20. Oktober 2022
Impulse

„Machen wir sie mit CRISPR platt!“

Das Handelsblatt wählte den Historiker Dr. Jörg Munzel einmal zum „IT-Leiter des Jahres“. In einem launischen Gespräch anlässlich des 50-jährigen Bestehens der Informatik an der TU Braunschweig erklärt er, warum es so wichtig ist, disruptives Denken in Unternehmen zu ermöglichen – auch, wenn man heute noch über manche Idee lacht. Munzel stellt fest, dass auch wir in der Region unseren Albert Einstein haben – ihn aber niemand kennt. Außerdem spricht er über die Starbucks-Kultur und freut sich trotzdem über einen einfachen Kaffee im Medienhaus bei diesem persönlichen Treffen.

Dr. Jörg Munzel im Gespräch anlässlich des 50-jährigen Bestehens der Informatik an der TU Braunschweig. Foto: privat

 

Informatik-Studierende der
TU Braunschweig im Jahr 1973. Foto: TU Braunschweig

Mit Karl dem Großen hat er einmal begonnen. Mit wem auch sonst? Als Historiker muss man den ersten deutschen Kaiser auf dem Schirm haben. Aber Jörg Munzel machte große Sprünge, schon damals als Student an der TU Braunschweig. Sein Pfad führte ihn schnell an den Schnittpunkt zwischen Technologie und Geisteswissenschaften und dann direkt zu Volkswagen, wo er ab 1992 über die erste Generation der Nachhaltigkeitsforschung im Konzern berufsbegleitend promovierte.

Das gleichzeitige Interesse an Informationstechnik und philosophischen Themen, die grundsätzliche Offenheit in alle Richtungen machte Munzel zu einem bunten Vogel, er arbeitete in den verschiedensten Bereichen im Konzern und an den verschiedensten Orten auf der Welt. Schließlich übernahm er den IT-Bereich bei AutoVision. „Hier musste ich in der Lage sein, das Geschäftsmodell und die Prozesse eines Unternehmens im Kopf hin- und her zu bewegen und dann schauen: Wie setze ich dafür am besten unterstützende Systeme ein?“ Mit seinem Team entwickelte er ein völlig neues Geschäftsmodell für Dienstleistungen und wurde dafür – für viele überraschend – 2009 vom Handelsblatt mit dem IT Strategy Award ausgezeichnet, das Magazin Computerwoche nannte ihn „CIO des Jahres“.

„Wir müssen die Säulen einbrechen“

Microsoft-Gründer Bill Gates verfolgte die Vision, einen Computer auf jedem Schreibtisch der Welt zu platzieren. Foto: World Economic Forum

Erfolg im 21. Jahrhundert entstehe nicht durch stromlinienförmiges Denken und Handeln, sondern dort, wo man „die Fähigkeiten zum disruptiven Denken mitbringt“, sagt Jörg Munzel. Er selbst kann als Beispiel dafür gelten, aber auch die Geschichte der Informationstechnologischen Entwicklung in Braunschweig und der Welt zeigt, dass bahnbrechende Entwicklung dort möglich waren und sind, wo man die Forschung und Entwicklung in der IT sowie die Anwendung nicht als zwei getrennte Bereiche betrachtete, sondern von Anfang an miteinander verbindet. „Wir müssen diese Säulen einbrechen, wir müssen viel ganzheitlicher denken“, fordert Munzel. „Um umfassenden Erfolg zu haben, müsste man tatsächlich schon überlegen und darauf abzielen, etwas zu tun, was in der Lage ist, die Gesellschaft zu verändern.“

Genau diesen Ansatz verfolgte man schon immer in den Vereinigten Staaten. Hier wurde, gewissermaßen als Nukleus für die moderne, anwendungsorientierte Informationstechnik, ab den 1940er-Jahren das Manhattan-Projekt und die Entwicklung der Kernenergie früh vorangetrieben. Übrigens stark von jüdischen Physiker:innen, die aus dem Dritten Reich vertrieben wurden. Nach der Kernkraft folgte die Raumfahrttechnik und später die Revolution des Dienstleistungssektors durch die IT. „Diese Mega-Entwicklungslinien haben wir alle verschlafen“, sagt Munzel. In Deutschland seien währenddessen akademische Einzelleistungen die Leuchttürme der IT gewesen, etwa die Erfindung des „Z1“, des ersten Rechners der Welt 1941 durch Konrad Zuse. „Der Z3 war dann richtig funktionsfähig und hatte hochinteressante Ansätze, wurde aber von den Nazis gar nicht richtig wahrgenommen. Mit gesundem Menschenverstand, mathematischer Begabung und Bastelgeschick konnte es Einzelpersonen gelingen einen Rechner konstruieren“, glaubt Munzel.

