12. Juni 2017
Management & Trends

„This Game is over!“ (3/3)

Von den Erfahrungen im Silicon Valley und dem Win-win-Game im Internet erzählt Andreas Weigend in seinem Buch Data for the People. Standort38 hat als erstes deutschsprachiges Medium nachgefragt

In Deutschland erwirtschaftete Umsätze 2015. Die Umsatzangaben beruhen überwiegend auf Statista-Hochrechnungen. Quelle: Statista/EHI – E-Commerce Markt Deutschland 2016


Aus Ihrem Buch lässt sich herauslesen, dass Ihnen Transparenz wichtig ist. Und wenn wir den Prozess nicht aufhalten können, sollten wir wenigstens Einsicht bekommen...

Ja, das ist der Kern! Um eingreifen zu können, ist es notwendig, zunächst Einsicht zu bekommen.


Sie haben sechs Grundrechte für unsere Daten aufgestellt. Wie wollen Sie diese gegen die GAFAM-Unternehmen durchsetzen?

Ich glaube nicht, dass es ein Win-lose-Game ist. Das Ziel sollte ein Win-win-Game sein, in dem nicht nur die Unternehmen, sondern auch die User profitieren. Dieses Prinzip kennen wir bereits seit zehn Jahren aus dem Web 2.0. Der Gedanke, dass der Nutzer sich einbringt und die Möglichkeit hat, in den Prozess einzugreifen – dieser Dialog mit der Datenraffinerie ist ein Denkansatz, der wohl den entscheidenden Unterschied zwischen dem Silicon Valley und weiten Teilen der europäischen Gesellschaft ausmacht.


In der Tat!

Trotzdem. Wenn es um Daten geht, spielen wir kein Zero-sum-Game – im Gegensatz zu den Verteilungskämpfen auf dem Wohnungs- oder Finanzmarkt. Daten sind keine begrenzten Ressourcen, die pro Person weniger werden, wenn man sie teilt.


Über Unternehmen wie Google liest man immer wieder, dass es ihnen gar nicht ums Geld, sondern eher darum geht, das Leben der Menschen zu vereinfachen. Sind die Konzernlenker im Silicon Valley wirklich Idealisten?

Ganz klar, die Antwort ist ja! Larry Page ist einer der Menschen, die ich sehr dafür schätze, dass er immer versucht, die Welt zum Besseren zu verändern. To make the world a better place. Das trifft auch auf Jeff Bezos und Marc Zuckerberg zu, obwohl viele bei Facebook geteilter Meinung sind, dass nicht alles dort stubenrein ist. Aber dieses „To make the world a better place“ wurde nicht nachträglich angeschraubt, sondern war von Anfang an der Antrieb. Und selbst Kritiker müssen eingestehen, dass Google, Facebook und Amazon dazu beigetragen haben, den Menschen neue Optionen zu geben.


Jeff Bezos gilt als zweitreichster Mensch der Welt. Haben Sie das Gefühl, dass so viel Geld Menschen verändert oder spielt das Ihrer Meinung nach eher eine untergeordnete Rolle?

Ich glaube, es macht überhaupt keinen Unterschied, ob er eine Milliarde hat oder zweitreichster Mensch der Welt ist. Die Frage, ob man genug zum Leben oder Geld hat, sich a la Zuckerberg eine Prunkvilla in die Mitte von San Francisco zu setzen, verändert dagegen schon die Menschen – und nicht notwendigerweise zum Besseren.


Was genau treibt Sie an? Warum schreiben Sie ein Buch und geben Kurse an der Universität?

Ich halte sehr gerne Vorlesungen und zwar wegen meiner Studenten. Mein Vater war Lehrer und meine Liebe zum Lehren kam wohl von ihm – zu sehen, wie er seinen Lebenssinn daraus gezogen hat, Menschen etwas beizubringen, war toll. Vor einigen Jahren haben wir in einem Kurs die Frage gestellt, was ein Freund ist. Meine Antwort darauf lautete – jemand, durch dessen Augen ich die Welt sehen möchte. Diese Metapher des Lichtes und der Transparenz liegt mir sehr am Herzen. In einer Vorlesung mit tollen Studenten zu sein, die mir ihre Welt zeigen, bringt mich weiter.


Was war das Letzte, das Sie bei Amazon gekauft haben?

Ganz kleinen Moment, ich muss kurz nachschauen. (Tippen im Hintergrund) Es ist ja ein stetiger Bestellungsfluss.


Klingt, als ob Sie häufiger dort kaufen?

Täglich. Ah (lacht)! Mein eigenes Buch war das letzte, was ich gekauft habe. Es war für fünf Euro im Angebot, da habe ich zugeschlagen. Aber ich kann gerne davor schauen, dann waren es ein Kabel und ein Ladegerät für die Reise.


War Ihr Schritt in die USA im Jahr 1986 rückblickend die beste Entscheidung Ihres Lebens?

Ich hatte extrem viel Glück, dass ich vor 30 Jahren nach Amerika kam und obwohl ich in Physik promoviert habe, dort den Quereinstieg in die künstliche Intelligenz geschafft habe. Damals kam gerade das Feld von neuronalen Netzen auf und niemand hat erahnt, wie wichtig es wird. In Deutschland hätte ich sicherlich auch nicht auf der Straße gesessen, aber die Möglichkeit, hier etwas Neues zu schaffen, war phänomenal.

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