klassen“. Wie können wir uns das konkret vorstellen?
Das Studium kann man sich vorstellen, wie ein Computerspiel, in dem man sich von Level o bis 21 hochspielt. Es fängt mit einfachen Projekten an, dann wird es immer ein bisschen schwieriger. Helfen tun die Kommiliton:innen und natürlich das Internet, als die größte Wissensdatenbank der Welt. Wenn man ein Projekt abgeschlossen hat, bekommt man zufällig einen Studierenden zugewiesen, dem man es erklärt und zeigt, dass der entwickelte Code funktioniert. Dann gibt es sowohl Feedback für den Erklärenden, als auch Feedback auf das Feedback des anderen Studierenden. Gute Kommunikation, Konfliktlösung, solche Aspekte sind natürlicher Teil der Ausbildung.

Was macht die Schule besonders?
Wir sind Teil eines internationalen Netzwerks von über 40 Schulen. Das geht von Sao Paolo bis Tokyo, von Marokko bis Finnland. Unsere Arbeits- und Schulsprache ist Englisch. Alle Schulen haben das gleiche Curriculum, das wir andauernd weiterentwickeln, updaten und verbessern. Es sind mittlerweile über 15.000 Studierende, die in den verschiedenen Locations arbeiten. Unsere Studierenden können nach dem Grundstudium zwischen allen Locations wechseln und an einem anderen Standort weiter studieren.

Ist 42Wolfsburg eine Alternative zum Studium an der Universität?
Wir haben viele, die aus dem Informatikstudium aber auch aus vielen anderen Disziplinen zu uns wechseln und ja, wir sind auf jeden Fall eine Alternative für diejenigen, die interessiert sind, wirklich als Softwareentwickler zu arbeiten. Bei uns geht es um die Praxis und die Erarbeitung einer soliden Grundlage, um im Digitalbereich erfolgreich zu sein.

Wie finanzieren Sie sich?
Volkswagen unterstützt uns in den ersten fünf Jahren mit 10 Millionen pro Standort. Dazu sind Technologie-Unternehmen wie Microsoft, Google, Redhat, Bosch, etc. bei uns dabei. Dank dieser Unterstützer ist das Studium bei uns komplett gebührenfrei.

Und welche Organisationsform haben Sie?
Wir sind ein gemeinnütziger Verein. Im Englischen sage ich immer: „We are fiercely independet“. Um unsere Unabhängigkeit müssen wir uns aktiv bemühen, das ist klar, wenn man mit so großen Partnern zusammenarbeitet. Ich glaube aber, das Interesse in der Industrie ist absolut da und die Kombination aus hoher Qualität für ein vom Fachkräftemangel betroffenes Berufsfeld, plus die Breite an Diversität und Talent, das ist beides sehr attraktiv für große und kleine Unternehmen in Deutschland und international.

Schulleiter Max Senges beim Kick-off Event für 42Berlin. Foto: 42Wolfsburg/Magdalena Skorupska

Wie läuft die Auswahl der Studierenden ab?
Jede und jeder hat völlig barrierefrei den Zugang zu unseren Auswahlverfahren. Man registriert sich auf der Plattform und macht zwei Spiele auf der Website. In diesen wird algorithmisches und logisches Denken getestet, es sind aber keinerlei Vorkenntnisse von Programmiertechniken nötig. Ungefähr die Hälfte kommt durch. Nach einem Monat Probestudium, dem Piscine, sehen wir anhand der Daten, wer wie gut mit unserer Lernform zurechtkommt. Wir wählen ungefähr 150 Teilnehmer pro Halbjahr zum Studieren aus, so haben wir ein ziemlich kontinuierliches Wachstum.

Und wie läuft dann das Studium ab?
Im Grundstudium lernt man von der Pike auf, sauber zu programmieren. Danach kommt ein sechsmonatiges Praktikum. Viele bekommen daraufhin schon ein Jobangebot, viele kommen aber auch zurück und machen mit uns noch eine Spezialisierung, zum Beispiel in Cybersecurity, Machine Learning oder unserem in Wolfsburg entwickelten Curriculum zu Software Engineering Automotive & Mobility Ecosystems.

Gibt es Voraussetzungen, die erfüllt werden müssen?
Ja, ein wirklich ernstzunehmendes Engagement, sich mindestens anderthalb Jahre bei uns einzubringen und sein Studium selbst zu organisieren. Außerdem ist unsere Gemeinschaft wertebasiert. Wir haben acht Werte für unsere Community definiert wie zum Beispiel radikale Inklusion. Es ist uns wichtig, dass die Studierenden daran partizipieren, diese Lerngemeinschaft aufzubauen und aktiv zu halten. Das sind die Elemente, ohne die es nicht geht.

Was schätzen Sie an Ihrem Beruf?
Als Philosoph bin ich vor allem Vertreter der Aufklärung und Förderer des freien Willens. Wenn man das Selbstbewusstsein hat, sein Leben selbst zu gestalten, dann stehen einem alle Möglichkeiten offen. Das ist das Schöne an meinem Job, dass ich wirklich sehr vielen jungen, aber auch älteren Menschen die Chance geben kann, etwas zu lernen, was am Markt gebraucht wird, aber, fast noch wichtiger, das Selbstbewusstsein zu entwickeln, ihr Leben in die Hand zu nehmen und ihre Karrierepfade zu entwickeln.

Auch interessant