Der wilde Westen im Cyberspace

Der Lehrstuhl für Internationale Beziehungen an der Technischen Universität Braunschweig

Foto: sad, Avector – Fotolia

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Im Jahr 2007 verübten Hacker einen Angriff auf die digitale Infrastruktur Estlands. Er gilt als eine der ersten Cyber-Attacken und löste eine Krise aus: Über mehrere Tage war die Regierung nicht in der Lage, mit ihren Bürgern zu kommunizieren. Zehn Jahre später wird der Trojaner Wannacry berühmt, als er weltweit Teile des öffentlichen Lebens lahmlegt. Längst sind Hacker und Cyber-Kriminelle Sicherheitsbedrohungen des 21. Jahrhunderts. Auch internationale Beziehungen werden von diesen Risiken der Digitalisierung nachhaltig geprägt. Doch an der Technischen Universität Braunschweig weiß man um die Schwierigkeiten der Kontrolle des Cyberspace.

Am Lehrstuhl für Internationale Beziehungen werden globale Regulierungen zur Bekämpfung von Cyberkriminalität erforscht. „Der Cyberspace kennt keine Grenzen. Das ist die größte Herausforderung bei der Bekämpfung von Cyberkriminalität“, sagt Anja Jakobi, die seit zwei Jahren den Lehrstuhl leitet. Die Regulierungsprobleme im Internet sind groß und die staatlichen Eingriffsmöglichkeiten im Cyberspace begrenzt. Es fehle eine globale Regulierungsautorität, so Jakobi: „Während eine nationale Gesellschaft das Internet nutzt, ist das Internet selbst fast grenzenlos. Es gibt also einen globalen Regulierungsraum, während wir nur nationale und regionale Regulierungen haben.“ 2001 verfasste das Council of Europe die Convention on Cybercrime, die erste und einzige internationale Vereinbarung über mittels Internet begangene Straftaten. Diese sei 17 Jahre später jedoch kaum standesgemäß.

Den wilden Westen regulieren

Insbesondere divergente staatliche Interessen erschwerten die Etablierung globaler Normen und Regeln. Jakobi: „Bei der Facebook- und Hate-Speech-Debatte sah man deutlich, dass die freie Rede in der amerikanischen Kultur weit gefasst ist und auch Beschimpfungen und Hate-Speech inkludiert. In Europa ist das anders.“ Verhaltensregeln, die Konzernen und Social-Media-Kanälen die Verantwortung für veröffentlichte Inhalte übertragen, seien ihrer Ansicht nach jedoch sinnvoll. Auch die Verantwortlichkeit von Staaten für Angriffe auf kritische Infrastrukturen, die von ihrem Territorium gestartet werden, könnte in Regularien festgelegt werden. Aktuell regelten Staaten dies untereinander, erklärt Jakobi: „Zwischen Kanada und China werden jetzt schon bilaterale Verträge geschlossen, die die gegenseitige Industriespionage untersagen. Das zeigt: Länder wissen zudem auch, dass sie etwas zu verlieren haben, wenn der Raum erst einmal weltweit reguliert wird und nicht mehr der Wilde Westen ist.“

Aufnahme des Status Quo

Neben nicht-traditionellen Sicherheitsbedrohungen wie Hackern, Gangs, Rebellen und den Faktoren Klimawandel und Wasserknappheit befasst sich das zwölf Mitarbeiter starke Team mit Global Crime Governance, der Regulierung illegaler Märkte, internationalen Organisationen sowie internationalen Normen. Seit diesem Jahr forscht der Lehrstuhl auch verstärkt im Bereich Umweltpolitik. In dem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung initiierten Projekt REPLAWA werden weltweit Regulierungsvorhaben und -maßnahmen zur Reduktion des Eintrags von Plastik in die aquatische Umwelt untersucht. „Wir untersuchen, wie klassische Umweltakteure, beispielsweise NGOs und die Plastikindustrie, mit der Problematik umgehen. Wir schauen, ob Produktlinien umgestellt werden und welche Länder bei diesem globalen Problem tätig werden“, sagt Jakobi. Damit verschaffe der Lehrstuhl einen Überblick über aktuelle Regularien weltweit – den gebe es so bislang noch nicht. Ein erstes Mapping verdeutlicht die Komplexität der Thematik: Eine Hürde sei die Definitionsbreite von Plastik. Denn neben Mikroplastik in Kosmetika, Strohhalmen und Einwegplastik werde außerdem diskutiert, ob Reifenabrieb zu Plastik zählt. Jakobi: „Das Problem Plastik wird aus so vielen verschiedenen Perspektiven angegangen, dass es unwahrscheinlich ist, eine globale Norm oder Regulierung festzulegen.“

Perspektivwechsel

„Die Forschung der Internationalen Beziehungen ist komplex. Was für ein Land problematisch erscheint, wertet ein anderer Staat als unproblematisch. All diese Perspektiven gilt es, in der Forschung zu berücksichtigen“, erklärt die Politikwissenschaftlerin. Um den Studierenden einen Einblick in die Vielschichtigkeit globaler Zusammenhänge zu ermöglichen, deckt Jakobi in ihrer Lehre die gesamte Bandbreite der Internationalen Beziehungen ab. Und stößt damit auf positive Resonanz: Gut 250 Studierende besuchen aktuell die Vorlesungen des Lehrstuhls. Allgemein habe der Schwerpunkt Internationale Beziehungen in den vergangenen Jahren massiv an Zuwachs gewonnen und sei inzwischen deutschlandweit die gefragteste Ausrichtung des Studiums der Politikwissenschaften. Das freut Jakobi: „Internationale Beziehungen sind dynamisch und stehen nie still – das macht sie so spannend.“

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