Zu Besuch bei Konrad Zuse

Auch in Braunschweig gab es einen Pionier. Er hieß Horst Herrmann, war ein überzeugter Nationalsozialist und konnte nach dem Krieg „dank gleichgesinnter Kontakte“, so Munzel, den ersten Lehrstuhl für Rechentechnik aufbauen. Herrmann gründete 1956 das Rechenzentrum, schaffte mit Hilfe der DFG Rechneranlagen an und betrieb diese. „Er werkelte mit analogen Rechnern als Dienstleister für andere Institute. Das war alles noch Lochstreifengesteuert“. Es waren Wunderwerke der Mechanik, komplex und reparaturanfällig. Aber getreu dem Motto der 1950er-Jahre „Keine Experimente“ habe es keine echte Innovationskultur gegeben, bemängelt Munzel, man habe mit bestehenden Technologien gearbeitet.

Konrad Zuse und Computerpionier Heinz Nixdorf im Werk der Nixdorf Computer AG. Foto: Heinz Nixdorf MuseumsForum/wikimedia

Derweil definierte IBM den Industriestandard und wurde immer kompatibler zu Periphergeräten, also anderer Hardware und Software. Als in den 1990er-Jahren Microsoft längst das Standard-Betriebssystem stellte und die amerikanische Idee, dass jeder Haushalt auf der Welt einen Computer haben müsse, auch in Deutschland verbreitet war, besuchte Munzel einmal Konrad Zuse. „Wir hatten ein interessantes Gespräch, aber er war schon alt und etwas verbittert“, erinnert sich Munzel. „Zuse hat sich geärgert, dass Bill Gates soviel gilt und er offenbar nichts.“

Aber genau hier lag der Unterschied. „Was kann ich mit dem Ding machen?“, fragten sich die Amerikaner. In der Rüstung, in der Raumfahrt, der Maschinensteuerung, ganz konkret im Unternehmen und seinen Abläufen wurde der Computer eingebunden. Es gab von Anfang an eine strategische Ausrichtung und eine sehr praxis- und anwendungsorientierte Forschung. „In Deutschland verlief das anders“, sagt Jörg Munzel. „Hier wollten wir nicht amerikanisch sein, sondern grundsätzlich wissenschaftlich. Man fokussierte sich auf funktionstechnische und mathematische Themen, wie eine solche Maschine funktionieren könnte. Aber der disruptive Spirit, der später in die ganzen Innovationen mündete, die heute unseren Alltag bestimmen, fehlte in Europa.“

Menschen, die Maschinen basteln

In Braunschweig schaffte es vor allem Professor Hans-Otto Leilich Ende der 1960er-Jahre, den Lehrstuhl für Fabriklehre und Unternehmensforschung mit jenem für Elektrotechnik zu einem Informatik-Studiengang zu verschmelzen, der 1971/72 an der Technischen Universität die ersten Studierenden begrüßen konnte.

Kult bis heute: Der Commodore C64, unter anderem einst in Braunschweig zusammengeschraubt, ist – ähnlich dem VW Käfer – ein Herzensobjekt für Nostalgiker. Foto: Francesca Ussani/wikimedia

„Beim Braunschweigischen Ansatz“, erklärt Munzel, „ging es nicht nur darum, was ein Computer machen kann, sondern vor allem, wie er es macht.“ Klassischerweise trafen sich hier echte Nerds, „Menschen, die gerne elektrische Maschinen basteln.“ Was fehlte, sagt Munzel, seien einflussreiche und große Wirtschaftswissenschaften gewesen oder eine Geschäftsmodellforschung darüber, welche Möglichkeiten die Maschinen bieten.

