3. November 2021
Impulse

Von der Gesundheitsversorgung zum Health-Business

Nora Müller, Head of Insurance bei Flying Health, und Kai Florysiak, Geschäftsführer der Metropolregion, im Interview

Kai Florysiak, Metropolregion Hannover Braunschweig Göttingen Wolfsburg GmbH. Foto: Michael Eichhorn

Herr Florysiak, was versteckt sich hinter dem HealthHack?

Kai Florysiak: Ein Hackathon ist ein Open-Innovation-Format ohne Agenda und starre Tagesordnung. Dort melden sich Menschen an, die schlicht und einfach Interesse an dem jeweiligen Themengebiet haben und ihre Kompetenzen zur Lösung von Problemen einbringen wollen. Es geht darum im Team neue Produkte  zu entwickeln und Geschäftsmodelle zu finden. Zwei Mal haben wir den HealthHack in Präsenz durchgeführt, im letzten Jahr coronabedingt virtuell. Wir waren auf Grund der hohen Teilnehmerzahlen und der internationalen Beteiligung so begeistert, dass wir den virtuellen Ansatz mit weltweiter Vernetzung beibehalten wollen.

Ist Ihnen eine Innovation aus den letzten Jahren besonders in Erinnerung geblieben?

F: Mein Lieblingsbeispiel ist Connor aus Wolfsburg. Er ist Beatmungspatient, auf einen Sauerstoffkanister angewiesen und schilderte beim HealthHack sein Problem: Er schläft nachts unruhig, wacht auf und kommt nicht mehr aus dem Bett, denn er braucht mehr Sauerstoff. Der Kanister steht aber in der Küche. Das Einzige, was Connor bis dato machen konnte, war ruhig bleiben und beten. Beim HealthHack traf er auf Menschen mit dem nötigen Know-how, um mit Motor, Steuerung, etwas Holz aus dem Baumarkt und Panzertape sowie einem vor Ort im 3D-Druck hergestellten Schalter eine App zu programmieren, die stufenlos seinen Sauerstoffkanister reguliert. Es hat funktioniert. Damit war Connor unglaublich geholfen. Oder nehmen Sie curilab, den Gewinner unseres ersten Hacks 2018. Das Team wollte die Pflegedokumentation durch Sprachaufzeichnung und Auswertung per Smartwatch revolutionieren. Inzwischen hat das Team eine Firma gegründet.

Frau Müller, sind solche Innovationen eine Chance für unser Gesundheitssystem?

Nora Müller: Absolut. Wir haben jetzt die Möglichkeit, Technologien ins Gesundheitswesen zu bringen, die in anderen Industrien längst etabliert sind. Dabei ist es besonders wichtig, die richtigen Leute, einschließlich ihrer fachlichen Kompetenzen und Fähigkeiten, in den Prozess einzubinden. Insbesondere bei sensiblen Themen wie der personalisierten Medizin oder Genomdatenanalyse besteht hier ein potenzielles Risiko. Ich glaube aber, dass am Ende gilt: Wer heilt hat recht.

F: Und Tech-Konzerne geben extrem viel Geld dafür aus, um genau in dieser Gesundheitsbranche Fuß zu fassen – kein Wunder bei den Wachstumsraten.

Können Sie das konkretisieren?

F: Nehmen wir Amazon. Der Konzern kennt das Konsumverhalten der Kund:innnen und über Fitnessgeräte auch ihren Fitnesszustand. Wenn er nun auch noch Krankenversicherungen verkauft, ist das wie eine Spinne im Netz, die zum Gesundheitssteuerer wird. Ich würde nicht mal sagen zum Schaden der Patient:innen. In der Regel entstehen ja Produkte, die die meisten von uns haben wollen und sehr gern nutzen. Wir haben dem momentan aber wenig entgegenzusetzen. Das
ist massiv problematisch für die Gesundheitswirtschaft bei uns. Es werden Unternehmen vom Markt verschwinden, von denen wir es nie gedacht hätten, weil die Geschäftsmodelle nicht mehr passen. Eigentlich muss sich das Gesundheitswesen jeden Tag die Frage stellen: Was kann ich, auf Grund von Daten, meinen Kund:innen Gutes tun? Ich muss Patient:innen also als Kund:innen begreifen, so schwer es manchen etablierten Einrichtungen auch fällt. Auf dieser Basis kann man dann ein Geschäftsmodell entwickeln. Echte begeisternde Visionen gehören dazu. Das sind die Riesenchancen, die unser Leben meiner Einschätzung nach signifikant verbessern und nebenbei auch für Wertschöpfung sorgen.

Das klingt nach Zukunftsmusik …

M: Das ist keine Illusion und keine Wunschvorstellung von Amazon, sondern schon heute Realität, wie ein Blick in die Vereinigten Staaten bestätigt. Dort hat Amazon erst Lebensmittelläden gekauft hat, um darin Apotheken zu platzieren und sich mit der Übernahme von Pill Pack eine Apothekenlizenz erworben, um eigens gelabelte Medikamente auf den Markt zu bringen.

F: Das größte Risiko ist, dass wir diese Entwicklungen schlicht und einfach verschlafen. Dann würden diese Veränderungen letztendlich wie eine Tsunamiwelle über uns hinwegrollen und alleswegfegen, was sich nicht bewegt hat.

