Grenz-Fundstücke - Standort38
7. Oktober 2019
Impulse

Grenz-Fundstücke

Wie die frühere Grenze und die politische Entscheidung des 9. November 1989 die Unternehmen und Menschen in der Region geprägt haben ...

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Standort38 ist erst zwölf Jahre alt und kennt nur das vereinigte Deutschland. Wir haben in unseren noch relativ jungen Archiven dennoch zahlreiche Belege dafür gefunden, wie die frühere Grenze und die politische Entscheidung des 9. November 1989 die Unternehmen und Menschen in der Region geprägt haben und präsentieren eine Auswahl  …

Heinz Sielmann
Naturfilmer und -schützer

Der tierische Tausendsassa
Aus Standort38-Spezial Gemeinwohl 38, 2017

Mit den Jahren wird aus dem Naturfilmer immer mehr ein Naturschützer. Seinen Film „Tiere im Schatten der Grenze“ aus dem Jahr 1988 schließt Sielmann mit den Worten „Ich kann mir kein besseres Denkmal für eine überwundene deutsch-deutsche Grenze vorstellen, als einen großen Nationalpark von der Ostsee bis zum Thüringer Wald“. Wie schnell diese Vision Wirklichkeit werden sollte, kann der damals 71-Jährige indes nicht ahnen.

 

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Wilhelm Schmidt
DER SCHMIDT

„Das ist eine Once in a Lifetime  Geschichte“
Aus Standort38, November 2017

Wie hat sich Ihr Unternehmen durch dieses historische Ereignis verändert?
Es herrschte Aufbruchsstimmung. Wir haben damals fast täglich Reisen nach Paris, Venedig und London angeboten. Die Reisegäste haben uns Briefe geschrieben: „Hiermit bewerbe ich mich für eine Reise nach Paris, der Termin ist mir egal – bitte nehmen Sie mich mit.“ Unvorstellbar, oder?

Klingt mindestens nach Goldgräberstimmung …
Absolut. Wir sind damals massiv gewachsen, haben aber nichts verdient, weil wir zu billig verkauft haben (lacht).

Haben Sie den Menschen zum ersten Mal die Welt gezeigt?
Ja, wenn Sie in Magdeburg den Namen ,,Reisebüro Schmidt“ nennen – den kennen dort noch heute viele.

 

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Kai Florysiak

Metropolregion Hannover-Braunschweig-Göttingen-Wolfsburg

Der Metropolist
Aus Standort38, März 2019

Mit dieser Sozialisation hängt auch die „wegweisendste Station“ im Leben von Kai Florysiak zusammen. Sie jährt sich am 10. Juli zum 30. Mal. Damals ist der 12-Jährige mit seiner Familie offiziell mit dem Zug über Helmstedt-Marienborn aus der DDR ausgereist und schließlich in Braunschweig gelandet.

 

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Prof. Dr. Ernst-Otto Thiesing
Ostfalia Hochschule

„Man muss Attraktionen erschaffen“
Aus Standort38, Juni 2016

Wie schätzen Sie die Chancen für die Gesamtregion ein, sich wie das Torfhaus Harzresort zu einer modernen Touristendestination zu entwickeln?
Der Harz hat zwar ein großes Potenzial, aber auch große Probleme. Früher war er ein Selbstläufer, da er die erste Tourismusdestination westlich der damaligen DDR war. So haben die Menschen aus Berlin beispielsweise den Westharz besucht. Nach der Wiedervereinigung sind dann die Gelder in den Ostharz und dessen touristische Infrastruktur investiert worden. Da der Westharz noch die alte Infrastruktur hatte, war er nicht auf demselben Stand wie der Ostharz und das ist in weiten Teilen noch heute so.

 

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Peter Streilinger
Streilinger Vertriebsmarketing GmbH & Co. KG

