24. November 2021
Impulse

Neu, neuer, Wolfsburg

Zwischen VW-Werk und A39 hat sich der Innovationscampus als Inkubator für Geschäftsideen entwickelt.

Der Blick von oben auf Wolfsburg. Foto: Matthias Leitzke / Wobcom

Es war im Mai 2001, als die Wolfsburg AG den InnovationsCampus Wolfsburg (ICW) an der Major-Hirst-Straße eröffnete: Ein Ort, an dem junge Unternehmen Räume und Unterstützung finden sollten. Ein Ort, an dem Gründer:innen an ihren Ideen tüfteln könnten, Netzwerke entstehen und Visionen Realität werden. „Nach rund 700 begleiteten Gründungen und Ansiedlungsprojekten können wir sagen, dass unser damaliges Konzept sehr umfassend war. Und es grundsätzlich heute noch up to date ist. Gerade in den letzten Jahren schoss in jeder größeren Stadt ein InnovationsCampus aus dem Boden“, sagt Josef Schulze Sutthoff, seit 2009 bei der Wolfsburg AG für den InnovationsCampus verantwortlich.

Der aus acht Baukörpern bestehende Campus mit Büro- und Veranstaltungsräumen sowie Werkstätten ist unter anderem zum Sitz der Wolfsburg AG geworden. „Von Anfang an stand im Fokus, einen modernen Arbeitsplatz zu gestalten – mit seinen bodentiefen Fenstern strahlt das gesamte Gebäude Transparenz aus. Das, was hier passiert, ist ein Teil von Wolfsburg“, berichtet er.

Dabei hat die Gestaltung des Gebäudes in den ersten Jahren für manchen skeptischen Blick gesorgt. Etwa die Tatsache, dass es keine einzige Steckdose in den Wänden gibt. Denn viele Büroräume sind nur temporär, die Wände können – je nachdem, wie sich der Bedarf entwickelt – versetzt werden. Ohne, dass die Elektrik dafür neu verlegt werden müsste. So flexibel, wie sich auch die Mieter verändern.

„Wir bieten die Möglichkeit, vor Ort nur eine Geschäftsadresse mit Briefkasten zu haben, einen CoWorking-Space, kleine und große Büros mit der Option, sich für kurze Laufzeiten zusätzliche Projektarbeitsflächen zu mieten. Dadurch findet jedes Start-up und Unternehmen für seine Phase genau die richtige Fläche – bis zu dem Punkt, an dem eine größere Fläche für sie in Frage kommt“, zählt er auf. Im Durchschnitt nutzten rund 80 Unternehmen das Gelände. Kurzzeitmieter genauso wie Dauermieter.

Unterstützung für die Umwelttechnik

Parallel ist Schulze Sutthoff einer der drei Geschäftsführer der Innovations- und Beteiligungsgesellschaft Wolfsburg mbH (IBG), einer weiteren hundertprozentigen Tochter der Wolfsburg AG. Die beiden Funktionen in einer Person und an einem Standort zu vereinen hat Vorteile: Er ist mit seinem Team nah an den Firmen, kennt ihre Potenziale und kann ihnen Beratungsangebote sowie Fördermöglichkeiten und Beteiligungen anbieten.

Josef Schulze Sutthoff leitet den InnovationsCampus und ist einer der drei Geschäftsführer der Innovations- und Beteiligungsgesellschaft Wolfsburg. Foto: Wolfsburg AG

Durch die gezielte Förderung von Unternehmen aus dem Umweltsektor hat sich im ICW ein buntes, gemischtes Bild an verschiedenen Firmen gebildet. Unter ihnen auch junge Unternehmen aus dem Bereich Mobilität und Digitalisierung.

