„Teambuilding ist keine Sprintstrecke, sondern Ausdauersport“ - Standort38
17. November 2020
Impulse

„Teambuilding ist keine Sprintstrecke, sondern Ausdauersport“

Lutz Kadereit im Interview

Lutz Kadereit. Foto: Siri Buchholz.

Lutz Kadereit. Foto: Siri Buchholz.

Mit seinem Unternehmen Lutz Kadereit Consulting e.K. unterstützt der gleichnamige Speaker und Coach seine Kunden bei der Unternehmens- und Persönlichkeitsentwicklung. Wir sprachen mit ihm über lebenslanges Lernen, die Aufgaben eines Leaders und Arbeit, die Spaß macht …

 

Herr Kadereit, was macht Sie zum Experten im Bereich Teambuilding?
Ich war 34 Jahre lang in der Industrie tätig, bin bereits mit 30 Führungskraft geworden und habe begonnen, Teams aufzubauen und bis zu 280 Mitarbeiter zu führen. So war ich immer wieder in der Situation, dass ich Teams weiterqualifizieren durfte – und das übt einen über die Jahre natürlich.

„Ein Team ist mehr als die Summe seiner Mitglieder“, heißt es so schön. Was ist da dran?
Eine ganze Menge, denn jeder von uns hat unterschiedliche Qualifikationen und wenn es uns gelingt, diese zu kombinieren, können wir aus einem Team besonders viel herausholen. So ergänzen sich die Fähigkeiten und nicht nur die Ressourcen.

Was gehört zum erfolgreichen Teambuilding?
Erst einmal, dass man diese Unterschiedlichkeit zwischen den Teammitgliedern wahrnimmt und sie als Bereicherung ansieht. Wenn das gelingt, kann jeder von dem anderen profitieren und die Aufgaben können im Idealfall so aufgeteilt werden, dass jeder das macht, wofür er besonders begeisterungsfähig ist.

Welche Rolle spielt die Teamentwicklung in der heutigen Arbeitswelt?
Durch eine fortschreitende Globalisierung und Digitalisierung wird alles immer schneller und komplexer. Heute können Sie schnell in der Situation sein, dass die Welt gestern noch in Ordnung war und morgen schauen Sie ins Internet und stellen fest, dass eine neue Firma über Nacht ein Produkt gelauncht hat, das Ihr ganzes Businessmodell in Frage stellt. Als Einzelner schaffen Sie es nicht, schnell eine kompetente Lösung zu bieten – da braucht es die Potenziale aller Beteiligten im Team.

Welche Methoden bieten sich für die Entwicklung eines Teams an?
Es gibt unendlich viele. Das hängt davon ab, wie die Menschen gestrickt sind. Ich halte wenig davon, aus dem Lehrbuch irgendeine Methode zu nehmen. Vielmehr sollte man schauen, welche Ausgangsvoraussetzungen das Team hat und dann gezielt eine Methode verwenden, die dieser Gruppe von Menschen in diesem Augenblick guttut.

Haben Sie ein Beispiel für uns?
Wir stellen grundsätzlich erstmal die Persönlichkeit der einzelnen Menschen in den Vordergrund, sodass jeder sich selbst und die anderen besser kennenlernen kann – daraus kann abgeleitet werden, wer worin besonders stark ist und wie die Aufgaben zugeteilt werden sollten. In einer traditionellen Unternehmensentwicklung werden Ziele festgelegt, in Stellenbeschreibungen aufgegliedert und dann werden passende Menschen gesucht. Ich halte mehr davon, das andersherum zu machen und zu schauen, mit den Potenzialen, die schon da sind, die beabsichtigten Ziele zu erreichen.

Heutzutage gibt es die außergewöhnlichsten Teambuilding-Maßnahmen wie Alpaka-Wanderungen – wie sinnvoll ist so etwas?
Nicht jedem können Sie beispielsweise mit einer Outdoor-Aktivität gerecht werden. Es gilt, die Persönlichkeit jedes einzelnen kennenzulernen und dann zu schauen, wie man der Gruppe gerecht werden kann – wenn man etwas findet, womit man alle zusammenbringen kann, kann man wunderbare Entwicklungsschritte machen.

Sie bieten in diesem Rahmen das sogenannte Mikro-Resonanz-Training an. Worum geht es dabei genau?
Das Besondere daran ist, dass wir das, was wir vermitteln, nicht wie bei anderen Trainingsformaten auf zwei oder drei Seminartage am Stück verteilen, sondern einmal pro Woche für 90 Minuten ins Unternehmen gehen. Das heißt, die Teilnehmer bekommen einen kleinen Impuls, den sie besser verarbeiten können, als alles auf einmal. Wir nennen es Mikro-Resonanz-Training, weil wir wirklich mit den Teilnehmern in eine Resonanz gehen. Wir schauen, welche Themen für die Weiterentwicklung der Mitarbeiter vor Ort wichtig sind, geben Impulse und schauen gemeinsam, wo diese direkt im Arbeitsalltag Anwendung finden können. Das Trainingsprogramm läuft mindestens ein Jahr, sodass die Teilnehmer eine nachhaltige Weiterentwicklung bekommen.

