„Hören Sie auf mit dem Theater“

Prof. Dr. Lars Vollmer ist Autor, gefragter Redner und Mitbegründer des offenen Thinktanks intrinsify. Er spielt Jazzpiano, liebt Weltklasse-Kaffee und sprach mit uns vor dem Arbeitgeberdialog über das Prinzip Möhre, subversive Hochleistungsteams und Chefs in der Misstrauensfalle …

Prof. Dr. Lars Vollmer. Foto: Lars Vollmer

Prof. Dr. Lars Vollmer. Foto: Lars Vollmer

Herr Vollmer, beginnen wir mit dem Stichwort Möhre: Gerade Führungskräfte erhalten häufig Teile ihres Gehalts nur bei Erreichen bestimmter Ziele. Warum sind solche erfolgsabhängigen Bestandteile kein sinnvolles Motivationsinstrument, sondern Ihrer Meinung nach sogar „ungemein schädlich“?

Die Leistungserbringung von Unternehmern in unserer Zeit ist emergent und lässt sich nicht mehr in additive Einzelteile zerlegen. Heute entsteht Leistung erst aus dem Zusammenspiel der Vielen und wie bei einer Fußballmannschaft ist letztlich das Tor entscheidend und nicht jeder einzelne Schuss oder gelaufene Kilometer.

Das heißt, Leistung ist gar nicht mehr Einzelpersonen zurechenbar?

Nein, natürlich nicht. Außerdem erschwert die Beförderung Einzelner strukturell Zusammenarbeit. Und jeder gute Entscheider weiß doch, dass es auf gute Teams ankommt.

Also weg mit den Boni?

Absolut. Leistung ist das, was hinten raus kommt, also die Wertschöpfung beim Kunden. Wenn es denn eine Belohnung sein soll, lasst uns die Beute aufteilen, die am Ende übrig bleibt. Das machen einige Unternehmen bereits, zum Beispiel Bosch.
In vielen traditionellen Branchen halten die variablen Gehaltsbestandteile gerade erst Einzug … Stimmt. Man spürt, dass der Wettbewerb härter wird und greift auf alte Instrumente des Industriezeitalters zurück. Das ist ein Rückschritt und keine Lösung.

Was sagt das über die Manager aus, die solche Entscheidungen treffen?

Mindestens, dass sie sich an Erfolgsrezepte der Vergangenheit klammern. Die haben immerhin lange funktioniert. Außerdem sind die meisten Manager mit diesem Denken sozialisiert und aufgestiegen. Ich würde ihnen also nicht unbedingt einen Vorwurf machen.

Bald stehen wieder die Jahresgespräche an. Warum sind die „überflüssiges Business-Theater“?

Weil die meisten Mitarbeitergespräche eine Farce sind, die weder für den Mitarbeiter noch für den Chef irgendeinen Erkenntnisgewinn bringen – selbst wenn man sie gut macht.

„Viele Business-Rituale haben den Bezug zum Kunden völlig verloren.“

Inszeniert man damit Mitspracherecht, das es in der Arbeitswirklichkeit nicht gibt?

Solche Gespräche verkommen leicht zur Scheinpartizipation, genauso wie viele Meetings: „Wollen wir doch mal hören, was die Mitarbeiter sagen“ oder „Wir nehmen das mal mit“ sind die zynischen Kommentare, die es dann zu hören gibt. Ich würde diesen Paternalismus niemandem vorwerfen, wenn er nicht schädlich für das Unternehmen wäre.

Sie behaupten, die meisten Unternehmen würden ihre Mitarbeiter systematisch von der Arbeit abhalten …

Durch genau diese Business-Rituale, wie Mitarbeitergespräche, Meetings, Audits. Es gibt hunderte dieser Praktiken, die alle ihre Referenz nach innen haben und dem Erhalt der Organisation dienen, aber nicht dem Erfolg. Damit sprechen wir von Blindleistung …

… weil man sich mit sich selbst und nicht mit dem Kunden beschäftigt?

Genau, das ist es. Viele Business-Rituale haben den Bezug zum Kunden völlig verloren.

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