Leben in der Erlebnisstadt - Standort38
9. November 2020
Impulse

Leben in der Erlebnisstadt

Standort Wolfsburg

In direkter Nähe zum Hauptbahnhof prägen Gebäude wie die Ellipsen der Designer Outlets Wolfsburg oder das Phaeno Science Center das Stadtbild. Foto: Fotos: WMG/Julian Misiek.

In direkter Nähe zum Hauptbahnhof prägen Gebäude wie die Ellipsen der Designer Outlets Wolfsburg oder das Phaeno Science Center das Stadtbild. Foto: Fotos: WMG/Julian Misiek.

Den 63.000 Beschäftigten im Stammwerk der Volkswagen AG in Wolfsburg stehen rund 125.000 Menschen gegenüber, die in der Stadt an der Aller leben. 125.000 Personen, die Wohnraum benötigen und in der Stadt unterwegs sind.

Hans-Dieter Brand, Geschäftsführer der Neuland Wohnungsgesellschaft mbH.Foto: Neuland.

Vor acht Jahren haben die Stadt Wolfsburg und die Wohnungswirtschaft die Wohnbauoffensive gestartet. Das Ziel: Bis 2025 sollen 10.000 zusätzliche Wohneinheiten entstehen. Rund 2.500 Wohnungen und Häuser sind seit dem Start 2012 entstanden und bezogen worden. Neben den drei großen Neubaugebieten Hellwinkel Terrassen, Steimker Gärten und Sonnenkamp gibt es An- und Neubauten in bestehenden Wohngebieten. Weitere 80 Flächen könnten für die Weiterentwicklung des Wohnungsmarktes herangezogen werden.

„Ich bin stolz und freue mich, dass wir in den letzten Jahren vielen Mitbürgerinnen und Mitbürgern ein neues Zuhause geben konnten“, resümiert Oberbürgermeister Klaus Mohrs anlässlich einer Pressemitteilung der Stadt im Oktober. „Bei einem entspannten Wohnungsmarkt sind wir in Wolfsburg wie in den meisten Städten jedoch noch nicht angelangt. Tausende suchen nach wie vor den für sie passenden Wohnraum. Es ist weiterhin eines der Themen, auf die ich am häufigsten angesprochen werde. Wir müssen fortwährend daran arbeiten, um unsere Stadt als lebenswerten Wohnort, aber auch als Wirtschaftsstandort weiter zu stärken.“ Demnach stehen je 6.000 Interessierte und Suchende auf den Wartelisten für Grundstücke bei der Stadt sowie für Mietwohnungen bei den drei großen Wohnungsgesellschaften Neuland, Volkswagen Immobilien und Allertal. Zusammen bewirtschaften diese rund 60 Prozent des Wolfsburger Mietmarktes.

Zur Einordnung: Für einen Quadratmeter zahlen Wolfsburger laut der Stadt in einem Bestandsgebäude 6,1 Euro Miete, in einem Neubau 6,8 Euro. Die Zeit veröffentlichte 2019 einen durchschnittlichen Mietpreis für Wolfsburg von 8,50 Euro. Damit liegt die Stadt deutlich unter Deutschlands Spitzenreiter München – im Stadtgebiet werden dort rund 18 Euro pro Quadratmeter gezahlt – im Umland von Helmstedt, Salzgitter oder Peine sind Wohnungen bereits für 5 bis 6 Euro pro Quadratmeter zu finden.

Aus Sicht von Hans-Dieter Brand, Geschäftsführer der Neuland Wohnungsgesellschaft mbH, stellt sich die Situation auf dem Wohnungsmarkt so dar: „Wir merken seit einigen Monaten eine leichte Entspannung des Marktes in Wolfsburg. Das bedeutet für uns, dass die Wohnbauoffensive erste Erfolge zeigt. Mit einer großen Anzahl fertiggestellter Neubauwohnungen sorgen wir gemeinsam dafür, dass die Menschen in Wolfsburg den für sie passenden Wohnraum erhalten. Dennoch ist die Nachfrage besonders für etwas kleinere Wohnungen mit bis zu drei Zimmern ungebrochen hoch.“ Damit auf dem privaten Wohnungsmarkt keine unverhältnismäßigen Preise aufgerufen werden, setzt sich die Stadt neben der Offensive auch für den Fortbestand der Mietpreisbremse in Wolfsburg ein. Nach der Veröffentlichung des Landes Niedersachsen zur Neufassung der Niedersächsischen Mieterschutzverordnung, die keine Mietpreisbremse für die Stadt vorsieht, hat sie unter anderem beim Ministerium für Umwelt, Energie, Bauen und Klimaschutz darum gebeten, die Mietpreisbremse bis 2025 aufrecht zu erhalten.