Wie innovationsfreudig sind die traditionellen Player?

Nora Müller – Flying Health. Foto: Flying Health

M: Die Pharmaindustrie ist innovativ. Dort wird es bereits verstanden, um bestehende Kompetenzen herum neue Geschäftsmodelle zu bauen und auch in puncto Innovation neue Wege zu gehen. Wer darin noch nicht wirklich gut ist, sind Krankenversicherungen. Es gibt dabei ein, zwei Ausnahmen, zum Beispiel die Techniker Krankenkasse. Aber einige Krankenkassen haben aktuell die Mauern wieder hochgezogen. Dies gilt insbesondere im Hinblick auf digitale Gesundheitsanwendungen, wie es beispielsweise erst kürzlich die AOK in einem Interview mit dem Handelsblatt dargestellt hat. Das sind Entwicklungen, die ich persönlich kritisch sehe.

Machen es Ärztinnen und Ärzte besser?

M: Auch zu den Arztpraxen sind eine Vielzahl der digitalen Innovationen noch nicht durchgedrungen. Das zeigt sich insbesondere am Beispiel der digitalen Gesundheitsanwendungen, die neben der Patientenversorgung oft eine zusätzliche Herausforderung für Ärztinnen und Ärzte darstellen. Aktuell können die Praxen noch nicht die Beratung für digitale Therapien gewährleisten, die in einem immer digitaleren Gesundheitswesen gefordert ist. In Zukunft muss hier ein stärkeres Bewusstsein geschaffen werden, dass digitale Therapien den Alltag von vielen Patientengruppen, aber auch der behandelnden Ärzteschaft wesentlich erleichtern können.

Welche Bedeutung haben Start-ups demnach für die Branche?

F: Das Gesundheitssystem ist relativ starr. Deshalb braucht es kleine Schnellboten, die Sachen ausprobieren, die Risikokapital haben, die nach vorne gehen und dann hoffentlich irgendwann eine große Nummer werden. Im zweiten Gesundheitsmarkt finden wir eine Menge Start-ups, vor allem im digitalen Bereich. In Bezug auf Datennutzung ist allerdings noch Luft nach oben. In der Biotechnologie haben wir während der Pandemie erlebt, wie leistungsfähig Start-ups sein können. Denken Sie an hiesige Beispiele.

Denken Sie dabei an konkrete Beispiele?

M: Ein Leuchtturmprojekt war zum Beispiel Caterna. Caterna ist eine Ausgründung der TU Dresden und hat eine digitale Therapie für Kinder mit Kurzsichtigkeit
entwickelt. Das Kind spielt ein Spiel, aber im Hintergrund trainiert ein Muster den Sehnerv. Zunächst hatte das Unternehmen keine Möglichkeit einen Weg
in die Regelversorgung unseres Gesundheitssystems zu finden. Inzwischen erstatten fast alle Krankenkassen das Modell. Es war Vorreiter für Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA), die wir heute in der Regelversorgung als digitalen Bestandteil der Therapie von Patienten und Patientinnen sehen.

… und in der Metropolregion?

F: Corat Therapeutics ist eine Ausgründung aus der TU Braunschweig. Dort wird ein Corona-Therapeutikum mit überwältigendem medizinischem Erfolg entwickelt. Gerade sind die Forscher:innen in der letzten Testphase. Das Mittel kann innerhalb sehr kurzer Zeit signifikant die Virenlast in der tiefen Lunge minimieren. Das ist ein Riesenerfolg und das schaffen wir tatsächlich über agile Start-ups, die jedoch schnell viel Geld brauchen. Das funktioniert nicht mit zwanzigseitigen Anträgen. Geld bedeutet gerade im Medizinbereich vor allem Zeit.

Ist das deutsche Gesundheitssystem Ihrer Ansicht diesbezüglich bereits auf der richtigen Spur?

M: Es findet gerade ein wirklich bahnbrechender Wandel statt. Mit der aktuellen Gesetzgebung sind sehr viele spannende Weichen gesetzt worden, die den Kurswechsel in Richtung Digitalisierung befeuern. Sehr interessant ist vor allem das Digitale-Versorgung-Gesetz (DVG). Auf dessen Basis werden digitale Therapieoptionen für Patientinnen und Patienten erstattbar. Die französische Regierung unter Macron hat angekündigt, dieses Vorreitermodell aus Deutschland als Vorbild für seine nationale Gesetzgebung zu nutzen. Ich glaube deshalb, dass wir uns auf dem richtigen Weg befinden.

F: Ich hadere mit dieser Aussage …

Inwiefern?

F: Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass andere Länder schon zehn Jahre vor uns sind. Wir geben momentan jährlich pro Tag über eine Milliarde Euro für Gesundheit in Deutschland aus. Wie oft fragt jemand im Gesundheitswesen, was man persönlich aus diesem Betrag an Gewinn oder Wertschöpfung ziehen könnte? Wir denken im Gesundheitswesen viel zu selten in Geschäftsmodellen und wollen andererseits Lösungen, die es längst in anderen Ländern gibt, noch einmal selbst entwickeln. Start-ups könnten darauf eine Antwort geben und zum Veränderungsbooster werden.

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