3. August 2015
Engagement

Wir sind ein weicher Standortfaktor

Die International Womens Association möchte den Familien ausländischer Fach- und Führungskräfte die Integration in der Region erleichtern

Internationale Gemeinschaft trifft regionale Geschichte: die IWA-Frauen vor dem Braunschweiger Dom. (Foto: International Womens Association)

Gerade bei global agierenden Unternehmen mit internationa­len Märkten gehören Einsatzzei­ten im Ausland mittlerweile zum guten Ton. Wer im eigenen Haus die Karri­ereleiter ganz nach oben möchte, kommt um den interkulturellen Touch in der eigenen Vita eigentlich kaum herum. Neben Sprachkenntnissen und einem tieferen Verständnis für ausländische Märkte, zeugt ein Zwischenstopp im Ausland schließlich auch von der Kom­petenz, sich in ein neues Umfeld integ­rieren zu können. Das gelingt Fach- und Führungskräften durch ihren täglichen Kontakt zu Kollegen und Geschäftspart­nern in der Regel leichter als den mit­gereisten Familienmitgliedern.

Davon kann hier in der Region kaum jemand mehr erzählen als Marianne Wandt und Andrea Reinhart von der International Womens Association (IWA). Vor neun Jahren haben sie zusammen mit insge­samt elf Frauen aus sieben Nationen den gemeinnützigen Verein gegründet, um Neuankömmlingen die Integration zu erleichtern. „Die Frauen bleiben häufig auf der Strecke. Wir haben gedacht, da müssen wir etwas tun“, betont die IWA-Präsidentin Marianne Wandt, die unter ihrem Namen ein Reisebüro führt und mit dem Spediteur Adalbert Wandt ver­heiratet ist. „Viele der Frauen, die mit ihren Männern hier in die Region kom­men, sind sehr gut ausgebildet und hat­ten in ihrer Heimat beruflichen Erfolg.

Hier bekommen sie in der Regel keine Arbeitserlaubnis, es gibt Sprachbarrie­ren. Die Situation ist frustrierend“, und kann im schlimmsten Fall in die Isola­tion führen. „Ich kenne zwei Fälle, in denen Frauen depressiv geworden und die Männer mit ihnen zurück in ihre Herkunftsländer gegangen sind.“ Das seien zum Glück seltene Ausnahmen. In den letzten Jahren hat sich die IWA bei vielen Personalabteilungen vorge­stellt, sodass Neubraunschweigerin­nen schneller zu den Newcomers Cafés finden. Dort bekommt jede von ihnen einen Tandempartner möglichst mit derselben Muttersprache. „Wir spre­chen im Verein Englisch. Mittlerweile sind wir aber so groß, dass wir die meis­ten Sprachen abdecken können“, erklärt Andrea Reinhart. Auch sie hat den per­sönlichen Neustart im anderen Umfeld bereits einige Male erlebt. Bevor die Kin­der kamen, war sie Abteilungsleiterin bei einer Bank in Frankfurt. Dann ging es raus aus dem Job und mit der Fami­lie nach München, später nach Braun­schweig. Ihr Mann Dr. Michael Reinhart ist heute Risikovorstand bei der Volks­wagen Financial Services AG.

Rund 150 Mitglieder sind aktuell im Verein organisiert. Die meisten arbeiten bei VW. Man treibt gemeinsam Sport, trifft sich zu kulturellen Veranstaltungen und erkundet Stadt wie Umland. Neben dem persönlichen Kontakt geht es auch um ganz banale Alltagsfragen: Was hat es mit dem komplizierten Schul- und Müllsystem auf sich? Wie funktionieren die öffentlichen Verkehrsmittel? Wo ist eine gute Reinigung? Eine Brasilianerin habe die Hilfestellung einmal pointiert zusammengefasst: „Dank meines Man­nes lebe ich in Braunschweig, dank der IWA überlebe ich in Braunschweig.“ Häufig fließen beim Abschied Tränen. Gleichzeitig breitet sich das IWA-Netz­werk so über die Welt aus. Viele Frauen, die längst wieder in ihre Heimat zurück gekehrt sind, bleiben passive Mitglieder und in Kontakt mit der Region. „Wir besuchen uns auch, waren zum Beispiel schon in Ländern wie China, Südafrika und Schweden“, erklärt Reinhart. Das Lob ihrer Mitglieder empfinden die bei­den umtriebigen IWA-Gründungsmit­glieder als Lohn für ihr Engagement, das durchaus einem Teilzeitjob gleich­kommt. Wie viel Zeit sie investieren? Beide überlegen kurz. „Durchschnittlich zwei Tage pro Woche sind es sicher …“, betont Wandt.

Beide Frauen sind sich einig, dass sie mit ihrem Einsatz Defi­zite in Wirtschaft und Politik kompen­sieren. Ihre Arbeit werde dort aber auch registriert und anerkannt. Zum Beispiel als jüngst ihr gedruckter Ratgeber mit dem Namen „Settling in“ in einer Neu­auflage erscheinen sollte. Da ist Wirt­schaftsdezernent Gerold Leppa finan­ziell eingesprungen. Wandt: „Er sagt immer, eigentlich hätte die Stadt eine solche Publikation herausgeben müs­sen.“ Der 140-seitige Guide ist die Summe aller bisherigen Fragen. Jedes Kapitel hat ein anderes Vereinsmitglied geschrieben. „Wir sind ein weicher Standortfaktor für die Region“, stellt Reinhart klar und lacht bei der Frage nach Braunschweigs Image im Aus­land: „Es gibt keins! Wer kommt, sagt, ich wohne zwei Stunden von Berlin ent­fernt. Aber ich sehe Bemühungen dies zu ändern.“

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