12. Juni 2017
Management & Trends

„This Game is over!“ (2/3)

Von den Erfahrungen im Silicon Valley und dem Win-win-Game im Internet erzählt Andreas Weigend in seinem Buch Data for the People. Standort38 hat als erstes deutschsprachiges Medium nachgefragt

Selfie mit dem Chef: Amazon-Gründer Jeff Bezos und Andreas Weigend. Foto: Privat.


Was denken Sie?

Kaum jemand. Das gleiche gilt für die Internetfirmen. Wir brauchen heute eine Search Engine genauso wie eine Bank. Mir persönlich wäre es aber lieber, wenn Google eine Bank wäre, als eine Bank Google.


Sie schreiben, Amazons Datenraffinerie habe das Kaufverhalten von einer Milliarde Menschen verändert. Was entgegnen Sie Kritikern, die behaupten, dass dabei weite Teile des Einzelhandels zerstört wurden?

Sie haben Recht. Amazon hat verändert, wie eine Milliarde Menschen einkaufen, Google, wie diese über Wissen und Facebook wie sie über sich selbst denken. Aber bleiben wir beim Einkaufen. Amazon hat natürlich enorme Vorteile, die sich allein aus Unternehmensgröße ergeben und nutzt diese extrem aus. Sowohl beim Lernen aus dem Kundenverhalten als auch bei der Logistik. Aber das sind strukturelle Veränderungen, die wir schon aus der industriellen Revolution kennen. Ausgangspunkt sind nicht Individuen mit Zerstörungswut, sondern effizientere Strukturen, die Geschäftsmodelle verändern.


Was halten Sie von dem in Deutschland eine Zeit lang heiß diskutierten Dash-Button?

Als ich das erste Mal davon gehört habe, dachte ich, es sei ein Aprilscherz. Ich wusste gar nicht, dass den irgendjemand diskutiert. Eine ganz andere Sache ist natürlich die Dame mit A, deren Namen ich nicht komplett aussprechen möchte, weil Sie sich dann meldet…


…Sie meinen Alexa?

Genau. Sie sitzt direkt neben mir und hier stellt sich zum Beispiel besonders die Frage des staatlichen Zugriffs auf die Daten. Es gab vor zwei Wochen einen Fall in den USA, wo eine Regierungsbehörde von Amazon eine Offenlegung der aufgezeichneten Gespräche gefordert hat. In Deutschland glauben die Menschen eher an den Staat und weniger an die Unternehmen. In den USA ist es anders herum, ganz besonders jetzt.


Woher kommt die US-amerikanische Skepsis dem Staat gegenüber?

Ein Beispiel: Gestern bekam ich eine Nachricht von einem Bekannten, der erst bei Tesla war und jetzt bei Facebook arbeitet. Also telefonierten wir und er erzählte, dass sein Bankkonto leer sei. Was war passiert?


Ich bin gespannt …

In einem Gerichtsurteil in Los Angeles wurde jemand schuldig gesprochen, dessen Name sehr ähnlich war und man zog das Geld von seinem vermeintlichen Konto ein. Weder die Bank, noch der Staat oder die Polizei konnten ihm helfen, denn er sei ja nicht der Angeklagte und deshalb nicht autorisiert, Informationen zu erhalten. Das zeigt, wie kleine Datenfehler große Auswirkungen auf das Leben des Einzelnen haben können …


Es gibt viele Autoren in Deutschland, wie Yvonne Hofstetter, die einen „Clash of Cultures“ zwischen den USA und Europa und auch die Notwendigkeit sehen, dass sich die Europäer auf der Hardware- und Softwareseite emanzipieren. Fühlen Sie sich in dieser Frage noch als Europäer?

Ihr Buch „Das Ende der Demokratie“ habe ich gelesen und ich halte sehr viel von Yvonne. Aber in diesem Fall bin ich wohl mittlerweile Amerikaner. Ich verbringe jedes Jahr zwei Monate in Shanghai, insofern bin ich vielleicht auch Weltbürger. Und aus dieser Perspektive muss man sagen, dass Europa zwar nicht klein ist, aber es mir schwer fällt, an einen eigenen europäischen Weg bei der Hard- und Software zu glauben. This game is over!


Sie legen Ihr eigenes Leben auf Ihrer Internetseite offen. Wo Sie sind, welche Flüge Sie verwenden, das alles lässt sich nachlesen. Warum?

Aus dem Glauben heraus, dass diese Informationen nicht zu verbergen sind. Man kann die Illusion leben, dass diese Dinge nicht auffindbar sind, aber die Wirklichkeit sieht anders aus. Ein weiterer Gedanke dahinter ist, dass ich so die Kontrolle über meine Daten behalte und weiß, dass sie stimmen.


In Ihrem Buch schreiben Sie, dass es darauf ankommt, zu gewährleisten, dass die Interessen der Bürger im Netz geschützt werden. Wie sehen diese in den sozialen Medien oder beim Einkaufen auf Shopping-Portalen denn konkret aus?

(Überlegt lange). Dies ist übrigens das erste Interview zu dem Thema auf Deutsch. Dass ich nicht sofort eine Antwort parat habe, liegt nicht daran, dass ich nicht antworten möchte, sondern eher daran, dass ich zum ersten Mal darüber nachdenke. Was sind unsere Interessen? Ich würde gern eine Gegenfrage stellen: Inwiefern sind unsere Interessen sozial konstruiert? Was davon sind wirklich unsere Interessen und was ist Peer Pressure?

 

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„This Game is over!“ – Von den Erfahrungen im Silicon Valley und dem Win-win-Game im Internet erzählt Andreas Weigend in seinem Buch „Data for the People“. Standort38 hat als erstes deutschsprachiges Medium nachgefragt… (3/3)

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