11. Oktober 2017
Management & Trends

„Dann läuft uns die Zeit davon …“

Niedersachsens Umweltminister Stefan Wenzel über Kinder in digitalen Welten, bürgerliches Engagement und die grüne Stiftungslandschaft

Stefan Wenzel ist seit Februar 2013 Niedersächsischer Umweltminister. Foto: Sven Brauers

Wie schätzen Sie das Potenzial neuer Finanzierungsformen ein?

Crowdfunding betreiben die vorgenannten Stiftungen nach meiner Kenntnis nicht. Erfahrungen haben wir allerdings mit professionellem Fundraising, das in der Regel erhebliche Vorleistungen sowie einen hohen Personal- und Mittelbedarf erfordert. Dieser Aufwand steht häufig nicht im Verhältnis zu den erzielten Mehreinnahmen.


Ist Niedersachsen ein besonders naturverbundenes Land?

Kaum ein anderes Bundesland hat eine so vielfältige Natur- und Kulturlandschaft wie Niedersachsen. Moor, Heide, Mittelgebirge, Wälder, Flüsse und Seen, Auen und Wiesen, Wattenmeer und Dünen prägen die Landschaft und die regionale Identität der darin lebenden Menschen.


Wie zufrieden sind Sie mit dem Engagement der Menschen in Ihrem Bundesland?

Hierzulande ist der Anteil freiwillig engagierter Personen in den letzten Jahrzehnten stetig angestiegen. Fast 50 Prozent unserer Mitbürgerinnen und Mitbürger über 14 Jahren engagiert sich in der Freizeit freiwillig. Damit stehen wir im Vergleich der norddeutschen Bundesländer auf Platz eins.


37 Jahre nach Gründung Ihrer Partei scheint es so, als ob ehemals grüne Themen mittlerweile gesellschaftlicher Konsens seien. Wie bewerten Sie das Bewusstsein der Menschen für  unseren Planeten?

„Grüne Themen“ stehen auf der gesellschaftlichen Agenda vorn. Das Umweltbewusstsein ist groß, der Kampf gegen den Klimawandel findet breite Unterstützung. Aber es bleibt noch viel zu tun. Die Energiewende, das Umsteuern beim Verkehr, ein verändertes Konsumverhalten und der Artenschutz sind dabei unerlässlich. Ein Meilenstein im globalen Kontext ist das Pariser Klimaabkommen.


Inwieweit ist das Bekenntnis der Menschen zur Umwelt ein schwaches – ganz im Sinne von „Ja“ sagen, aber nur danach handeln, wenn es nicht allzu sehr einschränkt? 

Das Umweltbewusstsein wird in dem Maße gestärkt, wie es gelingt, auch die richtigen politischen Rahmenbedingungen zu schaffen und alltagstaugliche Alternativen – zum Beispiel im Verkehrsbereich – zu schaffen.


Die Jugend ist immer mehr in digitalen Welten zu Hause. Was kann die Umweltbildung tun, damit die nachfolgenden Generationen nicht den Bezug zur Natur verlieren?

Kinder und Jugendliche sind die wichtigste Zielgruppe in der Bildung für nachhaltige Entwicklung. Als Gesellschaft müssen wir den jungen Menschen Möglichkeiten schaffen, Natur zu erleben, zu verstehen, sich für Natur zu begeistern – um dann selbst in der Natur aktiv zu werden. Als gesamtgesellschaftlicher Prozess findet Bildung für nachhaltige Entwicklung in allen Lebensbereichen statt. Dazu gehören – neben den Schulen – auch Vereine und Verbände, Kindergärten, Regionale Umweltzentren, Großschutzgebiete oder Einrichtungen der außerschulischen Jugendarbeit, um nur einige zu nennen.


Was tut ihr Ministerium konkret?

Im Umweltministerium haben wir vor einigen Monaten eine „Jugend-Umwelt-Akademie“ ins Leben gerufen. In loser Folge informieren Experten unseres Hauses über Themen wie „Kein Müll ins Meer“, „Becherflut bei Coffee to go“ oder die „Rückkehr des Wolfes“. Ein weiterer wichtiger Baustein unserer Umweltbildungsarbeit ist das Freiwillige Ökologische Jahr (FÖJ). Dort stärken wir das Umweltbewusstsein vieler junger Menschen, indem ihnen ein verantwortungsvoller und nachhaltiger Umgang mit Natur und Umwelt vermittelt wird.


Ist das FÖJ noch zeitgemäß?

Absolut. In diesem Jahr haben wir nicht nur den 30. Geburtstag des FÖJ in Niedersachsen gefeiert, sondern für den größten Platzzahlaufwuchs in seiner Geschichte gesorgt. Zukünftig können wir 325 Teilnehmerinnen und Teilnehmer einen Platz im FÖJ in Niedersachsen anbieten.


Durch den Strukturwandel und die Urbanisierung der vergangenen Jahrzehnte haben viele Menschen keine Berührungspunkte mehr mit der Land- oder Forstwirtschaft…

Ich halte es für wichtig, dass Menschen und insbesondere Kinder und Jugendliche Naturerfahrungen sammeln und Natur im eigentlichen Sinne begreifen können. Das bekannte Sprichwort bedarf aus meiner Sicht einer Ergänzung „Nur was man kennt und zu dem man eine emotionale Beziehung aufgebaut hat, kann und möchte man schützen.“

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