„Es braucht eine lebendige Bürgergesellschaft“

Pre-walk4help: Ein bewegtes Gespräch über vererbte Armut, einen Bildungshotspot in der Weststadt und den existenziellen Antrieb einer Genossenschaftsbank …

Foto: Holger Isermann

Foto: Holger Isermann

Am 26. Mai sollen beim walk4help des Kindernetzwerkes United Kids Foundations mindestens 10.000 Teilnehmer gemeinsam einmal symbolisch um die Welt gehen und dabei Spenden für Projekte gegen Kinderarmut sammeln. Das wäre Walk-Staffel-Weltrekord. Wir haben uns zusammen mit Carsten Ueberschär (Leiter der Direktion Braunschweig der Volksbank BraWo), AGV-Hauptgeschäftsführer Florian Bernschneider, Beate Hamilton-Kohn vom Dialogwerk Braunschweig (Abteilung im Haus der Familie) und Handwerkskammer-Präsident Detlef Bade schon jetzt auf den Weg gemacht – zu einem bewegten Gespräch über vererbte Armut, einen Bildungshotspot in der Weststadt und den existenziellen Antrieb einer Genossenschaftsbank …

Armut ist ein großes Wort, das viel Interpretationsspielraum bietet. Was bedeutet es in unserer Region eigentlich konkret, wenn ein Kind arm ist?

Carsten Ueberschär: Das eine ist die rein formale Ebene, hier orientieren wir uns am SGB II (im allgemeinen Sprachgebrauch Hartz IV), das andere ist natürlich Teilhabe und das grenzt Armut noch einmal anders ab als diese klassische Definition. Teilhabe bedeutet, dabei zu sein, sowohl intellektuell und strukturell als auch bezogen auf eine gewisse monetäre und materielle Ausstattung. Das fängt an bei Klassenfahrten, Schwimmenlernen …

Beate Hamilton-Kohn: … und führt bis zu Instrumenten und Musikunterricht …

Ueberschär: Genau. Es ist superwichtig, dass Kinder mit gleichen Voraussetzungen starten und letztendlich haben privilegierte Familien die Chance, das dazu zu buchen, während es für andere einfach nicht leistbar ist. Schon da entstehen unterschiedliche Startbedingungen ins Leben, die sich dann später manifestieren.

In welchen Konstellationen wachsen arme Kinder am häufigsten auf?

Hamilton-Kohn: Das ist sehr unterschiedlich. Es können Kinder mit Migrationshintergrund sein, Alleinerziehende sind auch ein sehr großes Thema. Ich glaube, dass diese Kinder mit dem Gefühl des Mangels groß werden. Sie richten sich darauf ein, nicht so viel wert zu sein wie andere und dieses Selbstbild prägt das ganze Leben.

Detlef Bade: Man sollte Kinderarmut wirklich nicht nur an einer Stelle suchen. Sie tritt in vielen Facetten auf. Zum Beispiel nach Scheidungen oder bei Problemen in der Familie, als Folge von Überschuldung oder Suchterkrankungen, sodass das Geld einfach in die falschen Dinge fließt.

Kritisieren wir hier gerade eigentlich gemeinsam Hartz IV und das Leben, das mit diesen finanziellen Mitteln möglich ist?

Florian Bernschneider: Ich würde es gern positiver formulieren und es nicht als Sozialstaatskritik sehen – nach dem Motto, der Staat sorgt mit seinen Hilfesystemen nicht ordentlich, sondern eher als Erkenntnis, dass das allein nie reichen wird. Egal, wie viel der Staat tut – es braucht eine lebendige Bürgergesellschaft, die sich engagiert und einsetzt.

Ueberschär: Noch eine Ergänzung: Es gibt auch Wohlstandsverwahrlosung und Kinder, die trotz ausreichend Geld ein soziales sowie sprachliches Defizit haben. Letztendlich ist es wichtig, sich mit den Kindern auseinanderzusetzen. Sprache lernt man durch Sprechen.

Hamilton-Kohn: Mir geht es um Chancengleichheit. Arme Kinder sind nicht weniger intelligent als wohlhabende und es wäre doch schön, wenn alle die gleichen Möglichkeiten hätten. Wenn Sie als Kind aber eine Mutter haben, der es schlecht geht und die aufgrund ihrer Lebenssituation eher depressiv ist, wird das Leben eintöniger, es wird weniger gesprochen und sie lernen zum Beispiel Sprache schlechter.

Wie viel Kinderarmut darf sich eine Gesellschaft, wie die unsrige, eigentlich leisten?

Hamilton-Kohn: Es gibt in Schweden einen Grundsatz in der Pädagogik, der sagt: Keiner darf verloren gehen. Natürlich gibt es unterschiedliche Schichten und ein soziales Gefälle in der Gesellschaft. Damit werden wir groß und das ist auch völlig in Ordnung, aber wir produzieren über die Armut Bildungsverlierer und genau das sollte nicht sein.

Bade: Stimmt. Wir sprechen immer über Fachkräftemangel. Die Kinder von heute sind doch unsere Mitarbeiter von morgen. Im Handwerk gibt es den Spruch, dass es egal ist, wo man herkommt und wichtig ist, wo man hin will. Und diesen Weg müssen wir den Kindern einfach ermöglichen: Zusammenzufinden, Sprache zu lernen, Pünktlichkeit, aber auch auf Reisen zu gehen und sich mit anderen Kulturen auseinanderzusetzen.

Nun ist selbst unsere Region sehr heterogen: Laut Zahlen der Bundesagentur für Arbeit wachsen in Salzgitter 30 Prozent aller Kinder bis 18 Jahren unterhalb der Armutsgrenze auf, in Gifhorn sind es nur 9,2 Prozent …

Hamilton-Kohn: Armut wird oft vererbt und gerade in Großstädten leben die Schichten häufig schön sortiert in den Stadtteilen …

… im östlichen Ringgebiet oder in der Weststadt zum Beispiel …

Bernschneider: Ich würde davor warnen, diese Klischees, die wir von einzelnen Stadtteilen haben, immer weiter vor uns herzutragen – zum Beispiel, dass der Braunschweiger immer meint, die Weststadt wäre sozial besonders prekär. Dort ist in den letzten Jahren die modernste Schule der Stadt realisiert worden und damit ein Bildungshotspot. Außerdem gibt es viele Neubauprojekte und alle, die immer noch die alten Bilder im Kopf haben, sollten dringend mit offenen Augen durch ihre Stadt gehen und verstehen, dass es hier viel durchmischter ist als wir es vielleicht meinen.

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