1. April 2019
Forschung & Technologie

„Wir können nicht gewinnorientiert handeln“

Prof. Dr. Jörg Overmann, Wissenschaftlicher Direktor der Leibniz-Institut DSMZ – Deutsche Sammlung von Mikroorganismen und Zellkulturen, im Interview

Foto: Stephanie Link

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Herr Prof. Overmann, im November diesen Jahres feiert die DSMZ ihr 50-jähriges Jubiläum. Von Wissenschaftsdezernentin Dr. Anja Hesse wurde sie als „Gral der Mikroben und Zellen“ bezeichnet. Welche Bedeutung kommt der Sammlung zu?

Ich wäre da bescheidener. Es gibt rund 600 Sammlungen auf der Welt. Im Gegensatz zu vielen spezialisierten Einrichtungen folgen wir jedoch einer monolithischen Struktur. Wir bieten 80 Prozent aller beschriebenen Bakterienarten an – und die Hälfte der Ressourcen, die Unternehmen für ihre Forschung benötigen. Auch digital rüsten wir aktuell auf.

Spielen Sie damit auf die neue Forschungsdatenbank BacDive an?

Genau. Diese Informationsressource gibt es sonst nirgendwo.

Worum geht es genau?

Die sogenannte Bacterial Diversity Metadatabase umfasst mittlerweile 600.000 Datenpunkte. Zu jedem Bakterium sind dort sämtliche Eigenschaften abrufbar, die aus der Literatur zusammengetragen und durch eigene Messungen ergänzt werden. Die Datenbank wächst kontinuierlich weiter und ist nicht nur auf unsere Sammlung beschränkt. Gleichzeitig ist es eine Suchmaschine, denn dort ist die Suche nach einem Mikroorganismus, der bestimmte Eigenschaften hat, möglich.

Wie intensiv wird die Datenbank bislang genutzt?

Wir haben weltweit gut 10.000 Unique User pro Monat.

Die Forschung der DSMZ stellt sich unter anderem dem Mangel an innovativen neuen Bioprodukten. Um welche Produkte handelt es sich konkret?

Im Jahr werden nur ein bis zwei neue Antibiotika zugelassen. Gleichzeitig entstehen viele multiresistente Krankheitserreger. Da klafft eine große Lücke. Die Vielfalt der Mikroorganismen, von denen einige Antibiotika produzieren können, würde Abhilfe schaffen, wenn man sie zugänglich macht.

Inwiefern?

In der Wirkstoffforschung suchen wir beispielsweise neue Antibiotika. Dort, wo Bakterien und Pilze im Boden gegeneinander kämpfen, kommen diese natürlich vor. Denn nur Bakterien mit Abwehrmechanismen überleben. Wir kennen bislang allerdings nur wenige dieser Antibiotika. Ein anderer innovativer Weg ist die Nutzung von Bakteriophagen. Das sind Viren, die nur bestimmte Bakterienarten befallen und zerstören – das ist attraktiv, denn nützliche Bakterien werden durch sie nicht zerstört. Das unterscheidet Bakteriophagen von Antibiotika.

Können Bakteriophagen Antibiotika ersetzen?

Bei bestimmten Anwendungen sind Bakteriophagen überlegen, allerdings nur, wenn es hier um äußerliche Behandlungen auf der Haut geht. Man könnte sie auch innerlich anwenden. Aber das Problem ist, dass sie irgendwann vom Körper erkannt und eliminiert werden. Dann lässt die Wirksamkeit nach. Bei hartnäckigen Infektionen könnte also eine Kombinationstherapie zukunftsweisend sein.

Mittlerweile scheint es, als seien resistente Keime massiv auf dem Vormarsch …

Das war absehbar.

Wie kommt das?

In Bodenbakterien in der Natur gibt es viele Resistenzen. Diese Bakterien haben Nachbarn, die Antibiotika bilden und müssen sich dementsprechend verteidigen. Über Nahrungsmittel oder die Luft gelangen resistente Bakterien in unseren Körper und da Resistenzgene zwischen Bakterienarten weitergegeben werden können, werden diese beispielsweise auf unsere Darmbakterien übertragen. Wenn dann ein pathogenes Bakterium, also ein Krankheitserreger, diese Resistenzen bekommt, überlebt dieses auch eine Anibiotikabehandlung. Leider begünstigen wir das, weil wir durch Antibiotika nur diese resistenten Bakterien übrig lassen. Deshalb ist es wichtig, Antibiotika nur zielgerichtet und in bedarfsgerechter Dosierung einzusetzen.

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