22. November 2022
Impulse

Was war in Wolfsburg zuerst: Stadt oder Konzern?

Wolfsburg ohne Volkswagen – das ist kaum noch denkbar. Und so wie erst das Werk und die Stadt miteinander verschmolzen, setzt sich die Verzahnung im Umland fort

Wolfsburg von oben. Foto: Adobe Stock

Geschichtlich betrachtet ist es einfach: Die Wolfsburg als Adelssitz und Gebäude, immer mal wieder um- und neugebaut, gibt es seit dem 14. Jahrhundert. Als eine der wenigen Stadtgründungen im 20. Jahrhundert begann der Bau der neuen Stadt an der Aller 1938 – ein Jahr nach der Gründung des Automobilwerkes. Die enge Verknüpfung von Stadt und Konzern ist an vielen Ecken zu sehen und zu spüren.
Das Volkswagen-Stammwerk liegt mitten in Wolfsburg. Oder andersherum: Die Stadt ist rund um das Werk ge- und mit den älteren, bestehenden Ortschaften verwachsen. Über drei Prozent der Stadtfläche nimmt das Werk ein, das entspricht ungefähr 650 Hektar. Entsprechend eng ist die Verzahnung der beiden. Was wir heute als Einheit sehen und erleben, hat in den frühen Jahren Wolfsburgs für einige Unruhen gesorgt: Fallersleben wehrte sich 1972 gar mit einer Klage vor dem Bundesverfassungsgericht gegen die Eingemeindung, fand der Heimatpfleger Willi Bauch heraus. Der gerichtlichen Auseinandersetzung vorangegangen war eine Bürgerbefragung. „Das Ergebnis fiel denkbar knapp aus: Für die Selbstständigkeit waren 1.136 Menschen, das entsprach 49,01 Prozent. Für die Eingemeindung nach Wolfsburg sprachen sich 1.099 aus, was 47,41 Prozent entsprach. 83 Stimmen waren ungültig“, zitieren ihn die Wolfsburger Nachrichten.

Wohnen und Arbeiten

Heute besteht Wolfsburg aus 16 Ortschaften und 40 Stadtteilen, in denen rund 125.000 Einwohner:innen leben. Einige davon haben ihren dörflichen Charakter erhalten. So wie Warmenau, rund einen Kilometer von der Stadtmitte entfernt. Im alten Dorfkern ist das typische Bild eines Rundlings noch erkennbar, Fachwerkhäuser säumen die Straßen. 2019 lebten rund 470 Einwohner:innen zwischen A39 und B188. So wie im benachbarten Weyhausen, das zum Landkreis Gifhorn gehört, haben sich einige große Industrieunternehmen in den Gewerbegebieten angesiedelt: Vom Großmarkt Metro Gastro hin zu Automobilzulieferern und Dienstleistern wie EDAG Engineering GmbH, Computacenter oder die Prevent Gruppe. Östlich des Ortes nehmen die riesigen Hallen der VW- und Schnellecke Logistikzentren eine Fläche in Beschlag, die fast so groß wie der Ort selbst sind.

Planung mit Bürgerbeteiligung

Und die nächste gewerbliche Veränderung steht seit diesem Jahr fest: Volkswagen macht Warmenau zum Standort seines neuen Trinity-Werkes. Nach eigenen Angaben ist es das größte Erneuerungsprogramm des Konzerns in der Geschichte des Hauptstandortes, mit einem Investitionsvolumen von rund drei Milliarden Euro. Im Auswahlverfahren habe für Warmenau gesprochen, dass durch die Nähe und Verzahnung mit der bestehenden Wolfsburger VW-Infrastruktur insgesamt weniger Platz benötigt werde und die Nutzung von Synergie-Effekten möglich ist.
Um die Einwohner:innen von Warmenau und den benachbarten Ortschaften frühzeitig in die Planung einzubinden, auch bei Ausgleichsflächen für den Naturschutz, hat der Konzern die Berliner Agentur „Hier Mittenmang“ engagiert. Diese habe sich darauf spezialisiert, bei Großprojekten einen Dialog zwischen Unternehmen, Bürger:innen und anderen Interessengruppen zu etablieren und verfüge über die entsprechende Expertise in Fragen des Bau- und Planungsrechts – unter anderem durch vorhergehende Projekte für Volkswagen. Wie Sebastian Schmickartz, Projektleiter der neuen Trinity-Fabrik, auf der Projekt-Webseite erklärt, gehe es bei dem Prozess um Offenheit und Transparenz, die Agentur beantworte Fragen der Anwohner:innen und stelle sicher, dass Rückmeldungen die passenden Ansprechpartner:innen erreichen.

