„Ihr müsst euch im Spiegel anschauen können!“

Prof. Dr. Ronald Wadsack, Leiter des Instituts für Sportmanagement, im Interview

Prof. Dr. Wadsack ist der Nicht-Fußballer am Institut. Er findet es schade, dass die Vielfalt der Sportarten häufig in den Hintergrund des Fußballs tritt. Foto: Kristina Künnemeyer


Herr Prof. Wadsack, tragen in Ihrem Institut alle Sportschuhe?

Ich achte nicht so auf Schuhe. Also ich trage schon mal keine (lacht).


Bei Sportmanagement denkt man unweigerlich zu allererst an Fußball. Schlägt Ihr Herz dafür?

Nein, nicht wirklich. Ich bin hier der Nicht-Fußballer. Mein Herz schlägt am meisten für Basketball; ich bin damit aber eher eine Ausnahme am Institut.


Wie hat sich der Bereich entwickelt und professionalisiert?

Das ganze Thema Sport hat sich kommerzialisiert, egal ob Teilnehmersport in Sportvereinen und Fitnessstudios oder Zuschauersport im Logenbetrieb. Damit sind auch die wirtschaftswissenschaftlichen Fragestellungen in den Vordergrund gerückt – selbst auf normaler Vereinsebene. Insofern begründet das auf jeden Fall den Studiengang "Sportmanagement". Auch das in den letzten Jahren gewachsene Angebot artverwandter Studiengänge zeigt einen erkennbaren Bedarf. Damit verbunden sind im Leistungs- und Profisport die Zukunftssicherung für Menschen, die sich einer sportlichen Karriere verschreiben. In den Medien ist die Diskussion um die Förderung in der Bundeswehr aktuell im Gange.


Stichwort Betriebliches Gesundheitsmanagement – was macht dieses aus?

Wir haben für die Salzgitter AG beispielsweise mal eine Befragung durchgeführt. Dabei ging es darum, wie die Mitarbeiter zu einem betrieblichen Fitnessstudio stehen. Diese Form des Gesundheitsmanagements gewinnt zunehmend an Relevanz. Die Menschen arbeiten länger, sie sollen auch mit 60 und mehr Jahren noch leistungsfähig bleiben. Und nicht zu vergessen: die Arbeitsverdichtung – das sind neue Belastungen. Arbeitgeber werden sich mehr und mehr bewusst, dass vorbeugender Ausgleich vonnöten ist.


Besonders im Fußball genießen Spielerberater häufig keinen so guten Ruf. Warum sind sie dennoch wichtig?

Sie sind nun einmal die vermittelnde Struktur zwischen den Anbietern, den Teams und den Mannschaften. Besonders wenn sie ihre Rolle als Karrierebegleiter eines Sportlers ausfüllen, ist dies sehr hilfreich. Schwarze Schafe gibt es auch; in der Presse wird immer mal wieder die Kinder- und Jugendvermittlung im Profisport betrachtet … Wenn da etwas nicht richtig läuft, wirft das ein schlechtes Licht auf den gesamten Berufsstand.



Julian Draxler, ehemaliger VfL-Wolfsburg-Fußballer, wechselte für die Ablösesumme von 40 Millionen Euro zu FC Paris Saint-Germain. Foto: VfL Wolfsburg-Fussball GmbH

Ist Julian Draxler 40 Millionen Euro wert?

Die Preisbildung für Ablösesummen im Profisport fußt auf einem nicht leicht durchschaubaren Fundament. Letztendlich ist es marktorientiert – Angebot und Nachfrage. Wenn sich irgendwo ein Sportunternehmen findet, das bereit ist, 40 Millionen auf den Tisch zu legen, dann scheint da irgendwo der Gedanke zu sein, das ließe sich refinanzieren; sei es über sportlichen Erfolg, Verkauf der Medienrechte, Sponsoring oder eben über sekundäre Vermarktung wie Merchandising-Artikel. Keine Ahnung, wie oft das Draxler-Trikot verkauft worden ist …


Gefährdet die Dominanz des Fußballs in Deutschland andere Sportarten?