„Wir waren Anarchisten“
Aus Standort38, Juli 2018

In dieser Zeit öffnet sich der Eiserne Vorhang und ein Anruf von Bruder Rolf verändert auch Peter Streilingers eigene Welt. „Er war schon länger in der Verlagsbranche tätig und suchte jemanden, der im Osten ein Zustellnetz aufbaut.“ Die Menschen in der ehemaligen DDR sehnten sich nach den Zeitschriften aus dem Westen, aber es fehlte an jeglicher Infrastruktur. Unterstützt von einem pensionierten Vertriebsexperten des Heinrich-Bauer-Verlags fährt Streilinger also nach Erfurt, Chemnitz, Halberstadt – sucht Mitarbeiter, mietet Lauben an, organisiert. „Es herrschte Goldgräberstimmung, die vielen Aboanfragen konnten wir anfangs gar nicht bewältigen“, betont er. Vier Jahre lang ist Streilinger sieben Tage pro Woche unterwegs; koordiniert bis zu 1.000 Mitarbeiter, löst Probleme. Das Telefon klingelt unentwegt, auch im Auto – C-Netz sei Dank. „Ich habe nie zuvor und wieder danach in meinem Leben so viel gearbeitet“, erinnert er sich.

 

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Dr. Olaf Knabe
Zahnarzt

Der Schreibtisch von …
Aus Standort38, Oktober 2017

Bereits mit dreizehn Jahren stand für Olaf Knabe fest, dass er einmal Zahnarzt werden will: „Der Besuch des Schulzahnarztes war für mich das Schlüsselerlebnis. In der DDR besuchte uns dieser mit einer Art Praxis-Wohnwagen und führte auch Behandlungen vor Ort durch. Stundenlang saß ich daneben und verfolgte fasziniert seine Arbeit.“

 

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Aline Henke
Hankensbütteler kunststoffverarbeitung GmbH & Co.KG

„Ich glaube nicht, dass wir den Anschluss verloren haben“
Aus Standort38, Februar 2018

Hankensbüttel war lange Zonenrandgebiet, heute liegt es in der Mitte Europas. Wie sehr hat die Wiedervereinigung Sie und Ihr Unternehmen verändert?
Wir hatten auf einmal einen ganz neuen Arbeitsmarkt. Die ersten Mitarbeiter aus Salzwedel und Diesdorf haben 1990 angefangen. Das hat uns noch einmal weitergebracht. Dann gab es natürlich auch die große Boom-Phase, in der die neuen Bundesländer mit Fahrzeugen versorgt wurden. Die Kehrseite der Medaille dürfen wir aber nicht vergessen: Wir liegen direkt vor dem Tor der förderfähigen Gebiete. Es hat uns schon sehr unter Druck gesetzt, dass zwölf Kilometer entfernt eine 50-Prozent-Abschreibung möglich war. Dann hat uns Mitte der Neunziger noch der Einbruch auf dem Fahrzeugmarkt erwischt, das war schon eine harte Zeit.

 

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Helmut Streiff
Präsident der IHK Braunschweig

„Wir wollen wachsen und in der Elektronik wieder angreifen“
Aus Standort38, Juni 2016

Braunschweig und Commodore waren damals Auftakt für eine völlig verrückte Zeit. Entstanden war das dadurch, dass es Zonenrandgebiets-Förderung gab, Zuschüsse für Neuansiedlungen und neue Werke gezahlt wurden. Commodore waren die ersten, es folgten LSI, TEC und Toshiba. Daraus entstand das Oker Valley, in Anlehnung an Silicon Valley, und gab dieser Region einen unwahrscheinlichen Schub.

 

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Martin Bretschneider
GINGCO.NET Werbeagentur GmbH & Co. KG

Werber in Motion
Aus Standort38, September 2018

Anfang der 1980er Jahre, als Martin Bretschneider und Friedhelm Kranz als Grafikdesign-Studenten ihre ersten Gehversuche als Werber machten, war Braunschweig ein denkbar schlechter Ort für eine Werbeagentur. „Wo liegt denn das?“, fragten potenzielle Kunden. Doch vielleicht war die Lage im Zonenrandgebiet der Schlüssel zum Erfolg. „Durch den Standort-Nachteil waren wir wohl so etwas wie die Frauen der Branche“, sagt Bretschneider, „Wir mussten immer deutlich besser sein als Agenturen aus Hamburg oder Düsseldorf, um das Gleiche zu erreichen.“

 

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Christoph Schulz
Braunschweigische Landessparkasse

„Wir sind gut aufgestellt“
Aus Standort38, März 2015

Ein weiterer historischer Moment war der 11. November 1989. Auch hier spielte die NORD/LB in Braunschweig eine Rolle.
Unsere Brüder und Schwestern aus der DDR kamen mit ihren Trabbis über die Grenzübergange Marienborn und Zorge in unsere Region. Mit so großem und überraschendem Andrang hatte niemand gerechnet. Da ging vielen Filialen schnell das Begrüßungsgeld aus. Die Stadtkassen von Braunschweig und Helmstedt riefen verzweifelt bei der NORD/LB an. Wir haben damals große Anstrengungen unternommen, um Geld aus einzelnen Niederlassungen unter Polizeischutz zur Stadtkasse Braunschweig zu bringen bis hin zu einem Hubschrauber, der das Geld schließlich nach Helmstedt geflogen hat.