Fertigung von Tiguan, Touran und Seat Tarraco. Foto: Volkswagen AG

Schiene statt Pkw

Denn das Werk für die neue Mittelklasse-Limousine stößt auch auf Widerstand und Ablehnung. Im September berichteten die Wolfsburger Nachrichten über gefälschte Flyer, die im Wolfsburger Norden in Briefkästen geworfen wurden und neben einem Ortstermin Entschädigungen im Bereich mehrerer tausend Euro für Lärmschutzfenster und psychologische Beratung bei Schlafstörungen in Aussicht stellten. Ein Fall für die Staatanwaltschaft Braunschweig.
Kritiker:innen sehen im Bau des neuen Werkes zudem ein falsches Signal: Die Konzentration auf elektrische Luxusmodelle löse keine Umweltprobleme, sondern verschärfe sie. Statt Zeit, Energie und Ressourcen für die Weiterentwicklung des Individualverkehrs zu verschwenden, fordert eine Gruppe Aktivist:innen, sie nennen sich Stop Trinity, eine radikale Verkehrswende und Umstieg auf die Schiene. Als Zeichen ihres Widerstands gegen die geplante Flächenversieglung organisierten sie im September und Oktober Mahnwachen und
Plakataktionen.

Zulieferer treffen sich

Die digitale Transformation stand bei der Internationalen Zuliefererbörse (IZB), die im Oktober nach mehrjähriger Pause wieder stattfinden konnte, im Mittelpunkt. Zum überarbeiteten Konzept der Messe, für die im zentralen Allerpark ein temporäres Messegelände gebaut wurde, gehörten ein Software Marketplace sowie eine Livestage, deren Programm gestreamt wurde. „Mit der zunehmenden Vernetzung des Fahrzeugs gilt es auch, die beispielweise immer kürzeren Innovationszyklen im Software-Bereich in der Wertschöpfungskette zu berücksichtigen. Bei diesen, wie bei allen neuen Entwicklungen, ist der persönliche Dialog zwischen allen Beteiligten wichtig, um nachhaltig erfolgreiche Prozesse in Beschaffung und Fertigung zu etablieren. Genau hier setzen unsere neuen Formate an“, erläutert Josef Schulze Sutthoff, Leiter der IZB.

Nach vier Jahren Pause fand Anfang Oktober wieder die IZB im Wolfsburger Allerpark statt. Foto: Matthias Leitzke

Digitales Rathaus

Moderne Wege der Organisation geht auch die Stadt: Im September hat sie ihr digitales Rathaus eröffnet, um Behördengänge zu vereinfachen. Über eine Plattform können Urkunden von zuhause aus oder von unterwegs beantragt werden, auch die Gewerbeanmeldung erfolgt digital. „Im ersten Schritt können im Portal überwiegend formularbasierte Dienstleistungen genutzt werden. Nach und nach ergänzen wir unser digitales Angebot“, kündigt Mirko Kratzer, Leiter des Geschäftsbereichs Informationstechnologie der Stadt Wolfsburg, an. Beispielsweise soll die Belegung der 81 kommunalen Hallen sowie 25 Sportanlagen im Stadtgebiet in Zukunft über eine Datenbank koordiniert werden, was die Auslastung verbessern könnte.
Licht aus: Energiesparen in der Autostadt
Die Sportstätten sind es auch, die über einiges Einsparpotenzial verfügen – wenn es um das Thema Energie geht. Das Badeland gehört, zusammen mit dem Klinikum, zu den größten kommunalen Energieverbrauchern. Den jährliche Verbrauch der beiden Institutionen beziffert die Stadt auf insgesamt rund 17.800 Mwh. Um die Gasreserven zu schonen, wurde bereits ab Juli in einem Teil der Becken die Wassertemperatur um ein bis zwei Grad gesenkt.
Kühl wird es auch in der benachbarten Eisarena: „Weil die Eishalle vor allem für Eishockeytraining und -spiele ohnehin derzeit in Betrieb ist, ist der öffentliche Lauf für alle entsprechend vertretbar. Es entsteht dadurch kein erhöhter Energiebedarf“, bezieht Stadträtin Monika Müller, Dezernentin für Soziales, Gesundheit, Klinikum und Sport, in einer Veröffentlichung der Stadt Stellung. Die Autostadt hingegen verzichtet auf ihre sonst 2.000 Quadratmeter große Eislauffläche am Porsche Pavillon. Auch die Illumination der Autotürme sowie die Lichterketten in der Parkfläche werden

Die Autostadt im Winter 2019. Foto: Anja Weber

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