„Der Sektor Mobilität ist in Bezug auf den Erstkontakt mehr oder weniger ein Selbstläufer. Die Unternehmen kommen zu uns und versuchen über den Aspekt der Nähe und die vorhandenen Netzwerke einen Fuß in die Tür von Volkswagen zu bekommen. Für andere Bereiche, beispielsweise den Wassersektor, haben wir mit der IBG die Funktion des Unterstützers und Wegbegleiters übernommen“, so Schulze Sutthoff. Etwas genauer: Es geht um Wassergewinnung, Wasserverwendung und Wasserreinigung.

Wasser als Innovationsmotor

Eines der Unternehmen, das von der Unterstützung der Wolfsburger Start-up-Landschaft profitiert, ist das Braunschweiger Unternehmen LilianLabs, das mit Testkits die Arbeit von Schwimmbadbetreibern vereinfachen will. „Am Anfang unserer Zusammenarbeit bestand die Zielgruppe noch aus privaten Aquarienbesitzern. Durch unser Marktforschungsteam konnten wir gemeinsam herausarbeiten, dass es dort zwar Bedarfe, aber keinen für den Markteinstieg attraktiven Absatzmarkt gibt“, erinnert sich Schulze Sutthoff. Dagegen rückten Schwimmbadbetriebe in den Fokus: Unternehmen, die mehrfach täglich ihre Wasserqualität überprüfen und dokumentieren müssen. Der Grundstein für den Markterfolg ist geschaffen.

In den 20 Jahren Gründer:innen-Begleitung in Wolfsburg hat sich abgezeichnet, dass viele der Unternehmen eher technisch orientiert sind. Die Ausrichtung der Region auf das Volkswagen-Werk und die Technische Universität Braunschweig ist spürbar. Im Bereich der Start-ups, den innovativen Unternehmen mit einer guten Skalierbarkeit, ist dadurch ein hohes technisches Know-how bezüglich der Produkte und Ideen vorhanden, aber es fehlt tendenziell an Marktorientierung. Ein Punkt, an dem das Marktforschungsteam der Wolfsburg AG bei der Analyse von Ausrichtung und Zeitpunkt unterstützen kann, Entwicklungszeiträume zu verkürzen und Fehlentscheidungen zu vermeiden.

„Es ist eigentlich eine einfache Rechnung: Von der Idee bis zum Produkt können drei bis vier Jahre vergehen, in denen zwei bis vier Ingenieure und Ingenieurinnen ausschließlich daran arbeiten. Das sind keine Berufsanfänger, sondern Menschen mitten im Leben, die vielleicht eine Familie im Hintergrund haben und in der Wirtschaft gut verdienen könnten. Allein ihre Lohnkosten summieren sich schnell auf mehrere hunderttausend Euro. Marktwirtschaftliche Fehlentscheidungen vermeiden, die einen um Jahre zurückwerfen, bedeutet Zeit sparen und damit ein Sparpotenzial.“

Das ist für die unternehmerischen Treiber interessant, denn die Kosten müssten ansonsten durch den Verkauf von Unternehmensanteilen gedeckt werden. Diese stehen dann für die Finanzierung nächster Wachstumsschritte nicht mehr zur Verfügung. Und es ist auch für potenzielle Investoren wichtig, zu denen die Wolfsburg AG als Mitglied am Runden Tisch Gründung der Stadt Wolfsburg sowie dem Banson Business Angel Netzwerk der Region Braunschweig, Wolfsburg, Lüneburg Kontakte pflegt. Ein einfacher Service ist die Marktforschung aber nicht: Die Start-ups müssen sich aktiv dafür entscheiden und die Dienstleistung einkaufen.

