und
1. November 2017
Engagement

„Wir sind Ermöglicher, keine Konzert- oder Kunstveranstalter“

Axel Richter, Geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Braunschweigischen Stiftung, verwaltet zusammen mit einem neunköpfigen Team ein Stiftungsvermögen von mehr als 50 Millionen Euro

Axel Richter, Geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Braunschweigischen Stiftung. Foto: Holger Isermann

Tastentaumel und Künstlernachlässe, das sind Themen, die man tendenziell eher in der Hochkultur verorten würde. Was war das verrückteste oder populärste Projekt, das Sie in den vergangenen 23 Jahren gefördert haben?

Was uns in der Evaluation der letzten Förderphasen stark bewegt hat, war die Veränderung des Kulturbegriffs. Persönlich habe ich einen sehr weiten Kulturbegriff. Wir haben ihn, als wir 1994 angefangen haben, erst einmal relativ eng gefasst. Was war Kunst und Kultur für uns? Bildende Kunst, Literatur und Musik, Theater und Landesgeschichte. Das ist schon noch ein wenig der Bildungskanon des 19. Jahrhunderts …


Wie stark hat sich das geändert?

Soziokultur etwa war über die ersten Förderphasen nicht so sehr das Thema. Zum Glück ändert sich das langsam. Nehmen Sie das Beispiel Stadtfinder oder die Poetry Slams, die wir schon unterstützt haben. Aber Sie hatten nach dem Verrücktesten gefragt …


…ja…

Wir haben mal zu einem sehr frühen Zeitpunkt einen Brief von Dr. Wolfgang Winkel aus Weddel bekommen. Auf dem Briefbogen stand: Vogelschutzwarte Helgoland, Außenstelle Weddel. Ich habe anfangs gedacht, das ist ein Scherz, aber dann lesen Sie weiter, dann steht da, ‚Projektantrag: Was kostet das Trauerfliegenschnäppermännchen seine Polygamie?‘


Gute Frage…

Allerdings! Aber ich habe mich dann belehren lassen müssen: Das weitere Umfeld von Weddel gehört zu den drei bedeutendsten ornithologischen Messgebieten in Deutschland, weil seit Jahrzehnten kontinuierlich Daten erhoben werden. Dort saß, ich weiß nicht, ob er da jetzt noch arbeitet, ein hochkarätiger Ornithologe, der mit neuesten technischen Methoden geforscht hat. Das war eine hochwissenschaftliche Geschichte, aber natürlich total witzig, wenn man das so liest …


Wenn die Stiftungsregion ein Zentrum hat, liegt es dann im Haus der Braunschweigischen Stiftung?

Ich bin davon überzeugt, dass wir inzwischen der zentrale neuronale Punkt im regionalen Netzwerk sind: wir sind offen für alle und haben auch durchaus eine erfreuliche Resonanz auf unser Angebot und Wirken.


Wie bewerten Sie den Gemeinwohlsektor und seine Entwicklung?

Er ist im Aufwind, aber dieser ist heute bewusster gestaltet als noch vor 20 Jahren. Damals wurden in einer Hochzinsphase euphorisch Stiftungen mit eigentlich zu geringem Kapital errichtet. Gerade diese Kleinststiftungen geraten heute in Not. Wenn man eine Stiftung mit 50.000 oder 100.000 Euro ausstattet und sagt, sie soll aus den Erträgen ihres Kapitals dauerhaft ihren Zweck erfüllen, ist das heute schwierig. Jenseits des Stiftungsbereiches gibt es engagierte Spender und Sponsoren, und auch der Status des Ehrenamts wird mir manchmal viel zu pessimistisch gesehen. Da passiert viel auch im Verborgenen.


Welche Bedeutung haben aktive Finanzierungsformen, wie zum Beispiel Fundraising oder Crowdfunding?

Beides gab es schon immer, man hat es nur nicht so genannt. Natürlich gewinnt ein strukturiertes Fundraising an Bedeutung, auch weil die Geldgeber inzwischen sehr viel kritischer nachfragen. Crowdfunding wird meiner Meinung nach überschätzt. Bei bestimmten Themen, für die sich eine breite Öffentlichkeit interessiert, kann man damit sicher etwas erreichen. Das machen die großen Hilfsorganisationen auch schon seit einer Ewigkeit.

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