„Zukunft ist ein Gestaltungsraum“

Harry Gatterer, Trendforscher, Geschäftsführer des Zukunftsinstituts und Experte für New Living, im Interview

Harry Gatterer, Trendforscher, Geschäftsführer des Zukunftsinstituts und Experte für „New Living“. Foto: Zukunftsinstitut / Wolf Steiner

Seine Domäne: Die Zukunft von Leben und Arbeit, neue Lebensstile und ihre Wirkung auf Gesellschaft, Unternehmen, Konsum und Freizeit. Harry Gatterer, der sein erstes Unternehmen bereits im Alter von 20 Jahren gründete und heute Geschäftsführer des Zukunftsinstituts in Wien ist, liefert praktisches Wissen und Prognosen in Vorträgen und in Buchform – sehr pointiert, oft provokant, immer optimistisch. Sein neues Buch „Future Room“ (Murmann Publishers) hilft den Blick auf die Zukunft zu schärfen und die richtigen Schritte abzuleiten. Ein Selbstdiagnose- und Forecast-Buch für Unternehmen. Schnell, klar, wirksam. Standort38 unterhielt sich mit dem österreichischen Trendforscher.


Herr Gatterer, Ihr „Future Room“ ist eine Methode, die Unternehmen ermöglicht, ihre Zukunft zu entdecken und zu gestalten. Wie geht das ganz konkret?

Das Wichtigste ist, dass man sich auf die methodische Arbeit an Zukunftsfragen einlässt. Zum einen geht es darum, dass man sich Zukunftsentwicklungen in der Wirtschaft, aber vor allem in der Gesellschaft bewusst macht, was vorwiegend über die Auseinandersetzung mit Trends und Thesen funktioniert. Zum anderen muss man dann aber vor allem auch eigene Reflexionen darüber entwickeln und diese auf das eigene Unternehmen anwenden. Das ist genau, was Sie im Future Room tun: Sie machen sichtbar, wo die verborgenen Kräfte in Ihrem Unternehmen liegen und können damit deutlich besser auf das reagieren, was außerhalb des Unternehmens, auf den Märkten und in der Wirtschaft vor sich geht.


Was hat diese Zukunft mit einem Hyperwürfel zu tun?

Der Tesserakt oder Hypercube steht für eine vierdimensionale Figur. Vierdimensionalität ist für uns Menschen nicht direkt sichtbar, weil wir unsere Welt dreidimensional wahrnehmen. Der Tesserakt steht daher für diese vierte Dimension, für die nicht sichtbaren Informationen, für das Verborgene, das aber immer da, präsent und wesentlich ist im Sinne einer Struktur, des Einflusses auf unsere Entscheidungen und das, was wir im Alltag tun. Er ist also das Symbol für die verborgenen Kräfte.


Welches sind die häufigsten Fragen, die Entscheider an die Zukunft ihres Unternehmens stellen?

Im Moment ist es tatsächlich so, dass die Meisten sich die Frage stellen, wie sie mit der Digitalisierung umgehen sollen und wie sie auf die damit einhergehenden Veränderungen in der Wirtschaft reagieren können. Das Interessante am Future Room ist, dass sich während der Beschäftigung mit der Zukunft aber ganz andere Fragen als zentral herausstellen. Es geht dann nicht mehr so sehr darum, was wir mit der Digitalisierung anfangen sollen, sondern darum, wie wir mit unseren jungen Talenten umgehen müssen, wie wir den Begriff der Digitalisierung soweit schärfen können, dass ihn alle im Unternehmen verstehen und und und. Die Fragen, mit denen die Menschen den Future Room betreten, sind sehr stark davon geprägt, was uns allgemein in der Wirtschaft beschäftigt. In der intensiven Beschäftigung im Future Room wandelt sich das aber zu sehr individuellen Fragen, die auf das eigene Unternehmen und seine Potenziale abzielen.

Welche sollten sich diese auf jeden Fall stellen?

