23. September 2022
Impulse

ITUC – Ingenieure als technische Alleskönner

Die Wendhausener Entwickler liefern praxistaugliche Ideen für den Softwareeinsatz

Geschäftsführer Uwe Lambrecht. Foto: Magnus Kleine-Tebbe

Wer das Schloss Wendhausen betritt, entert eine andere Welt: Architektonisch tief in der Vergangenheit, technisch weit in der Zukunft. Hier residiert ein 90-köpfiges Team um Mitgründer und Geschäftsführer Uwe Lambrecht (59). Mit der Betonung auf Köpfe. Denn die Ingenieurgesellschaft für Technologieunterstützung, kurz ITU Consult (ITUC), liefert seit 1998 in schwindelerregendem Tempo bahnbrechende Funktionen für viele Branchen und Einsatzfelder.

Lambrecht zufolge hat ITUC parallel rund 25 Projekte am Laufen. Die Entwickler, vom Selbstverständnis Ingenieur, wollen sich mit solcher Vielfalt weder festlegen noch abhängig machen, das gilt inhaltlich und unternehmerisch. ITUC-Ideen haben deswegen schon Banken technisch vorangebracht, Mobilfunker, Flugzeughersteller, Bahnunternehmen und – natürlich – die Autobranche. „Schifffahrt versuchen wir gerade“, schmunzelt Uwe Lambrecht im unprätentiös eingerichteten Chefbüro, das er sich mit seinen zwei Gründerkollegen teilt. Als Vorzeigeprojekte aus den vergangenen zweieinhalb Jahrzehnten nennt Lambrecht Dinge, die heute beinahe als selbstverständlich hingenommen werden, in Wahrheit aber sensationell sind: In New Yorks U-Bahn sichert ein ITUC-Programm Mindestabstände der extrem dicht getakteten Züge. „Und dass sie niemals kreuzen“, betont Lambrecht. ITUC ließ 1999 die erste Bahn autonom durch Berlin fahren. Das erste Auto, das mit der Außenwelt kommunizierte, nutzte
ITUC-Technik.

Sensationelle Technik, heute Alltag

Wenn Lambrecht auf Nichttechniker trifft, beweist er Geduld. Das kennt er schon, es ist ja meistens so. Prinzipiell gehe es darum, erklärt er dann, mit Software, also mit Programmen, Hardware zu ersetzen oder zumindest zu regeln: „Steuern, speichern, bewegen.“ So aufgefasst, gibt es praktisch keine Anwendungsgrenzen, dafür jede Menge Chancen. Chancen, weil Lambrecht zunehmend der gesellschaftliche Nutzen seiner Projekte wichtig wird, so dass er beispielsweise ITUC-Kapazitäten als Pate in den Dienst des Kinderhilfswerks Unicef stellen will. „Wasserstoff als regenerative Energiequelle reizt uns auch“, sagt Lambrecht.

Außerdem möchte er Lego-Bausteinen Künstliche Intelligenz (KI) einbauen. Stichwort Künstliche Intelligenz: Zusammen mit dem DLR, dem Deutschen Zentrum für Luftund Raumfahrt, tüftelt ITUC an einem Programm, das den richtigen Materialeinsatz für Leichtbau berechnet und Vorschläge für die benötigten Einsatzanforderungen unterbreitet. „Bislang wurde ausprobiert, bis es passte“, erläutert Lambrecht den bahnbrechenden Unterschied.

Die Vielfalt macht ITUCs Arbeit nicht nur abwechslungsreich, sie sichert das Unternehmen vor allem wirtschaftlich ab. Die ursprünglich vier Gründer wollten Lambrecht zufolge 1998 das Prinzip „Hire and Fire“ (Einstellen und Feuern) ihres damaligen Arbeitgebers nicht länger mitmachen, der sich zu abhängig gemacht habe von einem Großkunden. Sie machten sich selbstständig – und vieles anders: „Wir mussten nie jemanden aus wirtschaftlichen Gründen entlassen – trotz einzelner Dellen im Geschäft.“
Kontinuität, Verlässlichkeit und Kollegialität prägen das Betriebsklima, ohne dass es bei ITUC allzu Start-up-mäßig zuginge. Lambrecht schätzt die Haltung im Team. So spricht er als Chef nicht von „Mitarbeitern“, sondern von „Kollegen“. Er freut sich über Betriebstreue, die in der Branche keineswegs üblich ist. ITUC hält zudem Hierarchien flach. Wer Gesprächsbedarf habe, „kommt jederzeit bei mir rein“. Von sich aus sucht Lambrecht einmal im Monat Kontakt zu jedem Projektteam, gern auch beim Grillen im Schlosspark. Dabei lässt sich über alles reden, nicht nur rein fachlich. Überhaupt findet der 59-Jährige: „Mit Offenheit lässt sich fast jedes Problem lösen. Man muss nur fair sein.“
Bei der Aufgabenverteilung gilt ein ungewöhnliches Prinzip: „Die Kollegen müssen sich in den Projekten wohlfühlen. Sie haben immer das letzte Wort“, sei es, ob die Kundenerwartungen passten, sei es, dass Entwickler nach fünf Jahren mal eine andere Richtung einschlagen wollten.

Frauen in der Führungsetage

Auch zum Thema Frauen in technischen Berufen verfolgt ITUC einen eigenen Ansatz. Nachdem sich die Belegschaft auf dem „Campus“ mit großzügig ausgebauten Stallungen rund ums Schloss in den vergangenen sechs Jahren ohnehin verdreifacht hat, steigerte die Firma den Frauenanteil gezielt, und zwar in verantwortlichen Positionen. „Frauen bringen Aufgaben in der Projektführung zu Ende“, lobt Lambrecht.

Und Nachwuchs? Einerseits denkt Lambrecht mittelfristig an eine Nachfolgelösung für die Firma: „Ein paar Jahre will ich das noch machen.“ Doch die Zeit bis zum altersbedingten Rückzug nutzt er, das nächste Führungsteam vorzubereiten. „Dafür gebe ich mein Wissen weiter.“ Darüber hinaus steigt ITU Consult, das junge Leute bislang an den Hochschulen rekrutierte, in die Ausbildung von Schulabgängern ein. Auch hier legt Lambrecht Wert auf eine gute Betreuung der Kollegen in spe. „Wir haben ein Sechser-Team, das sich vorbereitet, damit immer einer da ist, der sich kümmert.“ Zukunft? Gesichert.

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