15. November 2014
Management & Trends

Megatrends kommen mit rasanter Geschwindigkeit

Dr. Eike Wenzel, Gründer und Leiter des Instituts für Trend- und Zukunftsforschung, im Interview

Dr. Eike Wenzel, Gründer und Leiter des Instituts für Trend- und Zukunftsforschung. (Foto: Privat)


Herr Dr. Wenzel, „Ich denke niemals an die Zukunft. Sie kommt früh genug“, sagte Albert Einstein. Was würden Sie dem größten Physiker aller Zeiten und Nobelpreisträger als Zukunftsforscher antworten?

Was der gute Herr Einstein einmal alles gesagt haben soll … Aber in gewisser Weise hat er Recht. Es gibt ewig gestrige Nörgler und Pessimisten, die ich nicht ausstehen kann. Und es gibt ewig morgige Gurus und Rattenfänger, die nur vom nächsten Wellness-Hype und rückwärts fliegenden Autos schwadronieren.
Wir möchten Zukunft für Unternehmen und die Gesellschaft planbar machen. Das kann man sehr gut in die Tat umsetzen, indem man sich wissenschaftlich mit Megatrends (Klimawandel, Ressourcen, Energiewende, Familie 2.0, demografischer Wandel etc.) beschäftigt, wie wir das tun.


Ebenfalls Physiker wie Einstein ist Michio Kaku, der in seinem Buch „Die Physik der Zukunft“ 300 klugen Köpfen aus Wissenschaft und Forschung Fragen gestellt hat. Es überwiegt dabei eine zuversichtliche Grundhaltung. Warum sollten wir optimistisch in die Zukunft blicken?

Wir haben rasante Technologien am Start, es zeigt sich, dass eine hochkomplizierte Energiewende bewältigbar ist und darüber hinaus noch das Wachstum ankurbeln wird. Wir befinden uns in einem dramatischen Transformationsprozess und leben dabei so gut wie noch nie. Es ist aber auch nicht alles rosarot: Uns muss es möglichst gestern gelingen, Wachstum von verantwortungslosem Naturverbrauch zu entkoppeln. Am meisten Sorgen bereitet mir gerade die Tatsache, dass selbst in Europa Demokratie nicht mehr als Selbstverständlichkeit bzw. als zu erstrebende Errungenschaft angesehen wird.


Warum sehen die meisten Menschen eher schwarz, wenn es um die Zukunft geht?

Weil es eine Menge an Herausforderungen gibt, deren Ergebnis wir jetzt noch nicht voraussehen können. Außerdem lebt es sich mit Zweckpessimismus ganz gut, das hält die Erwartungen niedrig und bewahrt vor größeren Enttäuschungen.


Was sind die wichtigsten Fragen, die sich ein Unternehmer heute zum Thema Zukunft stellen sollte?

Tue ich alles, damit mir und meinen Mitarbeitern mindestens die kommenden fünf Jahre als planbar erscheinen? Megatrends können wir uns nicht entziehen. Sie kommen manchmal mit rasender Geschwindigkeit auf uns zu und erwarten Reaktionen von uns. Wer sich für die Zukunft aufstellen will, muss sich permanent damit beschäftigen.


In welche zukunftsträchtigen Branchen sollten Unternehmer investieren?

Das lässt sich recht einfach beantworten: Digitalisierung und Energiewende sind zentrale Megatrends, die in den kommenden Jahren auf allen Märkten und in allen Branchen für dramatische Veränderungen sorgen werden.


Professor Kaku ist sich sicher: Technische Neuerungen führen die Menschheit auf den Weg in eine planetarische Zivilisation. Wir werden uns ähnlicher, Wohlstand wird gleichmäßiger verteilt sein und Ländergrenzen lösen sich auf. Wie sehen Sie das und was bedeutet das für uns?

Das ist natürlich wünschenswert, aber auch sehr allgemein gesagt. Fakt ist, dass bis 2030 zwischen 3 und 4 Milliarden Menschen zur globalen Mittelschicht gehören wollen. Dafür müssen wir jetzt die ökonomischen und ökologischen Voraussetzungen schaffen.


