Helmstedt auf dem Weg ins postfossile Zeitalter - Standort38
11. November 2020
Impulse

Helmstedt auf dem Weg ins postfossile Zeitalter

Braunkohle war einmal. Der Landkreis Helmstedt ist und bleibt dennoch eine Region der Energiewirtschaft

Bei einem Besuch bei der Avacon AG informierten sich Niedersachsens Wirtschaftsminister Dr. Bernd Althusmann und Niedersachsens Wissenschaftsminister Björn Thümler über den Strukturwandel in der Region und innovative Projekte zur Nutzung von Wasserstoff. Foto: HRM.

Es war 1725, als bei Frellstedt in der heutigen Samtgemeinde Nord-Elm Kohle entdeckt wurde. Erst 70 Jahre später gab es die ersten Kohlegruben, ab da gewann der Braunkohleabbau in der Region rund um Helmstedt immer mehr Bedeutung – bis der letzte Tagebau, östlich von Schöningen, Ende August 2016 stillgelegt wurde. Der Landkreis drumherum befindet sich im Wandel.
Das Helmstedt insgesamt 90 Millionen Euro aus dem Förderprogramm der Bundesregierung für den Strukturwandel erhält, ist keine Selbstverständlichkeit. In den ersten Entwürfen zur Aufteilung des 40 Milliarden Euro umfassenden Förderpaketes war das Helmstedter Revier nicht mit aufgeführt – was im Frühjahr 2019 zu einigen Diskussionen führte. „Durch den Verlust der unmittelbar und mittelbar von der Braunkohle abhängigen Arbeitsplätze liegt die Wirtschaftskraft des Landkreises Helmstedt nur noch bei knapp 50 Prozent des Bundesdurchschnittes. Die Gewerbesteuereinnahmen sind sogar auf nur noch 35 Prozent des Bundesdurchschnittes gesunken“, schrieb Helmstedts Landrat Gerhard Radeck in einem offenem Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel. „Die Menschen im Helmstedter Revier haben seit dem Beginn der Industrialisierung die Lasten des großflächigen Abbaus der Braunkohle und ihrer Verstromung getragen. Sie dürfen jetzt nicht mit den dauerhaften ökologischen und wirtschaftlichen Folgen des Ausstiegs aus der Kohle alleine gelassen werden.“ Im Mai dann die erlösende, wie ernüchternde Nachricht: Helmstedt ist in das Förderprogramm aufgenommen, die Fördersumme jedoch vergleichsweise gering.

Seit Oktober dieses Jahres ist das Kraftwerk Buschhaus, das seit 2016 als Notfallreserve gehalten wurde, stillgelegt. Die Helmstedter Revier GmbH (HSR) als Betreiberin des Kraftwerkes plant, unterstützt durch die Mitteldeutsche Braunkohlengesellschaft mbH (MIBRAG), einen Energiepark Helmstedt (EHE) auf den ehemaligen Kraftwerks- und Tagebauflächen. Etwas mehr als 2.100 Hektar stehen dafür zur Verfügung, 300 davon sind für die Entwicklung von Gewerbe, Industrie und Freizeit vorgesehen.

Wasserstoff als Zukunfts­technologie

Ulf Steinmann, Leiter der Agentur für Arbeit Helmstedt. Foto: Fotos: HRM.

Auch die weitere Erforschung der Wasserstofftechnologie in Verbindung mit geeigneten Einsatzfeldern in der Industrie ist für die Region im Gespräch. „Aufgrund der vorhandenen energiewirtschaftlichen Prägung der Region sowie der hervorragenden infrastrukturellen Voraussetzungen – damit sind die guten Anbindungen an bestehende Strom-, Gas-, Daten- und Verkehrsnetze gemeint – bieten sich gerade in der Helmstedter Region ideale Standortbedingungen für einen innovativen Wasserstoff-Hub“, betonte Radeck während eines Besuchs von Niedersachsens Minister für Wirtschaft, Arbeit, Verkehr und Digitalisierung Dr. Bernd Althusmann sowie Björn Thümler, Niedersächsischer Minister für Wissenschaft und Kultur.

Althusmann sagte dem Landkreis die Unterstützung des Landes zu. Im Fokus der Forschung soll der grüne Wasserstoff, also die Produktion von Wasserstoff durch den Einsatz regenerativer Energie aus Wind- und Photovoltaikanlagen, stehen. Laut Energiewendebericht steht Niedersachsen weiterhin mit 6.342 Anlagen an Land und einer Leistung von 11.325 Megawatt auf Platz eins der Windenergienutzung. Avacon als regionaler Energiebetreiber mit Hauptsitz in Helmstedt generiert im ersten Quartal 2020 rund 86 Prozent des eigenen Ökostroms aus Windenergie. Fast 4.000 Windkraft- sowie über 43.000 Photovoltaikanlagen sind an das Avacon-Netz angeschlossen.