Für Wolfsburgs Industrie und Verkehr stellt die Wohnraum-Situation auch ein Hemmnis dar: Der mangelnde Wohnraum in der Stadt halte Fachkräfte davon ab, sich anzusiedeln. Dazu kommen täglich – zumindest in den Vorjahren – rund 80.000 Einpendler. Vor der Corona-Pandemie, die auch in Wolfsburg zu weitreichenden Einschnitten in der Geschäftswelt führte, gehörten tägliche Staus und volle Busse sowie Bahnen zum Alltag. Am 19. März hatte VW dann die Produktion an allen Standorten gestoppt, rund 80.000 Mitarbeiter gingen in Kurzarbeit. Bereits im April kehrten die ersten an ihre Arbeitsplätze zurück, andere nahmen die Arbeit im Homeoffice auf, doch erst zum 30. Juni meldete der Konzern, die Kurzarbeit an den Standorten in Braunschweig, Chemnitz, Emden, Hannover, Kassel, Osnabrück, Salzgitter und Wolfsburg bis auf Weiteres zu beenden.

Der Ausbau der Weddeler Schleife geht weiter

Wolfsburgs Oberbürgermeister Klaus Mohrs, Stadtbaurat Kai-Uwe Hirschheide und Marcel Hilbig, Leiter des Referates Strategische Planung, Stadtentwicklung, Statistik, präsentierten im Spätsommer 2020 den aktuellen Stand nach acht Jahren Wohnbauoffensive. Foto: Stadt Wolfsburg.

Einer der Knotenpunkte des Öffentlichen Nahverkehrs zwischen Wolfsburg und Braunschweig könnte demnächst überarbeitet werden. Anfang Oktober gab die Niedersächsische Landesregierung bekannt, dass die Bundesregierung bislang fehlende Investitionsmittel für den Ausbau der Weddeler Schleife im ersten Entwurf des Bundeshaushalts 2021 vorgesehen hat. Die Weddeler Schleife zwischen Weddel und Fallersleben ist Teil der Bahnstrecke Braunschweig-Wolfsburg, die sowohl vom Personen-, als auch vom Güterverkehr befahren wird. Der Abschnitt soll zweigleisig ausgebaut werden. „Die Weddeler Schleife ist in der Region Wolfsburg-Braunschweig ein zentraler Baustein für einen modernen und attraktiven ÖPNV. Jetzt gilt es, die Finanzierung bis zum endgültigen Beschluss des Bundeshaushalts zu sichern“, wird Michael Zeinert, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Lüneburg-Wolfsburg (IHKLW) in einer Mitteilung der IHK zitiert. „Der Ausbau der Weddeler Schleifebedeutet für die Pendler schnellere Arbeitswege und mehr Lebensqualität, ebenso profitieren die Unternehmen von der verbesserten Erreichbarkeit ihrer Standorte”, betont Zeinert. Der Baubeginn ist für 2021 anvisiert, bis 2024 seien insgesamt bis zu 114 Millionen Euro Unterstützung des Bundes für das Projekt eingeplant. Der gesamte Ausbau ist mit 150 Millionen Euro veranschlagt. Die restlichen Mittel würden auf Grundlage des Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetzes von Bund, Land und Regionalverband Großraum Braunschweig aufgebracht.

Vielfältige Geschäftsfelder schaffen Stabilität

Jutta Anders eröffnete vor zwanzig Jahren ihre Vinothek in Vorsfelde, mit der Unterstützung ihres Mannes Jürgen. „Wir haben uns von Anfang an nicht einfach als Verkäufer oder Produktanreger gesehen, sondern stets als Markenbotschafter. Wir kennen jedes Weingut, von dem wir Produkte vertreiben und überzeugen uns persönlich regelmäßig – dieses Jahr ist es natürlich schwieriger – von der Arbeitsweise der Winzer. So können unsere Kunden sicher sein, ein einwandfreies Spitzenprodukt zu erhalten. Den Winzerinnen und Winzern stehen wir a

Julia Sadowski, in der Mitte, ist die einzige Angestellte von Jutta und Jürgen Anders. Seit 20 Jahren betreiben die beiden in Vorsfelde die Vinothek mit Wein-Großhandel und angschlossenem Online-Shop. Foto Vinothek.

uch als Handelsagentur zur Seite und beliefern andere Weinhändler mit deren Produkten“, erzählt er. Statt sich nur auf ihr Ladengeschäft in der Südstadt von Vorsfelde zu konzentrieren, stellten die beiden das Unternehmen von Anfang an auf verschiedene Säulen. „So haben wir die aktuelle Krise zwar auch deutlich zu spüren bekommen, waren aber grundsätzlich nicht gefährdet“, verrät er. Im Bereich der Hotels, Gastronomie und Veranstaltungen, die sie sonst beraten sowie Servicepersonal schulen und beliefern, sei der Absatz deutlich geringer. Dafür habe es höhere Bestellzahlen über ihren Onlinehandel gegeben. Und der ist nicht einfach eine digitale Kopie ihres Ladengeschäfts: „Wir haben das Sortiment bewusst etwas anders gestaltet und stehen auch nicht selbst in einem Hinterzimmer, um

