1. April 2013
Forschung & Technologie

Gezwitscher und Gesichtsbücher

Eine Kolumne von Alexander Wallasch über Wirtschaft und soziale Medien

Alexander Wallasch, Autor und Kolumnist. (Foto: Alexander Wallasch)

Ein Freund regte sich neulich drüber auf, dass ein Freund den Text eines anderen Freundes via Twitter grammatikalisch verbessert hätte. Die Aufregung begründete er damit, dass der Betroffene ja 1.388 Followers hätte und der Besserwisser gerade einmal schlappe 125. Sie verstehen kein Wort von meinem Gezwitscher, englisch „twitter“?

Macht nichts. Es geht hier um eine soziale Plattform im Internet namens Twitter, über die man via Handy, oder fast schon oldschool: PC, telegrammartige Nachrichten versenden kann, die eine maximale Länge von gerade einmal 140 Buchstaben und Leerzeichen haben dürfen. Verbreitet wird es zunächst über Freunde, die einen verfolgen, englisch „to follow“. Und über ein raffiniertes Schneeballsystem. Ein Klick, und ein Verfolgter hat sich die Meldung seines befreundeten „Opfers“ zu eigen gemacht, und somit wird diese Nachricht von weiteren jetzt völlig unbekannten Followern verbreitet. Die Attraktivität der ganzen Sache besteht in ihrer Exklusivität. Die Exklusiv-Nachricht. Als erster. Am schnellsten. Sofort. Denn nur der Überbringer der Botschaft wird als Insider, als Kenner, als up-to-date-Mensch identifiziert.

Sie sehen schon, es geht um erhöhte Geschwindigkeiten auf dieser Datenautobahn mit unendlichen Fahrspuren ohne Überholverbot. Jeder, der hier dauerhaft unterwegs ist, hat seinen Blinker angestellt: „Schnell, schnell: Lass mich vorbei!“ Was twittert wer? Die „Siemens AG“ beispielsweise hat aktuell 845 Followers und schreibt am 19. Februar 2013 in einem Tweet, so heißt ein einzelnes Zwitschern: „Siemens liefert die elektrische Ausrüstung für das Eisenerz-Bergwerk Cerro Negro Norte in Chile.“ Die „SPD im Bundestag“ hat 9.340 Followers und schreibt am 20. Februar: „Erste Fotos der Veranstaltung Wie sexistisch ist unsere Gesellschaft?“

Sie merken schon, was da in maximal 140 Zeichen von den Dächern gezwitschert wird, kann informativ, lustig, dröge und im schlimmsten Falle missverständlich sein.Aber zappen wir schnell zu Facebook rüber gewissermaßen die unendlich geschwätzigere Verwandte der Twitter-Twins. Brief versus Telegramm. Kein Unternehmen in der belebten und vernetzten Welt, das nicht dort, wo die vielen Menschen und Freunde ein neues Zuhause hätten, ebenfalls vertreten ist mindestens mit einer kleinen vernachlässigten Filiale. So schreibt die Bäckerei Hesse aus Kirchhundem, die immerhin 668 „gefällt mir“-Freunde hat, zum Karneval: „Die Närrinnen sind los!“ Dazu gibts ein Faschingsfoto einer Verkäuferin, die lächelnd ein Blech Zuckerkuchen in die Höhe hält. Also ein Selfmade-Product-Placement, das immerhin 22 der genannten 668 so gut gefällt, dass sie hier ihr „Gefällt mir!“ direkt unter der Fotografie gerne erneuern.

Eine Monika W. schreibt: „da gibt es doch das lecker Siegerländer Schwarzbrot …“. Eine Barbara B. will ihrerseits nicht zurückstehen mit Exklusivwissen: „Topfenstrudel mit Vanilliesoße … leckeeer …“ Jetzt seien Sie ehrlich, hätten Sie eine Bäckerei, wären Sie für diese Art der Gratis-Werbung nicht auch dankbar? Und selbst wenn einer „Sybille“ oder einem „Hermann“ ihr Mohnkuchen so schlecht schmeckt, dass die das unbedingt auch mitteilen müssen kein Problem, kann man alles löschen. Tja, wenn man nicht aus Versehen diesen Kommentar von diesem „Thomas“ gelöscht hätte. Der war zwar noch nie in Ihrer Bäckerei, hat aber den ganzen Tag Langeweile an seinem Computer und ist immer irgendwie wütend. Also beleidigt er Ihr Gebäck, Sie machen das weg und er startet worst case! prompt eine Anti-Zensur-Kampagne. Und plötzlich sind Sie dieser böse Bäcker, der sein Gebäck auf Facebook nur schön schreiben will der Facebook-Missbrauchs-Bäcker!

Das sind dann auch im Wesentlichen die grundsätzlichen Vorteile und Risiken von Gezwitscher und Gesichtsbüchern. Nun entscheiden Sie selbst, was Sie für Ihr großes oder kleines Unternehmen oder ganz privat für sich möchten oder eben nicht. Noch haben Sie die Wahl. Aber vielleicht sind Sie sowieso viel lieber in Ihrer Backstube und schauen dem Teig beim Aufgehen zu, riechen den Duft der frischen Brötchen, wenn Sie sie aus dem Ofen holen, oder sprechen einfach mal 140 Wörter über den Verkaufstresen hinweg mit Ihren Kunden. Oder auch 250? Wer bitte schön sollte Ihnen das limitieren?

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