 

Foto: acqueline macou/Pixabay

Arnold André
GmbH & Co. KG Zigarrenhersteller

Region im Aufschwung
Aus Standort38, Juli 2018

Clubmaster, Handelsgold, Independence und Vasco da Gama heißen einige der Marken des Zigarren- und Zigarillo-Herstellers Arnold André GmbH und Co. KG. Alle vier haben eine Gemeinsamkeit: Sie entstehen im niedersächsischen Königslutter, Landkreis Helmstedt. Die Zonenrandförderung und die Aussicht auf motivierte Mitarbeiter hat in der Hochzeit der deutschen Tabakindustrie die Firma dazu veranlasst, einen Produktionsstandort nahe der damaligen deutsch-deutschen Grenze zu eröffnen.

 

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Ulrich Kehr
Richard KEHR GmbH & Co. KG

„80.000 Packungen täglich“
Aus Standort38, November 2014

Herr Kehr, 1924 in Halberstadt gegründet, sind Sie seit 1945 in Braunschweig ansässig – bereits in 3. Generation familiengeführt. Wie kam es zu der Entscheidung, ein Pharmazie-Großhandelsunternehmen zu gründen?
Das war die weitsichtige Entscheidung unseres Großvaters Richard Kehr, der mit seinem vorzeitig ausbezahlten Erbe die Firma begründete und überregional ausbaute, bis 1945 die Teilung Deutschlands kam und das DDR-Regime ihn enteignete.

Wie schwer war es, sich im Braunschweig der Nachkriegszeit zu etablieren?
Das war die Leistung unseres Vaters, der 1948 aus der Gefangenschaft in Braunschweig eine kleine Filiale vorfand, im Gebiet Harz und Heide gegen bestehende Wettbewerber neu etablierte und sich erfolgreich durchsetzte. Er verstarb 1981 und konnte die Wiedervereinigung und das Zurückerobern angestammter Gebiete nicht mehr erleben.

 

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Klaus Kroschke
Kroschke Unternehmensgruppe

„Viele Mitarbeiter sind besser als ich“
Aus Standort38, Juni 2017

Sind Sie in der ehemaligen DDR geboren?
Ja, in Alberstedt. Das ist ein kleiner Ort bei Eisleben. Meine Mutter wollte weg, als sie vom Eisernen Vorhang gehört hat.

Wie alt waren Sie beim Umzug?
Zehn Jahre. Es war eine dramatische Geschichte, von langer Hand geplant. Meine Großeltern waren Rentner und durften legal ausreisen. Irgendwann kam das Umzugsunternehmen Grove aus Braunschweig. Der Anhänger war komplett voll mit Möbeln und die gehörten nicht nur meinen Großeltern (lacht).

Haben Sie den Schritt damals als Kind verstanden?
Nicht wirklich. Mir wurde gesagt, im Westen sei alles besser. Aber ich habe mich auch in der DDR wohlgefühlt. Wir haben damals auf einem Restbauernhof gelebt und hatten alles, was man sich als Kind wünschen kann – ich hatte sogar zwei Fahrräder. Und im Westen hatte ich gar keins. Sozialer Abstieg (lacht). Da kommt man in den goldenen Westen und hat nichts.

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Dr. Martin Mack
Wirtschaftssozietät Appelhagen

In guten wie in schlechten Zeiten
Aus Standort38, September 2017

Der geschäftsführende Gesellschafter kam 1992 in die Stadt und suchte ganz bewusst die Nähe zur ehemaligen Landesgrenze. „Die Situation war einmalig und nicht nur juristisch unglaublich spannend.“ Mit seinen Kollegen gründete Mack damals sogar eine zweite Filiale in Magdeburg und hat sich trotzdem nicht von der Goldgräberstimmung in der Branche anstecken lassen. „Mancher Notar ist mit einem Wohnwagen und Sondererlaubnis durch den Osten getourt. Das würde ich als über das Ziel hinausschießen bezeichnen.“

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