11. Oktober 2017
Management & Trends

„Dann läuft uns die Zeit davon …“

Niedersachsens Umweltminister Stefan Wenzel über Kinder in digitalen Welten, bürgerliches Engagement und die grüne Stiftungslandschaft

Stefan Wenzel ist seit Februar 2013 Niedersächsischer Umweltminister. Foto: Sven Brauers

Was hat es für Folgen, wenn die Natur und ihre Güter für weite Teile der Gesellschaft immer abstrakter werden?

Naturerfahrungen sind wichtig. So macht der US-Journalist Richard Louv in seinem Buch „Last Child in the Woods“ auf der Grundlage naturpsychologischer Forschung auch den Mangel an Naturkontakten für heutige kindliche Entwicklungsdefizite verantwortlich. Auch aus diesem Grunde liegt mir die Umweltbildung sehr am Herzen. Neben den Umweltbildungsangeboten in unseren Großschutzgebieten und Naturparken unterstützen wir daher mit der neuen Richtlinie  „Förderung der Biologischen Vielfalt in Städten und Dörfern“ u. a. auch Urban Gardening-Projekte und die Anlage von Naturerlebnisräumen.


Können Sie sich noch an Ihre eigene Kindheit erinnern?

Natürlich. Als Kind waren meine liebsten Spielplätze der Wald, das Moor und der Bauernhof. Das wünsche ich Kindern auch in Zukunft.


Zeitgleich zur Urbanisierung gibt es eine Gegenbewegung: Menschen, die sich regional und saisonal ernähren, die den Kleingarten genauso wieder entdecken wie den Outdoor-Urlaub …

Individuelle Entwicklungen führen zu unterschiedlichen Lebensentwürfen. Für viel entscheidender halte ich die kontinuierliche Stärkung des umweltbewussten Verhaltens und des Strebens, das eigene Leben danach auszurichten. Auch hier ist Vielfalt eine Stärke. Die Wege können unterschiedlich sein. Aber das Ziel ist ein gemeinsames: Die Stärkung von Natur und Umwelt als Grundvoraussetzung für ein menschenwürdiges Leben für alle.   


Wann und wo sind Sie selbst zum ersten Mal mit dem Gedanken in Berührung gekommen, dass man sich für seinen Planeten engagieren sollte? Was genau hat Sie an der Idee fasziniert?

Das war sehr früh in meiner Jugendzeit. Damals haben mich der Bericht des Club of Rome und die ersten erkennbaren Umweltprobleme sehr erschreckt und aufgerüttelt. Hinzu kommen die Erlebnisse und Erfahrungen in der christlichen Jugendarbeit und das erste politische Engagement gegen die Atomkraft. Inwieweit besteht die Gefahr, dass der Staat sich aufgrund von privatem Engagement zu weit aus dem Umweltschutz zurück zieht? Tatsächlich sehe ich enormen staatlichen Handlungsbedarf um für umweltgerechte Rahmenbedingungen zu sorgen, z.B. bei der Steuergesetzgebung auf Energie, auf Bodennutzung oder Luft- und Gewässernutzung. Nur mit klaren staatlichen Setzungen kann privates Engagement nachhaltig gefördert werden. Beide Teile befruchten sich gegenseitig und letztlich handelt der Staat immer im Auftrag des Gemeinwesens.   


Welche Rolle sehen Sie beim Umweltschutz für die Politik im Zusammenspiel mit Akteuren aus Wirtschaft und Drittem Sektor?

Die Politik muss den wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und privaten Rahmen für umweltgerechtes Handeln vorgeben. Sie muss für überzeugende Anleitungen, Anreize und Kontrollen sorgen. Die Wirtschaft und alle anderen Akteure sind aufgefordert, im engen Dialog mit der Politik ihr Handeln an den unverzichtbaren Umweltzielen zum Erhalt des Lebens auf dem Planeten Erde und den gesetzlichen Grundlagen auszurichten.


Wo liegen Ihrer Meinung nach die größten Herausforderungen für die Zukunft? Und wie kann jeder Einzelne im Kleinen zur Lösung beitragen?

Beim Kampf gegen das Artensterben, beim Klimaschutz, dem Grundwasserschutz und beim Kampf gegen die Vermüllung der Meere sehe ich aktuell die größten Herausforderungen. Da müssen nicht Morgen sondern möglichst schon heute alle ihren Beitrag leisten – und zugleich den gesellschaftlichen Druck auf die politischen Entscheidungsträger zum Handeln erhöhen.

Und wenn das nicht passiert?

Dann läuft uns die Zeit davon…

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