3. Februar 2021
Impulse

Es geht bergauf …

… die Frage ist nur wann und wie stark!

Prognos Chief Economist Dr. Michael Böhmer erwartet einen verzögerten Aufschwung. Foto: Prognos – Annette Koroll.

Der Schwung der warmen Tage ist erst einmal aufgebraucht. Niedrige Infektionszahlen und damit einhergehend geringe pandemiebedingte Einschränkungen haben bis in den Herbst des vergangenen Jahres hinein nicht nur in der Gesamtgesellschaft, sondern auch in weiten Teilen der Wirtschaft für zunehmenden Optimismus gesorgt. In den beiden Vorquartalen ist der von beiden regionalen IHKs erhobene Konjunkturklimaindikator dann auch um satte 25 und 26 Punkte angestiegen. Doch der Erholungsprozess in der gesamtdeutschen Wirtschaft ist mit dem erneuten Aufflammen der Pandemie erkennbar ins Stocken geraten. Hochzeiten für Pessimisten also? Mitnichten, denn alle Institute sind sich einig, dass es 2021 bergauf gehen wird. Die Frage ist nur für wen, wann und wie stark. Wir haben nachgeschaut und -gefragt – in Studien, Prognosen und bei Vertretern relevanter Branchen- sowie Wirtschaftsverbänden aus der Region. Die Ergebnisse und Antworten zeichnen ein vielschichtiges Bild und machen vor allem eins deutlich – es gibt Pandemie-Gewinner und -Verlierer, keine einfachen Wahrheiten und Grund für Hoffnung!

Große Branchen­unterschiede

„Ob Lockdown genannt oder nicht: Wir müssen befürchten, dass die wirtschaftliche Erholung weniger schnell gelingt als bisher angenommen“, betont Prognos Chief Economist Dr. Michael Böhmer. In einer aktuellen Studie zur wirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland kommt das Institut dennoch zu dem Ergebnis, dass etwa zwei Drittel der gesamtwirtschaftlichen Verluste wieder wettgemacht werden können. Von 3,9 Prozent BIP-Wachstum gehen die Forscher für 2021 aus und liegen damit im Mittel der Prognosen prominenter Institute, die zwischen 2,8 und 4,9 Prozent voraussagen. „Damit liegt die deutsche Volkswirtschaft gleichwohl immer noch deutlich unter dem Vorkrisenniveau und noch deutlicher unter einer hypothetischen Entwicklung ohne die Covid-19-Pandemie.“ Es werden sich laut der Prognose die Branchen, die am meisten gelitten haben, tendenziell am stärksten erholen. Verglichen mit den Vorjahren sind die Branchenunterschiede bei den Wachstumsprognosen für 2021 damit größer als je zuvor. Man muss also sehr genau hinschauen.

28 Prozent Plus für die Gastronomie und Beherbergung

Besonders dynamisch werden sich demnach mit einem Plus von rund 28 Prozent die Gastronomie und die Beherbergung und mit einem ebenfalls deutlich zweistelligen Zuwachs die Kultur- und Kreativwirtschaft entwickeln. Voraussetzung dafür sei aber, dass eine Insolvenzwelle ausbleibt und die Einschränkungen spätestens im Frühjahr spürbar gelockert werden. Die anziehende Weltkonjunktur sowie zunehmend wieder intakte Lieferketten geben außerdem der Automobilindustrie ordentlich Schub – 14 Prozent sagt Prognos voraus. Und auch ein Großteil der weiteren Industrie wird demnach überdurchschnittlich in einer Größenordnung von vier bis sieben Prozent wachsen, sowohl der Maschinenbau und die Metall- wie die Konsumgüterindustrie. So sind laut den IHK-Zahlen auch in der Region die Optimisten im Branchencluster, die eine günstigere Geschäftsentwicklung erwarten, weiterhin erkennbar in der Mehrheit.

Gesundheit trotzt Pandemie

Solide Wachstumsraten (ein bis drei Prozent) erwartet Prognos für einen Großteil des Dienstleistungssektors, etwa die Bereiche Informationen und Kommunikation, sowie Verkehr und Logistik. Positiv hervor sticht hier demnach der Luftverkehr, der nach seinem historischen Einbruch in 2020 rund zehn Prozent wachsen könnte. Laut IHK-Konjunkturbericht sind die Dienstleister derzeit der einzige Wirtschaftszweig überhaupt, der per Saldo mit einem Beschäftigungszuwachs rechnet. „Personalbedarf haben etwa IT-Unternehmen, die die in Corona-Zeiten deutlich gestiegene Nachfrage nach Digitalisierungslösungen bedienen“, heißt es in dem Papier. Weitestgehend unbeeindruckt von konjunkturellen Schwankungen zeigt sich laut Prognos auch in dieser historischen Wirtschaftskrise das Gesundheits- und Sozialwesen.

Licht und Schatten im Handel

Ganz im Gegensatz zum Einzelhandel, den besonders der Lockdown im umsatzstarken Weihnachtsgeschäft hart getroffen hat. Der von beiden IHKs herausgegebene branchenbezogene Konjunkturklimaindikator rauschte um ganze 56 Punkte in den Keller. Sechs von zehn Händlern sprechen von einer schlechten Geschäftslage, der Onlinehandel und stationäre Geschäfte für Lebensmittel, Drogeriewaren oder Fahrräder zählen dagegen zu den Krisengewinnern.
Der Großhandel erholt sich etwas langsamer und folgt damit dem Produzierenden und Dienstleistungsgewerbe. Zwar bezeichnet nur jeder zehnte Großhändler die derzeitigen Geschäfte als gut, aber der Blick in die Zukunft zeigt Optimismus. Den wird es vor allem für die kommenden Wochen brauchen, denn bis die wärmeren Temperaturen, eine zunehmende Durchimpfung der Bevölkerung und eine globale Erholung das Wirtschaftsklima nachhaltig aufhellen, warten noch einige dunkle Tage …

Wachstumsprognosen verschiedener Institute für die Entwicklung des deutschen Bruttoinlandsprodukts 2021

Bundesregierung +3,0 %
EU-Kommission +3,5%
Internationaler Währungsfonds +3,5%
OECD +2,8%
Deutsche Bundesbank +3,0%
Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung +3,7%
Gemeinschaftsdiagnose der führenden Wirtschaftsforschungsinstitute +4,7%
Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung DIW +3,5%
Institut für Wirtschaftsforschung der Universität München Ifo +4,2%
Institut für Weltwirtschaft IfW Köln +3,1%
Hamburgisches WeltWirtschaftsinstitut HWWI +4,0%
Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle IWH +4,4%
Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung IMK +4,9%
Rheinisch-Westfälisches Institut für Wirtschaftsforschung RWI +4,9%

Quelle: Bundesregierung, EU-Kommission, Tagesschau, Deutsche Bundesbank, Sachverständigenrat, Gemeinschaftsdiagnose, DIW, Ifo,IfW, HWWI, IWH, IMK, RWI

 

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