‚Wie können wir die Reflexionsfähigkeit unseres Unternehmens erhöhen?’ und  ‚Wie sind wir adaptiv genug, um uns immer richtig auf das sehr komplexe Umfeld, in dem wir uns bewegen, einzustellen?’. Reflexionsfähigkeit und Adaptivität sind die Grundvoraussetzungen, um mit dieser hohen Komplexität umgehen zu können. Alle anderen Fragen sind sehr individuell und können nicht generalistisch beantwortet werden. Oft glaubt man ja, sich Fragen stellen zu müssen, wie zum Beispiel ‚Wie muss ich mit Technologien umgehen?’ und dergleichen. Aber das bedingt eben auch diese Reflexivität. Ich muss erst einmal verstehen, was ich mit Technologie überhaupt in meinem Unternehmen tun kann, wo sie wirklich Vorteile bringt, wo sie tatsächlich eine Veränderung erzeugt und wo sie vielleicht auch gefährlich ist.


Sie behaupten, Trendwörter wie z. B. Digitalisierung haben einen enormen Einfluss auf uns. Was verursachen diese?

Einen Wahrnehmungsbias: Wir schauen auf gewisse Dinge mehr als auf andere. Vor zehn Jahren war eines dieser Trendwörter Nachhaltigkeit. Heute spricht kaum noch jemand davon, weil es von der Digitalisierung und anderen Begriffen überschattet wird. Heute haben wir einen Wahrnehmungsbias beim Thema der Technologisierung, wie wir ihn vor zehn Jahren mit Nachhaltigkeit hatten. Mit diesen Trendwörtern kommen auch Ableitungen daher. ‚Durch Digitalisierung wird alles schneller!’ zum Beispiel. Es entstehen dadurch automatisch Bilder im Kopf, die wir nicht mehr groß hinterfragen, weil sie so omnipräsent sind. Man bezeichnet sie als wahr, weil sie ständig da sind. Darin besteht natürlich eine Gefahr, wenn man solche Aussagen nicht mehr damit abgleicht, wo das eigene Unternehmen tatsächlich steht und was sein Bedarf ist. Dann können diese Wahrnehmungsfokusse viele Ressourcen fressen, die man vermeintlich für etwas „Richtiges“ einsetzt. Die Gefahr bei diesen Begriffen ist, dass sie unreflektiert bleiben.


Sie vergleichen unsere Wirtschaft mit einem Ameisenhaufen. Was bedeutet dieses Bild?

Der Ameisenhaufen steht für ein komplexes System und die Wirtschaft ist ein solches komplexes System. Es gibt viele einzelne Akteure, die sehr individuelle Ideen davon haben, was sie darin tun. Und alle gehen in unterschiedliche Richtungen. Von außen sieht man nur, dass es extrem viel Bewegung gibt, die scheinbar unkoordiniert ist. Wenn wir jetzt auf die Wirtschaft schauen, sieht das dort auch so aus.


Wir leben in Zeiten permanenter Beschleunigung. Sie behaupten, das Bild „In Zukunft wird alles immer schneller“ stimmt nicht. Warum?

Weil das zu generalistisch ist. Es gibt Dinge, die werden tatsächlich immer schneller, durch automatisierte Prozesse oder alles, was mit Informationsverarbeitung zu tun hat. Aber wenn wir uns Menschen ansehen,  sind wir physische Wesen und bewegen uns in Räumen, da wird ganz viel überhaupt nicht schneller. Wir bewegen uns nicht wahnsinnig viel schneller durch Städte, wir sind nicht schneller im Aufbau von Verständnis und dem Begreifen von etwas. Wir sind eine alternde Gesellschaft, wir sind schon biologisch dazu gezwungen, langsamer zu werden. Wenn man diese Aussage also im Gesellschaftskontext sieht, stimmt sie überhaupt nicht. Diese generalistische Sichtweise ist falsch, es gibt unbestritten Dinge, die schneller werden, aber das trifft nicht auf alles zu.

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