Ist das besser als eine einmalige Unternehmung?
Ich vergleiche das immer mit einem Muskelaufbautraining. Wenn Sie in ein Fitnessstudio gehen und zwei, drei Tage trainieren, haben Sie anschließend ordentlich Muskelkater, aber nach drei Wochen merken Sie davon nichts mehr. Wenn ich einen Muskel aufbauen möchte, muss ich das regelmäßig tun. Und das auch über eine längere Zeit, um einen nachhaltigen Effekt zu bekommen. So ist das auch bei der Persönlichkeitsentwicklung.

Das heißt, der Teamgeist ist wie ein Muskel, den man häufig trainieren muss …
Genau. Teambuilding ist keine Sprintstrecke, sondern Ausdauersport.

Ist ein funktionierendes Team viel Arbeit?
Definitiv. So wie wir heute in den meisten Teilen der Gesellschaft zu der Erkenntnis gekommen sind, dass wir lebenslang lernen, ist auch die Teamentwicklung ein kontinuierlicher Prozess. Man entwickelt sich auch in seiner Persönlichkeit kontinuierlich weiter und damit natürlich auch die Konstellation innerhalb des Teams.

Welchen Anteil hat der Vorgesetzte daran? Ist es seine Aufgabe, das Team zusammenzuhalten?
Eine sehr traditionelle Vorstellung ist, dass eine Führungskraft – der Begriff ist auch schon ziemlich veraltet – die Menschen anleitet, was sie zu tun oder zu lassen haben, und Aufgaben verteilt. Ich sehe die Aufgabe einer modernen Führungskraft – nennen wir es lieber Leader – darin, die Menschen so zueinander zu führen und die Aufgaben so zu koordinieren, dass jeder sein Potenzial bestmöglich entfalten kann und dass in der Summe dann etwas Tolles daraus entsteht.

Welche Vorteile bietet ein erfolgreiches Teambuilding?
Es kommt drauf an, aus welcher Perspektive Sie es betrachten. Wenn Sie es aus der Mitarbeiterperspektive betrachten, dass die Arbeit Spaß macht, ich gerne hingehe und mir nicht montags schon den Freitag herbeisehne. Es sollte eine gewisse Leichtigkeit da sein. Ich erlebe heute so oft, dass Menschen viel Stress und Druck bei ihrer Arbeit empfinden. Wenn Sie in Deutschland Vollzeit arbeiten, von der Ausbildung bis zur Rente, dann sind das im Schnitt 70.000 Arbeitsstunden. Und wenn die keinen Spaß machen, ist das schon blöd, oder?

Welche Perspektiven gibt es außerdem?
Aus der Unternehmensperspektive sind das andere Faktoren, wie eine geringe Fluktuation, dass die Mitarbeiter weniger krank sind, eine bessere Arbeitsqualität erzielen und so die Produktivität verbessert wird. Das führt dazu, dass ein Unternehmen mehr Geld verdient, weil es mehr Umsatz machen kann und geringere Kosten hat. Wenn man das also sinnvoll und nachhaltig betreibt, haben alle Seiten etwas davon.

Ist es gerade in Homeoffice-Zeiten wichtig, die Teambindung zu stärken?
Wenn wir uns begegnen, tun wir das mit allen Sinnen. Wenn wir im Homeoffice arbeiten und nur telefonieren, wird das nur aufs Hören reduziert. Experten sagen, dass unsere Kommunikation nur zu sieben Prozent aus unseren Worten besteht, zu 38 Prozent aus unserer Stimme und zu 55 Prozent aus unserer Körpersprache. Und letztere fällt im Telefonat komplett weg. Wir holen einfach mehr aus einem Gespräch, wenn wir einander live begegnen. Ich halte viel von Homeoffice, um Arbeit unkomplizierter zu gestalten und in der aktuellen Situation Hygienerichtlinien besser einzuhalten. Ich halte aber auch viel davon, dass wir uns regelmäßig die Gelegenheit verschaffen, uns live zu sehen. Die Bindung, die unter Menschen entsteht, ist einfach stärker, je näher sie sich sein können.

Was ist Ihnen persönlich in einem Team wichtig?
Dass die Persönlichkeit aller Teilnehmer bekannt ist und man schaut, wie man diesen gerecht werden kann, damit sich jeder wohlfühlt.

An welchen Teambuilding-Maßnahmen haben Sie schon teilgenommen?
Ich habe an ziemlich vielen teilgenommen. Das waren in früheren Jahren sehr traditionelle Methoden. Als es bei mir mit der Fortbildung losging, ging die Tendenz gerade von einer reinen Linienorganisation hin zu einer Projektorganisation. Dann kam der Begriff Matrixorganisation, ich kann mich an viele Schulungen erinnern, in denen das erklärt wurde. Heute geht es mehr um agile Methoden und Scrum-Techniken, mit denen man schnell und temporär Teams bilden kann. Daher habe ich die althergebrachten und die modernen Methoden kennenlernen dürfen – und kann das vergleichen und zeigen, wie viel bessere Ergebnisse man damit heute erzielen kann. Wir selber entwickeln auch ständig neue Methoden dazu, um unsere Kunden dabei zu begleiten, noch mehr zu erreichen.

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