Wenn man heute an der Börse als „Einhorn“ mit einem disruptiven Geschäftsmodell starte, sei es fast egal, mit welchen Rechnern man das tut. Es komme darauf an, was man damit anstellt. Den Entwicklern einer App, die das Paarungsverhalten der Welt verändert (Tinder), ist es egal, auf welchem Rechner das Programm läuft. Auch Jeff Bezos kann es egal sein, auf welchem Gerät Amazon den klassischen Einzelhandel zerlegt, für Paypal ist dies ebenso unerheblich. Wenn Kryptowährungen langfristig den Banking-Bereich aushebeln, wird die Art des Computers oder Smartphones keine Rolle spielen.

In Braunschweig gelang es dem Studiengang, in der oberen Liga der deutschen IT-Standorte mitzuspielen. „Allein das war schon eine Leistung“, sagt Munzel. Mit der Lizenz-Fertigung des Commodore C64, der Ansiedlung anderer großer Hardware-Unternehmen und der Förderung der Hochtechnologie kam in den 1980er-Jahren der Begriff „Oker-Valley“ auf, der die Entwicklung in der Region selbstbewusst reflektierte, für Munzel aber nur ein „Framing“ war. „Mit dem Silicon Valley und dem dortigen Spirit hatte das nichts zu tun“, sagt er.

enn es komme auf die Art des Denkens an, die Neigung, alles anders zu sehen – und ein Umfeld, das genau dieses fördert, auch in den Unternehmen. „Wenn Behörden und Tech-Firmen hier in Deutschland sagen, sie bräuchten Glasfaser und Open WLAN, um innovativ und hip die Digitalisierung mitzugestalten, sage ich denen: ‚Was ihr braucht, ist ein Starbucks!‘ Es ist ein Klischee, aber im Silicon Valley sitzen die Leute tatsächlich im Café mit ihren Laptops und programmieren das neue Tinder. Wir lächeln darüber, aber es ist dieser Spirit, diese grundsätzliche Offenheit, die revolutionäre Veränderungen möglich macht. Starbucks ist nur das Synonym für diese Kultur.“

„Unser Einstein ist Emmanuelle Charpentier!“

Emmanuelle Charpentier war von 2013 bis 2015 am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung tätig und entwickelte die Genschere CRISPR/Cas. Foto: Archiv

„Wir reden in Braunschweig oft von unserer Hightech-Region, vom Bayern München der Forschungsstandorte“, kritisiert Munzel, „aber wer ist unser Albert Einstein? Wer prägt diesen Ruf, rechtfertigt das ‚Oker-Valley‘, ist das Gesicht nach außen? Das kann Ihnen kaum jemand in der Region sagen“, behauptet er.
Dabei gebe es eine Innovation aus Braunschweig, die eine revolutionäre Wirkung auf die Medizin, auf das Leben, auf ganze Gesellschaften haben könnte: „Unser Einstein ist Emmanuelle Charpentier!“, sagt Munzel nachdrücklich und bedauert, dass nur sehr wenige die Nobelpreisträgerin oder ihre Erfindung, die Gen-Schere CRISPR, kennen.

Wenn man selbst nicht in der Lage sei, DNA zu sequenzieren, sei das nicht schlimm. „Ich kann auch nicht wie Ronaldo Fußball spielen“, sagt Munzel, „aber ich kenne Ronaldo. Hier kennt fast keiner Charpentier.“

Und der Historiker ist sich sicher: „CRISPR wird die Welt verändern, das können wir uns noch nicht mal ansatzweise vorstellen.“

Dieser Diskurs müsste seiner Meinung nach eigentlich prominent geführt werden. Munzels Vorschlag: In der Braunschweiger Zeitung sollte CRISPR jedes Wochenende eine Seite gewidmet sein. „Die besten Ideen, neue Perspektiven, Debatten, Portraits, alles. Eben weil wir mit diesem Werkzeug theoretisch den Neandertaler reproduzieren könnten. Oder eben die Frage: Wie kann ich CRISPR mit der Informatik verbinden?“

Diese Ansätze seien es, die wirklich weltweit nachhaltige Veränderungen bewirken könnten und werden. In den Vereinigten Staaten stehe der Sprung vom Quantencomputer zur nächsten Technologie bereits bevor, sagt Munzel, bevor er aufsteht und sich zum Gehen verabschiedet. „Machen wir sie mit CRISPR platt!“

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