Ja! In Gesprächen mit Menschen, die nicht im Fußball aktiv sind, aber sponsorenabhängig, habe ich häufig mitbekommen: Ist Fußball in einer Stadt dominant, hat das einen Staubsauereffekt auf die Sponsorenengagements. Wenn man sich nicht gerade in einer Metropolstadt wie Berlin oder Hamburg befindet, ist es für andere Sportarten eine echte Herausforderung, sich neben Fußball zu positionieren. Betrachten Sie nur die Handball-WM – sie wird nicht mehr auf einem frei empfangbaren Fernsehsender ausgestrahlt. Dabei wird sie sogar in Europa ausgetragen. Bei Fußball würde so etwas wohl nie passieren.


Was stört Sie am meisten daran?

Wir haben mal die Zahl der Erstligisten im Einzugsgebiet Hildesheim, Göttingen, Wolfsburg, Hannover untersucht. Das waren deutlich über Hundert. Da sind natürlich auch Fußballer dazwischen, aber sie bilden nicht die Mehrheit. Sportarten von Tischtennis über Rugby bis hin zu Kegeln waren da vertreten. Auch hier wird Sport betrieben, auf leistungsstarkem Niveau; das dokumentiert die Vielfalt des Sports. Es ist schade, dass dies häufig in den Hintergrund tritt.


Gab es früher Versäumnisse bei den Sportarten, die neben Fußball existieren?

Es muss irgendwann auch noch mal etwas anderes gegeben haben (lacht). Der Fußball hat den Vorteil, in großen Stadien für viele Menschen gleichzeitig vor Ort erlebbar zu sein. Das funktioniert außerdem beim Football und beim Rugby – Darts wird nun auch gehypted, aber die Turniere haben ja ohnehin mehr Partycharakter. Doch kaum eine andere Sportart hat in der Historie in großen Arenen gespielt. Aber auch Phänomene wie Stellvertretersymbolik spielen bei der Faszination Fußball eine Rolle. Die Passion ist generationell gewachsen, auch weil dieser Sport in Deutschland einen starken Ursprung hat. Andere Sportarten haben später mit der Vermarktung und Aufgaben wie Markenbildung und systematischer Nachwuchsförderung begonnen. Das sieht man auch bei der Basketball Bundesliga. Versäumnisse dieser Art und Maßnahmen wie der Aufbau von Internaten für den Nachwuchs – all das aufzuholen, ist schwierig.


Was zeichnet einen Sportmanager aus?

Er muss sich sehr flexibel in die verschiedenen Bedingungen der Sportorganisationen hineindenken können. Er muss pragmatisch sein, umsetzungsstark und kommunikativ. Erfahrung, auch in verschiedenen Sportbereichen, ist sinnvoll. Leider ist für viele alles, was neben dem Rasenball existiert, nur Beifang.


Viele Fans kritisieren die Kommerzialisierung des Sports und gucken sich lieber Wettkämpfe unterer Ligen an. Können Sie das nachvollziehen?

Ja. Auch weil ich denke, dass da teilweise anderer Sport geboten wird, mit dem man sich besser identifizieren kann. Nicht selten wirkt der Sport authentischer und ist somit auch atmosphärischer für den Zuschauer vor Ort. Auch unterklassige Sportarten bieten spannende Spiele und man kann viel eher einen Bezug zu den Menschen aufbauen, die dahinter stehen. Man trifft da greifbare Menschen, statt Heroen. Ich besuche zum Beispiel gerne die Heimkämpfe der Oberliga Ringen in Salzgitter oder bin bei den Zweitliga-Basketballerinnen in Wolfenbüttel zu Gast.


Wo Sportarten monetarisiert werden, gibt es oftmals Nährboden für Korruption. Wie wichtig ist Ihnen die Vermittlung moralischer Werte?

Ein ganz wichtiges Thema! Ich sage den Studierenden immer: Ihr müsst euch morgens im Spiegel anschauen können! Ob Dopingthematik oder Korruption – Sportmanager brauchen eine innere Bremse. Entscheidungen für oder wider unmoralische Handlungen werden letztlich auf den Schultern einzelner Menschen ausgetragen – der Athletinnen und Athleten.

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