Kartons zu packen. Wir arbeiten unter anderem mit einem professionellen Weinlogistiker aus Hessen zusammen, der ein klimatisiertes Lager betreibt und die Auslieferung innerhalb von ein bis zwei Werktagen garantieren kann.“ Und statt Wein-Degustationen und Grappa-Tastings unter hohen hygienischen Auflagen weiter in der Vinothek anzubieten, haben sie die Verkostungen digitalisiert – mit Testpaketen, die im Vorfeld an die Teilnehmer versendet werden und gemeinsamem Videochat. „Die Resonanz darauf ist sehr gut. Das Teilnehmerfeld kommt zum Teil aus der Region, wir hatten aber auch schon jemanden aus Italien dabei.“ 2020 sind noch einige Tastings und Seminare geplant, die Terminierung stehe allerdings noch nicht im Detail fest.

Dass sich die beiden dem Wein verschrieben hat, ist kein Zufall. Schon ihre Eltern pflegten, ohne sich zu kennen, die Liebe zum Wein und beide verbrachten als Kinder viele Familienurlaube in Anbaugebieten. Irgendwann entwickelte sich aus dem Interesse am Wein ein Hobby, das zum Beruf wurde. Das sie 2015 mit Julia Sadowski eine Winzertochter als Angestellte gewinnen konnten, freut das Paar bis heute: „Die Leidenschaft und Begeisterung für die Weine und das Geschäft lebt sie von der ersten Sekunde an genauso wir wir. Die positive Entwicklung der Vinothek ist auch ihrem Engagement zu verdanken.“

Industriebetriebe investieren weiter

Marcus Ganguin, Geschäftsführer der Expleo Automotive & Transportation Deutschland. Foto: Expleo.
Marcus Ganguin, Geschäftsführer der Expleo Automotive & Transportation Deutschland. Foto: Expleo.

Ebenfalls ungeachtet der Auswirkungen der Corona-Pandemie, läuft die Bautätigkeit vieler Industrieunternehmen. In der Nähe der Westrampe errichtet beispielsweise der Automotive-Dienstleister Valmet eine neue 4.400 Quadratmeter große Testhalle sowie ein Bürotrakt mit 2.500 Quadratmetern. Ziel ist es, die bisherigen Standorte in Fallersleben – Vehicle Development, Simulation und Testing – sowie Heinenkamp mit den Schwerpunkten E/E-Development sowie Wiring Harness auf einem gemeinsamen Gelände zu bündeln. „Durch die Zusammenführung erwarten wir eine noch engere und effizientere Zusammenarbeit zwischen den Entwicklungsabteilungen und daraus resultierend ein deutlich optimiertes Angebot für unsere Kunden. Es freut mich, dass sich durch den Neubau Arbeitsumfeld und Arbeitsbedingungen in unserem wichtigen Bereich Testing deutlich verbessern. Wir freuen uns, mit dieser Investition ein positives Zeichen im derzeit schwierigen Automobil-Umfeld setzen zu können“, betont Dr. Robert Hentschel, Senior Vice President Engineering bei der Valmet Automotive Group. Lediglich die Leitungsstrangfertigung bleibt in Heinenkamp. Das

Im Frühjahr sollen rund 200 Angestellte von Valmet Automotive Engineering in das neue Testzentrum und das angeschlossene Bürogebäude einziehen können. Foto: Valmet.

neue Areal soll im Frühjahr 2021 fertiggestellt werden.
Einen Schritt weiter ist da die Expleo-Gruppe, die ihren Neubau in Fallersleben bereits bezogen hat. Das Technologiezentrum wurde bewusst im Einzugsgebiet von Universitäten und dem Volkswagen-Konzern gebaut und soll mit Entwicklungsflächen, Prototypenwerkstatt und Hochvoltlabor die Rolle eines digitalen Entwicklungshubs einnehmen. „Vor Ort werden im ersten Schritt 150 und später bis zu 500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiten. Dadurch können wir hohe Expertise und zusätzliche Entwicklungs- und Testkapazitäten anbieten“, so Marcus Ganguin, der seit Juli 2020

Geschäftsführer der Expleo Automotive & Transportation Deutschland ist. Die Angestellten von Expleo seien dabei mit Kollegen und Kolleginnen an den Standorten Stuttgart, Ingolstadt und Berlin sowie mit europäischen und globalen Exzellenzzentren in Indien, Rumänien und Ägypten vernetzt.

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