Der Öffentliche Nahverkehr wird grün

„Avacon und EEW Energy from Waste bündeln ihr Know-how und wollen durch eine Kooperation die Wasserstofftechnologie weiter vorantreiben. Um die vollständige Dekarbonisierung bis 2050 zu erreichen, muss fossiles Erdgas sukzessive durch regeneratives Gas ersetzt werden“, so Marten Bunnemann, Vorstandsvorsitzender der Avacon AG. Avacon und EEW planen, auf Basis der Wasserstofftechnologie, eine Power-to-Fuel-Plattform zu realisieren, um den Verkehrssektor mit dem Stromsektor zu verbinden. Die Entwicklung hin zu einem CO2-neutralen Standort könne aber nur durch die Unterstützung des Landes bei der Umsetzung bundesrechtlichen Rahmenbedingungen gelingen. Dazu müsse eine Förderstruktur für den Wasserstoff-Markt entwickelt werden. Solange fossile Brennstoffe noch günstiger sind als die mit hohen Investitionen verbundene Decarbonisierung, benötigt es politische Eingriffe, um Entscheidungen pro Wasserstoff attraktiv zu machen.

Das Wasserstoff die Technologie und der Energieträger von morgen ist, ist auch die Überzeugung des Joint Venture Buses4Future aus Oldenburg. Das Unternehmen entwickelt nach eigenen Angaben Konzepte, um mit Brennstoffzellen betriebene Busse in bestehende ÖPNV-Systeme zu integrieren und Kommunen auf dem Weg zum emissionsfreien Nahverkehr zu begleiten. Bisher sind entsprechend umgerüstete Busse nur in den Niederlanden im Einsatz. Im Rahmen eines Modellvorhabens, an dem sich EEW und Avacon beteiligen, sei es denkbar, Busse mit Brennstoffzellenantrieb in Helmstedt zu bauen – dadurch könnten wiederum qualifizierte Arbeitsplätze in der Region entstehen.

Rohstoff- und Energiegewinnung aus Abfall

Seit mehr als 20 Jahren nutzt EEW Abfälle zur Energiegewinnung. In Helmstedt entstehen nach Eigendarstellung des Unternehmens jährlich rund 283.000 Megawattstunden Strom – ungefähr der Bedarf von mehr 81.000 Haushalten. Dafür werden circa 525.000 Tonnen Abfall verwertet. Seit Januar entsteht zusätzlich Niedersachsens erste Klärschlamm-Monoverbrennungsanlage. Der phosphathaltige Klärschlamm ist als Dünger für landwirtschaftliche Flächen geeignet – wird in Norddeutschland aber kaum noch verwendet. „In einigen Regionen herrscht bereits ein Entsorgungsnotstand“, erklärt Rolf Kaufmann, Leiter des Geschäftsfeldes Thermische Klärschlammverwertung von EEW anlässlich einer Fachtagung der Deutschen Fachgesellschaft für Abfallwirtschaft. Auf der anderen Seite besteht ab 2029 die Pflicht, das in den Schlämmen vorhandene Phosphat zurückzugewinnen. Die in den Verbrennungsanlagen anfallende Asche, jährlich etwa 15.000 Tonnen, soll gesammelt und zur Phosphatrückgewinnung genutzt werden.

Die EEW-Gruppe betreibt insgesamt 18 Anlagen zur Thermischen Abfall- und Klärschlammverwertung mit 1.150 Mitarbeitenden. Die Abfallverbrennungsanlage TRV Buschhaus gehöre zu den Größten der Republik.

Das Start-up Buses4Future setzt sich für Busse im öffentlichen Nahverkehr ein, die mit Brennstoffzellen betrieben werden. Auf dem Gelände des ehemaligen Kraftwerks Buschhaus könnten bestehende Gebäude für die Produktion der Busse genutzt werden. Foto: Buses4Future.

Corona befeuert den digitalen Strukturwandel

Durch die Corona-Pandemie litt, neben individuellen, menschlichen Schicksalen, der Arbeitsmarkt der Region rund um Helmstedt seit April 2020 in einer besonderen Weise. „Die Arbeitslosigkeit stieg kontinuierlich, es gab weniger Arbeits- und Ausbildungsstellen und viele Menschen waren oder sind in Kurzarbeit. Die Zahl der Personen, die Arbeitslosengeld, Leistungen der Grundsicherung oder Kurzarbeitergeld erhalten, nahm im Zuge der Corona-Krise deutlich zu“, beschreibt Ulf Steinmann, Leiter der Agentur für Arbeit Helmstedt, die Situation. Allein im März meldeten laut der Agentur 663 Betriebe mit 7.933 Beschäftigten Kurzarbeit an. „Der Strukturwandel und die Digitalisierung haben in der Coronazeit deutlich an Fahrt gewonnen. Daher ist gerade jetzt Qualifizierung wichtiger denn je“, so Steinmann. Er weist darauf hin, dass sich Unternehmen mit der Agentur in Verbindung setzen können, um Weiterbildungsbedarfe zu identifizieren und gegebenenfalls Unterstützung zu erhalten. Unter Umständen könnte es sein, dass die Agentur einen Teil oder die gesamten Kosten für Weiterbildungen übernimmt.

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