Eine der Besonderheiten des ICW ist die offene und flexible Bauweise: Die Architektur strahlt Offenheit und Transparenz aus. Wenn es notwendig ist, können Wände versetzt und neue Räume geschaffen werden. Das Atrium verbindet die Gebäudeteile ICW 1 bis 6. Foto: Wolfsburg AG

Ein weiteres, aus Sicht von Schulze Suthoff, vielversprechendes Unternehmen mit Entwicklungspotenzial ist die Mutec-Markgraf GmbH, die unter anderem Kleinstkläranlagen für Privathaushalte und kleinere Siedlungen entwickelt und vertreibt. „Durch die Kläranlagen haben wir uns dem Thema Klärschlamm genähert, der getrocknet als biogener, CO2-neutraler Brennstoff verwendet werden kann“, erklärt er. Der in dem von Mutec entwickelten Verfahren getrocknete Schlamm könnte in Industrieanlagen anstelle von Kohlestaub zum Heizen verwendet werden. Ziel ist es, alles, was in den Kläranlagen landet – egal ob private, kommunale oder industrielle – aufzubereiten. Mit Verfahren, die günstiger sind, als die Entsorgung. Am Ende steht die gewinnbringende Vermarktung der aufbereiteten Abfallprodukte.

Die Firma kann die Geschichte ihres Unternehmens bis ins 19. Jahrhundert zurück verfolgen. Der ehemalige Schmiedebetrieb der Familie Markgraf entwickelte sich mit den Jahrzehnten zu einer Firma für Landmaschinen und Gülletechnik und erweitere sich vor rund 40 Jahren um eine Abteilung für Umwelttechnik, die Pflanzenkläranlagen entwickelte.

Sind Satellitenbüros die Zukunft?

Ein weiteres Projekt, an dem ICW und IBG in Kooperation mit der Ostfalia Hochschule und dem CoWorking-Anbieter CoWorkLand forscht und arbeitet, ist das Konzept der Satellitenbüros. Ein Thema, das nicht zuletzt durch Homeoffice und Kurzarbeit während der Corona-Pandemie ein breiteres Interesse findet. „Statt einem zentralen, großen Bürogebäude gibt es die Möglichkeit, ergänzend dezentrale Arbeitsplätze anzubieten. Kleinere Büros in den Wohnorten der Mitarbeitenden, in dem sich Menschen zum Arbeiten treffen, aber lange Pendelzeiten vermeiden“, berichtet er. Eine der Zielmarken dafür könnte sein, dass ein Arbeitsweg nur noch 15 Minuten mit dem Fahrrad dauert. Das würde auch das Arbeiten in flexiblen Modellen oder Teilzeit attraktiver machen, besonders für junge Fachkräfte mit Familie. Denn sobald Kinder ins Spiel kommen, werden lange Pendelzeiten zumindest für ein Elternteil unattraktiv. „Wenn ich aber nur wenige Minuten entfernt bin, passt es wieder mit dem Verhältnis für eine 15- oder 20-Stunden-Woche und ich bin im Zweifel schnell daheim für die Familie verfügbar“, erklärt Schulze Sutthoff.

Außerdem tragen kürze Fahrwege dazu bei, die Umwelt zu entlasten: Mehr Wege, die mit dem Rad oder zu Fuß möglich sind und weniger Flächen, die für Parkplätze versiegelt werden. Für Unternehmen mit Satelliten-Büros sinkt der Aufwand, gesunde, sichere Arbeitsplätze sicher zu stellen. Die Mitarbeitenden haben, im Vergleich zum Homeoffice, eine Trennung von Privatleben und Beruf und gleichzeitig die Möglichkeit, sich mit Kollegen aus der gleichen Firma auszutauschen. Neben der Akquise geeigneter Büroflächen gehört der Aufbau einer digitalen Organisationsplattform zum Projekt.

„Wir unterstützen Start-ups auch über Wolfsburg hinaus. Dennoch schließt sich oft der Kreis, weil viele der Ideen zum Standort und unserer Expertise passen. Daraus ergeben sich Anknüpfungspunkte für Pilotprojekte in Wolfsburg.“ Mit dem Berliner Start-up Onomotion unterstützt die IBG ein Unternehmen, dass auf der Suche nach einer neuen Fahrzeugkategorie ist – um die letzten Meter einer Essens- oder Online-Bestellung und Kurierdienste umweltfreundlich und komfortabler zu gestalten. Besonders im verdichteten, urbanen Raum. Die Lösung ist eine Fusion aus E-Bike und Transporter, die sich klein und leise in den Stadtverkehr einfügt. Die IBG stieg bereits 2017 in der Pre-Seed-Phase ein, mittlerweile gibt es die ersten „Onos“ in den Flotten von Hermes und DPD.