Das Internet ist ein mächtiger Beschleuniger dieser Entwicklung. Wie technik- und fortschrittskritisch muss man sich als Unternehmer heute verhalten?

Wir müssen die Megatrends umarmen. Gleichzeitig sollten wir uns vor Trendopportunismus hüten, also nicht jede Welle reiten, die uns angeboten wird.


Wie gefährlich ist der Überwachungskapitalismus von Google, Facebook & Co.?

Speziell Google geht davon aus, dass technologische Innovationen uns in eine von Leid befreite Lebensrealität führen werden. An dem Ansatz stimmt etwas nicht, und er hat etwas Gefährliches. Heißt das dann, dass alles Suboptimale, Hinfällige und Fragwürdige keinen Platz mehr hat? Nur in (technologischen) Lösungen zu denken, hat etwas Unmenschliches.


Sie haben sich als erster deutscher Forscher mit den Lohas (Lifestyle of Health and Sustainability) beschäftigt. Warum war gerade dieses Phänomen so interessant für Sie?

Weil es einen globalen Wertewandel beschreibt, der auch jetzt noch anhält und einen Lebensstil (vielleicht den ersten globalen Lebensstil) hervorbringt, der uns den Weg in eine nachhaltige Moderne skizziert.


Warum kritisieren manche den Begriff?

Weil er wie der nächste Marketing-Hit daherkommt. Und vom Marketing ja auch weidlich penetriert und ausgenutzt wurde.


Inwieweit kann man durch Konsum und Verzicht wirklich Druck auf globale Konzerne ausüben?

Die Möglichkeiten, in Marken- und Unternehmenspolitiken einzugreifen, waren noch nie so groß. Es ist gut, dass viele von uns von dieser unausweichlichen Transparenz Gebrauch machen. Gleichzeitig wäre es ein fataler Irrtum zu glauben, dass man über den „richtigen“ Konsum die Welt verändern könnte. Das ist nur zum Teil möglich. Genauso wichtig ist es, politisch-gesellschaftliche Strukturen zu schaffen, die aus einer sozialen und subkulturellen Bewegung wie den Lohas ein zukunftsfähiges Modernisierungsprojekt machen.


Ein von Ihnen im Jahr 2011 veröffentlichtes Buch trug den Titel „Ist die Zukunft noch zu retten? Warum unser System in der Krise steckt und was sich ändern muss, damit wir morgen besser leben“. Wie lauten Ihre Antworten darauf heute?

Den Titel hat der Verlag bestimmt. Ich würde jetzt definitiv anders formulieren: Wir können die Zukunft gewinnen, wenn wir die enormen technologischen Potenziale und die Wachstumspotenziale in das Projekt einer nachhaltigen Moderne einbringen: Wachstum von Naturverbrauch entkoppeln Wohlstand nicht ohne Demokratiegewinne.


Im Jahr 2012 erschien von Ihnen und dem Institut für Trend- und Zukunftsforschung (ITZ) die Studie „Wie wir morgen leben werden“. Wie leben wir denn morgen?

Verantwortung und Vergnügen, gesund und genussvoll. Aber: In dem Maße, wie immer mehr Gewissheiten schwinden, müssen wir verantwortungsvoll darauf hin wirken, dass Modernisierung, Zivilisierung und Wohlstand im globalen Maßstab adressiert werden. Ansonsten erleben wir unruhige Zeiten.


Sie sind auch Mitherausgeber des Börsenbrief Cashkurs Trends, der wissenschaftlich fundierte Trends mit detaillierter Analyse kombiniert. Welche Kaufempfehlungen geben Sie den Standort38-Lesern?

Werte aus der Ecke Digitalisierung und Energiewende angucken, es ansonsten aushalten, in eher langweilige Unternehmen zu investieren.


Was wünschen Sie sich persönlich für die Zukunft?

Nachhaltige Modernisierungsfortschritte. Ich möchte nicht nur auf einer Insel der Glückseligen leben, sondern in einer integrierten Weltgesellschaft. Weltbürgertum.

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