Der Wegbereiter

Wie der Schöninger Thomas Kempernolte vom ambitionierten Freizeitsportler zum Botschafter des Naturparks Elm-Lappwald wurde...

Thomas Kempernolte. Foto: Holger Isermann

Es gibt Menschen, die man schon auf dem Weg kennen lernt – lange bevor das erste Wort gesprochen ist. Weil die Anreise und schließlich ihr Zuhause etwas über sie verraten. Thomas Kempernolte gehört dazu. Wer ihn treffen möchte, fährt einige Zeit durch weites Land – Weizen, Mais, grüne Wiesen. Das Ziel ist eine Sackgasse am Rand von Hoiersdorf, die in einen Feldweg mündet. Auf der angrenzenden Weide grasen Pferde. Ein Hund bellt hinter dem Nachbarszaun. Für die einen ist hier die Welt zu Ende – für die anderen beginnt eine neue. „Die Dorfrandlage ist mir sehr wichtig“, sagt Kempernolte und blickt aus dem Wohnzimmerfenster. „Unser Haus war immer der Ausgangspunkt für Touren in die Umgebung.“

Fast jedes Wochenende ist der ambitionierte Mountainbiker in den vergangenen Jahren mit Gleichgesinnten unterwegs und sagt, wo es lang geht. „Das klingt so negativ“, revidiert er sich. „Die meisten Menschen sind eben glücklich, wenn jemand anderes voran schreitet.“ Und Kempernolte ist von seinem Job als Unterabteilungsleiter im VW-Werk Wolfsburg gewohnt, Verantwortung zu übernehmen. Irgendwann kam dann die Idee mit der Internetseite auf.
Elm-Freizeit.de ist ein Familienprojekt mit mehr als 300 Besuchern täglich. Vater Thomas liefert die Touren samt GPS-Daten, Fotos und kurzer Beschreibung. „Den Rest machen meine Kinder.“ Die Geschichte wäre möglicherweise hier zu Ende, wenn sich nicht vor gut fünf Jahren ein Leser in der Braunschweiger Zeitung über den Zustand des Wegenetzes im Elm-Lappwald beschwert hätte. 94 Wanderwege auf rund 840 Kilometern durchzogen einst den größten Buchenwald Norddeutschlands. Die meisten davon sind in den Jahren verwildert und schließlich vergessen worden.

„Ich bin hier aufgewachsen und mochte schon immer die schmalen Pfade – die Hügel und Täler“, erklärt Kempernolte. „Deshalb wollte ich etwas tun und die Menschen von dieser Schönheit überzeugen.“ Gesagt – getan: Den ersten Wanderweg von Schöningen zur Schunterquelle hat der Naturliebhaber bereits kurze Zeit später mithilfe der Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz neu eröffnet. Inzwischen sind auch andere Förderer wie die Bürgerstiftung Ostfalen an Bord und rund 30 Prozent des Wegenetzes wieder in Schuss. Immerhin rund 300.000 Euro wurden in zwei Bücher, Karten sowie Apps und den Ausbau der Touren investiert.  Dass es dabei häufig nicht mit dem Aufstellen einiger Schilder getan ist, demonstriert der 55-Jährige mit einem Video, das schweres Gerät beim Mulchen zeigt. Wo vorher dichtes Unterholz ein Durchkommen unmöglich machte, entsteht ein naturnaher Wanderpfad. Fast jede freie Minute hat Kempernolte seitdem ehrenamtlich investiert – Menschen an einen Tisch gebracht, Strecken katastriert oder Bänke und Schutzhütten aufgestellt. Das kommt an.

Nicht nur bei der Jury des Gemeinsam-Preises, den er 2014 erhielt und gleich wieder spendete, sondern auch bei anderen Freizeitsportlern aus der Region. „Es sind mehr Leute unterwegs als früher“, ist er sicher. „Die Förster finden das gut, die Jäger weniger. Sie wollen natürlich Ruhe haben.“ Dieser Interessensgegensatz hat sein neuestes Projekt ins Stocken gebracht. Nachdem das Anfang 2016 erschienene Tourenbuch „Naturpark Elm-Lappwald – Die 20 schönsten Radtouren“ mit mehr als 3000 verkauften Exemplaren ein voller Erfolg war, wollte er in diesem Jahr eigentlich einen Guide für Mountainbiker herausgeben. Der liegt komplett fertig auf der Festplatte seines Laptops und wird dort wohl noch einige Zeit bleiben. „Ich sehe aktuell zu viel Konfliktpotenzial und möchte zunächst noch stärker auf die Tolerierung bestimmter Wege hinwirken.“ Denn obwohl sich die meisten Wanderwege auch für Mountainbiker eigenen, ist ihnen laut niedersächsischem Waldgesetz offiziell nur das Fahren auf befestigten Strecken erlaubt.

Kempernolte selbst reizen auch abenteuerliche Touren. „Manches ist grenzwertig, das machen vielleicht 10 Prozent der Mountainbiker“, schätzt er. Regelmäßig zieht es ihn in die Alpen oder andere Hochgebirge. Er schaut an sich herunter und scherzt. „Viele Leute unterschätzen mich aufgrund des Körperbaus, aber konditionell bin ich relativ stark.“ Damit das so bleibt, stehen sieben Fahrräder im Nebengebäude. Eines davon schnallt er jetzt auf den Träger seines VW Touran und es geht für einige Fotos raus in den Wald. Kurz vor der Elmsburg bedeutet ihm ein älteres Ehepaar mit Hund anzuhalten. Sie wirken aufgebracht. Erwartungsgemäß dürfte es jetzt eine Beschwerde geben, weil Autos hier verboten sind. Stattdessen wird Kempernolte freundlich aber bestimmt darauf hingewiesen, dass jemand in der Nähe Sperrmüll am Wegesrand entsorgt hat. Man kennt sich, oder besser ihn. „Ich kümmere mich“, erwidert er und gibt Gas. Es gibt so viel zu zeigen und noch mehr zu tun. Thomas Kempernolte wird wohl auch zukünftig viele Stunden unter Buchen verbringen …

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