Ohne Netz(werk) geht es nicht

Wenn heute etwas notwendig ist, um Unternehmen erfolgreich voran zu bringen, dann ist es eine gute Anbindung an das Internet. Die Stadtwerke Wolfsburg AG erkannte die Wichtigkeit es Internets bereits Ende der 1990er-Jahren – zu einem Zeitpunkt, als das Internet für private Nutzer tatsächlich noch Neuland war. Mit der Gründung der Wobcom GmbH wurde der Grundstein gelegt, um Kund:innen mit Datennetzverbindungen, Telefonanschlüssen und TV-Empfang zu versorgen.

Zum 25. Geburtstag der Stadtwerke-Tochter Wobcom gratulierten auch der damalige Oberbürgermeister Klaus Mohrs (rechts) und Hans-Georg Bachmann, Aufsichtsratsvorsitzender der Stadtwerke (Mitte) Wobcom-Geschäftsführer Dr. Frank Kästner. Foto: Leitzke / Wobcom

Neben der Pionierarbeit im Internetbereich in Wolfsburg haben die mittlerweile über 70 Mitarbeitenden der Wobcom in den vergangenen 25 Jahren eine Vielzahl an Projekten in wichtigen Bereichen wie im Glasfaserausbau, der Initiative #WolfsburgDigital und bei dem Aufbau einer hochmodernen IT- und Serversysteminfrastruktur für Wolfsburg geleistet. Das Unternehmen stellt als zertifizierter und lizensierter Festnetz-Provider und Konnektivitätsdienstleister über konzerneigene sowie gemietete Infrastruktur leistungsfähige Datenfestnetzverbindungen, Festnetz-Telefonanschlüsse, Internetdienste, Managed-Service-Lösungen, zukunftsfähige Anwendungen wie die „Offene digitale Plattform (ODP) oder das Tool „WOB.smart“, aber auch Mobilfunk und TV bereit – für heute mehr als 29.000 Kund:innen aus Wolfsburg, Gifhorn und Helmstedt.

Glasfaser für Wolfsburg

Seit 2017 investieren die Stadtwerke Wolfsburg AG und die Wobcom in den Ausbau des Wolfsburger Glasfasernetzes. Seitdem wurden rund 75 Millionen Euro in die notwendige Infrastruktur und Anschlüsse investiert: Über 125.000 Kilometer Glasfaserkabel sind bisher eingeblasen, rund 2.300 Kilometer Kabel verlegt. Die 471 Kilometer gebauten Tiefbautrassen entsprechen, nach Angaben der Wobcom, ziemlich genau der Strecke von Wolfsburg bis nach München. Bis 2023 soll in den meisten Bereichen Wolfsburgs mit dem Glasfaserausbau begonnen werden – im Juli diesen Jahres hat beispielsweise die Verlegung von Glasfaserleitungen am Steimker Berg gestartet.

In Neuhaus, Klieversberg, Sandkamp und Reislingen Süd-West /Windberg rücken die Bagger und Bautrupps nach und nach an. Über den Sommer haben sich dort jeweils mehr als 40 Prozent der Grundstücks- und Gebäudeeigentümer:innen dazu entschlossen, das Glasfasernetz nutzen zu wollen. Dazu könnten auch die veränderten Arbeitsbedingungen während der Corona-Pandemie beigetragen haben. Denn durch Homeoffice und Remote Arbeiten hat sich der Datenverkehr, der Traffic im Netz der Wobcom, zeitweise verdreifacht.

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