11. Oktober 2017
Management & Trends

„Dann läuft uns die Zeit davon …“

Niedersachsens Umweltminister Stefan Wenzel über Kinder in digitalen Welten, bürgerliches Engagement und die grüne Stiftungslandschaft

Stefan Wenzel ist seit Februar 2013 Niedersächsischer Umweltminister. Foto: Sven Brauers


Herr Wenzel, wo beginnt für Sie die Umwelt und wo hört sie auf?

Die Umweltpolitik setzt sich für den Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen ein. Wir alle brauchen sauberes Wasser, reine Luft und fruchtbare Böden. Aber es geht nicht nur um die die Menschen umgebende Welt, sondern auch um den Menschen selbst als Teil des Ganzen.


Der Gemeinwohl-Begriff ist stark im Sozialen verortet. Wird das ehrenamtliche Engagement für Umwelt und Klima in der Öffentlichkeit unterschätzt?

Nein! Auch der Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen dient selbstverständlich dem Gemeinwohl. Die Bereitschaft zum ehrenamtlichen Engagement für Natur-, Umwelt- und Klimaschutz wächst beständig. Die Initiativen von Einzelnen und Gruppen sind facettenreich und häufig lokal orientiert. Das freiwillige Engagement ist von besonderer Bedeutung und verdient höchste Wertschätzung und große Aufmerksamkeit. Das zeigen auch Studien und die hohen Mitgliederzahlen der großen Umwelt- und Naturschutzverbände.


Welche Bedeutung hat der Dritte Sektor in diesem Bereich? Wäre

zeitgemäße Umweltarbeit ohne das Engagement von Freiwilligen überhaupt möglich?
Das Engagement der Naturschutzbewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts und dann der Ökologiebewegung seit den 1970er Jahren hat den Umweltschutz in Deutschland zu einem Kernthema gemacht und auch politisch und behördlich etabliert. Heute ist der Dritte Sektor nach wie vor eine tragende Säule der Umweltarbeit, insbesondere im Bereich des Naturschutzes.


Können Sie konkreter werden?

Die anerkannten Verbände nehmen eine wichtige Funktion wahr. Sie haben einen Rechtsanspruch darauf, bei bestimmten Planungsverfahren beteiligt zu werden. Und sie haben die Befugnis, gegen Verstöße von bestimmten Umweltvorschriften klagen zu können.


Nach einer Analyse des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen liegt die Umwelt als Stiftungszweck auf Rang acht, nach der öffentlichen Gesundheitspflege und vor dem Denkmalschutz. Wie bewerten Sie dieses Ergebnis?

Es ist sehr erfreulich, dass die Stiftungslandschaft in Deutschland so breit gefächert ist. Dass dabei soziale Zwecke Wissenschaft und Forschung oder Kunst und Kultur oft im Fokus stehen, hat zum Teil sicher auch historische Gründe. Als Umweltminister liegt mir natürlich das Thema Natur- und Umweltschutz besonders am Herzen. Deshalb setze ich mich dafür ein, dass dem Schutz unserer natürlichen Lebensgrundlagen auch im Stiftungsbereich noch mehr Aufmerksamkeit zukommt. Insofern begrüße ich es sehr, dass der Umweltschutz vor allem bei Neugründungen von Stiftungen zunehmend stärker in den Fokus rückt.


Wie hat sich die „grüne“ Stiftungslandschaft in Niedersachsen in den vergangenen 30 Jahren entwickelt?

Wir beobachten in den letzten Jahrzehnten eine durchaus positive Entwicklung. So gab es neben einigen neuen Stiftungen von Privaten vor allem viele Stiftungsneugründungen auf kommunaler Ebene. Dies gilt insbesondere für eine Reihe von Landkreisen, die in den letzten Jahren eigene Naturschutzstiftungen gegründet haben. Die größte europäische Umweltstiftung hat ebenfalls ihren Sitz in Niedersachsen.


Welche Bedeutung hat der Zusammenschluss unter dem Dach des Vereins Natur-Netz Niedersachsen?

Im Natur-Netz Niedersachsen sind inzwischen 37 Stiftungen und 18 weitere Fördermitglieder vereint. Das ist ein großer Erfolg, vor allem für die Niedersächsische Bingo-Umweltstiftung, die die Geschäftsführung für dieses Netzwerk übernommen hat. Insgesamt profitiert aus meiner Sicht die gesamte „grüne“ Stiftungslandschaft in Niedersachsen sehr von dem Zusammenschluss. So hat der rege Austausch unter den Partnern zu gemeinsamen Kooperationen, Projekten oder Exkursionen geführt.


Sie selbst sind im Kuratorium der Niedersächsischen Bingo-Umweltstiftung aktiv. Was war das spannendste Projekt, das Sie gefördert haben?

Besonders interessant ist das Projekt „Netzwerk Wildbienenschutz in Niedersachsen“, das die Stiftung mit 233.000 Euro gefördert hat. Wir haben in diesem Fall einen Umweltverband dabei unterstützt, ein landesweites Netzwerk von Ehrenamtlichen zum Schutz der Wildbienen aufzubauen. In Zusammenarbeit mit dem Celler Institut für Bienenkunde des LAVES (Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit) soll das Netzwerk durch eigene Aktionen wie Workshops oder regionale Treffen den Biotopverbund der Trockenlebensräume in Deutschland stärken und auch Einfluss auf die niedersächsische Landesplanung nehmen.


Wie stark leiden die Stiftungen unter dem Niedrigzins?

Die anhaltende Niedrigzinsphase ist für viele von ihnen ein sehr ernstes Problem, weil hierdurch die Erträge teilweise massiv zurückgehen. Das bekommen wir zum Beispiel auch bei der Niedersächsischen Wattenmeerstiftung zu spüren. Die Bingo-Umweltstiftung als größter Fördermittelgeber im Umweltbereich ist strukturell etwas im Vorteil. Das liegt daran, dass sie gesetzlich geregelt überwiegend Zuwendungen aus der Glückspielabgabe von Lotto Niedersachsen inklusive der Bingo-Umweltlotterie erhält, und da können wir uns über sehr stabile Erträge freuen.

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